Selenia
ging ins Badezimmer und schaute in den Spiegel. „Hmm... Ich sollte
mal wieder in die Stadt gehen... Aber erst einmal duschen!“ Sie
zog sich aus und stellte das Wasser an. „Ieks!“, kreischte
sie und machte einen Sprung nach hinten. „Bä...“, bibberte
sie, „Das ist ja eiskalt...“ Vorsichtig streckte sie ihren
Fuß noch mal unter das Wasser. Sie drehte die Wärmeregelung
weiter hoch, bis die Anzeige 50°C anzeigte. Nun wurde es wenigstens
lauwarm. Sie seufzte einmal und stellte sich ganz unter den Wasserstrahl.
Sie hatte sich gerade ganz eingeseift, da wurde das Wasser mit Mal wieder
eiskalt. Selenia kreischte einmal laut auf und sprang aus der Dusche.
Seife tropfte ihr vom Körper, sie war klitschenass und das Wasser,
welches da aus dem Hahn kam, war wie Eis. Sie sah missmutig an sich herunter.
Ihr schöner, frisch geputzter Badezimmerboden war aufgrund der Seife
vollständig glitschig geworden. „Na klasse. Nun muss ich gleich
auch noch das Badezimmer neu wischen.“ Böse funkelte sie den
Duschkopf an. „Und wie bitteschön soll ich mich nun fertig
machen...?“ Sie streckte ihren Fuß wieder unter den Wasserstrahl.
Er war immer noch kalt. „Wundervoll. Einfach nur wundervoll.“,
murmelte sie sarkastisch in sich hinein. Sie stellte sich vorsichtig wieder
unter das Wasser, bis die Zähne zusammen und wusch sich den Schaum
und die Seife vom Körper. Die Sachen, die sie sich zurechtgelegt
hatte, waren allesamt durchnäßt. „Wird ja immer besser.“
Selenia nahm sie in die Hand und schmiss sie in hohem Bogen in die Wäschetonne.
Sie knotete sich ein Handtuch um, eilte in ihr Zimmer und zog sich um.
„Nunja. Zumindest einen positiven Aspekt hatte die kalte Dusche
ja... Ich bin jetzt wach.“, murmelte sie. Just als sie vollständig
angezogen war, klingelte es an der Haustür. „Hm? Ich erwarte
doch gar keinen Besuch...?“ Sie eilte nach unten und öffnete
die Haustür.
Erst konnte sie überhaupt nichts sagen. Ein Mädchen stand vor
der Tür. Kurze Haare, knapper Top –und das trotz der Temperaturen!-,
Minirock und Sandalen und einem bezauberndem Lächeln. „Rachel?“,
fragte Selenia fassungslos. „Na logo!“, lachte Rachel sie
an. „Hast du den Weihnachtsmann erwartet?“ „Aufgrund
der Jahreszeit eher als dich.“ Rachel musste über das Gesagte
nachdenken, dann fing sie an zu schmunzeln. „Du hast dich zumindest
nicht geändert!“ Mit kritischem Blick musterte sie Selenia.
„Naja... Was deinen Klamottengeschmack angeht... Doch, du hast dich
geändert.“ „Magst du reinkommen? Hier draußen ist
es etwas...“, Selenia schaute Rachel noch mal zweifelnd an, „kühl.“
Rachel konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. „Nunja... Ich komm
auch gerade aus einem etwas wärmeren Teil dieser merkwürdigen
Welt.“ „Diese Welt ist nicht merkwürdig. Und nun komm
endlich rein, du frierst dir ja noch einen Eiszapfen.“ „Dass
lass ich mir nicht noch einmal sagen...“, sprach Rachel und hopste
in die Wohnung. „Besser, ich hol dir was Warmes zum Anziehen...
Zum Glück bist du nicht gewachsen. So haben wir noch immer die gleiche
Größe... Du kannst derweil schon mal in das Wohnzimmer gehen.
Da ist es am wärmsten.“ „Ok, mach ich.“, sprach
Rachel und lief in das Wohnzimmer. Selenia ging nach oben, wühlte
einige Minuten in ihrem Kleiderschrank herum und kam dann mit einem dicken
Winterpulli und einer dunkelblauen Jeans wieder runter.
Skeptisch schaute Rachel die Sachen durch. „Nunja. Muss wohl...“,
seufzte sie. Selenia gab ihr die Sachen und Rachel zog sich um. „Hey!“,
freute sie sich, „Die passen ja wirklich noch!“ „Natürlich
tun sie das. Du bist ja in der Zwischenzeit nicht wirklich größer
geworden! Aber... Nun sag mir doch bitte mal, warum du hergekommen bist!“
Die beiden Mädchen machten es sich auf dem Sofa und in dem Sessel
bequem. „Nunja. Das ist einfach zu erklären. Mir war da unten,
wo ich her komme, langweilig. Und da du die Einzige von uns bist –
mal abgesehen von mir -, die noch am Leben ist, wollt ich dich einfach
mal besuchen kommen.“ Selenia sah betreten zum Boden. „Vielleicht
war es keine so gute Idee, her zu kommen... Sagt dir der Name Darkside
etwas?“ Rachel sah sie traurig an. „Ja klar. Wer kennt ihn
nicht? Ihn und das Gerücht über dich und ihn.“ Selenia
sah sie an und ihre Wangen röteten sich leicht. „Gerücht?
Was für ein Gerücht?“ Rachel grinste zurück. „Gegenfrage:
Warum wirst du auf einmal rot im Gesicht?“, und zwinkerte Selenia
zu. „Ich... ähm...“, fing Selenia an zu stammeln. „Nene
schon gut.“, grinste Rachel. „Ein anderes Gerücht. Es
heißt, dass du Darkside in deinem Haus wohnen lässt... Stimmt
das?“ Selenias Gesicht nahm wieder seine normale Farbe an und sie
sah zum Fenster hinaus. „Ja...“ Rachels Blick wurde traurig.
„Also stimmt es doch... Hätt ich mir ja denken können.
Passt irgendwie zu dir, dir Probleme an den Hals zu hängen.“
„Das kann man ja schon fast bildlich sehen...“ „Ja,
kann man. Aber Selenia... Pass auf dich auf... Ich will nicht, dass er
dich zwischen seine Zähne bekommt. Es gibt nur noch uns zwei.“
Selenia sah Rachel besorgt an. „Aber pass du auch ja auf dich auf,
ok? Ich halt das bald nicht mehr aus... Und ich will nicht auch noch dich...“
„Halt! Ich verbiete dir, weiter zu reden und weiter zu denken! Mir
passiert schon nichts, keine Sorge! Ich mach mich auf die Suche nach ihm
und wenn ich ihn habe, wird er für all das büßen müssen,
was er uns angetan hat. Uns und unseren Mitstreiterinnen. Wirst du mir
helfen?“ „Du weißt... dass ich das nicht kann...“
„Hm.“ Rachel seufzte einmal tief. „Das habe ich mir
gedacht und außerdem....“, eine kurze Pause entstand, „Hab
ich Hunger! Kennst du ein gutes Café?“ Selenia sah Rachel
an, als ob sie nicht mehr alle Tassen im Schrank hatte. Hatte sie da wirklich
nach einem Café gefragt? Rachel schmiß sich rückwärts
in die Kissen und lachte erst einmal eine Runde, bis Selenia mit einstimmte.
„Ja, ich denke schon, dass ich so ein Café kenne. In der
Innenstadt gibt es so eines... Da haben die eine riesige Auswahl an Kuchen,
Torten und Tees! Außerdem ist die heiße Schokolade mit Sahne
eine Wucht!“ „Hey! Du schwärmst ja richtig davon. Dann
muss es ja gut sein! Na los. Dann lass uns mal gehen!“ Die beiden
Mädchen standen auf und gingen zur Garderobe. „Hm.. Einen Mantel
hast du wohl auch nicht dabei?“ „Ne...“, antwortete
Rachel leicht verlegen. „Ich hab es mir denken können. Nun
gut, hier hab ich noch einen zweiten.“ Damit überreichte Selenia
einen dunklen Mantel an Rachel. „Danke.“ Selenia nahm noch
den Schlüssel vom Brett und zog die Haustür hinter ihnen zu.
Danach machten sich die beiden Mädchen auf den Weg in die Stadt.
Rachel war von dem Café ganz angetan. „Der Kakao hier ist
wirklich eine Wucht!“, schwärmte sie. Und zu Selenia flüsterte
sie leise: „Und der Kellner... Wie hieß er noch gleich? Alexander?
Der ist echt niedlich! Ich glaube, der hat ein Auge auf dich geworfen,
Selenia...“ Selenias Wangen röteten sich leicht. „Ach
Quatsch. Das bildest du dir nur ein.“ „Achja? Und warum sieht
er schon die ganze Zeit zu dir hinüber?“ „Ach... Was
weiß ich schon. Vielleicht träumt er ja nur in der Gegend herum?“
„Ja. Wahrscheinlich. Und sehr wahrscheinlich auch von dir.“,
zwinkerte Rachel Selenia zu. „Rachel?“ „Ja?“ „Du
fängst an zu nerven.“, sprach Selenia ruhig und nahm einen
Schluck aus ihrem noch halb vollem Kakaobecher. Rachel sah sie beleidigt
an. „Lass mich doch. Hey! Ich hab die letzten Monate in vollkommener
Langeweile zugebracht! Da hab ich jetzt doch wirklich ein Recht darauf,
auch mal jemanden nerven zu dürfen.“
Auf einmal stand Alexander bei ihnen am Tisch. „Hi, Mädels!“,
grüßte er sie freundlich. Rachel richtete sich schnell auf
und strahlte ihn mit einem bezaubernden Lächeln an. Unter dem Tisch
stupste sie mit ihrem Knie an Selenias Bein, um sie darauf aufmerksam
zu machen, dass da wohl jemand für sie wäre. Selenia ignorierte
das Stupsen und las ruhig in ihrer Zeitung weiter. "Hi Alexander.“,
murmelte sie leise, ohne ihn auch nur anzuschauen. Rachel hätte Selenia
am liebsten eine Backpfeife verpasst, aber es war gerade der falsche Augenblick.
„Heute mal in Begleitung, Selenia?“, fragte Alexander die
geistesabwesende Selenia höflich. „Hm... Siehst du doch...“
„Selenia? Schon mal etwas von Höflichkeit gehört?“,
fragte Rachel, die das bald nicht mehr mit ansehen konnte. Selenia sah
Alexander nicht einmal an! Und das bei... Ach herrjeh... Nun fing Rachel
auch noch an, für Alexander zu schwärmen... „Na denn nicht.
Wenn du genug hast, ich hab noch Platz für einen Verehrer.“,
dachte sie giftig. „Wenn meine Freundin keine Lust dazu hat, stelle
ich mich halt selbst vor. Mein Name ist Rachel.“ Dabei würdigte
sie Alexander einen berauschenden Augenaufschlag. „Er gehört
so gut wie mir.“, dachte sie sich. „Mir konnte noch niemand
widerstehen!“ „Mademoiselle? Es ist mir eine Ehre, eure Bekanntschaft
zu machen.“, sprach Alexander, nahm Rachels Hand und küsste
diese. Selenia platzte der Kragen. „Leute! Wir befinden uns im Jahre
1999 in einem Café und nicht im Jahre 1589 in einer mittelalterlichen
Burg! Entschuldigt mich bitte, aber ich halt das nicht aus. Ist ja schlimm
mit euch beiden.“ Somit zog sie unter den verwunderten Blicken von
Alexander und Rachel ihre Brieftasche, nahm etwas Geld heraus, legte es
auf den Tisch und mit einem höflichen „Guten Tag!“ verschwand
sie durch die Eingangstür.
„Was hat sie denn?“, wunderte sich Alexander. Innerlich lachte
Rachel in sich hinein. „Nun hab ich ihn wenigstens für mich
allein.“ Und laut sagte sie zu ihm: „Ich weiß es auch
nicht... Manchmal ist sie einfach so.“ Sie funkelte Alexander mit
ihren Augen an. „Entschuldige die Frage, aber... Haben sie heute
Abend schon etwas vor?“, fragte Alexander sie zögernd. „Jahu!
Er hat angebissen!“, freute sich Rachel. „Nein, nicht, dass
ich wüsste.“ „Wollt ihr dann vielleicht mit mir ins Kino?“
„Nur unter einer Bedingung.“ „Die da wäre?“
„Du hörst auf mich zu siezen!“, zwinkerte sie ihn an.
„Geht klar, Rachel. Heute Abend gegen neun Uhr vorm Filmpalast?“
„Warum nicht? Bis später!“, flötete sie ihm ins
Ohr und verschwand ebenfalls durch die Eingangstür.
Selenia sah auf die Uhr. Schon nach acht Uhr... Sie hatten viel Zeit in
der Stadt verbracht... Aber es tat gut, mal wieder mit einer Gleichgesinnten
zu reden. Rachel war zwar eine Nervensäge und auch recht eigenwillig,
aber Selenia unterschied sich nicht wirklich von ihr. „Soll sie
ihn doch haben. Sie ist ein Engel! Das kann und darf eh nicht lange halten.
Außerdem... Rachel konnte sich noch nie lange für eine Person
begeistern. Auch Alexander würde sie schon bald wieder fallen lassen.
Wenn sie überhaupt noch lange genug...“ Selenia bekam eine
Gänsehaut. „Besser, ich denke diesen Satz gar nicht erst zu
Ende...“ So machte Selenia sich wieder auf den Rückweg den
Hügel hinauf und in ihre Wohnung.
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