Kapitel 12: Eine weniger

Als Selenia einige Stunden später aufwachte, saß Raffael immer noch neben ihr und sah sie an. Sie zwinkerte einige Male, denn die Sonne schien nun schon direkt ins Zimmer hinein. Sie befühlte mit ihrer Hand ihre Stirn und ein erleichtertes Lächeln erschien auf ihrer Stirn. „Das ist ja noch Mal gut gegangen...“, sprach sie leise. „Geht’s dir schon besser?“, fragte Raffael besorgt. „Jaja... Kommt drauf an, was du mit besser meinst, aber ich fühle mich auf jeden Fall besser als gestern Abend.“ Langsam richtete sie sich auf und sah ihn verwundert an. „Jetzt sag bloß nicht, dass du hier die ganze Zeit gesessen und auf mich aufgepasst hast?“ Raffael lächelte sie an. „Ok, dann sag ich es nicht.“ Selenias Wangen röteten sich leicht und sie lächelte ihn an. „Danke.“ „Keine Ursache. Aber kannst du mir mal erklären, was das gestern sollte? Ich meine, dass du auf einmal dein Bewusstsein verloren hast?“ „Nunja...“, betreten sah Selenia zum Boden. „Ich habe dir ja gesagt, dass ein Engel, wenn er kaum noch Energien hat, zu einem leichten Opfer für euch wird...“ „Ja, daran kann ich mich noch erinnern. Und? Was hat das damit zu tun?“ „Meine Energien sind so gut wie am Ende“, Selenia lächelte ihn traurig an. „Das, was du da gestern miterlebt hast, sind schon die ersten Anzeichen... Denn... Wenn ein Engel wirklich gar keine Energien hat... Stirbt er...“ Verwundert sah Raffael Selenia in die Augen. „Engel können sterben? Und obwohl euer Hohe Rat das weiß, lässt er es zu?!“ „Ja...“ „Entschuldige mal, aber ich dachte, du wärst so wichtig für den Himmel?! Und trotzdem helfen sie dir nicht?“ „Das haben sie bereits.“ Raffael verstand das nicht. Fragend schaute er sie an. „Die Erzengel... Jeder einzelne wollte mich überreden, wieder zurück in den Himmel zu kommen. Sie meinten, es wäre hier nicht mehr sicher. Aber...“ Tränen bildeten sich in Selenias Augen. „Was soll ich denn dort? Ich will doch nur einmal etwas richtig machen... Ich will es endlich schaffen, meinen Heiligenschein zu bekommen... Danach will ich doch wohl in den Himmel zurückkehren aber... Ach. Ist doch nun eh egal.“ Selenia stand auf und stellte sich vor das wandhohe Fenster durch das man direkt auf das Blumenmeer sehen konnte. Eine Träne rann ihre Wange hinunter. „Meinen Heiligenschein werde ich nicht mehr bekommen... Den Himmel werde ich auch niemals mehr sehen... Ich habe einfach alles falsch gemacht, was ging...“ Sie fing an zu schluchzen und Raffael legte von hinten seine Arme um ihre Schultern und drückte sie an sich. „Das hast du nicht, mein kleiner Engel.“ „Doch. Das habe ich. Fing doch alles damit an, dass ich dich aufgenommen habe... Ich habe doch praktisch dem Tod die Tür geöffnet... Dann fing der Himmel an, mir Boten zu schicken, die mir die Augen öffnen sollten...Airynn... Ihr konnte ich nicht mehr helfen... Tiara... Auch bei ihr kam meine Hilfe zu spät... Beide wollten mir zeigen, wer du bist und ich war so blind... Ich verstand sie damals nicht... Aylia... Auch bei ihr konnte ich nur noch ihrer Seele den Frieden schenken... Und nun... Nun ist auch noch Rachel gekommen... Alles ist meine Schuld. Als ich die Chance hatte dich zu vernichten habe ich sie nicht wahr genommen...“ Selenia versuchte sich unter Tränen aus Raffaels Griff zu befreien, er jedoch hielt sie mit sanfter Gewalt zurück. „Sieh’s doch einmal so, Kleines. Als du mich aufgenommen hast, wusstest du nicht, wer ich bin. Wie sollten diese Engel, die ja sowieso immer in Rätseln sprechen, dir erzählen, wer ich bin? Sie hätten sich ja kurz fassen können! Und außerdem haben sie doch selbst entschieden, her zu kommen! Sie mussten es ja nicht! Nimm nur mal Aylia. Sie hat ihren Tod doch selbst gewählt. Kam hier her, um dir zu sagen, dass ich Darkside bin, braucht aber so lange, dass sie nicht fertig wurde. Sie wusste, dass ich da war. Und trotzdem kam sie ein weiteres Mal, um gegen mich anzutreten. Sie hätte fliehen können. Chancen hatte sie genügend." Selenia schlug die Hände vors Gesicht und weinte weiter. „Hätte ich ihnen besser zugehört, wären sie alle noch am Leben... Wäre ich nur nicht so selbstsüchtig gewesen, meine Aufgabe erfüllen zu wollen...“ Raffael streichelte ihr behutsam über den Hals, nahm ihre Hände von Gesicht und trocknete ihre Tränen. „Selenia... Du bist nicht für alle Engel des Himmelreiches zuständig. Du kannst es nicht immer allen recht machen. Auch Engel sind nicht perfekt. Und nun hör auf zu heulen. Ich werde dir nicht versprechen, dass ich dich verschonen werde.“ Er hob ihren Kopf ein Stück nach oben, so dass Selenia ihm in die Augen schauen konnte. „Ich kann dir nur eines versprechen: Wenn du an der Reihe bist, wirst du kaum etwas spüren. Wir Vampire spielen liebend gerne mit unseren Opfern, bevor wir sie sterben lassen. Aber ich verspreche dir, dass es bei dir nicht so sein wird.“ Selenia sah ihn traurig an. „Eine Frage hab ich noch.“ „Ja?“ „Wann ist Rachel dran...? Gib mir wenigstens einmal die Chance, nicht zu spät zu kommen...“ „Es wird schon sehr bald sein. Wann genau werde ich dir nicht sagen. Denn zurückhalten kannst du mich sowieso nicht. Glaub mir einfach mal, dass ich noch ein ganzes Stück kräftiger bin als du.“ Selenia seufzte einmal. „Das ist ja auch nicht wirklich schwer.“ Raffael ließ sie los und Selenia ging an ihm vorbei, hinauf in ihr Zimmer. „Jetzt brauche ich ein Buch... Nichts geht über Ablenkungsmanöver...“ Sie ging zu ihrem Bücherschrank und nahm ein Buch heraus. „Die Abenteuer des kleinen Hamster Wolli“ „Wusste ja gar nicht, dass ich so ein Buch im Hause habe... Ist bestimmt das spannendste, das ich je gelesen habe.“, bemerkte sie sarkastisch. Selenia hockte sich aufs Bett und stellte ihren Wecker auf viertel vor drei. „Will ja nicht, dass ich unsere Verabredung vergesse.“

Es dauerte nicht lange, da lag Selenia glucksend auf ihrer Matratze. Das Buch entpuppte sich als interessanter, als der Titel verraten ließ... Die Texte waren so sarkastisch geschrieben, wie Selenia es noch nie gesehen hatte. Bald schon hatte sie nicht nur die Zeit vergessen, sondern auch das Gespräch vom Morgen. Auf einmal rasselte allerdings ihr Wecker los und erinnerte sie lautstark an ihre Verabredung mit Rachel. Böse funkelte Selenia ihre kleine Krachmaschine an. „Ost ja schon gut. Ich mach mich auf den Weg.“ Sie legte das Buch beiseite und ging zur Garderobe. „Raffael? Ich bin in der Stadt!“ Keine Antwort. „Nunja. Auch ok.“ Sie nahm ihren Schlüssel vom Schlüsselbrett und ging aus dem Haus. Als sie den langen Weg unter den Kirschbäumen entlang ging, fiel ihr auf, dass viele der Blüten bereits nicht mehr an den Bäumen waren. Ein Windstoß kam auf und Selenia streckte ihre Hand aus, um eines der Blütenblätter zu fangen. Sie sahen merkwürdig aus... Ihre Färbung war nun weiß mit einem silbernen Schimmer. „Merkwürdig...“, murmelte Selenia in sich hinein, dachte sich allerdings nichts weiter und beeilte sich nun, um noch rechtzeitig am verabredeten Treffpunkt anzukommen.

Einige Stunden später saßen die beiden Mädchen auch schon wieder im Café, tranken genüsslich eine heiße Schokolade und Rachel textete Selenia über Alexander zu. Selenia las derweil ihre Zeitung und stellte ihre Ohren auf Durchzug. Nur ab und an nickte sie mit dem Kopf. „Selenia?“ „Hm?“ „Hörst du mir zu?“ „Hm.“ Rachel sah Selenia böse an. „Na denn ist ja gut.“, sagte sie sarkastisch und nahm einen großen Schluck aus ihrem Kakaobecher. „Selenia... Sag doch mal...“ „Hm?“ „An was denkst du gerade?“ „Wieso willst du das wissen?“ „Nunja... Du liest seit einer halben Stunde die selbe Seite und im Übrigen... Deine Zeitung steht auf dem Kopf.“ Selenia lief rot an und drehte ihre Zeitung richtig herum. „Lass mich doch.“, sagte sie trotzig und streckte Rachel die Zunge heraus. Danach grinsten sich die beiden Mädchen an. „Ok, ich leg meine Zeitung weg. Aber an wen ich gedacht habe, sag ich nicht.“ „Oh! Ein Wer! Na, da brauche ich wohl eher nicht weiter zu fragen.“, grinste Rachel Selenia an. „Habe ich wer gesagt?“, versuchte Selenia sich noch schnell zu retten, „Ich meinte an WAS ich gerade denke!“ „Jaja...“ Das Grinsen auf Rachels Gesicht wurde breiter. „Schon klar. Aber...“, besorgt sah sie Selenia an. „Sag mir bitte, dass du nichts für ihn empfindest, Selenia... Nicht für Darkside... Das ist der größte Fehler, den du nur machen kannst!“ Selenia sah aus den großen Fenster auf die Menschenmassen, die sich auf den Straßen drängten. „Ich weiß nicht, ob ich etwas empfinde... Können wir Engel das überhaupt?“ „WIR Engel bestimmt nicht. Aber um es mal so zu sagen: Erzengel gehören nicht zu den anderen Engeln. Wir sind mächtiger als die anderen. Vielleicht haben wir diese Eigenschaft wirklich, Gefühle zu empfinden... Und wenn nicht wir, dann sicherlich du. Du bist doch etwas Besonderes!“ „Manchmal wünschte ich, es wäre nicht so... Manchmal wäre ich wirklich lieber nur ein kleiner Jungengel...“ „Selenia. Nun hör mit diesen Gedankengängen auf! Du bist einfach kein Jungengel. Das wirst du auch niemals sein! Und es wäre auch blöde, wärst du einer. Dann hätten wir uns vermutlich nie getroffen!“ Selenias Blick wurde traurig. „Vielleicht wäre das ja besser gewesen...?“ „Selenia!!“ Rachel schrie schon fast. „Sei glücklich mit dem, was du bist und was du hast.“ Rachel sah auf ihre Armbanduhr. Es war nach acht und die Sonne war schon unter gegangen. „Wir sollten uns auf den Heimweg machen, oder was meinst du?“ Selenia sah zu den Kirschbäumen, die im Park auf der anderen Straßenseite blühten. „Sie sind fast verblüht...“, raunte sie leise. „Wie bitte? Wovon redest du?“ Rachel sah Selenia fragend an und versuchte ihrem Blick zu folgen. „Die Kirschbäume... Sie verlieren ihre Blüten...“ Rachel, die schon aufgestanden war, setzt sich wieder hin und sah verträumt zu den fallenden Blütenblättern hinüber. „Weißt du, warum sie verblühen?“, fragte sie Selenia. „Ich hab keinen blassen Schimmer...“, gestand diese. „Nunja. Es heißt, dass Bäume zum Teil die Lebensdauer eines Engels anzeigen... Es müssen aber besondere Bäume sein! Japanische Zierkirsche war in deinem letzten Leben dein Lieblingsbaum, richtig?“ „Ja... Aber... Ich denke eher, dass es mit etwas anderem zusammenhängt.“ „Womit denn?“ „Hast du schon einmal dein eigenes Grab besucht...?“ „Ich? Nein. Du etwa?“ „Ja... Ich wurde im Garten beerdigt. Unter einem riesigen Kirschbaum. Der Baum steht noch immer da und seitdem ich wieder dort wohne steht er in voller Blüte. Aber... Auch er verliert bereits seine Blüten... Heißt das, dass ich nicht mehr viel Zeit habe?“, fragte Selenia nüchtern. „Ich weiß es nicht. Vielleicht sind die Bäume auch nur überempfindlich! Ich meine... Bevor uns beiden etwas zustößt, habe ich Darkside schon längst besiegt!“ Stille trat ein. Keines der beiden Mädchen glaubte wirklich, Rachel könnte Darkside besiegen... „Aber nun lass uns besser auch los... Sonst wird es nachher noch zu dunkel da draußen und du findest den Weg nach Hause nicht mehr!", grinste Rachel Selenia an. „Ja, ok...“, stimmte Selenia zu. Beide Mädchen zogen ihre Portemonnaies und legten das Geld auf den Tisch.

Draußen war es beinahe stockfinster. Nur die Straßenlaternen verbreiteten ein wenig Licht. Es waren immer noch viele auf den Straßen unterwegs und Selenia und Rachel mussten sich teilweise durch die Menschenmassen zwängen. „Ganz schön viel los hier!“, raunte Rachel ihrer Freundin zu. „Ist es in den Abendstunden meistens.“ So schoben sie sich weiter. Auf einmal fiel Rachel ein, dass sie noch etwas vergessen hatte. „Du, Selenia, ich muss noch Mal zurück!“ „Wieso denn?“ „Ich hab noch etwas liegen gelassen...“ Und schon war Rachel in dem Menschenstrom untergetaucht.

„Rachel!“, rief Selenia ängstlich. Sie bekam wieder eine Gänsehaut. „Es wird etwas passieren! Das spüre ich...“, dachte sie in Panik. „Rachel!“ Nun machte sich auch Selenia wieder auf den Weg zurück. Auf einmal sah sie Rachel. Sie verschwand in einer dunklen Seitengasse. „Nein... Bitte nicht... RACHEL!“ In Panik rannte Selenia auf die Gasse zu, legte ihre Hand an die kalte Steinwand und eilte den langen, finsteren Gang entlang. „Warum nur?! Bitte Darkside... Lass sie am Leben...“ Es war eine vergebliche Bitte... Selenia sah zum Himmel hinauf, konnte allerdings nichts erkennen. Es war einfach zu dunkel in der kleinen Gasse... Selenia wurde schwindelig, aber sie kämpfte gegen das Gefühl an. Wenn sie jetzt ohnmächtig würde, wäre alles zu spät. Für Rachel und für sie selbst. Ein Schrei durchschnitt die Stille des Abends. Selenia packte das Grauen. „Rachel!“, schrie sie verzweifelt in die Dunkelheit. Endlich war sie am Ende der Gasse angekommen.
Zu spät. Von Rachels Körper ging noch ein schwaches Leuchten aus, aber für sie kam alle Hilfe zu spät. Selenia stürzte zu ihr hin und sank neben ihr auf die Knie. „Rachel...“, flüsterte sie. „Selenia... Du... Du musst verschwinden...“, hauchte der Erzengel matt. „Dark...side... Er... Ist noch in der...“ Rachel schloss die Augen. „Rachel..?“ Selenias Stimme bebte vor Angst. Ein letztes Mal öffnete Rachel die Augen. „Selenia... Verschwinde endlich...“ Dann tat Rachels Herz seinen letzten Schlag. Selenia rannen die Tränen über die Wangen. „Rachel...“, flüsterte sie heiser. „Bitte... Nicht auch noch du... RACHEL!“ Selenias Tränen mischen sich mit dem dunkelrot glänzenden Blut Rachels. Dann war Stille.

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