Kapitel 7: Selenias Geschichte

Es war ein Samstagabend und Selenia saß im Wohnzimmer, einige Bücher schmökernd. Neben ihr stand ein Pott heiße Schokolade und dampfte vor sich hin. Der Mond erleuchtete das Zimmer mit seinem milden, silbernen Licht.

Auf einmal kamen von hinten zwei Arme und schlangen sich um Selenias Schultern. Selenia jedoch blieb ruhig sitzen und murmelte nur „Raffael, ich bin am Lesen...“ leise nach hinten. „Und im Übrigen hast du mir sowieso versprochen, dass du das nicht mehr machst.“ „Ach komm schon... Manchmal muss ich dich einfach ein Bisschen ärgern.“, brummelte Raffael von hinten und ließ sich in den nächst stehenden Sessel fallen. Selenia hatte sich schon damit abgefunden, dass sie nun einen Vampir beherbergt. Jedoch den Gedanken, dass Raffael am Tod der Engel schuld war, ließ sie nicht zu.

Sie las weiter. Raffael sah ihr eine Weile zu, fing aber bald an, sich zu langweilen. „Sagmal, Selenia...“ „Hm?“, murmelte sie und las ungestört weiter. „Wie bist du eigentlich ein Engel geworden? Es heißt, dass Engel früher ebenfalls Menschen waren, wie bei uns Vampiren.“ „...“, Selenia bekam bei den Gedanken an ihre Engelsgeburt eine Gänsehaut. „Weißt du...“, sprach sie „Viele jetzige Engel mussten in ihrem menschlichen Leben einen gewaltsamen oder schmerzvollen Tod sterben, um als Engel wiedergeboren zu werden... Das war bei mir nicht anders... Weißt du noch, wie ich bei der Erwähnung des Dachbodens eine Gänsehaut bekommen habe? Ich gehe schon seitdem ich nicht mehr unter den Lebenden weile nicht mehr auf den Dachboden...“ „Das scheint eine Lebensgeschichte zu werden“, schmunzelte Raffael sie an. „Ist es auch. Willst du sie nun hören, oder nicht?“ „Jaja, schon gut. Erzähl bitte weiter.“ Und Selenia fing an...


Es spielte sich alles im Jahre 1887 ab. Selenia war ein Mädchen von 15 Jahren. Sie wohnte bei ihren Eltern, zwei sehr wohlhabenden Leuten. Diese hatten allerdings, aufgrund ihrer Arbeit, nie Zeit für ihre Tochter. Auch Freunde hatte Selenia nie. Sie galt immer und überall als Außenseiterin und wurde damit nur schwer fertig.

Es war ein schöner Wintertag. Überall lag dick Schnee. Die Straßen waren voll damit, ihr Haus war schon so gut wie zugeschneit und das Blumenmeer vor dem Haus glitzerten in allen Regenbogenfarben. Es hatte in der Nacht geschneit und die Blüten und Knospen der Blumen waren in Eis eingehüllt, welches das Licht in alle Richtungen brach. Es sah aus, als ob es ein Meer gefallener Sterne war... Selenia saß in dem großen Sessel ihres Vaters und las gemütlich ein Buch. Ab und an schaute sie nach draußen. Sie wäre gerne durch den Garten gegangen, allerdings ließ das ihre gesundheitliche Verfassung nicht zu. Sie hatte dick Fieber an dem Tag. „Junge Dame! Ihr sollt doch nicht hier unten sitzen! Husch, ab ins Bett mit ihnen!“, kam eine Stimme von der Tür. Es war Estelle, das Hausmädchen der Familie. Leicht genervt lugte Selenia an der Sessellehne vorbei und ihre langen, braunen Haare huschten ihr ins Gesicht. „Estelle. Ich weiß selbst, was gut für mich ist und was nicht. Da brauche ich niemanden, der mir alles befiehlt! Und nun lass mich bitte in Ruhe, wie du gerade siehst, ich bin am Lesen.“ Mit diesen Worten drehte sie sich wieder zu ihrem Buch um und las weiter. „Aber junge Dame! Ihr wisst doch, was der Arzt zu eurem Gesundheitszustand gesagt hat! Ihr dürft einfach nicht das Bett verlassen, bis ihr wieder gesund seid!“ „Estelle! Du weißt doch genauso gut wie ich, dass ich niemals wieder gesund werde.“, sprach Selenia mit ruhiger Stimme. Innerlich kämpfte sie gegen die Tränen an.

Der Arztbesuch lag schon einige Tage zurück. Selenia lag mit hohem Fieber in ihrem Bett und vor der Tür standen ihr Vater und der Arzt. Leise drang gedämpftes Gemurmel an ihr Ohr. Sie verstand nicht viel. Aber soviel war sicher: Sie hatte nicht einfach nur eine Wintergrippe. Selenia versuchte, das Gemurmel genauer zu verstehen. „Es tut mir Leid, ihnen das mitteilen zu müssen, aber ich sehe keine Möglichkeit, dass ihre Tochter wieder gesund wird...“ Dann hörte sie Schritte die Treppe hinunter gehen. „Niemals wieder gesund werden... Warum... Warum gerade ich...?“ Leise fing sie an zu weinen und viel bald darauf in einen tiefen, traumlosen Schlaf.

„Junge Dame!“, wurde Selenia roh aus ihren Gedanken gerissen. „Junge Dame, wenn ihr nicht bald wieder oben im Bett liegt, werde ich gewaltigen Ärger bekommen!“, die Stimme Estelles klang schon fast flehend. „Lass mich doch bitte mal in Ruhe, ja? Siehst du nicht, dass ich lese?“, fragte Selenia genervt. „Aber...“ „Nichts aber. Hast du nichts anderes zu tun, als mir auf die Nerven zu gehen?“ „Ich gehe ja schon... Aber ich werde eurer Verhalten eurem werten Vater berichten!“, mit einem hochmütigem Kopfschwenk verschwand sie in der Küche. „Soll sie doch...“, dachte Selenia mürrisch. Sie las noch eine Weile weiter, dann hörte sie ein leises Klicken im Schloss.

„Master Aristor! Gut, dass ihr endlich ankommt! Eure Tochter sitzt im Wohnzimmer und sieht nicht ein, dass es besser für sie ist, wieder ins Bett zu verschwinden!“ „Selenia!“ Ihr Vater ging wutgelanden ins Wohnzimmer. Hinter ihm grinste Estelle fies zu Selenia rüber, dann verschwand sie wieder in der Küche. „Selenia...“, ihr Vater stelle sich vor sie und schaute sie sorgenvoll an. „Selenia, du weißt doch, dass du das Bett nicht verlassen darfst. Sonst wirst du doch niemals...“ „Niemals was? Gesund?! Vater, du weißt genauso gut wie ich, dass das nicht möglich ist!“, Selenia schrie ihn mit Tränen in den Augen an. „Selenia... Nun beruhige dich doch mal. Wer hat dir denn erzählt, du würdest nicht mehr gesund?“, fragte ihr Vater mit ernster Miene. „Der Arzt. Ich habe euch gehört, wie ihr vor meiner Tür über mich gesprochen habt! Und erzähle mir nicht, dass es eine Lüge sei, dass ich wieder gesund werde!“ Sie richtete sich auf und stürmte die Treppe hinauf in ihr Zimmer.

„Lüge! Ich werde nicht wieder gesund!“ Tränen rannen ihr übers Gesicht und sie vergrub ihren Kopf in ihren Kissen. „Der Arzt weiß ja nicht einmal genau, was ich habe!“ Sie fing an zu schluchzen „Und mein Vater lügt mich auch noch an!“

Die Stunden vergingen schnell und Selenia lag noch immer auf dem Bett. Auf einmal klopfte es an der Tür. „Selenia?“, fragte eine leise Stimme von außen. „DRAUßEN BLEIBEN!“, rief Selenia von innen. „Junge Dame, das Essen steht bereit. Wollt ihr euch nicht zu dem Rest eurer Familie gesellen?“ Es war Estelle. Sie hatte einen merkwürdigen Unterton in ihrer Stimme, der einfach nicht leugnen konnte, dass Estelle Selenia nicht mochte. „Ich will jetzt nichts essen!“, keifte Selenia Estelle an. „Erst soll ich in mein Bett verschwinden, dann wollen sie, dass ich zum Essen komme. Die sollen mich nur in Ruhe lassen!“, dachte sie zornig. „Am besten, ich suche mir einen Platz zum Alleinsein...“ Sie sah gedankenverloren an die Zimmerdecke. „Hm... Warum eigentlich nicht?“ Sie stand auf und sah sich im Zimmer um. „Aber wo, ist die Frage... Ich hab’s. Der alte Dachboden! Eigentlich darf ich da ja nicht hoch... Aber... Wieso eigentlich nicht? Naja. Kann ja nicht schaden, mal allein zu sein.“ Selenia öffnete ihre Zimmertür einen Spalt weit und lugte auf den Flur. Niemand war zu sehen. „Sehr gut...“

Selenia schlich sich über den Flur in das Zimmer ihres Vaters. Irgendwo hatte er damals den Dachbodenschlüssel versteckt, als Selenias Mutter verschwunden war... Eines Tages war sie einfach nicht mehr da gewesen und niemand hatte Selenia erzählen wollen, was passiert war. „Irgendwo hier müsste doch der Schlüssel liegen... Aber wo?“ Selenia suchte eine ganze Weile. Sie durchwühlte die Schubladen und die Fächer in den Schränken, allerdings fand sie nirgendwo diesen Schlüssel. Als sie ihre Hoffnung gerade aufgeben wollte, fiel ihr eine kleine Schachtel in der Vitrine auf. Sie lag recht weit oben und Selenia musste sich strecken, um sie zu erreichen. Sie nahm die Schatulle in die Hand und betrachtete sie eine Weile. Sie war mit merkwürdigen, fremden Zeichen geschmückt und das Schloss schien aus Silber zu bestehen. Trotz alledem wirkte sie recht schlicht im Vergleich mit den vielen anderen Schachteln und Schatullen, die Selenia kannte. Sie öffnete vorsichtig den Deckel. Im Inneren der Schatulle lag ein Schlüssel. Er sah anders aus als alle anderen Schlüssel, die Selenia je gesehen hatte... Auch er war mit merkwürdigen Zeichen versehen und glänzte silbern. An dem Ende des Schlüssels, das, wenn der Schlüssel ins Schloß gesteckt würde, herausragen würde, zeigte ein Wesen im langen Gewand mit zwei Flügeln. „Ein... Ein Engel?“, hauchte Selenia fassungslos „Was macht ein Engelsabbild auf unserem Dachbodenschlüssel?“ Verwirrung machte sich auf ihren Gesichtszügen breit. Aber es lag noch etwas in der Schatulle. Erst konnte sie es nicht erkennen, aber als sie es hochnahm, stellte sich heraus, dass es eine Kette war. Sie war aus Gold und Silber hergestellt und ein Engel war als Anhänger daran gehängt. Es war ein recht kleiner Engel und er bestand aus Kristall, welches das Licht in alle Richtungen brach. Fasziniert sah Selenia ihn sich an. Sie kannte diese Kette. Sie hatte ihrer Mutter gehört. Selenia wurde neugierig. „Engel... Warum hat Vater eine Schatulle in seinem Zimmer, mit Gegenständen, auf denen Engel abgebildet sind? Ich versteh das nicht... Mutter... Sie hat mir damals viele Geschichten über Engel erzählt... Vielleicht... Hat sie wirklich an diese Wesen geglaubt?“ Sie nahm die Kette, öffnete den Verschluss und hängte sie sich um den Hals. Den Schlüssel nahm sie ebenfalls an sich und verschloss die Schatulle wieder. Selenia stellte sie zurück in die Vitrine und schlich sich leise wieder aus dem Zimmer.

Selenia stellte sich vor die Dachbodentür und steckte den Schlüssel ins Schloss. Sie wurde nervös. Irgendwas stimmte nicht.... Und all diese Engelsabbildungen... Was hatte es mit ihnen auf sich? Selenia drehte den Schlüssel im Schloss um und ein leises Klicken verkündete, die Tür sei nun geöffnet. Selenia zog sie einen Spalt weit offen und lugte hinein. Hinter der Tür lag eine Treppe in vollkommener Dunkelheit. Sie öffnete die Tür ganz und Kälte schlug ihr entgegen. Langsam kamen ihr Zweifel, ob ihr Vorhaben so gut sei, aber ihre Neugierde siegte. Zögernd schritt sie die Treppe zum Dachboden hinauf und sah sich um. Alles war zugestellt mit Truhen und Kisten. Nur ein kleines Fenster ließ etwas Licht in die Dunkelheit. Sie ging auf einen der Stapel Truhen zu. Schwach drang etwas Licht vom Flur hinauf, so dass sie alles zumindest ansatzweise erkennen konnte. Eine Truhe lenkte ihre Aufmerksamkeit auf sich. Sie unterschied sich von den anderen. Auch auf ihr waren diese merkwürdigen Zeichen und Symbole zu sehen, wie auch auf der Schatulle in dem Zimmer des Vaters.

Auf einmal hörte sie eine fremde Stimme und das Licht des Flures verblasste. „Ah... Selenia, nehme ich an...?“ murmelte diese Stimme. Im nächsten Moment war das Licht des Flures ganz verschwunden. Ein leises Klicken ertönte, und die Tür war zu. Selenia brauchte nicht lange nachzudenken um zu wissen, dass die Tür nun abgeschlossen war. „Wer... Wer ist da...?“, fragte sie ängstlich in die Dunkelheit hinein. Keine Antwort. Zitternd sah sie sich um, konnte allerdings im schwachen Licht des Fensters kaum etwas erkennen. „Bitte... So antwortet doch...“ Fast versagte ihre Stimme. „Ich bezweifle, dass dich das etwas angeht...“ Lachte die Stimme finster. Selenia nahm eine Bewegung in den Augenwinkeln wahr. Sie drehte sich dorthin um, wo sie es gesehen hatte, aber dort war schon wieder nichts zu sehen. Langsam ging sie einige Schritte rückwärts, während sie sich ängstlich umsah. „Mutter....“, wimmerte sie leise, während sie den Kettenanhänger fest umschlossen hielt. Der alte Holzboden knarrte unter ihren Füßen und immer mal wieder meinte sie Bewegungen wahrzunehmen. Auf einmal verlor sie das Gleichgewicht. Irgend etwas hielt ihr eine Hand fest auf den Mund gepresst und zog sie nach hinten. „Oh, wie lange habe ich auf diesen Augenblick gewartet!“ In Panik schlug Selenia hoffnungslos um sich, konnte sich allerdings nicht befreien. Tränen rannen ihr über das Gesicht und die Angst schürte ihr fast die Luft ab. „Ich wusste, du würdest bald kommen... Ich warte schon so lange auf dich...“ Auf einmal spürte Selenia etwas Warmes an ihrem Arm. Langsam floss es ihren Arm hinunter und tropfte glänzend auf den Boden. Erst dann spürte sie den pulsierenden Schmerz in ihrem Hinterkopf. Ihr wurde schwindelig und wäre zu Boden gesunken, hätte sie diese Person – war es überhaupt eine?- nicht hochgehalten. „Nun wirst du für das bezahlen, was deine Mutter mir einst antat!“ Noch bevor Selenia über diesen Satz nachdenken konnte, wurde ihr schwarz vor Augen und sie wurde bewusstlos.

„...Selenia...“, drang eine leise Stimme an ihr Ohr. „...Selenia! Öffne doch die Augen...!“ Selenia tat wie ihr geheißen. Sie musste einige Male zwinkern, bis sie alles erkennen konnte. Sie schüttelte den Kopf um auch das letzte Bisschen Betäubung zu verscheuchen. Aber was sie da sehen konnte, wollten ihre Augen einfach nicht für wahr halten. „Mutter...“, hauchte sie schwach. Selenia lag auf der Erde. Überall um sie herum glänzte es dunkelrot und ihr Kopf schmerzte, als ob er gleich bersten würde. Neben ihr kniete ihre Mutter. Sie war in ein langes, weißes Gewand gehüllt und in der einen Hand hielt sie einen langen Stab, an dessen Spitze eine Kristallkugel thronte. Aus ihrem Rücken ragten zwei riesige weiße Flügel. Selenia konnte nicht glauben, was sie da sah. Ihre Mutter war ein Engel... „Selenia...“ Traurig schaute ihre Mutter Selenia an. „Warum nur...?“ Tränen liefen ihr über das Gesicht. „Ich hätte ihn gleich ganz vernichten sollen... Nun bin ich zu spät...“ „Mutter... Mach dir keine Sorgen um mich... Ich hätte eh nicht mehr viel Zeit gehabt...“ „Ich kann dir vielleicht helfen.“ Und nachdem sie Selenia traurig gemustert hatte: „Glaubst du an Engel?“ Selenia hätte am liebsten gelacht. Es saß immerhin einer neben ihr! Warum sollte sie da nicht an Engel glauben? Aber Selenia wusste, dass es ihrer Mutter ernst war, und das die Frage nicht auf den jetzigen Moment gezogen war. Sie wollte wissen, ob Selenia jemals wirklich an Engel geglaubt hatte. „Ich weiß es nicht....“, antwortete Selenia schwach. Langsam hatte sie nicht mehr die Kraft, zu reden. Dunkelheit kroch auf sie zu. „Ich weiß es wirklich nicht...“ Tränen rannen ihr über das Gesicht. Ihre Mutter lächelte sie an. „Das habe ich an dir schon immer so geliebt, meine Kleine... Deine Ehrlichkeit lässt sich durch nichts beeinträchtigen.“ Mit diesen Worten nahm sie die Kugel von ihrem Stab. Sie glänzte einmal und die Engel auf dem Sockel unter der Kugel streckten die Hände nach oben. Kleine Energiekugeln erschienen und verschwanden gleich wieder in der Kugel. Dann erhellte ein mildes Licht den Raum. Selenia schloss die Augen und das Licht hüllte sie ein. Selenia spürte ein Stechen in ihrer Brust und dann fühlte sie ihr Herz nicht mehr schlagen. Friedlich sank sie in die Arme ihrer Mutter. Diese sah traurig zu ihr hinunter. „Ich... Hoher Rat... Was habe ich nur getan...?“

Als Selenia die Augen wieder öffnete, war sie noch leicht benommen. „Aua...“ Sie fasste sich an ihren schmerzenden Kopf und sah sich um. Sie lag auf einer Wiese aus weißen Lilien und in der Ferne sah sie ein Schloss aufragen. Es sah aus, wie aus einem Märchen entnommen... Überall flogen in der Ferne weiße Vögel umher und der Wind spielte mit den Blütenblättern. Alles wirkte friedlich. Selenia stand auf, um mehr von ihrer Umgebung zu sehen. Sie merkte, dass etwas nicht stimmte und sah an sich hinunter.
Ein langes Kleid... An den Armen silberne Reife und auf der Stirn ein Diadem aus Silber mit einem weißen Kristall... Um ihren Hals hing noch immer die Engelskette. Zögernd sah sie auf ihren Rücken. Flügel. Zwei große, weiße Flügel ragten da aus ihr raus. Irritiert nahm sie all dies zur Kenntnis. Selenia war ein Engel... Als sie nun wieder zu dem Schloss sah, erkannte sie auch, dass da keine Vögel segelten, sonder ebenfalls Engel. „Wo bin ich...?“ Verwirrt sah sie sich um und setzte sich in Bewegung Richtung Schloss. „Vielleicht kann mir dort jemand alles erklären...?“

Selenia beendete ihre Erzählung damit. Raffael hatte ihr die ganze Zeit gespannt zugehört. „Hast du Antworten gefunden?“ „Nicht direkt... Man sagte mir nur, dass ich nun ein Engel sei. Damals wusste ich noch nicht, dass es eine Hierarchie im Himmel gab, daher habe ich auch nicht nach meinem Stand gefragt. Aber warum ich zu einem Engel geworden war, wurde mir verschwiegen.“ „Hast du deine Mutter wiedergesehen?“ „Nein... Niemals... Ich habe sowieso kaum mehr Erinnerungen an sie...“ Glitzernd bildeten sich Tränen in Selenias Augen. Raffael sah sie betreten an und hockte sich neben sie. „Hey..“ Er streichelte ihr über die Wange und wischte eine einsame Träne weg. „Ich bin mir ganz sicher, dass du sie wiedersehen wirst.“ Damit nickte er ihr aufmunternd mit einem Lächeln zu. „Na das sagt der Richtige.“, kommentierte Selenia sarkastisch. „Sagmal...“, fing Raffael mit ernstem Blick an „Warum bist du eigentlich nun hier, und nicht mehr im Himmel?“ „Ist es dir noch nicht aufgefallen?“ „Was meinst du?“ Selenia konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. „Ihr Vampire seit wohl überhaupt nicht im Aurenlesen ausgebildet, was?“ „Vorsicht...“ grinste er sie an und hob ihren Kopf ein Stück weit hoch. „Aber nun sag mal bitte, was du meinst!“ „Also. Jeder Engel besitzt eine Aura. Bei den meisten Engeln nennt man sie 'Heiligenschein‘ und dieser hilft uns, uns im Dunkeln zu orientieren. Und... Nunja... Diesen Heiligenschein habe ich nicht...“ „Wie bitte? Ich dachte, dass Engel schon von Geburt an einen solchen besitzen...“ „Nein... Den muss man sich verdienen... Und ich bin gerade dabei, ihn mir zu verdienen....“ „Wie denn?“ „Nunja... Siehst du das Blumenmeer dort draußen? Die Knospen haben sich noch nie geöffnet... Es heißt, sie würden es erst tun, wenn ich wirklich glücklich bin... Ich versteh das nicht... Was hat das eine mit dem anderen zu tun?“ Sie verlangte keine Antwort. Sie sah Raffael nicht einmal an. Nachdenklich ließ sie ihren Blick durch das Fenster über die geschlossenen Blüten wandern. „Naja. Kann man nichts machen.“ Nach einer kurzen Pause schaute sie ihn wieder an. „Hast du auch Lust auf einen Saft?“ Damit stand sie auf und verschwand eilig in der Küche. Raffael schaute ihr geistesabwesend hinterher. „Selenia... Hm... Langsam weiß ich überhaupt nicht mehr, was ich über dich denken soll...“ Er stand auf und nahm das Buch, welches Selenia gelesen hatte in die Hand. „Die Legende des fünften Erzengels“

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