|
Just in dem
Moment, als Selenia ihr Haus betrat, fing es an, wie aus Kübeln zu
schütten. Missmutig drehte Selenia sich um und sah die dicken Tropfen
auf den Weg platschen. Der noch vorhandene Schnee wurde matschig und glitschig.
„Na hoffentlich muss ich nachher nicht noch einmal raus... Dazu
fehlt mir, um ehrlich zu sein, die Lust...“ Sie schloss die Eingangstür
und ging nach oben in ihr Zimmer.
„Hi Selenia!“, rief Raffael aus dem Wohnzimmer, als sie gerade
auf der Hälfte der Treppe war. „Oh... Du bist schon wieder
da?“, fragte Selenia überrascht. „Heute war nicht besonders
viel Betrieb in der Stadt. Außerdem ist es mir da draußen
zu nass. Übrigens... Heute kommt ein guter Film im Fernsehen. Hast
du Lust, mit zu gucken?“ Selenia war irritiert. Normalerweise sah
Raffael doch gar nicht fern? „Um was geht es denn?“ „Engel
und Vampire.“ Raffael konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen.
„Ah...ja... Uhm... Ich werde es mir mal überlegen.“,
antwortete Selenia zögernd. „Engel und Vampire. Na wenn er
das unbedingt sehen will, kann ich mir ja denken, welche Seite gewinnt.“,
murmelte sie vor sich hin, während sie die letzten Stufen zu ihrem
Zimmer hinauf schritt.
Draußen donnerte und blitzte es unterdessen. Es wütete ein
richtiger Sturm... Die alten Bäume vor dem Haus bogen sich unter
dem Wind und die Vögel konnten sich mittlerweile schon nicht mehr
in der Luft halten. Selenia bekam eine Gänsehaut. „Ich mag
dieses Wetter nicht...“, murmelte sie gedankenverloren in sich hinein.
Auf einmal klingelte das Telefon.
„Selenia?“, fragte eine weibliche Stimme am anderen Ende.
„Ja, wer denn sonst? Aber warum rufst du an Rachel? Wir haben uns
doch gerade erst getroffen?“ „Nunja... Ich wollte nur fragen,
ob du Lust hast, morgen mit mir einen Einkaufsbummel zu machen und...“
„Und ob wir danach wieder zu Alexander können, schon klar.
Meinetwegen. Aber bitte führt nicht wieder so ein Affentheater auf
wie vorhin, ok?“ „Danke, Selenia! Du bist spitze! Morgen Nachmittag
um drei bei dem großen Marktplatz?“ „Geht in Ordnung.
Ach... Und was ich noch fragen wollte...“ „Ja?“ „Wann
treffen du und Alexander euch wieder?“ Am anderen Ende der Leitung
wurde es still. „Ähm... Warum... Warum denkst du, dass Alex
und ich uns treffen?“ „Erstens, weil du ihn schon beim Spitznamen
nennst und zweitens... Nunja. Rachel, ich kenne dich und deine Angewohnheit,
was süße Jungs angeht.“ „Selenia! Bitte wie soll
ich das denn verstehen?!“, entrüstete sich Rachel. Selenia
musste grinsen. „Alexander ist doch nun wirklich nicht der erste
Junge, den du an der Angel hast. Du findest hundert pro bald den nächsten
und lässt Alexander fallen. Das war schon immer so, das wird auch
immer so bleiben.“ „Selenia?“ „Ja?“ „Ich
glaube, du kennst mich langsam zu gut. Du wirst mir unheimlich.“
Dann hörte man Rachel vor Freude glucksen. „Allerdings weiß
ich nicht, ob du dieses Mal auch Recht haben wirst. Alexander ist einfach
nur...“ „Rachel, hast du nicht vielleicht noch etwas anderes
zu tun?“ „Nerv ich dich?“ „Nunja... Etwas schon.“,
gestand Selenia zögernd. „Außerdem... Wenn du mich jetzt
zutextest, fehlt uns morgen ein Thema?“ „Ok. Dann bis morgen!
Ciao!“ „Tschüs.“ Damit hängte Selenia auf.
„Ja, Rachel ist wirklich noch ein sehr quirliger, junger Erzengel...“,
dachte sie. Selenia schaute auf die Uhr. Halb zehn. „Nunja... Dann
will ich mal schauen, was Raffael sich da unten so ansieht.“
Sie ging die Treppenstufen hinab und bog ins Wohnzimmer ein. Raffael saß
schon gemütlich auf dem Sofa und sah sich den Film an. „Was
denn? Du traust dich doch noch runter?“, fragte er belustigt. „Ich
hatte noch ein Telefonat zu führen. So. Und nun sag mir mal in drei
Sätzen, worum es in dem Film geht.“ „Hmm... Engel gegen
Vampire, gut gegen böse und das alles zusammengepackt in einer tragischen
Liebesgeschichte. Ha! Das war nur ein Satz!“ Selenia rollte die
Augen zur Decke. „Die Filmemacher lassen sich aber auch überhaupt
nichts Neues einfallen, was?“ Ein Blitz erhellte das Zimmer für
einige Sekunden, dann war es wieder dunkel. Fernes Donnergrollen ließ
sich vernehmen. Ängstlich sah Selenia aus dem Fenster. „Kann
das nicht bald aufhören...?“ „Redest du vom Wetter?“
„Von was sonst?“ „Mir macht das nichts aus. Ich mag
es stürmisch und dunkel.“ „Den Grund musst du mir nicht
auch noch erläutern, den kann ich mir denken.“, sprach Selenia,
setzte sich direkt neben Raffael auf das Sofa und sah den Film mit. Raffael
sah sie überrascht an. „Was denn? Du schaust doch mit?“
„Hab ja nichts Anderes zu tun...“ Sie saßen lange schweigend
vor dem Fernseher und sahen sich an, was die Leute aus Hollywood da fabriziert
hatten. Die Geschichte wirkte irgendwie kitschig, die Engel zu lieb und
die Vampire zu böse. „Wann lernen es die Menschen wohl, dass
Engel genauso wenig ‚strahlend gut‘ sind, wie ihr Vampire
nur schlecht seid?“ „Wie bitte?“, wunderte sich Raffael
irritiert. „Das hast du nicht ernst gemeint?“ „Was denn
nicht?“ „Normalerweise halten sich die Engel doch für
die reinsten Wesen überhaupt und Vampire sind die Verkörperung
des Bösen?“ Selenia musste einmal seufzen. „Ich bin aber
nicht, wie die anderen Engel. Jeder Engel hat sein eigenes Urteil über
sich und euch. Meine Meinung hast du gerade eben gehört.“ „Du
bist wirklich etwas Besonderes...“, murmelte Raffael still vor sich
hin. „Hast du etwas gesagt?“ Selenia schaute ihn direkt an.
„Nein... Hab ich nicht.“ „Das glaub ich dir zwar nicht,
aber nun gut.“ Sie streckte sich einmal und sah auf die Uhr. „Oh!
Schon halb zwölf? Heute rast die Zeit aber auch weg wie nichts...“
Raffael sah sie an. „Ja und?“ „Das war eine Bemerkung.
Da brauchte ich jetzt keinen Kommentar zu.“ Raffael grinste Selenia
ins Gesicht. „Ach... Du hast mit der Wand geredet?“ Sie bedachte
ihn wortlos mit einem bösen Blick. Während der Zeit, welche
die beiden unten auf dem Sofa saßen, war es Selenia gar nicht aufgefallen,
dass sie immer dichter an Raffael heranrückte... Auf einmal änderte
sich das Bild im Fernseher. Wo gerade eben noch ein verliebtes Ehepaar
gewesen war, sprangen nun Vampire aus den Büschen und fingen an,
das Pärchen nieder zu metzeln. Kreischend warf Selenia sich an Raffaels
Oberkörper und heulte zitternd los. „Öh...“ Damit
war Raffael überfordert. „Du bist nicht zufällig der Meinung,
dass du dich gerade an die verkehrte Person anklammerst?“ Selenia
wurde rot, konnte aber nicht aufhören zu weinen. Vorsichtig nahm
Raffael sie in den Arm. „Hey... Ist doch schon gut... Die Vampire
sind ja weg...“ Und in sich hinein dachte er sich: „Oh, man.
Was mach ich hier eigentlich?“ Als Selenia sich wieder einigermaßen
beruhigt hatte, sah sie verwirrt in Raffaels Gesicht und rutschte eilends
an das andere Ende des Sofas. „Entschuldigung... Kommt nicht wieder
vor...“, murmelte sich verlegen, ohne Raffael auch nur anzusehen.
Dieser lächelte sie an. „Schon ok. Ich wusste gar nicht, dass
du so schreckhaft bist?“ „Dann musst du jedes Mal geschlafen
haben, wenn du mich gesehen hast.“, antwortete Selenia sarkastisch.
Als sie sich vollends gefangen hatte, sprach sie weiter. „Ich geh
mir mal was zu trinken holen... Möchtest du auch etwas?“ Und
ohne seine Antwort abzuwarten stand sie auf und eilte zum Flur.
Sie hatte ihn gerade zur Hälfte durchquert, da wurde es um sie herum
dunkel. Vor Schreck kreischte Selenia einmal auf. Sie konnte überhaupt
nichts mehr erkennen... Sie faltete die Hände über ihrem Herzen
und wich langsam ein paar Schritte zurück. „Raffael...?“
Ihre Stimme zitterte. „Was ist denn nun los...?“ Ängstlich
sah sie sich um. Heute war wirklich nicht ihr Tag... Zu allem Überfluss
wurde ihr nun auch wieder schwindelig und die sowieso schon vorhandene
Dunkelheit schien sich noch einmal zu verdunkeln. Auf einmal ging es hinter
ihr nicht mehr zurück. „Raffael...?“, fragte sie zögernd
in die Finsternis hinein. „Ganz ruhig bleiben, mein kleiner Engel.
Ist nur ein Stromausfall.“ Er nahm ihre Handgelenke und legte ihre
Handflächen an ihre Schultern. Auf einmal drehte sich alles um Selenia
und sie sank in sich zusammen. Raffael konnte sie gerade noch auffangen
und hob sie behutsam auf die Arme. Selenia war kalkweiß. Er trug
sie ins Wohnzimmer auf das Sofa vor dem großen Kamin und zündete
ein Feuer an. Danach holte er eine Decke und breitete sie über Selenia
aus. Als er ihre Stirn fühlte, glühte sie förmlich... Fieber.
Hohes Fieber. „Ich dachte, Engel können gar keine menschlichen
Krankheiten bekommen...?“, murmelte er besorgt in sich hinein.
Er blieb die ganze Nacht bei ihr sitzen. Selenias Schlaf war unruhig...
Manchmal hörte er sie wimmern... „Selenia... Es heißt,
dass der fünfte und somit letzte Erzengel der stärkste von allen
ist... Aber um so besser ich dich kennen lerne, sehe ich da keine Stärke...
Nur einen entsetzlich traurigen und hilflosen Engel, der sein Schicksal,
so gut es geht, selbst bestimmen will...“ Eine Strähne rutschte
Selenia ins Gesicht und ihre Gesichtszüge entspannten sich etwas.
Erleichtert atmete Raffael auf. „Es scheint also nichts Ernstes
gewesen zu sein...“ Er sah auf die Standuhr in der hinteren Ecke
des Zimmers. Es war schon nach sechs Uhr morgens. Der Sturm hatte sich
gelegt und Tau glitzerte auf den noch immer geschlossenen Blüten
der Lilien und der Rosen. Die ersten Sonnenstrahlen fielen über den
Hügel in das Wohnzimmer und hüllten es in Pastelltöne.
|