Kapitel 4: Merkwürdige Gefühle

 

Der letzte Todesfall lag nun schon eine Woche zurück und Selenia beruhigte sich langsam. Alles kehrte wieder zur Normalität zurück. Aber irgend etwas war verändert... Selenia wusste allerdings nicht, was es war...

Es war ein sonniger Sonntagvormittag. Der Wecker nervte Selenia mal wieder so lange mit seinem Gebimmel, das sie mit der Hand ihn von dem Nachttischchen fegte. Er flog ratternd durch das Zimmer und landete scheppernd an einer Zimmerwand. „Ruhe jetzt. Ich will ausschlafen...“ grummelte Selenia in ihr Kissen hinein. Aber es war schon zu spät. Der Wecker hatte es geschafft und sie vollends aufgeweckt. Sie rollte sich noch ein paar Mal im Bett rum und fiel mit einem „bums“ aus selbigen hinaus. „Aua...“ sie rieb sich ihren schmerzenden Kopf. „Na klasse. Nun kann ich auch aufstehen...“ Sie stand auf und zog die Gardinen von ihrem Fenster auf. Licht durchflutete den Raum und Selenia musste erst mal die Augen zukneifen. Als sich ihre Augen an die Helligkeit gewöhnt hatten, machte sie das Fenster ganz auf und ging auf den Balkon hinaus. Es war ein wunderschöner Morgen... Der Wind tanzte mit ihren Haaren, die in der Morgensonne golden glänzten. Sie sah verträumt auf das Blumenmeer unter ihr hinab und seufzte einmal tief. Die schwarzen Knospen waren noch immer geschlossen... „Auch Blumen brauchen ihre Zeit...“, dachte sie mit einem Seufzen. „Es ist meine letzte Chance... Wenn ich das nicht hinbekomme, dass sie endlich mal anfangen zu blühen, bin ich bei den Anderen unten durch... Und ich werde ihn niemals erhalten.“ Ein besorgter Gesichtsausdruck huschte über ihre Züge. Selenia drehte sich um und ging zurück ins Haus. Sie nahm ihren Morgenmantel, knotete ihn sich um die Taille und ging die Treppe ins untere Stockwerk hinunter.
Gedankenverloren bog sie in ihre Küche ein. „Morgen...“ murmelte sie leicht verschlafen zu Raffael hinüber. „Halt! Hab ich das jetzt wirklich gesehen...?!“ Selenia schielte zu ihm hinüber und lief knallrot an. Da stand Raffael nur in einer leichten Leinenhose an der Wand gelehnt und trank seelenruhig seinen Orangensaft. „Eijeh...“ dachte sich Selenia nur noch, dann rannte sie knallrot wie eine Tomate aus der Küche, während Raffael gegen einen Lachkrampf ankämpfte. „Das darf doch nicht wahr sein...! Der steht da ohne Oberbekleidung am Sonntagmorgen in MEINER Küche!! Aber.... schlecht aussehen tut er ja nicht....“ dachte sie mit einem Schmunzeln. Als ihr klar wurde, WAS sie da gedacht hatte, verpasste sie sich erst einmal eine Ohrfeige. „Selenia! Solche Gedanken hast du gefälligst nicht zu haben!“ Aber sie konnte es sich doch nicht verkneifen. Sie lugte mit einem Auge zur Küche hinein und musterte noch mal Raffaels Oberkörper. Selbiger war gar nicht mal so schlecht proportioniert. Fett suchte man da vergeblich. Kräftige Arme, breite Schultern und ein Waschbrettbauch. Und das bei einer Körpergröße von etwas mehr als 2 Metern... Grinsend schaute Raffael zu ihr hinüber, wohlwissend, was sie da tat. Selenia merkte es erst reichlich spät. Sie schaute ihm in die Augen, registrierte, dass er sie sehr wohl bemerkt hatte und rannte wieder in ihr Zimmer. „Wah... Was mach ich nur...?? Warum bloß hab ich ihn so angestarrt...“ Wieder lief Selenia rot an. „Jemine... Jetzt kann ich mich doch unmöglich noch mal unten sehen lassen... Und unter die Augen treten kann ich ihm nun auch nicht mehr... Jemine...“ Selenia nahm ihr Kissen von Bett und drückte es einmal feste vor ihr Gesicht. „Was ist nur mit mir los?! Ich sollte doch nicht etwa... Nein. Das kann nicht. Das ist ein Gefühl, welches ich nun nicht mehr besitzen kann. Oder... Doch...?“, fragte sie zögernd in sich hinein. Sie legte sich wieder aufs Bett und fiel schnell wieder in einen tiefen, traumlosen Schlaf.

Als sie ein paar Stunden später wieder erwachte – dieses Mal von selbst, da ihr Wecker ja kaputt war,- schaute sie auf ihren Wandkalender. Der 3. Oktober. Nun würden bald die Blätter anfangen sich zu verfärben... Nun würde es auch schon sehr bald sehr kalt werden. Ihr Hoffnungen schwanden immer weiter, dass das Blumenmeer jemals anfangen könnte zu blühen... „...Wenn du wirklich glücklich bist, wird es anfangen zu blühen...“, erinnerte sich Selenia zurück. Aber wie könnte sie es jemals werden...? Es waren bereits so schlimme Dinge passiert... 2 von 5 Erzengeln waren getötet worden... Und irgendwie wurde sie das Gefühl nicht los, dass das allein ihre Schuld war. „Airynn... Tiara... Bitte... Könnt ihr mir verzeihen...? Es tut mir so fürchterlich leid...“, wisperte sie in die Stille ihres Zimmers hinein. „Tiara... Du wolltest mir irgend etwas über Raffael sagen... Aber was?! Ich versteh das alles nicht mehr...“ leise fing sie an zu schluchzen. „Hoffentlich zieht der Himmel wenigstens die anderen Engel wieder von der Erde ab... Es dürfen nicht noch mehr sterben...“

Es klopfte an der Tür. „Selenia?“ Es war Raffael. Selenia erinnerte sich wieder an den Morgen und sie erinnerte sich daran, dass die Tür zu ihrem Zimmer nicht abgeschlossen war. „Mist...“ Dachte sie, während sie schon wieder errötete. „Äh... Ich bin nicht da!“ Erbärmlich. Einfach nur erbärmlich. Sie machte sich lächerlich und das wusste sie. „Ich wollte nur wissen, ob du heute noch mal aus deinem Zimmer raus kommst! Es ist schon früher Nachmittag!“ Selenia schielte auf ihre Armbanduhr. Tatsächlich. Es war schon nach 15 Uhr... „Jaja... Ich komm ja gleich. War irgendwas Besonderes?“ „Nein. Was ich noch fragen wollte... Kann ich eines der Bücher mal ausleihen, die du unten im Wohnzimmer stehen hast?“ „Ja klar! Ich lese die sowieso nicht mehr. Habe schon alle durch.“ „Danke!“ Das Nächste, was Selenia hörte waren seine Schritte auf der Treppe. Erleichtert seufzte sie einmal tief. „Hui... Gerade noch mal gut gegangen...“ Sie nahm ihre Sachen vom Stuhl und verzog sich leise ins Badezimmer.

„Was haben wir denn hier alles Schönes...“ murmelte Raffael vor sich hin. „Faust, Romeo und Julia, Magus... Hmm.. Das hört sich doch mal interessant an...“ Er nahm das dicke Buch namens Magus aus dem Regal und blätterte es einmal durch. Er zog die Stirn in Falten. Keine Seite ohne altmythologische Zeichen... Und noch ein paar Zeichen, die nicht einmal er lesen konnte... „Das scheint ein altes Buch über die Engel zu sein... Dieses Haus ist die reinste Goldgrube!“, grinste er hämisch. „Also... Was haben wir denn da...?“ Er schlug das Kapitel über die Erzengel auf. „Es gibt insgesamt 4 Erzengel. Sie verkörpern die Mächte der Stärke, des Wissens, der Kunst und der Gerechtigkeit.“, stand da. „Vier Erzengel...? Aber... Die Kugel, die ich da gefunden habe zeigt fünf Engel. Und langsam bin ich mir sicher, dass es Erzengel sind... Naja. Lese ich erst einmal weiter. Vielleicht kommt die Stelle ja noch.“ Murmelte er leise in sich hinein. „Es heißt, dass es noch einen 5. Erzengel gibt. Dieser soll die Mächte aller anderen Erzengel in sich verkörpern und somit der stärkste Erzengel sein. Die mächtigste Waffe des Himmels.“ „Ja, langsam wird das interessant...“ Weiter hieß es: „Wenn dieser 5. Erzengel das Licht des Lebens erblickt, heißt das, dass die Zeit der Dunkelheit angebrochen ist. Verluste werden zu verzeichnen sein. Schwere Verluste... Der letzte Erzengel wird über das Schicksal des Himmels entscheiden... Er ist wird geschaffen werden, um zu leiden. Das Ziel seines Lebens wird der Tod sein. Egal welche Richtung er einschlagen wird. Einer Seite wird er sich opfern müssen. Dem Licht oder der Dunkelheit.“ Ab da wurden die Zeichen unleserlich. „Und da heißt es immer, Engel wären feinfühlige Wesen, die alle Art von Gewalt gegenüber ihrer Art verabscheuen. Und dann wollen sie ein Wesen ins Leben entlassen, das nur Schmerzen empfinden kann... Das ist unfair. Das wäre es sogar für Vampire.“

Auf einmal hörte Raffael hinter sich leise Schritte. Er drehte und sah Selenia an. Schüchtern sah sie zurück. Ihre Wangen röteten sich bei seinem Blick leicht. Sie drehte sich gleich wieder um und eilte in die Küche. „Ich hoffe mal, was du heute morgen gesehen hast, gefiel dir wenigstens!“, rief er ihr fies grinsend hinter her. Selenia lehnte sich noch mal aus dem Türrahmen und streckte ihm ihre Zunge entgegen. „Bääääääääääääääääääääääää! Und wenn nicht?“ kicherte sie grinsend zurück. „Jemine... Ich benehme mich wie ein pubertäres Früchtchen...“, brummelte sie in sich hinein. Sie suchte sich ihre Zutaten und machte sich wieder ihren Honig-Nektar-Blutorangen-Saft.

Als sie sich wieder umdrehte, stand Raffael im Türrahmen. „Wenn nicht, will ich eine Begründung haben.“ Grinste er sie an. Selenia seufzte einmal tief. „Ahja... Ich nehme mir mal eines dieser Bücher mit aufs Zimmer, ok?“ fragte er. „Jaja, schon gut. Ich werde später noch mal wieder in die Stadt gehen.“ „Wohl eher mir aus dem Weg, was?“ „Wenn du’s so willst: Ja.“ „Na wenigstens bist du ehrlich!“, lächelte er sie an. Das hätte er besser nicht machen sollen. Nun lief sie schon wieder rot an. Schnell drehte sich Selenia um und nippte an ihrem Saft. Während ihre Blicke wieder über das Blumenfeld streiften, hörte sie hinter sich Raffael die Treppe hinaufgehen. „Dieser Typ bringt mich vollends durcheinander...“ mit einem schiefen Grinsen schluckte sie den Rest ihres Saftes hinunter. Sie ging zur Garderobe, nahm ihren Mantel vom Haken und den Schlüssel vom Schlüsselbrett, rief noch ein „Bis später!“ durch den Türrahmen und verließ dann das Haus. „Einkaufen hat mir noch immer geholfen, wenn ich mich ablenken musste...“

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