Kapitel 2: Airynn

Selenia schaute zum Himmel. Dort oben stand der Mond in vollem Glanze. Es war Vollmond, daher konnte Selenia den Weg gut erkennen. „Bitte du Wächter der Nacht... Lass mich nicht im Stich und erleuchte mir den Weg...“ gehetzt rannte sie den nun stockfinsteren Weg entlang. Ihre Gedanken kreisten nur noch um diese Stimme in ihrem Kopf... „Ich soll wissen, was da passiert ist... Aber wenn meine Vermutungen richtig sind dann...“ Entsetzen machte sich auf ihrem Gesicht breit. Nein. Das durfte einfach nicht passiert sein...
Als sie in der Stadt ankam, schaute sie auf die Kirchturmuhr. 23.00 Uhr... Sie sah sich um. Überall waren noch immer Menschen auf den Straßen, überall war es belebt... Ihr sträubten sich die Nackenhäärchen... „Wie sollte ich sie denn hier finden...?“ Sie rannte durch die Hauptstraße. Sie blickte in jede Seitenstraße. „Bittebitte... Lass nicht das geschehen sein, was ich denke...“ Wieder sah sie zum Mond hinauf. „Wenn sich die Prophezeiung tatsächlich erfüllt... Dann ist es Airynn... Aber wie sollte ich sie finden? Und wenn es schon geschehen ist... Was sollte ich machen...?“ Tränen der Verzweiflung bildeten sich in ihren Augen. Auf einmal lief ihr ein kalter Schauer über den Rücken. Hier war es irgendwo... Sie sah sich um. Sie stand vor einer dunklen Gasse... Weit in den oberen Stockwerken waren Wäscheleinen zu erahnen, an den Wänden waren Mülltonnen und Müllcontainer gestapelt... Und sie war sehr, sehr düster und lang... „Hilft wohl alles nichts...“ Sie legte die Hand an eine der Wände und rannte so die dunkle Gasse hinein.

Nach einer Weile kam sie auf einen kleinen Platz umgeben von Häusern. In der Mitte sah sie eine weiß leuchtende Gestalt. Es schien, als schwebte sie über der Erde. „Airynn!“ Die Gestalt drehte sich langsam zu Selenia um. „Hm?“ Als Selenia näher kam, war die Erscheinung genauer zu erkennen. Es war ein Mädchen. Ein weißes Leuchten ging von ihr aus und sie war mit einem langen, weißen Kleid bekleidet. Aus ihrem Rücken ragten zwei große, weiße Flügel. Ein Erzengel... „Airynn! Was machst du denn hier?!“ „Öh... Selenia? Sag mir mal lieber, was DU hier machst!“ „Für lange Erklärungen bleibt keine Zeit... Du musst von hier verschwinden!“ „Aber...“ „NICHTS ABER! Weg hier!“

Aber es war schon zu spät... Ein Schatten landete in dem kleinen Hinterhof... Selenia konnte gar nicht so schnell reagieren, da wurde ihr schwarz vor Augen und sie fiel wieder in Ohnmacht...

Als sie wieder erwachte, schlug die Kirchturmglocke vier Uhr. Sie blinzelte ein paar Mal um dieses taube Gefühl aus dem Kopf zu bekommen. „Was ist denn nun schon wieder passiert...“, und nachdem sie wieder klar denken konnte: „Airynn... Wo ist Airynn?!“ Sie blickte sich gehetzt um. Allerdings konnte sie so gut wie nichts erkennen. So tastete sie sich blind auf allen Vieren über die Erde. „Airynn? Bist du noch da?“ Ihre Hand stieß auf etwas... Etwas Feuchtes... Als sich ihre Augen dann etwas besser an die Dunkelheit gewöhnt hatten, erkannte sie, was da lag... Airynn... „Aber... was...? Airynn... das darf nicht wahr sein...!“ Auf der Erde lag der Erzengel... Ihr Gewand war in ihr eigenes Blut getaucht und die Augen waren geschlossen... In ihrem Hals waren an der Seite zwei Wunden in merkwürdiger Anordnung... Ein kleines Loch war oben, eines war etwas weiter unten. Selenia wich die Farbe aus dem Gesicht. „Vampire... Nein. Nicht auch noch hier... Bitte nicht...“ Flehend sah sie zum Mond hinauf, als ob dieser das Geschehene wieder gut machen könnte. „Aber... Wenn sie tot ist...Warum ist dann ihr Körper noch hier...? Es heisst doch, wenn ein Engel stirbt, verlässt seine Seele den Körper und dieser verschwindet danach...? Und... Warum lebe ich dann noch...?“ Ängstlich blickte sie sich in dem Innenhof um. Jedoch niemand war zu sehen. Es meldete sich wieder die Stimme aus ihrem Inneren: „Hey! Jetzt sag mir nicht, dass du nicht weißt, was nun zu tun ist!“ Irritiert schaute sich Selenia wieder um. „Wer bist du?“ „Tut nichts zur Sache. Also: Weißt du, was du machen musst, oder nicht?“ Die Stimme klang befehlend, beinahe schon unfreundlich. „Ich.. ähm...“ „Ich hab’s mir denken können. Also: Du legst deine Hand auf die Stelle, wo Airynns Herz schlug und murmelst folgende Worte:“ Es folgten einige Worte, die nicht einmal Selenia genau verstand. „Ja, und dann?“ fragte Selenia in sich hinein. Aber die Stimme schien schon wieder verschwunden. „Hmm...“ Sie tat wie ihr geheißen. Als sie gerade die letzten Worte zu ende gesprochen hatte, umgab sie wieder ein Leuchten. Dieses hüllte auch Airynn ein und auf einmal erhellte ein gleißender Blitz die Nacht. Als Selenia die Augen wieder öffnete, sah sie vor sich einen kleinen Kristall in der Luft schweben. Neugierig betrachtete sie ihn. „Das ist der Seelenkristall von Airynn... Deshalb also konnte ihre Seele nicht entschwinden... Sie war noch an den Körper gebunden...“ Behutsam nahm sie den Kristall in die Hand. Dieser jedoch glomm einmal auf und verschwand in einem Funkenleuchten in Selenias Körper. Verdutzt schaute Selenia auf die nun leere Hand. „Was war das...?“ Praktisch zeitgleich leuchtete auch Airynns Körper und löste sich in kleine, schwach leuchtende Lichtkügelchen auf, welche zum Himmel schwebten. Selenia schaute sich das verwundert, aber auch traurig an. „Auf Wiedersehen, Airynn...“

Sie stand auf und schaute wieder zum Mond. Sein Glanz spiegelte sich in ihren Tränen wieder, welche ihr die Wange hinunter rollten. „So... Das Geschehene kann man nicht rückgängig machen... Aber was war das für ein Kristall...? Naja... Ich sollte erst einmal wieder nach Hause...“ Besorgt sah sie sich noch mal um, konnte allerdings nicht viel erkennen. Es war schlichtweg zu dunkel. „Hmm... Da lang.“ Sie tastete sich vorsichtig an eine Wand und suchte den Gang, aus dem sie vor einigen Stunden den Platz betreten hatte. „Airynn... Somit bleiben also nur noch 4 Erzengel...“

Nach einem kurzen Weg betrat sie wieder die Hauptstraße. Sie war längst nicht mehr so belebt wie vor einigen Stunden. Sie schaute noch mal mit traurigem Blick in die dunkle Gasse. Dann lief sie den Weg zu ihrem Haus hinauf.

Drinnen ließ sie sich erst einmal gegen den Türrahmen sinken und seufzte einmal tief. Sie schaute auf die Uhr. Fünf Uhr... Es lohnt sich schon beinahe nicht mehr, ins Bett zu sinken... Sie nahm ihren Schlüssel und hängte ihn wieder an das Schlüsselbrett. Dort hin bereits ein weiterer. „Raffael ist also auch schon wieder da... Naja. Nicht wirklich verwunderlich... Ist ja auch schon 'früh‘ “ Selenia ging die Treppe hinauf und direkt in ihr Zimmer. Sie zog sich um und fiel direkt in ihr Bett; direkt in Tiefschlaf.

Als am nächsten Morgen um halb acht der Wecker klingelte, murmelte sie ein leises: „Nein...Ich will noch nicht aufstehen...“, und drehte sich noch mal in ihrem Bett um. Aber der Wecker hörte einfach nicht auf, penetrant in der Gegend rum zu piepsen. „Jaja... Ist ja schon gut... Ich bin wach.“ Sie bedachte ihren Wecker mit einem bösen Blick und stand auf. „Nun gib endlich Ruhe.“ Mit einem „Klick“ schaltete sie den Wecker aus. Sie nahm ihre Sachen vom Stuhl und verzog sich ins Badezimmer.

Als sie nach unten ging und in die Küche einbog, bekam sie erst einmal einen gehörigen Schock. „Raffael... Ich hatte dich schon vergessen...“ Leicht verlegen schaute sie zu ihm auf. Schmunzelnd schaute Raffael sie an „Ich muss ja einen bleibenden Eindruck bei dir hinterlassen haben.“ „Magst du auch einen OHN-Saft?“ „Einen was?“ „Das Zeug von gestern.“ „Ach. Den gibt es bei dir wohl immer, was?“ „Jup.“ „Hmmm... Nun gut. Übrigens: Du kamst gestern Abend wirklich spät nach Hause, was?“ „Hast du mich noch gehört?“ „Ja. Warst ja nicht zu überhören.“ „Oh... Entschuldigung...“ „Ach. Schon ok. Ich konnte eh nicht schlafen. Aber wo warst du denn so spät? Du siehst nicht so aus, als seist du in irgendeiner Kneipe versumpft...“ „Ach... Ich mag nicht drüber reden, ok?“ „Jaja, schon gut.“ Selenia drückte Raffael das Glas in die Hand. „Sö. Aber nun wird erst einmal gefrühstückt...“ Sie schaute zum Tisch rüber. „Hmm... Brot, Butter und Wurst... Hast du schon gefrühstückt?“ „Jap. Ich dachte, du würdest den ganzen Tag durchratzen.“ „Hätt‘ ich auch getan, hätt‘ mich mein Wecker nicht rausgeschmissen.“ Leicht entnervt dachte sie an das piepsende Ding zurück. Selenia setzte sich auf einen Stuhl, überlegte es sich anders und ging zum Medizinschrank. Sie suchte eine kurze Weile, dann fand sie, was sie suchte: Ihre Aspirin. „Juhu. Wenigstens ein positiver Aspekt dieses Tages: Es sind noch Kopfschmerztabletten vorhanden und das Ablaufdatum ist noch nicht erreicht.“ Sarkastisch verzog sie das Gesicht. Raffael schmunzelte zu ihr rüber. „Falls du mich suchst, ich bin oben. Habe gestern noch ein interessantes Buch in der Stadt gefunden.“ „Jaja...“ Selenia setzte sich wieder an den Frühstückstisch und fing an zu frühstücken.

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