Kapitel 8: Das Fest des Lichtes

Es war ein kalter, klarer Dezembertag. Schnee wirbelte in dicken Flocken durch die Luft. Eisblumen setzten sich an den Fenstern fest und Selenia war dabei, alles für das Fest am Abend fertig zu machen.
„Hmm... Wohin mit den Kerzen...?“, murmelte sie in sich hinein, während Raffael irritiert in der Zimmertür stand. „Was machst du eigentlich da? Du rennst schon den ganzen Tag von einer Ecke in die andere und trägst irgendwelche merkwürdigen Dinge durch die Gegend... Was soll das?“ Selenia rannte währenddessen an ihm vorbei und bog in die Küche ein. Ein lautes Scheppern wurde laut, ein spitzer Schrei ließ sich vernehmen und Selenia kam aus der Küche gesprungen. „Aua...“, wimmerte sie leise. Überrascht schaute Raffael sie an. „Was ist denn nun passiert?“ Er ging auf sie zu und sah in die Küche hinein. Der gesamte Fußboden war von Scherben bedeckt. Selenia wischte sich die Tränen aus den Augenwinkeln und sah ihre Hand an. „Aua...“, wimmerte sie noch mal. Ein Splitter hatte sie an ihrer Hand verletzt und nun blutete diese. „Hey... Das Schlimmste daran, ist der Schock.“ Mit diesen Worten streichelte Raffael ihr den Kopf und nahm ihre Hand. Ängstlich sah Selenia ihm in die Augen. „Keine Sorge, Kleine. Ich saug dich schon nicht aus.“ Mit diesen Worten führte er ihre Hand an seinen Mund und leckte das Blut ab. „Hm... Nicht schlecht...“, grinste er sie an. Ängstlich zog Selenia ihre Hand weg und ging einen Schritt weiter nach hinten. Raffael lächelte sie an, zog sie sachte an sich heran und hob ihren Kopf um ihr in die Augen zu sehen. „Ich hab dir doch gesagt, dass ich dich nicht aussauge. Vertraust du mir etwa nicht?“, schmunzelte er sie an. Und ehe sie eine Antwort geben konnte fragte er auch gleich weiter. „Und nun sag mir doch bitte mal, was du hier überhaupt machst. Bevor du mir das nicht erklärt hast, lass ich dich nicht mehr los.“ Um Fassung ringend fing Selenia an zu erklären. „Du weißt es nicht? Heute Nacht findet das 'Fest des Lichtes‘ statt. Es ist der Tag im Jahr, wo entschieden wird, welcher Engel eine Stufe erhöht wird, und wessen Energien wieder ganz aufgefüllt werden. Weißt du... Nicht alle Engel können ihre Kräfte auf natürlichem Weg regenerieren... Energie, welche diese Engel einmal freisetzen, ist also auf ewig verloren... Und wenn ein Engel keine Energie mehr hat, ist er leichtes Futter für euch Vampire.“ Bei diesem Gedanken stellten sich Selenias Nackenhäärchen auf. „Und... Nunja... Ich gehöre zu dieser Gruppe Engeln, die ihre Kräfte nicht regenerieren kann... Daher ist dieser Tag auch so wichtig für mich...“ Verwundert sah Raffael sie an. Wird das ausgelost, wer neue Energie bekommt?“ „Nein. Wie das genau festgelegt wird, weiß ich selbst auch nicht so genau. Aber es heißt, dass die Engel neue Energien bekommen, die sie am meisten verdient haben...“ Selenia wand sich aus dem Griff Raffaels hinaus und eilte wieder in das Wohnzimmer. Nachdenklich sah Raffael ihr hinterher. „Ich hab ein merkwürdiges Gefühl bei dieser Sache...“

Der Tag verging schnell. Für Selenias Geschmack viel zu schnell. Ihr fielen noch dutzende Dinge ein, die sie eigentlich noch erledigt haben wollte. Nun saß sie in eine Decke gewickelt vor einem kleinen Tisch, welcher vor dem Wohzimmerfenster aufgestellt war. Auf ihm standen lauter kleine Kerzen, die ein angenehmes Licht im Zimmer verbreiteten. Erwartungsvoll schaute sie zum Vollmond hinauf. „Hoffentlich vergessen sie mich nicht...“

Raffael stand im Türrahmen angelehnt und sah nachdenklich zu Selenia hinüber. Ihre Worte gingen ihm einfach nicht aus dem Kopf. „Sie kann ihre Energien nicht wieder aufladen...“ Ein finsteres Grinsen erschien auf seinem Gesicht. „Das macht sie zu einem perfekten Opfer. Außerdem...“, er strich sich mit der Zunge über seine Eckzähne „Außerdem hat sie gar nicht mal so übel geschmeckt.“ Er sah noch mal zu ihr rüber, drehte sich um und ging die Treppe hinauf.

Die Stunden vergingen und nichts tat sich. Selenia saß die ganze Zeit vor dem Tisch und schaute in die Flammen der Kerzen. „Ob sie mich doch vergessen haben...?“ Eine einzelne Träne rann ihre Wange hinunter. Ihr Kopf wurde immer schwerer und sie musste gähnen. Ein Blick auf die Uhr verriet ihr, dass es schon nach 23 Uhr abends war. Sie streckte sich noch mal.

Raffael saß mal wieder oben auf seinem Bett und studierte die alten Bücher. In seiner Hand hielt er mal wieder die Kugel. Inzwischen waren schon 3 Energiekugeln am Sockel erschienen. Also blieben noch zwei Erzengel... „Selenia hat doch erzählt, dass ihre Mutter einen Stab bei sich hatte... Und das an dem oberen Ende des Stabes eine Kugel saß... Laut ihrer Beschreibung müsste es doch diese hier sein...“ Damit hielt er die Kugel in Augenhöhe. Auf einmal erhellte ein Blitz das Zimmer und Raffael musste die Augen zukneifen. Als das Licht wieder schwächer wurde, schaute er verwundert wieder in die Kugel. Sie zeigte ein Bild von einem Mädchen... Vielleicht 20 Jahre alt. Relativ groß gewachsen, mit langen, braunen Haaren, welche ihr bis zu den Kniekehlen zu reichen schienen. Aber auf einmal änderte sich das Bild. Es erschien ein neues Bild und...

„Selenia?“, rief Raffael von der Treppe hinunter. Als keine Antwort kam, schritt er langsam die Stufen hinunter. Er öffnete die Tür zum Wohnzimmer. „Selenia?“ Langsam ging er auf die Couch zu, vor der Selenia gesessen hatte. Als er über sie rübersah, sah er Selenia in ihre Decke gehüllt friedlich am Schlafen. Die Kerzen waren beinahe alle runter gebrannt. Ein Luftzug durchzog das Zimmer. Das Fenster war geöffnet. Leise schlich er zu ihr hin. Als er in ihr Gesicht schaute, veränderte sich sein Gesichtsausdruck. Sie hatte geweint. Ihre Wangen glitzerten noch immer feucht von ihren Tränen. Mitleidig strich er ihr über ihre Wange. „Also hat sie keine neue Energie erhalten...?“ Vorsichtig schob er seine eine Hand hinter ihren Rücken, mit der anderen hob er ihre Beine hoch. Vorsichtig trug er sie die Treppe hinauf in ihr Zimmer. „Ein Engel, welcher keine Energien mehr hat, ist ein leichtes Opfer für die Vampire...“ Raffael ging dieser Satz nicht aus dem Kopf.

Er legte Selenia vorsichtig auf ihr Bett und ging aus dem Zimmer. Nachdenklich ging er über den Flur. Gedanken und Bilder wirbelten in seinem Kopf umher; er hätte am liebsten geschrien. „Selenia...“ Er öffnete die Tür zu seinem Zimmer, setze sich wieder auf sein Bett und sah wieder in die Kugel hinein.

Sie zeigte Selenias Bild....

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