Kapitel 10: Rachel

 

Selenia ging ins Badezimmer und schaute in den Spiegel. „Hmm... Ich sollte mal wieder in die Stadt gehen... Aber erst einmal duschen!“ Sie zog sich aus und stellte das Wasser an. „Ieks!“, kreischte sie und machte einen Sprung nach hinten. „Bä...“, bibberte sie, „Das ist ja eiskalt...“ Vorsichtig streckte sie ihren Fuß noch mal unter das Wasser. Sie drehte die Wärmeregelung weiter hoch, bis die Anzeige 50°C anzeigte. Nun wurde es wenigstens lauwarm. Sie seufzte einmal und stellte sich ganz unter den Wasserstrahl. Sie hatte sich gerade ganz eingeseift, da wurde das Wasser mit Mal wieder eiskalt. Selenia kreischte einmal laut auf und sprang aus der Dusche. Seife tropfte ihr vom Körper, sie war klitschenass und das Wasser, welches da aus dem Hahn kam, war wie Eis. Sie sah missmutig an sich herunter. Ihr schöner, frisch geputzter Badezimmerboden war aufgrund der Seife vollständig glitschig geworden. „Na klasse. Nun muss ich gleich auch noch das Badezimmer neu wischen.“ Böse funkelte sie den Duschkopf an. „Und wie bitteschön soll ich mich nun fertig machen...?“ Sie streckte ihren Fuß wieder unter den Wasserstrahl. Er war immer noch kalt. „Wundervoll. Einfach nur wundervoll.“, murmelte sie sarkastisch in sich hinein. Sie stellte sich vorsichtig wieder unter das Wasser, bis die Zähne zusammen und wusch sich den Schaum und die Seife vom Körper. Die Sachen, die sie sich zurechtgelegt hatte, waren allesamt durchnäßt. „Wird ja immer besser.“ Selenia nahm sie in die Hand und schmiss sie in hohem Bogen in die Wäschetonne. Sie knotete sich ein Handtuch um, eilte in ihr Zimmer und zog sich um. „Nunja. Zumindest einen positiven Aspekt hatte die kalte Dusche ja... Ich bin jetzt wach.“, murmelte sie. Just als sie vollständig angezogen war, klingelte es an der Haustür. „Hm? Ich erwarte doch gar keinen Besuch...?“ Sie eilte nach unten und öffnete die Haustür.

Erst konnte sie überhaupt nichts sagen. Ein Mädchen stand vor der Tür. Kurze Haare, knapper Top –und das trotz der Temperaturen!-, Minirock und Sandalen und einem bezauberndem Lächeln. „Rachel?“, fragte Selenia fassungslos. „Na logo!“, lachte Rachel sie an. „Hast du den Weihnachtsmann erwartet?“ „Aufgrund der Jahreszeit eher als dich.“ Rachel musste über das Gesagte nachdenken, dann fing sie an zu schmunzeln. „Du hast dich zumindest nicht geändert!“ Mit kritischem Blick musterte sie Selenia. „Naja... Was deinen Klamottengeschmack angeht... Doch, du hast dich geändert.“ „Magst du reinkommen? Hier draußen ist es etwas...“, Selenia schaute Rachel noch mal zweifelnd an, „kühl.“ Rachel konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. „Nunja... Ich komm auch gerade aus einem etwas wärmeren Teil dieser merkwürdigen Welt.“ „Diese Welt ist nicht merkwürdig. Und nun komm endlich rein, du frierst dir ja noch einen Eiszapfen.“ „Dass lass ich mir nicht noch einmal sagen...“, sprach Rachel und hopste in die Wohnung. „Besser, ich hol dir was Warmes zum Anziehen... Zum Glück bist du nicht gewachsen. So haben wir noch immer die gleiche Größe... Du kannst derweil schon mal in das Wohnzimmer gehen. Da ist es am wärmsten.“ „Ok, mach ich.“, sprach Rachel und lief in das Wohnzimmer. Selenia ging nach oben, wühlte einige Minuten in ihrem Kleiderschrank herum und kam dann mit einem dicken Winterpulli und einer dunkelblauen Jeans wieder runter.
Skeptisch schaute Rachel die Sachen durch. „Nunja. Muss wohl...“, seufzte sie. Selenia gab ihr die Sachen und Rachel zog sich um. „Hey!“, freute sie sich, „Die passen ja wirklich noch!“ „Natürlich tun sie das. Du bist ja in der Zwischenzeit nicht wirklich größer geworden! Aber... Nun sag mir doch bitte mal, warum du hergekommen bist!“ Die beiden Mädchen machten es sich auf dem Sofa und in dem Sessel bequem. „Nunja. Das ist einfach zu erklären. Mir war da unten, wo ich her komme, langweilig. Und da du die Einzige von uns bist – mal abgesehen von mir -, die noch am Leben ist, wollt ich dich einfach mal besuchen kommen.“ Selenia sah betreten zum Boden. „Vielleicht war es keine so gute Idee, her zu kommen... Sagt dir der Name Darkside etwas?“ Rachel sah sie traurig an. „Ja klar. Wer kennt ihn nicht? Ihn und das Gerücht über dich und ihn.“ Selenia sah sie an und ihre Wangen röteten sich leicht. „Gerücht? Was für ein Gerücht?“ Rachel grinste zurück. „Gegenfrage: Warum wirst du auf einmal rot im Gesicht?“, und zwinkerte Selenia zu. „Ich... ähm...“, fing Selenia an zu stammeln. „Nene schon gut.“, grinste Rachel. „Ein anderes Gerücht. Es heißt, dass du Darkside in deinem Haus wohnen lässt... Stimmt das?“ Selenias Gesicht nahm wieder seine normale Farbe an und sie sah zum Fenster hinaus. „Ja...“ Rachels Blick wurde traurig. „Also stimmt es doch... Hätt ich mir ja denken können. Passt irgendwie zu dir, dir Probleme an den Hals zu hängen.“ „Das kann man ja schon fast bildlich sehen...“ „Ja, kann man. Aber Selenia... Pass auf dich auf... Ich will nicht, dass er dich zwischen seine Zähne bekommt. Es gibt nur noch uns zwei.“ Selenia sah Rachel besorgt an. „Aber pass du auch ja auf dich auf, ok? Ich halt das bald nicht mehr aus... Und ich will nicht auch noch dich...“ „Halt! Ich verbiete dir, weiter zu reden und weiter zu denken! Mir passiert schon nichts, keine Sorge! Ich mach mich auf die Suche nach ihm und wenn ich ihn habe, wird er für all das büßen müssen, was er uns angetan hat. Uns und unseren Mitstreiterinnen. Wirst du mir helfen?“ „Du weißt... dass ich das nicht kann...“ „Hm.“ Rachel seufzte einmal tief. „Das habe ich mir gedacht und außerdem....“, eine kurze Pause entstand, „Hab ich Hunger! Kennst du ein gutes Café?“ Selenia sah Rachel an, als ob sie nicht mehr alle Tassen im Schrank hatte. Hatte sie da wirklich nach einem Café gefragt? Rachel schmiß sich rückwärts in die Kissen und lachte erst einmal eine Runde, bis Selenia mit einstimmte. „Ja, ich denke schon, dass ich so ein Café kenne. In der Innenstadt gibt es so eines... Da haben die eine riesige Auswahl an Kuchen, Torten und Tees! Außerdem ist die heiße Schokolade mit Sahne eine Wucht!“ „Hey! Du schwärmst ja richtig davon. Dann muss es ja gut sein! Na los. Dann lass uns mal gehen!“ Die beiden Mädchen standen auf und gingen zur Garderobe. „Hm.. Einen Mantel hast du wohl auch nicht dabei?“ „Ne...“, antwortete Rachel leicht verlegen. „Ich hab es mir denken können. Nun gut, hier hab ich noch einen zweiten.“ Damit überreichte Selenia einen dunklen Mantel an Rachel. „Danke.“ Selenia nahm noch den Schlüssel vom Brett und zog die Haustür hinter ihnen zu. Danach machten sich die beiden Mädchen auf den Weg in die Stadt.

Rachel war von dem Café ganz angetan. „Der Kakao hier ist wirklich eine Wucht!“, schwärmte sie. Und zu Selenia flüsterte sie leise: „Und der Kellner... Wie hieß er noch gleich? Alexander? Der ist echt niedlich! Ich glaube, der hat ein Auge auf dich geworfen, Selenia...“ Selenias Wangen röteten sich leicht. „Ach Quatsch. Das bildest du dir nur ein.“ „Achja? Und warum sieht er schon die ganze Zeit zu dir hinüber?“ „Ach... Was weiß ich schon. Vielleicht träumt er ja nur in der Gegend herum?“ „Ja. Wahrscheinlich. Und sehr wahrscheinlich auch von dir.“, zwinkerte Rachel Selenia zu. „Rachel?“ „Ja?“ „Du fängst an zu nerven.“, sprach Selenia ruhig und nahm einen Schluck aus ihrem noch halb vollem Kakaobecher. Rachel sah sie beleidigt an. „Lass mich doch. Hey! Ich hab die letzten Monate in vollkommener Langeweile zugebracht! Da hab ich jetzt doch wirklich ein Recht darauf, auch mal jemanden nerven zu dürfen.“

Auf einmal stand Alexander bei ihnen am Tisch. „Hi, Mädels!“, grüßte er sie freundlich. Rachel richtete sich schnell auf und strahlte ihn mit einem bezaubernden Lächeln an. Unter dem Tisch stupste sie mit ihrem Knie an Selenias Bein, um sie darauf aufmerksam zu machen, dass da wohl jemand für sie wäre. Selenia ignorierte das Stupsen und las ruhig in ihrer Zeitung weiter. "Hi Alexander.“, murmelte sie leise, ohne ihn auch nur anzuschauen. Rachel hätte Selenia am liebsten eine Backpfeife verpasst, aber es war gerade der falsche Augenblick. „Heute mal in Begleitung, Selenia?“, fragte Alexander die geistesabwesende Selenia höflich. „Hm... Siehst du doch...“ „Selenia? Schon mal etwas von Höflichkeit gehört?“, fragte Rachel, die das bald nicht mehr mit ansehen konnte. Selenia sah Alexander nicht einmal an! Und das bei... Ach herrjeh... Nun fing Rachel auch noch an, für Alexander zu schwärmen... „Na denn nicht. Wenn du genug hast, ich hab noch Platz für einen Verehrer.“, dachte sie giftig. „Wenn meine Freundin keine Lust dazu hat, stelle ich mich halt selbst vor. Mein Name ist Rachel.“ Dabei würdigte sie Alexander einen berauschenden Augenaufschlag. „Er gehört so gut wie mir.“, dachte sie sich. „Mir konnte noch niemand widerstehen!“ „Mademoiselle? Es ist mir eine Ehre, eure Bekanntschaft zu machen.“, sprach Alexander, nahm Rachels Hand und küsste diese. Selenia platzte der Kragen. „Leute! Wir befinden uns im Jahre 1999 in einem Café und nicht im Jahre 1589 in einer mittelalterlichen Burg! Entschuldigt mich bitte, aber ich halt das nicht aus. Ist ja schlimm mit euch beiden.“ Somit zog sie unter den verwunderten Blicken von Alexander und Rachel ihre Brieftasche, nahm etwas Geld heraus, legte es auf den Tisch und mit einem höflichen „Guten Tag!“ verschwand sie durch die Eingangstür.
„Was hat sie denn?“, wunderte sich Alexander. Innerlich lachte Rachel in sich hinein. „Nun hab ich ihn wenigstens für mich allein.“ Und laut sagte sie zu ihm: „Ich weiß es auch nicht... Manchmal ist sie einfach so.“ Sie funkelte Alexander mit ihren Augen an. „Entschuldige die Frage, aber... Haben sie heute Abend schon etwas vor?“, fragte Alexander sie zögernd. „Jahu! Er hat angebissen!“, freute sich Rachel. „Nein, nicht, dass ich wüsste.“ „Wollt ihr dann vielleicht mit mir ins Kino?“ „Nur unter einer Bedingung.“ „Die da wäre?“ „Du hörst auf mich zu siezen!“, zwinkerte sie ihn an. „Geht klar, Rachel. Heute Abend gegen neun Uhr vorm Filmpalast?“ „Warum nicht? Bis später!“, flötete sie ihm ins Ohr und verschwand ebenfalls durch die Eingangstür.

Selenia sah auf die Uhr. Schon nach acht Uhr... Sie hatten viel Zeit in der Stadt verbracht... Aber es tat gut, mal wieder mit einer Gleichgesinnten zu reden. Rachel war zwar eine Nervensäge und auch recht eigenwillig, aber Selenia unterschied sich nicht wirklich von ihr. „Soll sie ihn doch haben. Sie ist ein Engel! Das kann und darf eh nicht lange halten. Außerdem... Rachel konnte sich noch nie lange für eine Person begeistern. Auch Alexander würde sie schon bald wieder fallen lassen. Wenn sie überhaupt noch lange genug...“ Selenia bekam eine Gänsehaut. „Besser, ich denke diesen Satz gar nicht erst zu Ende...“ So machte Selenia sich wieder auf den Rückweg den Hügel hinauf und in ihre Wohnung.

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