Kapitel 6: Enthüllung

Es war Ende November. Selenia lag immer noch im Bett. Ihr Fieber war hoch und eigentlich hätte sie wohl in ein Krankenhaus gemusst, was sie allerdings nicht wollte. Raffael hatte sich beinahe gänzlich in sein Zimmer zurückgezogen. Er kam nur noch heraus um nach Selenia zu sehen und ihr zu trinken und zu essen zu bringen.

Raffael saß mal wieder auf seinem Bett umgeben von Schmökern in alten Sprachen. Was er da am Anfang des Monats gehört und vor allem gesehen hatte, ließ ihn nicht mehr in Ruhe. Selenia war ein Engel. Das war jetzt klar. Jetzt musste er nur noch herausfinden, ob auch sie ein Erzengel war. Er schaute in die Kugel. „Hmm... Ich kann es mir bald nicht vorstellen... Die Kugel hätte längst ausgeschlagen, wenn ein Erzengel in der Nähe gewesen wäre... Also müsste sie ein Engel der unteren Klassen sein... Oder...“ Er lugte wieder in eines der dicken Bücher, die überall in der Gegend lagen. „Dort steht, es gäbe noch eine weitere Form eines Engels... In der Hierarchie stehen ganz unten die Jungengel, Engel, die gerade erst geboren worden sind... Dann kommen einige andere Schichten... Na wie die aufgeteilt sind, wissen wohl nur die machthabenden Engel ...“, er zog seine Stirn kraus. „Dann kommen als zweitoberste Klasse die Erzengel und dann der Hohe Rat... Dieser setzt sich wie bei uns aus drei Engeln zusammen, die alle über besondere Fähigkeiten verfügen...“ Er dachte an das Licht des vergehenden Engels zurück und daran, was Selenia mit der Sache zu tun hatte. „Hmm... Im Moment scheint es am aller wahrscheinlichsten, dass Selenia zu dieser Klasse gehört...“ Er verzog den Mund zu einem Grinsen. „Hier gefällt es mir immer besser!“, murmelte er in sich hinein. „Aber... Ich sollte Michael Bescheid sagen, dass er mal Informationen über Selenia besorgen soll."
Selenia wachte auf. Ihre Kopfschmerzen waren verschwunden und auch sonst ging es ihr mit Mal recht gut. Nagut... Zumindest besser als zuvor. Ihre Kräfte hatten sich immer noch nicht regeneriert und sie fühlte sich noch immer ausgepowert. Sie setzte sich auf, zog ihren Morgenmantel an und verließ das Zimmer. Als Darkside das leise Knarren ihrer Tür vernahm, schnipste er einmal mit dem Finger und die Bücher verschwanden im Nichts. Die Kugel bettete er wieder auf das Samtkissen in der Schachtel, verschloß diese und schob sie wieder unter sein Bett.

Leise klopfte es an der Tür. „Raffael?“ „Ja, kannst reinkommen!“, rief er von innen. Die Tür öffnete sich und Selenia trat ein. Glücklich lachte sie ihn an. „Mir geht es schon wieder viel besser!“ „Na endlich!“, und mit einem Zwinkern fügte er hinzu: „Ich dachte schon, ich würde jetzt auf ewig dein Laufbursche sein!“ Selenia streckte ihm die Zunge entgegen. „Und selbst wenn. Ich fände es nicht schlecht!“ Mit diesen Worten küsste sie ihn einmal flüchtig auf die Wange, murmelte ein leises „Dankeschön“ und eilte aus dem Zimmer. Raffael sah ihr irritiert nach. „Was ist denn auf einmal mit ihr los?“

Unten in der Küche sah sie zum ersten Mal, was Chaos bedeutet. Sie fasste sich verständnislos an den Kopf und dachte sich nur noch: „Meine schöne Küche... Raffael, was hast du mit meiner Küche bloß angestellt?!“ Sie rannte zur Treppe und rief „RAFFAEL! RUNTERKOMMEN! SOFORT!“ hinauf. Raffael verzog wohlwissend grinsend das Gesicht und ging zu Treppe. „Was ist denn los?“ „Ja, was wohl. Ich hab runterkommen gesagt, und das tust du jetzt gefälligst auch!“ „Jaja. Bin ja schon auf dem Weg.“ Er schritt langsam die Treppe hinunter. „So, ich bin da. Was nun?“ „Jetzt biegst du mal bitte in meine Küche ein und räumst die auf.“ „Aber...“ „Kein aber. Sofort. Ich zieh mich derweil um und wenn ich fertig bin, will ich, dass hier alles blinkt.“ „Ist ja schon gut.“, schmunzelte er sie an. Er tätschelte ihr den Kopf und meinte: „ Nicht aufregen, Kleines. Alles wird wieder gut.“ Selenia sah ihn an, als ob sie an seinem Verstand zweifeln würde, zog sich dann aber kommentarlos nach oben ins Bad zurück. Raffael ging in die Küche, schnipste einmal mit den Fingern, murmelte ein paar Wörter und das gesamte Chaos ordnete sich selbst ein und auf. Innerhalb weniger Sekunden blitzte die Küche wieder und er machte sich einen Saft.

Wenig später kam Selenia kritischen Blickes um die Ecke gebogen. Als sie die Ordnung sah, war sie erst einmal überrascht, allerdings wurde sie auch misstrauisch. So ein Chaos kann man schlichtweg nicht in so geringer Zeit beseitigen. Sie ging durch die Küche und lugte in jeden Schrank. Ordnung. Alles war ordentlich und an dem Platz, wo es hingehört. „Merkwürdig...“ Sie schaute Raffael schief von der Seite an. „Kannst du zaubern?“ Raffael grinste einmal, merkte dann aber recht schnell, dass Selenia diese Frage wirklich ernst meinte. „Ja, wieso?“ Langsam aber sicher begann Selenia wirklich an seinem Verstand zu zweifeln. Sie drehte sich um, goß sich Saft ein und ließ ihren Blick aus dem Küchenfenster über das Blütenmeer vor selbigem schweifen. „Ich kann genauso gut zaubern wie du... Wenn nicht noch besser!“ Den Blick nicht von den geschlossenen Knospen nehmend antwortete sie: „Ach. Und wie kommst du auf die Idee, ich könne zaubern?“ Er stellte sich hinter sie und schlang seine Arme um ihre Schultern. „Na das können doch alle Engel.“
Selenia fiel das Glas klirrend auf die Fliesen. Er wusste es... „Aber... Woher...“, fing sie an zu stammeln. „Das war doch nun wirklich nicht schwer. Immerhin habe ich dich, als du bewusstlos im Garten lagst, wieder ins Haus getragen. Deine Flügel waren noch zu sehen.“ Aus Selenias Gesicht wich die Farbe. „Und im Übrigen... Hältst du uns Vampire wirklich für so blöde, dass wir nicht merken, wenn wir vor einem Engel stehen?“ Das war zu viel für sie. Am liebsten wäre sie nun weggerannt, allerdings ging das nicht. Raffael hielt sie noch immer fest und stand hinter ihr. „Du... Bist ein Vampir?“, fragte sie zögernd. „Jemine... Ihr Engel scheint auf Aurenlesen wohl überhaupt nicht geschult worden zu sein, was?“ Er legte seinen Kopf auf ihre Schultern, gefährlich nahe an ihren Hals. Selenia legte ihre Hände auf seine Arme und versuchte sich zu befreien, was allerdings Raffael nur ein fieses Lächeln abgewinnen konnte. „Keine Sorge, meine Kleine...“, er strich ihr zärtlich über den Hals „Ich habe nicht vor, dir dein Lebenslicht auszupusten.“ Und nach einer kleinen Pause folgte ein „... Noch nicht.“ Damit ließ er sie los und Selenia drehte sich bleich zu ihm um. Angst schnürte ihr die Kehle zu. Sie wusste: Wenn’s drauf an käme, hätte sie nicht die Spur einer Chance gegen ihn. Sie dachte noch mal an die Begebenheit in der Küche zurück. Gegen einen Typen seiner Statur und noch dazu einem Vampir konnte sie nicht bestehen. Das war unmöglich. Sie schaute ihm flüchtig in die Augen. Sie schauten Selenia an wie immer. Nur dieses Mal erkannte Selenia auch die Kälte dieses Blickes.
Ihre Augen füllten sich mit Tränen und sie rannte an ihm vorbei in ihr Zimmer, schmiss sich auf ihr Bett und weinte still in ihr Kissen hinein. „War es das, wovor Tiara und Aylia warnen wollten? Dass ich einen Vampir beherberge? Haben sie ihr Leben lassen müssen, weil Raffael von ihrem Vorhaben gewusst hatte? Raffael... Hat er sie etwa...“

Raffael stand noch immer düster grinsend in der Küche. „Sie hat mich gefragt. Ich habe geantwortet. Nun muss sie auch mit den Konsequenzen leben...“, er schnaubte einmal verächtlich „...oder sterben...“ Jedoch... Als er an das Gesicht Selenias dachte mischte sich noch ein anderes Gefühl dazu... Dieses Gesicht... Irgend etwas war merkwürdig... Ihre Augen... Sie waren traurig... Nein. Sie waren verzweifelt. Raffael fiel auf, dass er sie niemals herzlich hatte lachen sehen. Nicht einmal an ein glückliches Lächeln konnte er sich erinnern. Selenia wirkte einfach immer betrübt... War Selenia überhaupt irgendwann mal glücklich gewesen...?

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