Kapitel 13: Selenia

Die Angst schnürte Selenia die Kehle zu. „Rachel...“, schluchzte sie, während Tränen ihr über die Wangen rollten. Zögernd legte sie ihre Hände auf Rachels Herz und sprach die Formel der Seelentrennung. Leuchten hüllte die beiden Engel ein, dann entschwand Rachels Seele in einem Meer aus leuchtenden Energiekugeln und hinterließ nur ihren Kristall, welcher sich allerdings auch auflöste, als Selenia ihn berührte. Eine kurze Weile sah Selenia noch den glitzernden Punkten nach, dann stand sie auf. Ihr wurde schwindelig und von den Augenwinkeln zog eine tiefe Schwärze nach vorne. Selenia bekam eine Gänsehaut. Darkside war noch immer in der Nähe...

Es wurde kalt. Schnee begann zu fallen und Selenia konnte ihren Atem sehen. Sie wusste nicht mehr, aus welcher Richtung sie gekommen war, sie rannte in Todesangst drauf los. Sie strauchelte und sah sich ständig über die Schulter. Darkside kam näher... Auf einmal lag ihr etwas im Weg, Selenia strauchelte, fiel hin und rutschte einige Meter über den Boden. „Aua...“ Sie biss die Zähne zusammen und stand wieder auf. Ihre Hose hatte nun ein Loch über dem Knie. Selenia bückte sich und rieb den Schmutz beiseite. „Es ist nur eine Schürfwunde... Wenn du wieder zu Hause bist, verarztest du sie...“, versuchte sie sich selbst zu beruhigen. Es lief ihr kalt den Rücken hinunter. „Aber erst einmal muss ich es bis nach Hause schaffen....“ Hoffnungslosigkeit machte sich in ihr breit. Selenia hatte sich verlaufen. Hinter sich Darkside, vor sich eine nicht enden wollende Finsternis. Sie sah nach oben in der Hoffnung, den Mond zu finden. Es sollte Vollmond sein und Selenia konnte sein mildes Licht gut gebrauchen. Sie fand ihn nicht. Sie konnte ja nicht einmal Sterne erkennen... Es wurde ihr schwarz vor Augen und Selenia taumelte. An eine Wand gekrallt wartete sie, bis sie wieder mehr sehen konnte. „Bitte... Ich darf nicht zusammenbrechen... Nicht hier und schon gar nicht jetzt... Bitte nicht... Langsam kam ihre Sehstärke zurück, aber dafür stellten sich nun Kopfschmerzen ein. Selenia konnte ihren Herzschlag schon in ihrem Kopf spüren... Taumelnd bewegte sie sich weiter, immer an die Wand gestützt. Einige Male bog sie in Nebengassen ein. Ihre Hoffnung schwand immer weiter Doch auf einmal war in einiger Entfernung ein Lichtschein zu sehen. „Die Straße! Endlich!“ Selenia beschleunigte ihren Schritt und rannte auf das Licht zu.

„... Warum...?“, als ob es nicht Selenias Gedanke gewesen wäre, als ob es jemand anders gesagt hatte, blieb sie stehen. Tränen füllten ihre Augen. „Warum eigentlich die ganze Mühe...“ Es waren nur noch 20 Meter bis zur belebten Straße. Wenn sie es bis dort hin schaffen könnte, wäre sie gerettet. Selenia streckte die Hand aus, als ob sie nach dem Licht greifen wollte. „Heute kann ich entkommen... Und dann...?“ Sie wischte sich eine Träne von der Wange. Sie glitzerte wie ein Kristall im Licht der Straßenlaternen und das Treiben der Straße spiegelte sich in ihr wieder. „Nach Hause kann ich nicht mehr... Raffael - Nein, Darkside – würde dort zuerst suchen...“ Selenia fing an zu schluchzen. „Ich hab doch gar keine Wahl... Geboren um zu leiden und leben um zu sterben... Ich kann meinem Schicksal nicht entkommen...“ Selenia schaute wehmütig zur Straße. Sie ballte ihre noch immer ausgestreckte Hand zur Faust und ließ sie sinken. „Nun denn... Mir bleibt keine andere Wahl mehr...“ Sie drehte sich um und lief wieder in die Dunkelheit zurück. Sie musste lächeln.

Als das Licht der Straße in die Ferne gerückt war, blieb sie stehen und schaute in die Dunkelheit. Sie war an einer Kreuzung angelangt. Sie überlegte kurz und schlug den Weg zu ihrer Rechten ein. Ihre Hand umschloss die Kette mit dem Engelsanhänger. „Airynn... Tiara... Aylia... Rachel... Es tut mir leid. Ich sehe einfach keine andere Möglichkeit mehr...“ Sie konzentrierte sich und auf einmal rannte sie nicht mehr in ihrer kaputten Hose und ihrem Mantel durch die Gasse, sondern in einem langen, weißen Kleid. Es war anders als die anderen... Der Ausschnitt war eindeutig tiefer. Auch der Stoff unterschied sich von dem der anderen Kleider. Er war fast durchsichtig. An ihren Handgelenken hingen Armreife aus Silber und Gold und auf ihrer Stirn glitzerte ein winziges Diadem. An einem dünnen Silberfaden hing eine kleine goldene Sonne, in dessen Mitte ein Diamant funkelte. Auch an Selenias Flügeln befand sich dezenter Schmuck. An einigen Federn glänzten Perlen, die von innen heraus zu leuchten schienen.

Selenia blieb stehen. Sie sah noch immer nicht viel, aber sie wusste, dass sie angekommen war. Auf einmal erhellte ein merkwürdiges Licht den kleinen Platz. Darkside war da. Er stand an eine Wand gelehnt und die Hände vor dem Oberkörper verschränkt. Von seinen Schultern hing ein langer, dunkelroter Umhang hinunter, der an den unteren Kanten mit Ornamenten aus Silber verziert war. Sein Anzug war vollkommen schwarz. Nur manchmal glitzerten blutrote Kristalle oder silberne Verzierungen auf. Von seinem Rücken gingen zwei riesige Flügel aus. Sie glichen gigantischen Fledermausflügeln. Darkside lächelte Selenia an. „Ich wusste, du würdest wiederkommen, mein kleiner Engel...“ Selenia ging noch einen Schritt weiter auf ihn zu und er stieß sich von der Wand ab. Darkside ging langsam auf sie zu. „Nur warum du es tun würdest ist mir ein Rätsel geblieben...“ Selenia lächelte ihn an. Es war ein aufrichtiges Lächeln, direkt aus dem Herzen. Wie verzaubert schaute Darkside sie an. „Wenn ich geflohen wäre... Airynn, Tiara, Aylia und Rachel hätten ihr Leben umsonst gelassen. Es heißt, dass wenn der mächtigste Vampir die Lebensessenz aller fünf Erzengel in sich aufnehmen würde, wäre er unbesiegbar und hätte die Macht, das Himmelreich auszulöschen... Bei dem Blut von vier Engel würde noch nichts Nennenswertes passieren...“ „Du weißt, dass du dieser fünfte Erzengel bist. Von dir und deiner Entscheidung hängt das Schicksal des gesamten Himmelreiches ab... Aller Engel... Ziehst du den Tod hunderter oder gar tausender Engel dem unnützen Tod vierer Erzengel vor?“ „Ich kenne diese Engel kaum. Ich kenne nur die vier Toten. Ich kann mich nicht für alle zuständig fühlen. Im Grunde genommen, ist der Hohe Rat an sich schuld. Warum legen sie das Schicksal eines ganzen Reiches auch in die Hände eines einzelnen Engels? In meine Hände? Sie wissen genau, wie wenig ich ausrichten kann...“ Raffael legte seine Hand unter ihr Kinn und hob ihren Kopf ein Stück, so dass sie in sein Gesicht sehen konnte. „Der fünfte Engel ist der stärkste, je geborene Engel... Ich denke, ich weiß nun, was mit der Stärke gemeint ist.“ Selenia sah ihn fragend an. „Damit ist wirklich nicht die körperliche Kraft gemeint, wie ich erst dachte... Du hast ein starkes Herz. Aber vor allem bist du der einzige Engel, der in der Lage ist, Gefühle zu entwickeln... Du bist der einzige Engel, der stark genug ist, um mit ihnen leben zu können...“ Seine Hand legte sich auf Selenias Flügelansatz. Sie verspürte ein kurzes Stechen, dann in ihren Flügeln nichts mehr. Kraftlos hingen sie an ihrem Rücken hinunter. Demütig senkte Selenia ihren Kopf. „Du weißt... Was du mir versprochen hast.“ Darkside strich ihr zärtlich über den Hals. „Ich habe es mir anders überlegt.“ Er stellte sich hinter sie, legte seine Arme um ihre Schultern und seinen Kopf nahe an ihren Hals. „Du wirst zu meinem Engel...“, flüsterte er ihr leise ins Ohr. Selenia verstand nicht, was er sagen wollte, aber als sie ihn fragen wollte, legte Darkside seine Hand über ihren Mund. „Still, meine Kleine...“ Selenia verspürte einen entsetzlichen Schmerz und dann fühlte sie, wie etwas Warmes langsam ihren Hals hinunterfloss. Blut... Ihr Blut... Sie wollte schreien, konnte aber nicht. Sie bekam kaum mehr Luft und schon bald wurde ihr schwarz vor Augen. Ihr Herz hörte auf zu arbeiten, sie sank bewusstlos zur Erde und wurde gerade noch rechtzeitig von Darkside aufgefangen. Behutsam nahm er sie auf seine Arme. „Nun bleibst du auf ewig mein, mein kleiner Engel...“, flüsterte er zärtlich in ihr Ohr.

Auf einmal wurde es hell. Ein merkwürdiges, silbernes Leuchten lag in der Luft. Darkside wollte gerade verschwinden, als er es bemerkte. Von der Straße kam kein Laut mehr... Die Zeit schien stillzustehen... Neugierig geworden breitete er seine Flügel aus und flog mit Selenia in den Armen auf das nächststehende Häuserdach. Es war ein recht hohes Haus, so dass er alles gut erkennen konnte. Das Leuchten kam von Selenias Haus... Der gesamte Hügel schien zu leuchten... Die Blumen... Ihre Blüten waren geöffnet...? Darkside sah in Selenias Gesicht. Es wirkte friedlich... „Nun hast du es doch noch geschafft, mein kleiner Engel...“

Er drehte sich um und verschmolz mit der silberglänzenden Finsternis der Nacht.

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