Kapitel 11: Kurzschluss

Just in dem Moment, als Selenia ihr Haus betrat, fing es an, wie aus Kübeln zu schütten. Missmutig drehte Selenia sich um und sah die dicken Tropfen auf den Weg platschen. Der noch vorhandene Schnee wurde matschig und glitschig. „Na hoffentlich muss ich nachher nicht noch einmal raus... Dazu fehlt mir, um ehrlich zu sein, die Lust...“ Sie schloss die Eingangstür und ging nach oben in ihr Zimmer.

„Hi Selenia!“, rief Raffael aus dem Wohnzimmer, als sie gerade auf der Hälfte der Treppe war. „Oh... Du bist schon wieder da?“, fragte Selenia überrascht. „Heute war nicht besonders viel Betrieb in der Stadt. Außerdem ist es mir da draußen zu nass. Übrigens... Heute kommt ein guter Film im Fernsehen. Hast du Lust, mit zu gucken?“ Selenia war irritiert. Normalerweise sah Raffael doch gar nicht fern? „Um was geht es denn?“ „Engel und Vampire.“ Raffael konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. „Ah...ja... Uhm... Ich werde es mir mal überlegen.“, antwortete Selenia zögernd. „Engel und Vampire. Na wenn er das unbedingt sehen will, kann ich mir ja denken, welche Seite gewinnt.“, murmelte sie vor sich hin, während sie die letzten Stufen zu ihrem Zimmer hinauf schritt.

Draußen donnerte und blitzte es unterdessen. Es wütete ein richtiger Sturm... Die alten Bäume vor dem Haus bogen sich unter dem Wind und die Vögel konnten sich mittlerweile schon nicht mehr in der Luft halten. Selenia bekam eine Gänsehaut. „Ich mag dieses Wetter nicht...“, murmelte sie gedankenverloren in sich hinein. Auf einmal klingelte das Telefon.

„Selenia?“, fragte eine weibliche Stimme am anderen Ende. „Ja, wer denn sonst? Aber warum rufst du an Rachel? Wir haben uns doch gerade erst getroffen?“ „Nunja... Ich wollte nur fragen, ob du Lust hast, morgen mit mir einen Einkaufsbummel zu machen und...“ „Und ob wir danach wieder zu Alexander können, schon klar. Meinetwegen. Aber bitte führt nicht wieder so ein Affentheater auf wie vorhin, ok?“ „Danke, Selenia! Du bist spitze! Morgen Nachmittag um drei bei dem großen Marktplatz?“ „Geht in Ordnung. Ach... Und was ich noch fragen wollte...“ „Ja?“ „Wann treffen du und Alexander euch wieder?“ Am anderen Ende der Leitung wurde es still. „Ähm... Warum... Warum denkst du, dass Alex und ich uns treffen?“ „Erstens, weil du ihn schon beim Spitznamen nennst und zweitens... Nunja. Rachel, ich kenne dich und deine Angewohnheit, was süße Jungs angeht.“ „Selenia! Bitte wie soll ich das denn verstehen?!“, entrüstete sich Rachel. Selenia musste grinsen. „Alexander ist doch nun wirklich nicht der erste Junge, den du an der Angel hast. Du findest hundert pro bald den nächsten und lässt Alexander fallen. Das war schon immer so, das wird auch immer so bleiben.“ „Selenia?“ „Ja?“ „Ich glaube, du kennst mich langsam zu gut. Du wirst mir unheimlich.“ Dann hörte man Rachel vor Freude glucksen. „Allerdings weiß ich nicht, ob du dieses Mal auch Recht haben wirst. Alexander ist einfach nur...“ „Rachel, hast du nicht vielleicht noch etwas anderes zu tun?“ „Nerv ich dich?“ „Nunja... Etwas schon.“, gestand Selenia zögernd. „Außerdem... Wenn du mich jetzt zutextest, fehlt uns morgen ein Thema?“ „Ok. Dann bis morgen! Ciao!“ „Tschüs.“ Damit hängte Selenia auf. „Ja, Rachel ist wirklich noch ein sehr quirliger, junger Erzengel...“, dachte sie. Selenia schaute auf die Uhr. Halb zehn. „Nunja... Dann will ich mal schauen, was Raffael sich da unten so ansieht.“
Sie ging die Treppenstufen hinab und bog ins Wohnzimmer ein. Raffael saß schon gemütlich auf dem Sofa und sah sich den Film an. „Was denn? Du traust dich doch noch runter?“, fragte er belustigt. „Ich hatte noch ein Telefonat zu führen. So. Und nun sag mir mal in drei Sätzen, worum es in dem Film geht.“ „Hmm... Engel gegen Vampire, gut gegen böse und das alles zusammengepackt in einer tragischen Liebesgeschichte. Ha! Das war nur ein Satz!“ Selenia rollte die Augen zur Decke. „Die Filmemacher lassen sich aber auch überhaupt nichts Neues einfallen, was?“ Ein Blitz erhellte das Zimmer für einige Sekunden, dann war es wieder dunkel. Fernes Donnergrollen ließ sich vernehmen. Ängstlich sah Selenia aus dem Fenster. „Kann das nicht bald aufhören...?“ „Redest du vom Wetter?“ „Von was sonst?“ „Mir macht das nichts aus. Ich mag es stürmisch und dunkel.“ „Den Grund musst du mir nicht auch noch erläutern, den kann ich mir denken.“, sprach Selenia, setzte sich direkt neben Raffael auf das Sofa und sah den Film mit. Raffael sah sie überrascht an. „Was denn? Du schaust doch mit?“ „Hab ja nichts Anderes zu tun...“ Sie saßen lange schweigend vor dem Fernseher und sahen sich an, was die Leute aus Hollywood da fabriziert hatten. Die Geschichte wirkte irgendwie kitschig, die Engel zu lieb und die Vampire zu böse. „Wann lernen es die Menschen wohl, dass Engel genauso wenig ‚strahlend gut‘ sind, wie ihr Vampire nur schlecht seid?“ „Wie bitte?“, wunderte sich Raffael irritiert. „Das hast du nicht ernst gemeint?“ „Was denn nicht?“ „Normalerweise halten sich die Engel doch für die reinsten Wesen überhaupt und Vampire sind die Verkörperung des Bösen?“ Selenia musste einmal seufzen. „Ich bin aber nicht, wie die anderen Engel. Jeder Engel hat sein eigenes Urteil über sich und euch. Meine Meinung hast du gerade eben gehört.“ „Du bist wirklich etwas Besonderes...“, murmelte Raffael still vor sich hin. „Hast du etwas gesagt?“ Selenia schaute ihn direkt an. „Nein... Hab ich nicht.“ „Das glaub ich dir zwar nicht, aber nun gut.“ Sie streckte sich einmal und sah auf die Uhr. „Oh! Schon halb zwölf? Heute rast die Zeit aber auch weg wie nichts...“ Raffael sah sie an. „Ja und?“ „Das war eine Bemerkung. Da brauchte ich jetzt keinen Kommentar zu.“ Raffael grinste Selenia ins Gesicht. „Ach... Du hast mit der Wand geredet?“ Sie bedachte ihn wortlos mit einem bösen Blick. Während der Zeit, welche die beiden unten auf dem Sofa saßen, war es Selenia gar nicht aufgefallen, dass sie immer dichter an Raffael heranrückte... Auf einmal änderte sich das Bild im Fernseher. Wo gerade eben noch ein verliebtes Ehepaar gewesen war, sprangen nun Vampire aus den Büschen und fingen an, das Pärchen nieder zu metzeln. Kreischend warf Selenia sich an Raffaels Oberkörper und heulte zitternd los. „Öh...“ Damit war Raffael überfordert. „Du bist nicht zufällig der Meinung, dass du dich gerade an die verkehrte Person anklammerst?“ Selenia wurde rot, konnte aber nicht aufhören zu weinen. Vorsichtig nahm Raffael sie in den Arm. „Hey... Ist doch schon gut... Die Vampire sind ja weg...“ Und in sich hinein dachte er sich: „Oh, man. Was mach ich hier eigentlich?“ Als Selenia sich wieder einigermaßen beruhigt hatte, sah sie verwirrt in Raffaels Gesicht und rutschte eilends an das andere Ende des Sofas. „Entschuldigung... Kommt nicht wieder vor...“, murmelte sich verlegen, ohne Raffael auch nur anzusehen. Dieser lächelte sie an. „Schon ok. Ich wusste gar nicht, dass du so schreckhaft bist?“ „Dann musst du jedes Mal geschlafen haben, wenn du mich gesehen hast.“, antwortete Selenia sarkastisch. Als sie sich vollends gefangen hatte, sprach sie weiter. „Ich geh mir mal was zu trinken holen... Möchtest du auch etwas?“ Und ohne seine Antwort abzuwarten stand sie auf und eilte zum Flur.

Sie hatte ihn gerade zur Hälfte durchquert, da wurde es um sie herum dunkel. Vor Schreck kreischte Selenia einmal auf. Sie konnte überhaupt nichts mehr erkennen... Sie faltete die Hände über ihrem Herzen und wich langsam ein paar Schritte zurück. „Raffael...?“ Ihre Stimme zitterte. „Was ist denn nun los...?“ Ängstlich sah sie sich um. Heute war wirklich nicht ihr Tag... Zu allem Überfluss wurde ihr nun auch wieder schwindelig und die sowieso schon vorhandene Dunkelheit schien sich noch einmal zu verdunkeln. Auf einmal ging es hinter ihr nicht mehr zurück. „Raffael...?“, fragte sie zögernd in die Finsternis hinein. „Ganz ruhig bleiben, mein kleiner Engel. Ist nur ein Stromausfall.“ Er nahm ihre Handgelenke und legte ihre Handflächen an ihre Schultern. Auf einmal drehte sich alles um Selenia und sie sank in sich zusammen. Raffael konnte sie gerade noch auffangen und hob sie behutsam auf die Arme. Selenia war kalkweiß. Er trug sie ins Wohnzimmer auf das Sofa vor dem großen Kamin und zündete ein Feuer an. Danach holte er eine Decke und breitete sie über Selenia aus. Als er ihre Stirn fühlte, glühte sie förmlich... Fieber. Hohes Fieber. „Ich dachte, Engel können gar keine menschlichen Krankheiten bekommen...?“, murmelte er besorgt in sich hinein.

Er blieb die ganze Nacht bei ihr sitzen. Selenias Schlaf war unruhig... Manchmal hörte er sie wimmern... „Selenia... Es heißt, dass der fünfte und somit letzte Erzengel der stärkste von allen ist... Aber um so besser ich dich kennen lerne, sehe ich da keine Stärke... Nur einen entsetzlich traurigen und hilflosen Engel, der sein Schicksal, so gut es geht, selbst bestimmen will...“ Eine Strähne rutschte Selenia ins Gesicht und ihre Gesichtszüge entspannten sich etwas. Erleichtert atmete Raffael auf. „Es scheint also nichts Ernstes gewesen zu sein...“ Er sah auf die Standuhr in der hinteren Ecke des Zimmers. Es war schon nach sechs Uhr morgens. Der Sturm hatte sich gelegt und Tau glitzerte auf den noch immer geschlossenen Blüten der Lilien und der Rosen. Die ersten Sonnenstrahlen fielen über den Hügel in das Wohnzimmer und hüllten es in Pastelltöne.

 

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