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Es war düster
draußen, nur ab und an zuckte mal ein Blitz über den Himmel.
Selenia saß im Wohnzimmer und betrachtete das Spiel der Elemente
vom Fenster aus. „Hört das denn nie auf? Nun gewittert es schon
den ganzen Tag...“ Sie umfaßte ihren Becher Kakao mit beiden
Händen. „Wenigstens sitze ich hier im Trockenen... Trocken
und warm.“ Auf einmal klingelte es an der Tür und Selenia schreckte
aus ihren Gedanken auf. „Hm...? Es ist schon nach acht Uhr... Wer
kann denn nun noch etwas von mir wollen?“ Sie stand auf und begab
sich durch den Flur zur Tür. Ein merkwürdiges Gefühl bereitete
ihr eine leichte Gänsehaut. Als sie die Tür öffnete, sah
sie erst niemanden. Sie schaute runter. „...“ Ihr Augen weiteten
sich vor Schrecken. Da lag ein bewusstloser Mann auf ihrer Türschwelle
und wie es aussah, war er vor kurzem in eine Prügelei verwickelt.
Selenia dachte nicht erst lange nach: Sie sah sich um, ob sie niemand
beobachten könnte und mit einem leisen „schnipps“ ließ
sie den Mann ein paar Zentimeter über der Erde schweben. So brachte
sie ihn das Gästezimmer im ersten Stock und ließ ihn auf dem
Bett wieder runter. Sie eilte wieder nach unten um den Erstehilfekasten
zu holen, fand ihn jedoch nicht und ging wieder ins Gästezimmer.
Langsam setzten sich ihre Gedanken auch wieder in Betrieb: „Eijeh...
Was ist nur mit ihm passiert?“ Sie kniete sich neben dem Bett auf
den Boden und öffnete sein Hemd. Was darunter zum Vorschein kam,
waren entsetzlich viele Wunden. Einige bluteten, andere schienen schon
älter zu sein. Sie stand auf, schloss den Vorhang vom Fenster und
kniete sich wieder neben ihn. Vorsichtig legte sie ihre Hand auf seinen
Oberkörper, murmelte ein paar Sätze und ein leichtes Leuchten
umgab sie. Der Lichtschein hüllte nach kurzer Zeit auch den jungen
Mann ein und seine Wunden schlossen sich. Allerdings kam er immer noch
nicht zu Bewusstsein. Selenia wurde unruhig. „Hmm... Sollten meine
Kräfte versagt haben...? Normalerweise müsste er schon wieder
bei Bewusstsein sein... Hmm... Aber vielleicht sind seine Kraftvorräte
erschöpft. Wahrscheinlich braucht er nur etwas Ruhe.“ Damit
verließ Selenia den Raum.
Die Tage vergingen und Selenia ging immer mal wieder ins Zimmer um zu
schauen, ob der junge Mann schon wach sei. Allerdings wurde sie in der
Hoffnung immer enttäuscht. Doch eines Tages...
Selenia betrat gerade das Zimmer des Mannes. Routinemäßig schweifte
ihr Blick auf das Bett, dieses allerdings war leer. Erst dann bemerkte
sie, dass der Raum heller als sonst war. Die Gardinen des Fensters waren
aufgezogen und gegen das helle Sonnenlicht hob sich die Silhouette des
jungen Mannes ab. Es dauerte eine kurze Weile, bis sich ihre Augen an
den Kontrast gewöhnt hatten, erst dann erkannte sie ihn richtig.
Ihr war gar nicht aufgefallen, dass er so groß war... „Bist
du endlich aufgewacht?“, fragte sie zögernd. Er lächelte
sie an „Siehst du doch. Aber... Wie lange war ich nun eigentlich
bewusstlos? Und wo bin ich hier überhaupt?“ „Ein paar
Tage... Momentan stehst du im Gästezimmer meines Hauses. Du lagst
bewusstlos auf der Türschwelle und ich habe dich erst einmal hier
her gebracht. Aber wie kamst du eigentlich vor meine Tür?“
Als er gerade antworten wollte, unterbrach Selenia ihn noch mal „Und
noch was... Wie heisst du eigentlich?“ Er musste kurz überlegen,
dann antwortete er. „Raffael. Ich heiße Raffael. Und wie ich
hier hin komme, weiß ich auch nicht so genau... Das Letzte, an das
ich mich erinnern kann ist, dass mir schwarz vor Augen wurde und ich dann
zusammengesackt bin...“ „Dürfte ich auch bitte mal fragen,
warum du überhaupt hier bist? Du sahst aus, als hättest du eine
arge Schlägerei gehabt... Und ich bezweifle, dass diese vor meiner
Wohnungstür abgehalten wurde.“ Raffael schmunzelte sie an:
„Da hast du Recht. Die Schlägerei verlief wo anders. Aber...
Wie schon gesagt: ich weiß nicht, wie ich hier her kam. Und vor
allem, wieso überhaupt direkt vor deine Haustür!“ Selenia
sah ihn an. Irgendwas stimmte nicht... Aber wenn er ihr es nicht sagen
wollte, so würde sie ihn auch nicht zwingen, davon zu erzählen.
„Von wo kommst du eigentlich?“ „Der Ort ist weit weg...“
Selenia schaute Raffael skeptisch an. Schon wieder so eine Antwort...
Aber nun gut. „Nunja... Wenn der Ort so weit weg ist...“,
sie dachte einen Augenblick lang nach, „Wenn du nicht weißt,
wo du unterkommen kannst, darfst du gerne hier bleiben! Mein Haus ist
groß genug.“ „Danke für das Angebot aber...“
„Nichts aber. Meinetwegen kannst du gerne hier bleiben.“ „Nun
gut... Wenn du mich schon so bittest...“ Raffael sah nicht wirklich
glücklich aus. Aber nun hatte er bereits zugestimmt. Selenia lächelte
ihn an. „Na dann zeig ich dir mal das Haus!“ Die beiden betraten
den Flur. „Da drüben ist das Badezimmer, gegenüber ist
mein Schlafzimmer –übrigens Sperrzone für dich- und das
da ist der Abstellraum. Da vorne,“, sie zeigte in die andere Richtung,
„befindet sich das Treppenhaus. Auf der linken Seite geht’s
ins Erdgeschoss, auf der rechten geht’s auf den Dachboden...“
Eine leichte Gänsehaut bildete sich bei Selenia. „Aber lass
uns mal nach unten gehen.“
Raffael war es nicht entgangen, dass Selenia unwohl bei der Erwähnung
des Dachbodens wurde: „Was ist denn da oben?“ „Och...
Nichts Besonderes... Ich mag ihn schlichtweg nicht so besonders. Da ist
es immer so kalt und düster...“ Beide gingen die Treppe hinunter.
„Also... Da vorne ist das Wohnzimmer, und dort ist die Küche...
Apropo Küche... Möchtest du was trinken? Ich kann leckere Säfte
zusammenmixen!“ Zweifelnd sah Raffael sie an: „Hmm... Woraus
bestehen die denn...?“ „Naja... Rosennektar, Honig und Blutorangensaft.
Und das dann alles zusammen gemixt.“ Mit diesen Worten drehte sie
sich um und stürmte in die Küche. Hätte sie erst noch Raffael
angeschaut, hätte sie gesehen wie er das Gesicht verzog. „Geh
dich doch noch etwas im Haus umsehen! Ich ruf dich, wenn ich fertig bin!“,
rief sie aus der Küche hinaus. „Ok... Umsehen... Wo fang ich
an...?“, murmelte Raffael. „Ich sollte mir mal den Dachboden
genauer anschauen... Der scheint interessant zu sein...“ So ging
er wieder die Treppenstufen hinauf und weiter die Treppe zum Dachboden.
Dort angekommen suchte er den Lichtschalter, fand ihn jedoch nicht. „Na
egal... Ich kann ja auch ohne Licht alles gut sehen...“ Er blickte
sich um. Kurz nachdem er in der Dunkelheit angekommen war, hatten sich
seine Augen bereits auf die Düsternis umgestellt. Überall hingen
Spinnweben herum, welche sich in leichten Luftzügen bewegten, und
fast der ganze Dachboden war mit Kisten und Truhen zugestellt. Raffael
ging ein paar Schritte weiter in die Mitte des Dachbodens. Der alte Holzboden
knarrte unter seinen Schritten und ab und an hörte er mal das Fiepen
von Mäusen. Auf einmal sah er eine kleine Gruppe kleiner, dunkler
Gestalten auf ihn zufliegen. Er konnte sich gerade noch rechtzeitig bücken,
dann flog ein Schwarm Fledermäuse über ihn weg auf das kaputte
Dachfenster zu. Er sah ihnen noch eine Weile nach. „War wohl schon
länger niemand mehr hier oben...“ Er ging wieder weiter über
den Dachboden. Auf einmal fiel sein Blick auf eine merkwürdig verzierte
Truhe. Er ging auf sie zu und als er sie öffnen wollte, bekam er
einen kleinen elektrischen Schlag. „Mist... Scheint magisch versiegelt
zu sein...“ Er schaute schnell zur Tür, ob Selenia ihm nicht
vielleicht doch gefolgt sei. Jedoch sah er sie nicht; also murmelte er
ein paar Worte und mit einem leisen ‚knack‘ öffnete sich
das Schloss der Truhe. „Muss schon recht alte Magie sein, wenn die
so leicht auszutricksen ist...“ Er hob den Deckel der Truhe an und
mochte seinen Augen nicht trauen: In der Truhe lag eine Kristallkugel,
gebettet auf einem silbernen Sockel... Er nahm sie aus der Truhe und betrachtete
sie sich genauer. Der Sockel bestand aus 5 Engeln in langen Gewändern,
auf deren Flügeln die Kugel ruhte. Die Hände waren alle ausgestreckt...
Es sah aus, als ob der Sockel nicht ganz vollständig war... Die Hände
schienen, als würden sie noch etwas halten... Raffael sah noch mal
in die Truhe zurück, da lag allerdings nichts mehr, außer einem
dunkelroten Samttuch. „Hmmm... Ich sollte diese Kristallkugel mal
genauer unter die Lupe nehmen...“ Damit schloss Raffael den Deckel
der Truhe und verließ den Dachboden wieder. Er ging mit der Kugel
in sein Zimmer und schaute sich nach einem geeigneten Versteck für
selbige um. „Ist zwar ziemlich einfallslos, aber es bleibt mir wohl
vorerst nichts übrig...“ Mit diesen Gedanken stellte Raffael
die Kugel unter das Bett. „Ich bin fertig!“, schallte es in
just dem Augenblick von unten herauf. „Komme ja schon..“ murmelte
Raffael und ging wieder nach unten in die Küche.
Dort angekommen drehte sich Selenia um und drückte ihm ein Glas mit
einem merkwürdigen, dunkelroten Getränk in die Hand. Skeptisch
schaute Raffael erst auf das Glas in seiner Hand, dann auf Selenia. „Das
ist nicht dein Ernst, dass man das trinken kann...?“ „Nu maul
hier nicht rum. Ich kann’s doch auch trinken! Warum solltest du
es dann nicht können?“ „Nun ja. Muss wohl..“ Somit
setzte Raffael das Glas an und trank seinen Inhalt auf ex. Eine kurze
Pause entstand. Danach schaute Raffael schmunzelnd wieder zu Selenia rüber.
„Hey... So schlecht ist das ja gar nicht!“ Leicht beleidigt
schaute Selenia zurück. „Ja ach nee. Aber erst mal rummaulen,
was?“ „Jaja. Entschuldigung. Übrigens...“, er zog
sich einen Stuhl heran und setzte sich „Nun sag mir mal genau, was
an dem Dachboden so merkwürdig ist, dass du schon allein von seiner
Erwähnung eine Gänsehaut bekommst.“ „Uhm... Ach...
An dem ist gar nichts Besonderes, weißt du...? Ich mag ihn einfach
nicht so gerne.“ Ihre Blicke verrieten sie. Aber Raffael wusste,
dass er vorerst nichts Genaueres von ihr erfahren würde. „Nun
gut. Ach übrigens: Den wievielten haben wir heute? Mir ist mein Zeitgefühl
abhanden gekommen..." „Heute ist der..“, Selenia schaute
zum Kalender „Der 25.September.“ „Eijeh... So lange
war ich bewusstlos? Ich muss noch unbedingt in die Stadt...“ „Ok,
Nimm aber bitte einen Schlüssel mit, ja? Der Ersatzschlüssel
liegt neben der Garderobe.“ „Ok, mach ich. Werde heute Abend
vermutlich erst spät wiederkommen.“ „Geht schon klar.
Ich muss eh ebenfalls weg.“ „Ciao!“, damit stand Raffael
auf und ging zur Haustür. Ein leises Schlüsselklimpern ertönte
und die Haustür wurde zugezogen. Selenia schaltete das Radio ein
und fing an, die Küche aufzuräumen. Nach kurzer Zeit blitzte
wieder alles. „Hm. Nunja... Ich denke, ich sollte mich auch aufmachen...
Einkäufe warten nicht gerne. Vor allem, wenn man einen Gast im Hause
hat...“ So ging auch Selenia zur Garderobe und nahm ihren Mantel
vom Haken. Sie zog ihn über, nahm ihren Schlüssel vom Schlüsselbrett
und verließ auch das Haus.
Das Haus lag auf einem kleinen Hügel außerhalb der Stadt. Es
war vor vielen Jahren mal eine herrschaftliche Villa gewesen, aber nun
fehlten die Gelder, diese Behausung zu restaurieren. Selenia hatte das
Haus von ihren Eltern geerbt. Der Garten war riesengroß und er bestand
aus einem einzigen, riesigen Blumenmeer aus Lilien und Rosen. Merkwürdigerweise
waren überall nur schwarze Knospen zu sehen... Selenia schaute mit
traurigem Blick über das Feld. „Eigentlich hätten sie
schon längst anfangen müssen zu blühen... Sollte ich etwa
auch diese Prüfung nicht bestehen...?“ Sie holte ihren Einkaufskorb
aus dem Schuppen und machte sich auf den Weg in die Stadt. Verwundert
schaute sie sich um. „Hier stimmt doch irgend etwas nicht... Es
ist bereits Ende September...“ Der Weg, den sie entlang ging, war
von Kirschbäumen gesäumt. Und obwohl es schon recht kühl
wurde und die Blütezeit schon lange vorbei war, standen sie in voller
Pracht... Überall waren die kleinen rosanen Blüten zu sehen...
Es war wie im Frühling...
Nach einer kleinen Weile kam sie in der Stadt an. Überall waren Menschen
auf den Straßen. „Hat es denn niemand bemerkt...? Hat niemand
gemerkt, dass die Kirschbäume wieder angefangen haben zu blühen?“
Die Frage war berechtigt. Überall in der Stadt standen solche Bäume.
Alle standen in Blüte. Niemand schien das zu bemerken. „Schau
mal Mami! Die Hexe aus dem Spukhaus ist hier!“, kicherte ein kleines
Mädchen hinter Selenias Rücken. „Pst, nicht so laut! Sie
könnte dich hören...“ Die Mutter der Kleinen packte ihre
Tochter an der Hand und zog sie außerhalb Selenias Hörweite.
„Hexe... Ich.. Ich eine Hexe?“ Selenia schaute traurig über
ihre Schulter. „Wenn die Zeit reif ist, wirst du es auch erfahren...
Wir sind mehr als nur Hexen...“
Der Abend dämmerte schon, als Selenia wieder auf dem Rückweg
war. Die Blüten der Bäume hatten sich bereits geschlossen und
das rotgoldene Licht der Abendsonne überflutete den Hügel. Die
Geräusche der Stadt waren in die Ferne gerückt. Leise zilpten
einige Vögel.
Selenia schloss die Tür zum Haus auf und ging direkt in die Küche.
Sie stellte ihren Korb ab und zog den Mantel aus. Sie wollte gerade zurück
zur Garderobe um den Mantel aufzuhängen, da wurde es ihr mit Mal
entsetzlich schwindelig. Sie krallte sich an den Türrahmen. „Was
ist denn nun los...?!“ Sie schlug die Hände vors Gesicht. Im
nächsten Moment sackte sie bewusstlos zusammen.
Als sie nach einiger Zeit wieder zu sich kam, stand ihr die Angst im Gesicht.
„Was ist denn nun passiert...? Sollte etwa...“ Eine unbekannte
Stimme hallte in ihrem Kopf wieder: „Mach schon! Denk nicht erst
drüber nach, was da warum passiert ist! Das weißt du doch im
Grunde genommen eh schon!“ Selenia sprang wieder auf ihre Füße.
Vielleicht hätte sie das nicht tun sollen... Ihr wurde praktisch
sofort wieder schwindelig. Dieses Mal jedoch unterdrückte sie dieses
Gefühl und rannte aus dem Haus. „Das darf nicht passiert sein!
Bitte nicht!“ Somit rannte sie in die Finsternis der Nacht hinaus...
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