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Die
Angst schnürte Selenia die Kehle zu. „Rachel...“, schluchzte
sie, während Tränen ihr über die Wangen rollten. Zögernd
legte sie ihre Hände auf Rachels Herz und sprach die Formel der Seelentrennung.
Leuchten hüllte die beiden Engel ein, dann entschwand Rachels Seele
in einem Meer aus leuchtenden Energiekugeln und hinterließ nur ihren
Kristall, welcher sich allerdings auch auflöste, als Selenia ihn
berührte. Eine kurze Weile sah Selenia noch den glitzernden Punkten
nach, dann stand sie auf. Ihr wurde schwindelig und von den Augenwinkeln
zog eine tiefe Schwärze nach vorne. Selenia bekam eine Gänsehaut.
Darkside war noch immer in der Nähe...
Es wurde kalt. Schnee begann zu fallen und Selenia konnte ihren Atem sehen.
Sie wusste nicht mehr, aus welcher Richtung sie gekommen war, sie rannte
in Todesangst drauf los. Sie strauchelte und sah sich ständig über
die Schulter. Darkside kam näher... Auf einmal lag ihr etwas im Weg,
Selenia strauchelte, fiel hin und rutschte einige Meter über den
Boden. „Aua...“ Sie biss die Zähne zusammen und stand
wieder auf. Ihre Hose hatte nun ein Loch über dem Knie. Selenia bückte
sich und rieb den Schmutz beiseite. „Es ist nur eine Schürfwunde...
Wenn du wieder zu Hause bist, verarztest du sie...“, versuchte sie
sich selbst zu beruhigen. Es lief ihr kalt den Rücken hinunter. „Aber
erst einmal muss ich es bis nach Hause schaffen....“ Hoffnungslosigkeit
machte sich in ihr breit. Selenia hatte sich verlaufen. Hinter sich Darkside,
vor sich eine nicht enden wollende Finsternis. Sie sah nach oben in der
Hoffnung, den Mond zu finden. Es sollte Vollmond sein und Selenia konnte
sein mildes Licht gut gebrauchen. Sie fand ihn nicht. Sie konnte ja nicht
einmal Sterne erkennen... Es wurde ihr schwarz vor Augen und Selenia taumelte.
An eine Wand gekrallt wartete sie, bis sie wieder mehr sehen konnte. „Bitte...
Ich darf nicht zusammenbrechen... Nicht hier und schon gar nicht jetzt...
Bitte nicht... Langsam kam ihre Sehstärke zurück, aber dafür
stellten sich nun Kopfschmerzen ein. Selenia konnte ihren Herzschlag schon
in ihrem Kopf spüren... Taumelnd bewegte sie sich weiter, immer an
die Wand gestützt. Einige Male bog sie in Nebengassen ein. Ihre Hoffnung
schwand immer weiter Doch auf einmal war in einiger Entfernung ein Lichtschein
zu sehen. „Die Straße! Endlich!“ Selenia beschleunigte
ihren Schritt und rannte auf das Licht zu.
„... Warum...?“, als ob es nicht Selenias Gedanke gewesen
wäre, als ob es jemand anders gesagt hatte, blieb sie stehen. Tränen
füllten ihre Augen. „Warum eigentlich die ganze Mühe...“
Es waren nur noch 20 Meter bis zur belebten Straße. Wenn sie es
bis dort hin schaffen könnte, wäre sie gerettet. Selenia streckte
die Hand aus, als ob sie nach dem Licht greifen wollte. „Heute kann
ich entkommen... Und dann...?“ Sie wischte sich eine Träne
von der Wange. Sie glitzerte wie ein Kristall im Licht der Straßenlaternen
und das Treiben der Straße spiegelte sich in ihr wieder. „Nach
Hause kann ich nicht mehr... Raffael - Nein, Darkside – würde
dort zuerst suchen...“ Selenia fing an zu schluchzen. „Ich
hab doch gar keine Wahl... Geboren um zu leiden und leben um zu sterben...
Ich kann meinem Schicksal nicht entkommen...“ Selenia schaute wehmütig
zur Straße. Sie ballte ihre noch immer ausgestreckte Hand zur Faust
und ließ sie sinken. „Nun denn... Mir bleibt keine andere
Wahl mehr...“ Sie drehte sich um und lief wieder in die Dunkelheit
zurück. Sie musste lächeln.
Als
das Licht der Straße in die Ferne gerückt war, blieb sie stehen
und schaute in die Dunkelheit. Sie war an einer Kreuzung angelangt. Sie
überlegte kurz und schlug den Weg zu ihrer Rechten ein. Ihre Hand
umschloss die Kette mit dem Engelsanhänger. „Airynn... Tiara...
Aylia... Rachel... Es tut mir leid. Ich sehe einfach keine andere Möglichkeit
mehr...“ Sie konzentrierte sich und auf einmal rannte sie nicht
mehr in ihrer kaputten Hose und ihrem Mantel durch die Gasse, sondern
in einem langen, weißen Kleid. Es war anders als die anderen...
Der Ausschnitt war eindeutig tiefer. Auch der Stoff unterschied sich von
dem der anderen Kleider. Er war fast durchsichtig. An ihren Handgelenken
hingen Armreife aus Silber und Gold und auf ihrer Stirn glitzerte ein
winziges Diadem. An einem dünnen Silberfaden hing eine kleine goldene
Sonne, in dessen Mitte ein Diamant funkelte. Auch an Selenias Flügeln
befand sich dezenter Schmuck. An einigen Federn glänzten Perlen,
die von innen heraus zu leuchten schienen.
Selenia blieb stehen. Sie sah noch immer nicht viel, aber sie wusste,
dass sie angekommen war. Auf einmal erhellte ein merkwürdiges Licht
den kleinen Platz. Darkside war da. Er stand an eine Wand gelehnt und
die Hände vor dem Oberkörper verschränkt. Von seinen Schultern
hing ein langer, dunkelroter Umhang hinunter, der an den unteren Kanten
mit Ornamenten aus Silber verziert war. Sein Anzug war vollkommen schwarz.
Nur manchmal glitzerten blutrote Kristalle oder silberne Verzierungen
auf. Von seinem Rücken gingen zwei riesige Flügel aus. Sie glichen
gigantischen Fledermausflügeln. Darkside lächelte Selenia an.
„Ich wusste, du würdest wiederkommen, mein kleiner Engel...“
Selenia ging noch einen Schritt weiter auf ihn zu und er stieß sich
von der Wand ab. Darkside ging langsam auf sie zu. „Nur warum du
es tun würdest ist mir ein Rätsel geblieben...“ Selenia
lächelte ihn an. Es war ein aufrichtiges Lächeln, direkt aus
dem Herzen. Wie verzaubert schaute Darkside sie an. „Wenn ich geflohen
wäre... Airynn, Tiara, Aylia und Rachel hätten ihr Leben umsonst
gelassen. Es heißt, dass wenn der mächtigste Vampir die Lebensessenz
aller fünf Erzengel in sich aufnehmen würde, wäre er unbesiegbar
und hätte die Macht, das Himmelreich auszulöschen... Bei dem
Blut von vier Engel würde noch nichts Nennenswertes passieren...“
„Du weißt, dass du dieser fünfte Erzengel bist. Von dir
und deiner Entscheidung hängt das Schicksal des gesamten Himmelreiches
ab... Aller Engel... Ziehst du den Tod hunderter oder gar tausender Engel
dem unnützen Tod vierer Erzengel vor?“ „Ich kenne diese
Engel kaum. Ich kenne nur die vier Toten. Ich kann mich nicht für
alle zuständig fühlen. Im Grunde genommen, ist der Hohe Rat
an sich schuld. Warum legen sie das Schicksal eines ganzen Reiches auch
in die Hände eines einzelnen Engels? In meine Hände? Sie wissen
genau, wie wenig ich ausrichten kann...“ Raffael legte seine Hand
unter ihr Kinn und hob ihren Kopf ein Stück, so dass sie in sein
Gesicht sehen konnte. „Der fünfte Engel ist der stärkste,
je geborene Engel... Ich denke, ich weiß nun, was mit der Stärke
gemeint ist.“ Selenia sah ihn fragend an. „Damit ist wirklich
nicht die körperliche Kraft gemeint, wie ich erst dachte... Du hast
ein starkes Herz. Aber vor allem bist du der einzige Engel, der in der
Lage ist, Gefühle zu entwickeln... Du bist der einzige Engel, der
stark genug ist, um mit ihnen leben zu können...“ Seine Hand
legte sich auf Selenias Flügelansatz. Sie verspürte ein kurzes
Stechen, dann in ihren Flügeln nichts mehr. Kraftlos hingen sie an
ihrem Rücken hinunter. Demütig senkte Selenia ihren Kopf. „Du
weißt... Was du mir versprochen hast.“ Darkside strich ihr
zärtlich über den Hals. „Ich habe es mir anders überlegt.“
Er stellte sich hinter sie, legte seine Arme um ihre Schultern und seinen
Kopf nahe an ihren Hals. „Du wirst zu meinem Engel...“, flüsterte
er ihr leise ins Ohr. Selenia verstand nicht, was er sagen wollte, aber
als sie ihn fragen wollte, legte Darkside seine Hand über ihren Mund.
„Still, meine Kleine...“ Selenia verspürte einen entsetzlichen
Schmerz und dann fühlte sie, wie etwas Warmes langsam ihren Hals
hinunterfloss. Blut... Ihr Blut... Sie wollte schreien, konnte aber nicht.
Sie bekam kaum mehr Luft und schon bald wurde ihr schwarz vor Augen. Ihr
Herz hörte auf zu arbeiten, sie sank bewusstlos zur Erde und wurde
gerade noch rechtzeitig von Darkside aufgefangen. Behutsam nahm er sie
auf seine Arme. „Nun bleibst du auf ewig mein, mein kleiner Engel...“,
flüsterte er zärtlich in ihr Ohr.
Auf einmal wurde es hell. Ein merkwürdiges, silbernes Leuchten lag
in der Luft. Darkside wollte gerade verschwinden, als er es bemerkte.
Von der Straße kam kein Laut mehr... Die Zeit schien stillzustehen...
Neugierig geworden breitete er seine Flügel aus und flog mit Selenia
in den Armen auf das nächststehende Häuserdach. Es war ein recht
hohes Haus, so dass er alles gut erkennen konnte. Das Leuchten kam von
Selenias Haus... Der gesamte Hügel schien zu leuchten... Die Blumen...
Ihre Blüten waren geöffnet...? Darkside sah in Selenias Gesicht.
Es wirkte friedlich... „Nun hast du es doch noch geschafft, mein
kleiner Engel...“
Er drehte sich um und verschmolz mit der silberglänzenden Finsternis
der Nacht.
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