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Es
war Ende November. Selenia lag immer noch im Bett. Ihr Fieber war hoch
und eigentlich hätte sie wohl in ein Krankenhaus gemusst, was sie
allerdings nicht wollte. Raffael hatte sich beinahe gänzlich in sein
Zimmer zurückgezogen. Er kam nur noch heraus um nach Selenia zu sehen
und ihr zu trinken und zu essen zu bringen.
Raffael saß mal wieder auf seinem Bett umgeben von Schmökern
in alten Sprachen. Was er da am Anfang des Monats gehört und vor
allem gesehen hatte, ließ ihn nicht mehr in Ruhe. Selenia war ein
Engel. Das war jetzt klar. Jetzt musste er nur noch herausfinden, ob auch
sie ein Erzengel war. Er schaute in die Kugel. „Hmm... Ich kann
es mir bald nicht vorstellen... Die Kugel hätte längst ausgeschlagen,
wenn ein Erzengel in der Nähe gewesen wäre... Also müsste
sie ein Engel der unteren Klassen sein... Oder...“ Er lugte wieder
in eines der dicken Bücher, die überall in der Gegend lagen.
„Dort steht, es gäbe noch eine weitere Form eines Engels...
In der Hierarchie stehen ganz unten die Jungengel, Engel, die gerade erst
geboren worden sind... Dann kommen einige andere Schichten... Na wie die
aufgeteilt sind, wissen wohl nur die machthabenden Engel ...“, er
zog seine Stirn kraus. „Dann kommen als zweitoberste Klasse die
Erzengel und dann der Hohe Rat... Dieser setzt sich wie bei uns aus drei
Engeln zusammen, die alle über besondere Fähigkeiten verfügen...“
Er dachte an das Licht des vergehenden Engels zurück und daran, was
Selenia mit der Sache zu tun hatte. „Hmm... Im Moment scheint es
am aller wahrscheinlichsten, dass Selenia zu dieser Klasse gehört...“
Er verzog den Mund zu einem Grinsen. „Hier gefällt es mir immer
besser!“, murmelte er in sich hinein. „Aber... Ich sollte
Michael Bescheid sagen, dass er mal Informationen über Selenia besorgen
soll."
Selenia wachte auf. Ihre Kopfschmerzen waren verschwunden und auch sonst
ging es ihr mit Mal recht gut. Nagut... Zumindest besser als zuvor. Ihre
Kräfte hatten sich immer noch nicht regeneriert und sie fühlte
sich noch immer ausgepowert. Sie setzte sich auf, zog ihren Morgenmantel
an und verließ das Zimmer. Als Darkside das leise Knarren ihrer
Tür vernahm, schnipste er einmal mit dem Finger und die Bücher
verschwanden im Nichts. Die Kugel bettete er wieder auf das Samtkissen
in der Schachtel, verschloß diese und schob sie wieder unter sein
Bett.
Leise klopfte es an der Tür. „Raffael?“ „Ja, kannst
reinkommen!“, rief er von innen. Die Tür öffnete sich
und Selenia trat ein. Glücklich lachte sie ihn an. „Mir geht
es schon wieder viel besser!“ „Na endlich!“, und mit
einem Zwinkern fügte er hinzu: „Ich dachte schon, ich würde
jetzt auf ewig dein Laufbursche sein!“ Selenia streckte ihm die
Zunge entgegen. „Und selbst wenn. Ich fände es nicht schlecht!“
Mit diesen Worten küsste sie ihn einmal flüchtig auf die Wange,
murmelte ein leises „Dankeschön“ und eilte aus dem Zimmer.
Raffael sah ihr irritiert nach. „Was ist denn auf einmal mit ihr
los?“
Unten in der Küche sah sie zum ersten Mal, was Chaos bedeutet. Sie
fasste sich verständnislos an den Kopf und dachte sich nur noch:
„Meine schöne Küche... Raffael, was hast du mit meiner
Küche bloß angestellt?!“ Sie rannte zur Treppe und rief
„RAFFAEL! RUNTERKOMMEN! SOFORT!“ hinauf. Raffael verzog wohlwissend
grinsend das Gesicht und ging zu Treppe. „Was ist denn los?“
„Ja, was wohl. Ich hab runterkommen gesagt, und das tust du jetzt
gefälligst auch!“ „Jaja. Bin ja schon auf dem Weg.“
Er schritt langsam die Treppe hinunter. „So, ich bin da. Was nun?“
„Jetzt biegst du mal bitte in meine Küche ein und räumst
die auf.“ „Aber...“ „Kein aber. Sofort. Ich zieh
mich derweil um und wenn ich fertig bin, will ich, dass hier alles blinkt.“
„Ist ja schon gut.“, schmunzelte er sie an. Er tätschelte
ihr den Kopf und meinte: „ Nicht aufregen, Kleines. Alles wird wieder
gut.“ Selenia sah ihn an, als ob sie an seinem Verstand zweifeln
würde, zog sich dann aber kommentarlos nach oben ins Bad zurück.
Raffael ging in die Küche, schnipste einmal mit den Fingern, murmelte
ein paar Wörter und das gesamte Chaos ordnete sich selbst ein und
auf. Innerhalb weniger Sekunden blitzte die Küche wieder und er machte
sich einen Saft.
Wenig später kam Selenia kritischen Blickes um die Ecke gebogen.
Als sie die Ordnung sah, war sie erst einmal überrascht, allerdings
wurde sie auch misstrauisch. So ein Chaos kann man schlichtweg nicht in
so geringer Zeit beseitigen. Sie ging durch die Küche und lugte in
jeden Schrank. Ordnung. Alles war ordentlich und an dem Platz, wo es hingehört.
„Merkwürdig...“ Sie schaute Raffael schief von der Seite
an. „Kannst du zaubern?“ Raffael grinste einmal, merkte dann
aber recht schnell, dass Selenia diese Frage wirklich ernst meinte. „Ja,
wieso?“ Langsam aber sicher begann Selenia wirklich an seinem Verstand
zu zweifeln. Sie drehte sich um, goß sich Saft ein und ließ
ihren Blick aus dem Küchenfenster über das Blütenmeer vor
selbigem schweifen. „Ich kann genauso gut zaubern wie du... Wenn
nicht noch besser!“ Den Blick nicht von den geschlossenen Knospen
nehmend antwortete sie: „Ach. Und wie kommst du auf die Idee, ich
könne zaubern?“ Er stellte sich hinter sie und schlang seine
Arme um ihre Schultern. „Na das können doch alle Engel.“
Selenia fiel das Glas klirrend auf die Fliesen. Er wusste es... „Aber...
Woher...“, fing sie an zu stammeln. „Das war doch nun wirklich
nicht schwer. Immerhin habe ich dich, als du bewusstlos im Garten lagst,
wieder ins Haus getragen. Deine Flügel waren noch zu sehen.“
Aus Selenias Gesicht wich die Farbe. „Und im Übrigen... Hältst
du uns Vampire wirklich für so blöde, dass wir nicht merken,
wenn wir vor einem Engel stehen?“ Das war zu viel für sie.
Am liebsten wäre sie nun weggerannt, allerdings ging das nicht. Raffael
hielt sie noch immer fest und stand hinter ihr. „Du... Bist ein
Vampir?“, fragte sie zögernd. „Jemine... Ihr Engel scheint
auf Aurenlesen wohl überhaupt nicht geschult worden zu sein, was?“
Er legte seinen Kopf auf ihre Schultern, gefährlich nahe an ihren
Hals. Selenia legte ihre Hände auf seine Arme und versuchte sich
zu befreien, was allerdings Raffael nur ein fieses Lächeln abgewinnen
konnte. „Keine Sorge, meine Kleine...“, er strich ihr zärtlich
über den Hals „Ich habe nicht vor, dir dein Lebenslicht auszupusten.“
Und nach einer kleinen Pause folgte ein „... Noch nicht.“
Damit ließ er sie los und Selenia drehte sich bleich zu ihm um.
Angst schnürte ihr die Kehle zu. Sie wusste: Wenn’s drauf an
käme, hätte sie nicht die Spur einer Chance gegen ihn. Sie dachte
noch mal an die Begebenheit in der Küche zurück. Gegen einen
Typen seiner Statur und noch dazu einem Vampir konnte sie nicht bestehen.
Das war unmöglich. Sie schaute ihm flüchtig in die Augen. Sie
schauten Selenia an wie immer. Nur dieses Mal erkannte Selenia auch die
Kälte dieses Blickes.
Ihre Augen füllten sich mit Tränen und sie rannte an ihm vorbei
in ihr Zimmer, schmiss sich auf ihr Bett und weinte still in ihr Kissen
hinein. „War es das, wovor Tiara und Aylia warnen wollten? Dass
ich einen Vampir beherberge? Haben sie ihr Leben lassen müssen, weil
Raffael von ihrem Vorhaben gewusst hatte? Raffael... Hat er sie etwa...“
Raffael stand noch immer düster grinsend in der Küche. „Sie
hat mich gefragt. Ich habe geantwortet. Nun muss sie auch mit den Konsequenzen
leben...“, er schnaubte einmal verächtlich „...oder sterben...“
Jedoch... Als er an das Gesicht Selenias dachte mischte sich noch ein
anderes Gefühl dazu... Dieses Gesicht... Irgend etwas war merkwürdig...
Ihre Augen... Sie waren traurig... Nein. Sie waren verzweifelt. Raffael
fiel auf, dass er sie niemals herzlich hatte lachen sehen. Nicht einmal
an ein glückliches Lächeln konnte er sich erinnern. Selenia
wirkte einfach immer betrübt... War Selenia überhaupt irgendwann
mal glücklich gewesen...?
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