Kapitel 1: Raffael

Es war düster draußen, nur ab und an zuckte mal ein Blitz über den Himmel. Selenia saß im Wohnzimmer und betrachtete das Spiel der Elemente vom Fenster aus. „Hört das denn nie auf? Nun gewittert es schon den ganzen Tag...“ Sie umfaßte ihren Becher Kakao mit beiden Händen. „Wenigstens sitze ich hier im Trockenen... Trocken und warm.“ Auf einmal klingelte es an der Tür und Selenia schreckte aus ihren Gedanken auf. „Hm...? Es ist schon nach acht Uhr... Wer kann denn nun noch etwas von mir wollen?“ Sie stand auf und begab sich durch den Flur zur Tür. Ein merkwürdiges Gefühl bereitete ihr eine leichte Gänsehaut. Als sie die Tür öffnete, sah sie erst niemanden. Sie schaute runter. „...“ Ihr Augen weiteten sich vor Schrecken. Da lag ein bewusstloser Mann auf ihrer Türschwelle und wie es aussah, war er vor kurzem in eine Prügelei verwickelt. Selenia dachte nicht erst lange nach: Sie sah sich um, ob sie niemand beobachten könnte und mit einem leisen „schnipps“ ließ sie den Mann ein paar Zentimeter über der Erde schweben. So brachte sie ihn das Gästezimmer im ersten Stock und ließ ihn auf dem Bett wieder runter. Sie eilte wieder nach unten um den Erstehilfekasten zu holen, fand ihn jedoch nicht und ging wieder ins Gästezimmer. Langsam setzten sich ihre Gedanken auch wieder in Betrieb: „Eijeh... Was ist nur mit ihm passiert?“ Sie kniete sich neben dem Bett auf den Boden und öffnete sein Hemd. Was darunter zum Vorschein kam, waren entsetzlich viele Wunden. Einige bluteten, andere schienen schon älter zu sein. Sie stand auf, schloss den Vorhang vom Fenster und kniete sich wieder neben ihn. Vorsichtig legte sie ihre Hand auf seinen Oberkörper, murmelte ein paar Sätze und ein leichtes Leuchten umgab sie. Der Lichtschein hüllte nach kurzer Zeit auch den jungen Mann ein und seine Wunden schlossen sich. Allerdings kam er immer noch nicht zu Bewusstsein. Selenia wurde unruhig. „Hmm... Sollten meine Kräfte versagt haben...? Normalerweise müsste er schon wieder bei Bewusstsein sein... Hmm... Aber vielleicht sind seine Kraftvorräte erschöpft. Wahrscheinlich braucht er nur etwas Ruhe.“ Damit verließ Selenia den Raum.

Die Tage vergingen und Selenia ging immer mal wieder ins Zimmer um zu schauen, ob der junge Mann schon wach sei. Allerdings wurde sie in der Hoffnung immer enttäuscht. Doch eines Tages...
Selenia betrat gerade das Zimmer des Mannes. Routinemäßig schweifte ihr Blick auf das Bett, dieses allerdings war leer. Erst dann bemerkte sie, dass der Raum heller als sonst war. Die Gardinen des Fensters waren aufgezogen und gegen das helle Sonnenlicht hob sich die Silhouette des jungen Mannes ab. Es dauerte eine kurze Weile, bis sich ihre Augen an den Kontrast gewöhnt hatten, erst dann erkannte sie ihn richtig. Ihr war gar nicht aufgefallen, dass er so groß war... „Bist du endlich aufgewacht?“, fragte sie zögernd. Er lächelte sie an „Siehst du doch. Aber... Wie lange war ich nun eigentlich bewusstlos? Und wo bin ich hier überhaupt?“ „Ein paar Tage... Momentan stehst du im Gästezimmer meines Hauses. Du lagst bewusstlos auf der Türschwelle und ich habe dich erst einmal hier her gebracht. Aber wie kamst du eigentlich vor meine Tür?“ Als er gerade antworten wollte, unterbrach Selenia ihn noch mal „Und noch was... Wie heisst du eigentlich?“ Er musste kurz überlegen, dann antwortete er. „Raffael. Ich heiße Raffael. Und wie ich hier hin komme, weiß ich auch nicht so genau... Das Letzte, an das ich mich erinnern kann ist, dass mir schwarz vor Augen wurde und ich dann zusammengesackt bin...“ „Dürfte ich auch bitte mal fragen, warum du überhaupt hier bist? Du sahst aus, als hättest du eine arge Schlägerei gehabt... Und ich bezweifle, dass diese vor meiner Wohnungstür abgehalten wurde.“ Raffael schmunzelte sie an: „Da hast du Recht. Die Schlägerei verlief wo anders. Aber... Wie schon gesagt: ich weiß nicht, wie ich hier her kam. Und vor allem, wieso überhaupt direkt vor deine Haustür!“ Selenia sah ihn an. Irgendwas stimmte nicht... Aber wenn er ihr es nicht sagen wollte, so würde sie ihn auch nicht zwingen, davon zu erzählen. „Von wo kommst du eigentlich?“ „Der Ort ist weit weg...“ Selenia schaute Raffael skeptisch an. Schon wieder so eine Antwort... Aber nun gut. „Nunja... Wenn der Ort so weit weg ist...“, sie dachte einen Augenblick lang nach, „Wenn du nicht weißt, wo du unterkommen kannst, darfst du gerne hier bleiben! Mein Haus ist groß genug.“ „Danke für das Angebot aber...“ „Nichts aber. Meinetwegen kannst du gerne hier bleiben.“ „Nun gut... Wenn du mich schon so bittest...“ Raffael sah nicht wirklich glücklich aus. Aber nun hatte er bereits zugestimmt. Selenia lächelte ihn an. „Na dann zeig ich dir mal das Haus!“ Die beiden betraten den Flur. „Da drüben ist das Badezimmer, gegenüber ist mein Schlafzimmer –übrigens Sperrzone für dich- und das da ist der Abstellraum. Da vorne,“, sie zeigte in die andere Richtung, „befindet sich das Treppenhaus. Auf der linken Seite geht’s ins Erdgeschoss, auf der rechten geht’s auf den Dachboden...“ Eine leichte Gänsehaut bildete sich bei Selenia. „Aber lass uns mal nach unten gehen.“

Raffael war es nicht entgangen, dass Selenia unwohl bei der Erwähnung des Dachbodens wurde: „Was ist denn da oben?“ „Och... Nichts Besonderes... Ich mag ihn schlichtweg nicht so besonders. Da ist es immer so kalt und düster...“ Beide gingen die Treppe hinunter. „Also... Da vorne ist das Wohnzimmer, und dort ist die Küche... Apropo Küche... Möchtest du was trinken? Ich kann leckere Säfte zusammenmixen!“ Zweifelnd sah Raffael sie an: „Hmm... Woraus bestehen die denn...?“ „Naja... Rosennektar, Honig und Blutorangensaft. Und das dann alles zusammen gemixt.“ Mit diesen Worten drehte sie sich um und stürmte in die Küche. Hätte sie erst noch Raffael angeschaut, hätte sie gesehen wie er das Gesicht verzog. „Geh dich doch noch etwas im Haus umsehen! Ich ruf dich, wenn ich fertig bin!“, rief sie aus der Küche hinaus. „Ok... Umsehen... Wo fang ich an...?“, murmelte Raffael. „Ich sollte mir mal den Dachboden genauer anschauen... Der scheint interessant zu sein...“ So ging er wieder die Treppenstufen hinauf und weiter die Treppe zum Dachboden. Dort angekommen suchte er den Lichtschalter, fand ihn jedoch nicht. „Na egal... Ich kann ja auch ohne Licht alles gut sehen...“ Er blickte sich um. Kurz nachdem er in der Dunkelheit angekommen war, hatten sich seine Augen bereits auf die Düsternis umgestellt. Überall hingen Spinnweben herum, welche sich in leichten Luftzügen bewegten, und fast der ganze Dachboden war mit Kisten und Truhen zugestellt. Raffael ging ein paar Schritte weiter in die Mitte des Dachbodens. Der alte Holzboden knarrte unter seinen Schritten und ab und an hörte er mal das Fiepen von Mäusen. Auf einmal sah er eine kleine Gruppe kleiner, dunkler Gestalten auf ihn zufliegen. Er konnte sich gerade noch rechtzeitig bücken, dann flog ein Schwarm Fledermäuse über ihn weg auf das kaputte Dachfenster zu. Er sah ihnen noch eine Weile nach. „War wohl schon länger niemand mehr hier oben...“ Er ging wieder weiter über den Dachboden. Auf einmal fiel sein Blick auf eine merkwürdig verzierte Truhe. Er ging auf sie zu und als er sie öffnen wollte, bekam er einen kleinen elektrischen Schlag. „Mist... Scheint magisch versiegelt zu sein...“ Er schaute schnell zur Tür, ob Selenia ihm nicht vielleicht doch gefolgt sei. Jedoch sah er sie nicht; also murmelte er ein paar Worte und mit einem leisen ‚knack‘ öffnete sich das Schloss der Truhe. „Muss schon recht alte Magie sein, wenn die so leicht auszutricksen ist...“ Er hob den Deckel der Truhe an und mochte seinen Augen nicht trauen: In der Truhe lag eine Kristallkugel, gebettet auf einem silbernen Sockel... Er nahm sie aus der Truhe und betrachtete sie sich genauer. Der Sockel bestand aus 5 Engeln in langen Gewändern, auf deren Flügeln die Kugel ruhte. Die Hände waren alle ausgestreckt... Es sah aus, als ob der Sockel nicht ganz vollständig war... Die Hände schienen, als würden sie noch etwas halten... Raffael sah noch mal in die Truhe zurück, da lag allerdings nichts mehr, außer einem dunkelroten Samttuch. „Hmmm... Ich sollte diese Kristallkugel mal genauer unter die Lupe nehmen...“ Damit schloss Raffael den Deckel der Truhe und verließ den Dachboden wieder. Er ging mit der Kugel in sein Zimmer und schaute sich nach einem geeigneten Versteck für selbige um. „Ist zwar ziemlich einfallslos, aber es bleibt mir wohl vorerst nichts übrig...“ Mit diesen Gedanken stellte Raffael die Kugel unter das Bett. „Ich bin fertig!“, schallte es in just dem Augenblick von unten herauf. „Komme ja schon..“ murmelte Raffael und ging wieder nach unten in die Küche.

Dort angekommen drehte sich Selenia um und drückte ihm ein Glas mit einem merkwürdigen, dunkelroten Getränk in die Hand. Skeptisch schaute Raffael erst auf das Glas in seiner Hand, dann auf Selenia. „Das ist nicht dein Ernst, dass man das trinken kann...?“ „Nu maul hier nicht rum. Ich kann’s doch auch trinken! Warum solltest du es dann nicht können?“ „Nun ja. Muss wohl..“ Somit setzte Raffael das Glas an und trank seinen Inhalt auf ex. Eine kurze Pause entstand. Danach schaute Raffael schmunzelnd wieder zu Selenia rüber. „Hey... So schlecht ist das ja gar nicht!“ Leicht beleidigt schaute Selenia zurück. „Ja ach nee. Aber erst mal rummaulen, was?“ „Jaja. Entschuldigung. Übrigens...“, er zog sich einen Stuhl heran und setzte sich „Nun sag mir mal genau, was an dem Dachboden so merkwürdig ist, dass du schon allein von seiner Erwähnung eine Gänsehaut bekommst.“ „Uhm... Ach... An dem ist gar nichts Besonderes, weißt du...? Ich mag ihn einfach nicht so gerne.“ Ihre Blicke verrieten sie. Aber Raffael wusste, dass er vorerst nichts Genaueres von ihr erfahren würde. „Nun gut. Ach übrigens: Den wievielten haben wir heute? Mir ist mein Zeitgefühl abhanden gekommen..." „Heute ist der..“, Selenia schaute zum Kalender „Der 25.September.“ „Eijeh... So lange war ich bewusstlos? Ich muss noch unbedingt in die Stadt...“ „Ok, Nimm aber bitte einen Schlüssel mit, ja? Der Ersatzschlüssel liegt neben der Garderobe.“ „Ok, mach ich. Werde heute Abend vermutlich erst spät wiederkommen.“ „Geht schon klar. Ich muss eh ebenfalls weg.“ „Ciao!“, damit stand Raffael auf und ging zur Haustür. Ein leises Schlüsselklimpern ertönte und die Haustür wurde zugezogen. Selenia schaltete das Radio ein und fing an, die Küche aufzuräumen. Nach kurzer Zeit blitzte wieder alles. „Hm. Nunja... Ich denke, ich sollte mich auch aufmachen... Einkäufe warten nicht gerne. Vor allem, wenn man einen Gast im Hause hat...“ So ging auch Selenia zur Garderobe und nahm ihren Mantel vom Haken. Sie zog ihn über, nahm ihren Schlüssel vom Schlüsselbrett und verließ auch das Haus.

Das Haus lag auf einem kleinen Hügel außerhalb der Stadt. Es war vor vielen Jahren mal eine herrschaftliche Villa gewesen, aber nun fehlten die Gelder, diese Behausung zu restaurieren. Selenia hatte das Haus von ihren Eltern geerbt. Der Garten war riesengroß und er bestand aus einem einzigen, riesigen Blumenmeer aus Lilien und Rosen. Merkwürdigerweise waren überall nur schwarze Knospen zu sehen... Selenia schaute mit traurigem Blick über das Feld. „Eigentlich hätten sie schon längst anfangen müssen zu blühen... Sollte ich etwa auch diese Prüfung nicht bestehen...?“ Sie holte ihren Einkaufskorb aus dem Schuppen und machte sich auf den Weg in die Stadt. Verwundert schaute sie sich um. „Hier stimmt doch irgend etwas nicht... Es ist bereits Ende September...“ Der Weg, den sie entlang ging, war von Kirschbäumen gesäumt. Und obwohl es schon recht kühl wurde und die Blütezeit schon lange vorbei war, standen sie in voller Pracht... Überall waren die kleinen rosanen Blüten zu sehen... Es war wie im Frühling...

Nach einer kleinen Weile kam sie in der Stadt an. Überall waren Menschen auf den Straßen. „Hat es denn niemand bemerkt...? Hat niemand gemerkt, dass die Kirschbäume wieder angefangen haben zu blühen?“ Die Frage war berechtigt. Überall in der Stadt standen solche Bäume. Alle standen in Blüte. Niemand schien das zu bemerken. „Schau mal Mami! Die Hexe aus dem Spukhaus ist hier!“, kicherte ein kleines Mädchen hinter Selenias Rücken. „Pst, nicht so laut! Sie könnte dich hören...“ Die Mutter der Kleinen packte ihre Tochter an der Hand und zog sie außerhalb Selenias Hörweite. „Hexe... Ich.. Ich eine Hexe?“ Selenia schaute traurig über ihre Schulter. „Wenn die Zeit reif ist, wirst du es auch erfahren... Wir sind mehr als nur Hexen...“
Der Abend dämmerte schon, als Selenia wieder auf dem Rückweg war. Die Blüten der Bäume hatten sich bereits geschlossen und das rotgoldene Licht der Abendsonne überflutete den Hügel. Die Geräusche der Stadt waren in die Ferne gerückt. Leise zilpten einige Vögel.

Selenia schloss die Tür zum Haus auf und ging direkt in die Küche. Sie stellte ihren Korb ab und zog den Mantel aus. Sie wollte gerade zurück zur Garderobe um den Mantel aufzuhängen, da wurde es ihr mit Mal entsetzlich schwindelig. Sie krallte sich an den Türrahmen. „Was ist denn nun los...?!“ Sie schlug die Hände vors Gesicht. Im nächsten Moment sackte sie bewusstlos zusammen.

Als sie nach einiger Zeit wieder zu sich kam, stand ihr die Angst im Gesicht. „Was ist denn nun passiert...? Sollte etwa...“ Eine unbekannte Stimme hallte in ihrem Kopf wieder: „Mach schon! Denk nicht erst drüber nach, was da warum passiert ist! Das weißt du doch im Grunde genommen eh schon!“ Selenia sprang wieder auf ihre Füße. Vielleicht hätte sie das nicht tun sollen... Ihr wurde praktisch sofort wieder schwindelig. Dieses Mal jedoch unterdrückte sie dieses Gefühl und rannte aus dem Haus. „Das darf nicht passiert sein! Bitte nicht!“ Somit rannte sie in die Finsternis der Nacht hinaus...

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