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Der
letzte Todesfall lag nun schon eine Woche zurück und Selenia beruhigte
sich langsam. Alles kehrte wieder zur Normalität zurück. Aber
irgend etwas war verändert... Selenia wusste allerdings nicht, was
es war...
Es war ein sonniger Sonntagvormittag. Der Wecker nervte Selenia mal wieder
so lange mit seinem Gebimmel, das sie mit der Hand ihn von dem Nachttischchen
fegte. Er flog ratternd durch das Zimmer und landete scheppernd an einer
Zimmerwand. „Ruhe jetzt. Ich will ausschlafen...“ grummelte
Selenia in ihr Kissen hinein. Aber es war schon zu spät. Der Wecker
hatte es geschafft und sie vollends aufgeweckt. Sie rollte sich noch ein
paar Mal im Bett rum und fiel mit einem „bums“ aus selbigen
hinaus. „Aua...“ sie rieb sich ihren schmerzenden Kopf. „Na
klasse. Nun kann ich auch aufstehen...“ Sie stand auf und zog die
Gardinen von ihrem Fenster auf. Licht durchflutete den Raum und Selenia
musste erst mal die Augen zukneifen. Als sich ihre Augen an die Helligkeit
gewöhnt hatten, machte sie das Fenster ganz auf und ging auf den
Balkon hinaus. Es war ein wunderschöner Morgen... Der Wind tanzte
mit ihren Haaren, die in der Morgensonne golden glänzten. Sie sah
verträumt auf das Blumenmeer unter ihr hinab und seufzte einmal tief.
Die schwarzen Knospen waren noch immer geschlossen... „Auch Blumen
brauchen ihre Zeit...“, dachte sie mit einem Seufzen. „Es
ist meine letzte Chance... Wenn ich das nicht hinbekomme, dass sie endlich
mal anfangen zu blühen, bin ich bei den Anderen unten durch... Und
ich werde ihn niemals erhalten.“ Ein besorgter Gesichtsausdruck
huschte über ihre Züge. Selenia drehte sich um und ging zurück
ins Haus. Sie nahm ihren Morgenmantel, knotete ihn sich um die Taille
und ging die Treppe ins untere Stockwerk hinunter.
Gedankenverloren bog sie in ihre Küche ein. „Morgen...“
murmelte sie leicht verschlafen zu Raffael hinüber. „Halt!
Hab ich das jetzt wirklich gesehen...?!“ Selenia schielte zu ihm
hinüber und lief knallrot an. Da stand Raffael nur in einer leichten
Leinenhose an der Wand gelehnt und trank seelenruhig seinen Orangensaft.
„Eijeh...“ dachte sich Selenia nur noch, dann rannte sie knallrot
wie eine Tomate aus der Küche, während Raffael gegen einen Lachkrampf
ankämpfte. „Das darf doch nicht wahr sein...! Der steht da
ohne Oberbekleidung am Sonntagmorgen in MEINER Küche!! Aber.... schlecht
aussehen tut er ja nicht....“ dachte sie mit einem Schmunzeln. Als
ihr klar wurde, WAS sie da gedacht hatte, verpasste sie sich erst einmal
eine Ohrfeige. „Selenia! Solche Gedanken hast du gefälligst
nicht zu haben!“ Aber sie konnte es sich doch nicht verkneifen.
Sie lugte mit einem Auge zur Küche hinein und musterte noch mal Raffaels
Oberkörper. Selbiger war gar nicht mal so schlecht proportioniert.
Fett suchte man da vergeblich. Kräftige Arme, breite Schultern und
ein Waschbrettbauch. Und das bei einer Körpergröße von
etwas mehr als 2 Metern... Grinsend schaute Raffael zu ihr hinüber,
wohlwissend, was sie da tat. Selenia merkte es erst reichlich spät.
Sie schaute ihm in die Augen, registrierte, dass er sie sehr wohl bemerkt
hatte und rannte wieder in ihr Zimmer. „Wah... Was mach ich nur...??
Warum bloß hab ich ihn so angestarrt...“ Wieder lief Selenia
rot an. „Jemine... Jetzt kann ich mich doch unmöglich noch
mal unten sehen lassen... Und unter die Augen treten kann ich ihm nun
auch nicht mehr... Jemine...“ Selenia nahm ihr Kissen von Bett und
drückte es einmal feste vor ihr Gesicht. „Was ist nur mit mir
los?! Ich sollte doch nicht etwa... Nein. Das kann nicht. Das ist ein
Gefühl, welches ich nun nicht mehr besitzen kann. Oder... Doch...?“,
fragte sie zögernd in sich hinein. Sie legte sich wieder aufs Bett
und fiel schnell wieder in einen tiefen, traumlosen Schlaf.
Als sie ein paar Stunden später wieder erwachte – dieses Mal
von selbst, da ihr Wecker ja kaputt war,- schaute sie auf ihren Wandkalender.
Der 3. Oktober. Nun würden bald die Blätter anfangen sich zu
verfärben... Nun würde es auch schon sehr bald sehr kalt werden.
Ihr Hoffnungen schwanden immer weiter, dass das Blumenmeer jemals anfangen
könnte zu blühen... „...Wenn du wirklich glücklich
bist, wird es anfangen zu blühen...“, erinnerte sich Selenia
zurück. Aber wie könnte sie es jemals werden...? Es waren bereits
so schlimme Dinge passiert... 2 von 5 Erzengeln waren getötet worden...
Und irgendwie wurde sie das Gefühl nicht los, dass das allein ihre
Schuld war. „Airynn... Tiara... Bitte... Könnt ihr mir verzeihen...?
Es tut mir so fürchterlich leid...“, wisperte sie in die Stille
ihres Zimmers hinein. „Tiara... Du wolltest mir irgend etwas über
Raffael sagen... Aber was?! Ich versteh das alles nicht mehr...“
leise fing sie an zu schluchzen. „Hoffentlich zieht der Himmel wenigstens
die anderen Engel wieder von der Erde ab... Es dürfen nicht noch
mehr sterben...“
Es klopfte an der Tür. „Selenia?“ Es war Raffael. Selenia
erinnerte sich wieder an den Morgen und sie erinnerte sich daran, dass
die Tür zu ihrem Zimmer nicht abgeschlossen war. „Mist...“
Dachte sie, während sie schon wieder errötete. „Äh...
Ich bin nicht da!“ Erbärmlich. Einfach nur erbärmlich.
Sie machte sich lächerlich und das wusste sie. „Ich wollte
nur wissen, ob du heute noch mal aus deinem Zimmer raus kommst! Es ist
schon früher Nachmittag!“ Selenia schielte auf ihre Armbanduhr.
Tatsächlich. Es war schon nach 15 Uhr... „Jaja... Ich komm
ja gleich. War irgendwas Besonderes?“ „Nein. Was ich noch
fragen wollte... Kann ich eines der Bücher mal ausleihen, die du
unten im Wohnzimmer stehen hast?“ „Ja klar! Ich lese die sowieso
nicht mehr. Habe schon alle durch.“ „Danke!“ Das Nächste,
was Selenia hörte waren seine Schritte auf der Treppe. Erleichtert
seufzte sie einmal tief. „Hui... Gerade noch mal gut gegangen...“
Sie nahm ihre Sachen vom Stuhl und verzog sich leise ins Badezimmer.
„Was haben wir denn hier alles Schönes...“ murmelte Raffael
vor sich hin. „Faust, Romeo und Julia, Magus... Hmm.. Das hört
sich doch mal interessant an...“ Er nahm das dicke Buch namens Magus
aus dem Regal und blätterte es einmal durch. Er zog die Stirn in
Falten. Keine Seite ohne altmythologische Zeichen... Und noch ein paar
Zeichen, die nicht einmal er lesen konnte... „Das scheint ein altes
Buch über die Engel zu sein... Dieses Haus ist die reinste Goldgrube!“,
grinste er hämisch. „Also... Was haben wir denn da...?“
Er schlug das Kapitel über die Erzengel auf. „Es gibt insgesamt
4 Erzengel. Sie verkörpern die Mächte der Stärke, des Wissens,
der Kunst und der Gerechtigkeit.“, stand da. „Vier Erzengel...?
Aber... Die Kugel, die ich da gefunden habe zeigt fünf Engel. Und
langsam bin ich mir sicher, dass es Erzengel sind... Naja. Lese ich erst
einmal weiter. Vielleicht kommt die Stelle ja noch.“ Murmelte er
leise in sich hinein. „Es heißt, dass es noch einen 5. Erzengel
gibt. Dieser soll die Mächte aller anderen Erzengel in sich verkörpern
und somit der stärkste Erzengel sein. Die mächtigste Waffe des
Himmels.“ „Ja, langsam wird das interessant...“ Weiter
hieß es: „Wenn dieser 5. Erzengel das Licht des Lebens erblickt,
heißt das, dass die Zeit der Dunkelheit angebrochen ist. Verluste
werden zu verzeichnen sein. Schwere Verluste... Der letzte Erzengel wird
über das Schicksal des Himmels entscheiden... Er ist wird geschaffen
werden, um zu leiden. Das Ziel seines Lebens wird der Tod sein. Egal welche
Richtung er einschlagen wird. Einer Seite wird er sich opfern müssen.
Dem Licht oder der Dunkelheit.“ Ab da wurden die Zeichen unleserlich.
„Und da heißt es immer, Engel wären feinfühlige
Wesen, die alle Art von Gewalt gegenüber ihrer Art verabscheuen.
Und dann wollen sie ein Wesen ins Leben entlassen, das nur Schmerzen empfinden
kann... Das ist unfair. Das wäre es sogar für Vampire.“
Auf einmal hörte Raffael hinter sich leise Schritte. Er drehte und
sah Selenia an. Schüchtern sah sie zurück. Ihre Wangen röteten
sich bei seinem Blick leicht. Sie drehte sich gleich wieder um und eilte
in die Küche. „Ich hoffe mal, was du heute morgen gesehen hast,
gefiel dir wenigstens!“, rief er ihr fies grinsend hinter her. Selenia
lehnte sich noch mal aus dem Türrahmen und streckte ihm ihre Zunge
entgegen. „Bääääääääääääääääääääääää!
Und wenn nicht?“ kicherte sie grinsend zurück. „Jemine...
Ich benehme mich wie ein pubertäres Früchtchen...“, brummelte
sie in sich hinein. Sie suchte sich ihre Zutaten und machte sich wieder
ihren Honig-Nektar-Blutorangen-Saft.
Als sie sich wieder umdrehte, stand Raffael im Türrahmen. „Wenn
nicht, will ich eine Begründung haben.“ Grinste er sie an.
Selenia seufzte einmal tief. „Ahja... Ich nehme mir mal eines dieser
Bücher mit aufs Zimmer, ok?“ fragte er. „Jaja, schon
gut. Ich werde später noch mal wieder in die Stadt gehen.“
„Wohl eher mir aus dem Weg, was?“ „Wenn du’s so
willst: Ja.“ „Na wenigstens bist du ehrlich!“, lächelte
er sie an. Das hätte er besser nicht machen sollen. Nun lief sie
schon wieder rot an. Schnell drehte sich Selenia um und nippte an ihrem
Saft. Während ihre Blicke wieder über das Blumenfeld streiften,
hörte sie hinter sich Raffael die Treppe hinaufgehen. „Dieser
Typ bringt mich vollends durcheinander...“ mit einem schiefen Grinsen
schluckte sie den Rest ihres Saftes hinunter. Sie ging zur Garderobe,
nahm ihren Mantel vom Haken und den Schlüssel vom Schlüsselbrett,
rief noch ein „Bis später!“ durch den Türrahmen
und verließ dann das Haus. „Einkaufen hat mir noch immer geholfen,
wenn ich mich ablenken musste...“
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