Kapitel 9: Besucher

Es war früh am Morgen. Vögel saßen vor Selenias Fenster und zilpten aus vollen Hälsen. Langsam öffnete sie die Augen und sah sich um. „...Hm?“ Verschlafen rieb Selenia sich die Augen. „Schon morgen? Und wie bin ich eigentlich in mein Zimmer gekommen?“, wunderte sie sich, als sie registrierte, wo sie war. Langsam stand sie auf und öffnete die Zimmertür. „Raffael?“ Keine Antwort. „Na, der wird wohl noch schlafen.“, dachte sie lächelnd. Leise schritt sie die Treppe hinunter und bog in das Wohnzimmer ein. Die Kerzen standen noch immer, wo sie am Vorabend standen. Wehmütig schaute Selenia aus dem Fenster. „Sie haben mich wirklich vergessen... Aber vermutlich war ich einfach nicht würdig, dass meine Energien wieder aufgeladen würden...“ Sie wischte sich eine glitzernde Träne aus dem Augenwinkel und machte sich daran, den Tisch abzuräumen.

Irgendwas war anders als am Vorabend. Selenia fiel es erst nicht auf, aber es lag eine kleine Schatulle auf dem Tisch zwischen den Kerzen. Sie war schwarz und mit kleinen, silbernen Ornamenten verziert. Sie glich der Schatulle im Zimmer ihres Vaters... Vorsichtig nahm Selenia sie in die Hand und betrachtete sie von allen Seiten. „Die kann man auch aufmachen“, hörte sie Raffaels Stimme hinter sich. Er legte seine Arme sachte um ihre Schultern. „Nun mach schon auf, mein kleines Engelchen...“ Verwundert sah sie ihm in seine Augen, tat aber dann wie ihr geheißen. Es klickte leise, dann öffnete sich der Schatullendeckel. Selenia kam aus dem Staunen gar nicht mehr hinaus. Da lag eine dünne, silberne Kette gebettet auf blutrotem Samt. Der Anhänger war eine dunkelrote Rosenblüte aus Kristall. Drei kleine Bänder, ebenfalls aus Silber hingen am unteren Teil der Kette unter dem Anhänger hervor. An allen drei waren kleine kristallene Blätter befestigt. Fassungslos schaute Selenia die Kette an. „Wunderschön...“, wisperte sie leise und schmiegte sich bei Raffael an. Raffael nahm die Kette aus der Schatulle und hielt sie hoch. Sie brach das Licht in alle Richtungen. Raffael hielt Selenias Haare von ihrem Nacken weg und legte ihr die Kette um. Er drehte Selenia zu sich herum und betrachtete sie einmal von oben nach unten. „Sie steht dir.“ Selenia sah an sich hinunter und lächelte. „Danke...“ Sie sah ihm direkt in die Augen, dann schmiss sie sich ihm in die Arme. „Das ist das erste Mal, dass ich etwas zum Fest bekomme...“ Tränen rannen ihre Wangen hinunter. Raffael wischte sie wieder weg und nahm Selenia in die Arme. Ein merkwürdiges Gefühl kam in ihm hoch, aber er versuchte es zu ignorieren.

Der Tag ging schnell vorbei. Selenia war merkwürdig gut gelaunt... Irgend etwas stimmte aber nicht mit ihr... „Selenia... Weißt du über diese Kette Bescheid? Wirkt dein Lächeln deshalb so entsetzlich traurig...?“ Raffael saß vor dem großen Kamin im Wohnzimmer und musste ständig an sie denken. Irgendwie hatte sich etwas verändert. Nur was? Er konnte es nicht in Worte fassen. Es hatte mit Selenia zu tun. Das wusste er. Aber mehr auch nicht.

Selenia saß oben in ihrem Zimmer und las einige Bücher. Ständig wanderte ihre Hand zu dem Rosenanhänger. „Raffael...“, seufzte sie traurig. „Du weißt es also... Aber warum...?“ Auf einmal erhellte ein Blitz das Zimmer und Selenia musste die Hand vor Augen nehmen, um nicht geblendet zu werden. „Aber was...?!“, brachte sie gerade noch hervor, dann wurde das Licht auch schon wieder schwächer. Vorsichtig nahm Selenia ihr Hand von den Augen und schaute in die Richtung, aus der das Licht kam.
„Selenia?“ Es stand ein Engel dort. Selenias Augen weiteten sich erschrocken und sie rutschte auf ihre Knie. „Ehrenwerte Meisterin...“, hauchte sie überrascht. „Jaja. Lass diese Höflichkeitsfloskeln, die Zeit drängt.“ „Aber was ist denn?“ „Ich denke, ich muss dir nicht erst noch lange erklären, wen du da in dein Haus aufgenommen hast?“ „Nein, braucht ihr nicht... Ich habe es bereits selbst erfahren...“ „Darkside... Der Kaiser unter den Engeln... Und ausgerechnet du als Erzengel musst ihn gesund pflegen und ihm ein Heim bieten.“, der Engel sah Selenia vorwurfsvoll an. „Wie lange weißt du es schon?“, fragte er weiter. Selenia sah betreten zur Erde. „Naja... Noch nicht sehr lange. Vielleicht seit einem Monat...“ „Aber dass er ein Vampir ist, das hast du gewusst? Ich meine von Anfang an?“ Selenia zögerte einen Moment. „Gewusst ist der falsche Ausdruck. Ich wusste, dass mit ihm etwas nicht stimmt. Vielleicht habe ich auch schon geahnt, dass er ein Vampir ist...“ Der Blick des Engels wurde wieder ernster. „Du musst wieder in den Himmel zurück.“

Raffael konnte nicht nachdenken. Er hielt die Kugel vor sein Gesicht. Sie hatte immer noch nicht aufgehört, das Bild von Selenia zu zeigen... Ab und an leuchtete sie noch schwach auf und zeigte wieder das Bild von dem anderen Erzengel. Raffael schenkte ihm kaum Beachtung. „Ich sollte mich irgendwie ablenken. Den vierten Erzengel suchen, zum Beispiel...“ Er stellte die Kugel wieder ab und sah gedankenverloren aus dem Fenster. „Selenia ist also der letzte Erzengel... Aber warum ausgerechnet sie?“ Als er registrierte, was er da dachte, schüttelte er einmal kräftigst den Kopf. „Was denk ich da eigentlich? Sie ist ein Engel. Sie ist so gut wie nichts wert!“ Er legte die Kugel zurück ins Kästchen. Er stand auf und stellte sich ans Fenster. Die Blüten der Kirschbäume standen schon seit Monaten in voller Blüte. Es war ein merkwürdiger Anblick... die blaß rosanen Blüten der Bäume, bedeckt von strahlendem Schnee...

„Darkside?“, hörte er plötzlich eine Stimme hinter sich. Das war nicht Selenia. Irgendwoher kannte er diese Stimme... Aber woher? Er drehte sich ruckartig um und im nächsten Moment war ein junger Mann an die Wand gedrückt. Raffaels Hand saß fest um seinen Hals und drückte ihm fast die Luft ab. Mit der anderen Hand drückte Raffael den jungen Mann an die Wand. Grinsend schaute ihn der Mann an. „Michael! Wie kannst du es wagen, einfach in mein Zimmer zu kommen!?“ Gereizt blickte Raffael Michael in die Augen und lockerte etwas seinen Griff um Michaels Hals. „Erstmal wäre es ganz nett, würdest du mich wieder los lassen.“, grinste Michael ihn an. „Vergiss es. Erst einmal beantwortest du meine Frage!“ Das Grinsen auf Michaels Gesicht wirkte nun unecht. „Du hattest mir doch einen Auftrag gegeben. Willst du nun wissen, was ich herausgefunden habe?“ Raffael funkelte ihn noch mal finster an und ließ ihn los. Michael rieb sich seinen Hals und ließ sich auf das Bett fallen. „Also. Was hast du herausgefunden?“ „Selenia ist ein Erzengel.“, antwortete er mit einem düsteren Grinsen. „Schön. Und nun berichte mir auch noch was Neues, oder verzieh dich wieder.“ Raffael blickte ihn ruhig an. Verdutzt schaute Michael auf. „Wie. Das hast du schon gewusst?“ „Hälst du mich für einen Jungvampir? Denkst du, ich könnte keine Auren lesen?“ „Uhm...“, fing Michael an zu stottern. Raffael stand auf und bewegte sich langsam auf ihn zu. „Sonst hast du nichts zu berichten?“ „Jaja. Schon gut. Reg dich ab. Wusstest du auch, dass sie im Dunkeln nichts sehen kann?“ Raffael dachte kurz nach. „Gar nichts?“ „Bingo. In der Dunkelheit ist sie so gut wie blind. Sie kann vielleicht ein bis eineinhalb Meter weit sehen, dann ist Sense.“ „Das erklärt einiges...“ „Was meinst du?“ „Ach... Schon ok. Hast du sonst noch etwas zu berichten?“ „Nein, das war’s. Mehr scheint es auch nicht zu geben. Alles Weitere weißt du bereits.“ „Nun gut. Dann geh bitte wieder. Nicht, dass sie dich noch bemerkt.“ Michael stand auf und ging zur Tür. Besorgt sah er zu Raffael zurück. „Du empfindest etwas für sie, richtig...?“ Raffael wandte sich wieder zum Fenster. „Ich weiß es nicht. Vampire können keine Gefühle haben, heisst es. Also... Woher soll ich wissen, ob es wirklich ein Gefühl ist?“ Michael ging wieder zu Raffael zurück. „Ich bin dein großer Bruder, Raffael. Ich kenne dich schon länger, als du dich selbst. Und glaube mir, das, was du da empfindest, sind wirklich Gefühle. Ich habe sie auch schon einmal verspürt... Vor langer Zeit... Das war noch vor der Zeit, dass du mich ins Reich der Finsternis gebracht hast.“ „Das muss dann wirklich schon eine ganze Weile her sein...“, lächelte Raffael. „Ja... Schon über 1000 Jahre ist es her...“ Mit einem Grinsen fügte er hinzu: „Ich bin wohl der älteste Mensch dieser Welt, sehe aber immer noch aus wie 25.“ Raffael drehte sich schmunzelnd zu Michael um. „Ja, da könntest du unter Umständen Recht haben.“ Beide lehnten nun an der Wand. „Warum hast du mich damals eigentlich am Leben gelassen?“, fragte Michael auf einmal in die entstandene Stille hinein. Verwundert sah Raffael seinen Bruder an. „Wie. Das hast du in all der Zeit nicht herausfinden können?“ Raffael lachte Michael leise an. „Hätte ich es bereits herausgefunden, würde ich dich nicht fragen.“ „Der allwissende, große Bruder weiß ausnahmsweise mal nicht ganz so viel, wie? Aber wie schon erwähnt.“, Raffaels Gesicht wurde wieder ernster, „Du bist mein Bruder. Und du warst wohl der Einzige, der sich Sorgen gemacht hatte, als ich auf einmal weg war. Unsere Eltern haben doch überhaupt nichts getan... Vermutlich haben sie es nicht einmal bemerkt.“ Sein Blick verdunkelte sich weiter. „Ich war 23 Jahre alt. Keinen interessierte es, dass ich auf einmal weg war...“ Michael schaute ihn besorgt an. „Das stimmt nicht und das weißt du. Mutter hat tagelang geweint...“ „Wenn sie das getan hat, konnte sie es gut verbergen.“ Raffael ballte die Hand zu einer Faust. „Denkst du, ich habe euch nicht beobachtet? Und ich habe nie jemanden weinen gesehen.“ Mit leichtem Zögern fügte er hinzu: „Außer dir... Du hast es nicht gut verkraftet.“ „Ich habe damals nur noch geweint. Unsere Eltern haben mich immer blöde angeschaut: ‚Michael! Du bist 25! Junge Männer in deinem Alter haben keine Schwächen zu zeigen!‘ Irgendwann hab ich auch nicht mehr mit ihnen gesprochen...“ Raffael grinste seinen Bruder an. „Dann hattest du ja auch jemand anderen, bei dem du dich ausheulen konntest.“ „Ach... Du meinst Maria?“ Raffael stupste Michael in die Seite. „Na wen denn sonst?“ Michael schaute ihn böse an. „Du weißt doch genau, dass mich diese dumme Kuh in der Zeit deines Verschwindens verlassen hat. Aber irgendwie hast du auch recht. Ich konnte mich wirklich gut bei ihr ausheulen.“ Eine kurze Pause entstand. „Aber... Du hast mir noch nicht auf meine Frage geantwortet.“ „Ich kann doch nicht einfach meinen Bruder aussaugen!“, und mit einem Zwinkern fügte er hinzu: Nunja... Allerdings... Wenn du mir arg auf den Keks gehen solltest, tu ich es vielleicht ja doch noch mal.“ „Das war das Stichwort. Ich verschwinde wieder. Ich hab noch allerhand zu tun.“ Mit diesen Worten stieß sich Michael von der Wand ab und ging auf die Tür zu. „Michael?“ „Ja?“ „Wegen vorhin... Das tut mir leid.“ Michael grinste seinen kleinen Bruder an: „Schon ok. Und was deine Gefühle angeht: Lass sie einfach zu. Du wirst schon noch lernen, mit ihnen zurecht zu kommen. Aber das ausgerechnet der Anführer der Vampire Gefühle empfinden kann, find doch recht amüsant. Besser, der Hohe Rat bekommt von dieser Neuheit keinen Wind.“ Dann ging er weiter und direkt durch die Tür hindurch. Raffael sah im verwundert hinter her. „Also hat er doch gelernt, Dimensionen zu durchqueren!“ Er drehte sich wieder um und besah sich die Blüten der Lilien und Rosen. „Selenia...“, seufzte er leise. „Oh, Mann. ‚. Du wirst schon noch lernen, mit ihnen zurecht zu kommen‘... Michael, ich weiß nicht, ob du da wirklich Recht hast...“ Ein Vogel flog dicht an seinem Fenster vorbei und riss Raffael aus seinen Gedankengängen. Mit einem Seufzer stieß er sich von der Wand ab und verließ sein Zimmer. Er ging den Flur entlang und wollte gerade die Treppe hinuntergehen, als er eine fremde Stimme aus Selenias Zimmer hörte. Leise schlich er sich an und öffnete die Tür einen Spalt breit. Als er in Selenias Zimmer hinein sah, stand dort ein strahlender Engel und versuchte offensichtlich, eindringlich auf Selenia einzureden.

„Aber Selenia! Werde doch vernünftig! Du hast ja keine Ahnung, was alles von dir und deinen Entscheidungen abhängt!“ „Dann erkläre es mir doch! Woher soll ich so etwas denn wissen, wenn mich alle immer nur anschweigen?!“, forderte Selenia trotzig. „Ich... Ich kann dir das nicht erklären. Es wäre zu komplex. Aber... Wenn du mitkommst, können es dir sicherlich die anderen Engel des Hohen Rates sagen!“ „Das bezweifle ich doch stark. Warum sollten sie es mir erklären, wenn selbst ihr das nicht könnt?“ „Aber...“ „Kein aber! Ich habe eine Aufgabe zu erfüllen. Diese Aufgabe habe ich ebenfalls vom Hohen Rat erhalten. Und diese Aufgabe will und werde ich erfüllen!“ „Dann entheben wir dich dieser Aufgabe halt wieder!“ „Dann würdet ihr mich auf alle Zeit bloß stellen! Vergesst es! Ich werde nicht zurückkommen, ehe die Lilien und Rosen angefangen haben zu blühen!“, somit drehte sich Selenia wutentbrannt um und sah trotzig in Raffaels Richtung. Erst dachte Raffael, sie hätte ihn bemerkt. Dem war aber doch nicht so. Sie schaute einfach nur trotzig die Tür an. Auf einmal sah der Engel geistesabwesend zum Fenster hinaus. Er murmelte einige Worte, allerdings war Raffael zu weit entfernt, als dass er sie verstehen konnte. Danach sprach der Engel weiter zu Selenia. Er hatte einen merkwürdigen Unterton in der Stimme. „Nun gut, Selenia. Du scheinst es nicht anders zu wollen. Bleibe hier und erfülle deine Aufgabe, aber ruf nicht nach uns, wenn du deine Meinung wieder ändern willst. Du hattest deine Chance.“ Verwundert blickte Selenia den Engel an. „Warum auf einmal die Meinungsänderung?“ „Ich habe nur den Auftrag erhalten, dir das zu übermitteln. Meine Meinung besteht noch immer.“ „Und von wem kam diese Nachricht ursprünglich? Ebenfalls von einem Mitglied des Hohen Rates?“ Der Engel schwieg. Ein Leuchten hüllte ihn ein, dann verschwand er, ohne sich auch nur verabschiedet zu haben.

Selenia sah irritiert noch immer zu dem Platz, wo der Engel stand. „Das interessiert mich jetzt aber, wer diesen Auftrag gegeben hat, mir das mit zu teilen... Naja. Vielleicht finde ich es wieder raus, wenn ich zurück im Himmel bin.“ Eine Gänsehaut überkam sie bei diesem Gedanken.
Raffael dachte sich, er habe genug gesehen und gehört, ging die Treppe hinunter und direkt in die Küche. Ein Blick auf die Küchenuhr zeigte ihm, dass es nun schon zwei Uhr nachmittags war. „Zeit fürs Mittagessen...“, meinte er. „Mal sehen, was alles Geflügeltes in der Stadt umherschweift...“ Bei diesem Gedanken leckte er sich über seine Eckzähne. „Ich hätte nichts gegen einen Jungengel... Mmmmm...“ Er ging wieder zurück zur Treppe und rief hinauf: „Selenia? Ich geh noch mal weg! Bin etwa gegen Abend da!“ „Ist gut! Ich geh später auch weg! Bis nachher!“ Raffael nahm seinen Hausschlüssel vom Haken und zog die Haustür hinter sich zu.

 

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