Kapitel 8 |
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| Früh am nächsten Tag brach die Gruppe auf, doch es dauerte bis
zum späten Morgen, dass Fiore wirklich wach wurde. Er ging voraus,
Sanda und Ira waren direkt hinter ihm und führten die Quliulas am Seil.
Die letzte Nacht hatte er schlecht geschlafen, denn nicht nur die Unterhaltung
mit Darikor hatte ihn wach gehalten: Er musste die ganze Nacht darüber
nachdenken, was Darikor gemeint hatte und als er endlich soweit war, dass
er wirklich eingeschlafen war, träumte er schlecht. Er sah zum zweiten
Mal den Untergang seines Dorfes, konnte seine Mutter hören und die
verzweifelten Schreie seiner Schwester. Und wieder spürte er dieses
lähmende Gefühl, dass ihn damals in seinem Versteck gehalten hatte.
Er hätte helfen müssen. Er hätte den anderen bei der Verteidigung
helfen müssen. Aber er hatte auf ganzer Linie versagt... "Fiore?", schreckte ihn Sandas Stimme aus seinen Gedankengängen auf. Er drehte sich zu ihr um. "Fiore, stimmt etwas nicht?" Auf ihrem Gesicht lag ein Ausdruck von Sorge. "Du hast den ganzen Morgen noch nichts gesagt und siehst schrecklich blass aus..." "Nein, nein, alles in Ordnung.", entgegnete Fiore harscher, als er gewollt hatte. Sanda gab Ira ihr Seil in die Hand und holte zu Fiore auf. "Schlecht geschlafen?", fragte sie vorsichtig. "Hm.", stimmte Fiore zu. "Du hast also auch Alpträume von zu Hause, ja?", bohrte Sanda weiter. "Hmm.", kam von Fiore als Antwort. "In Ordnung, du scheinst nicht darüber reden zu wollen... Dann mal etwas Anderes: Wann meinst du, sind wir oben?" In genau dem Augenblick hörte Fiore von weit oben ein schreckliches Geräusch - eine Mischung aus Brüllen, Krächzen und Schreien - und die ganze Gruppe blickte panisch nach oben. "Schnell, runter vom Weg! Das ist ein Berggreif!", rief Fiore über seine Schulter. Die Frauen versuchten, sich zwischen die Felsen zu ducken, Ira und Sanda zerrten die beiden in Panik geratenen Tiere von der Straße. Fiore zückte Schimasil und machte sich auf den Angriff bereit. In Geschichten von Dorfbewohnern, die einmal hier gewesen waren, hieß es, Berggreife wären die schlimmsten Jäger des Gebierges. Kurz darauf raste der Berggreif auf Fiore zu. Der erste Angriff stieß Fiore einige Meter weit weg. Er hatte nicht damit gerechnet, dass dieses Tier über eine solche Kraft verfügte. Schnell jedoch rappelte er sich wieder auf und ging zum Gegenangriff auf das nun gelandete Wesen über. Es stieß sich vom Boden ab, wurde von Fiore jedoch noch an der linken Vordertatze erwischt. Es schrie und versuchte, mit der anderen Tatze Fiore zu Boden zu schlagen. Er konnte jedoch ausweichen, stieß seinen Dolch ein weiteres Mal vor und nun klaffte im rechten Flügel des Tieres eine tiefe Wunde. Das Tier setzte zum Rückzug an, doch als es mit den Flügeln schlug, hinderte plötzlich eine starke Macht es daran, wegzufliegen. Fiore nutzte die Möglichkeit und rammte dem Tier den Dolch bis zum Griffansatz in den Brustkorb des Tieres. Mit lautem Geschrei und Gekrächzte schlug es noch ein-, zweimal mit den Flügeln, fiel dann aber wie ein Stein aus der Luft. Fiore nahm seinen Dolch wieder an sich und sah auf das erlegte Tier hinab. Einiger Meter entfernt hörte er die beiden Quliulas, wie sie versuchten, sich zu befreien, aber da Ira anscheinend einen Zauber auf die Seile gelegt hatte, waren ihre Mühen umsonst. Erst dann fiel sein Blick auf Sanda, die sehr blass am Rand des Pfades stand. Ihre Hände fielen gerade an ihre Seiten zurück und Schweiß rann ihr an den Schläfen entlang. "Alles in Ordnung?", fragte Fiore. Er ging auf sie zu und nahm sie in den Arm. Sie fühlte sich wohlig warm an. "Danke.", murmelte er ihr ins Ohr. "Schon ok...", kam ihre schwache Antwort. Die Frauen kamen wieder aus ihren behelfsmäßigen Verstecken
und beäugten misstrauisch und ängstlich den toten Berggreif.
Ira hatte inzwischen die beiden Tiere wieder ruhig stellen können
und kam mit ihnen zurück zur Gruppe. Fiore hatte der Ältesten
nicht zugetraut, dass sie wirklich allein mit den beiden scheuenden Tieren
klar käme. Er versteckte seine Verwunderung jedoch gut. Gegen Mittag legten sie die erste Rast ein. Einige Frauen hatten vom
Fuß des Berges einen Beutel mit frischen Blättern und Gräsern
gepflückt und gaben den Quliulas nun davon zu fressen. Diese glucksten
zufrieden, während sie fraßen. Die anderen Frauen ließen
einen der Wasserbeutel rundgehen und nahmen sich etwas vom Geflügel
und vom Fisch. Eine Stunde später waren sie schon wieder ein gutes Stück des
Weges weitergekommen. Ira hatte anscheinend gerade eine interessante Stelle
mit Kräutern gefunden, als über ihnen wieder diese schreckliche,
unheilsverkündende Schrei zu hören war. Doch dieses Mal konnten
sich nicht mehr alle rechtzeitig in die Felsen ducken: Das Tier ging gleich
zum Angriff über, schlug Noria seine Tatze in den Rücken, und
versuchte, gerade das Selbe bei Sanda zu machen, als eine magische Barriere
es beim Schlag hinderte. Zwei der Frauen hatten die Hände nach vorne
gestreckt und versuchten und anstrengung, die Kraft aufrecht zu halten.
Fiore zückte Schimasil und versuchte, genug an das Tier heranzukommen,
doch es befand sich nun auf der Erde und verteidigte sich stark mit seinen
Flügeln und Krallen. Sanda konnt sich inzwischen zu Ira zwischen
die Felsen retten, Noria jedoch war scheinbar bewusstlos auf dem Pfad
zusammengebrochen. Auch die beiden anderen Frauen versuchten nun, sich
in die Felsen zu begeben, doch der Greif versuchte, sie anzugreifen. Eine
von ihnen versuchte, den Angriff abzuwehren. Die Krallen des Greifs gruben
sich tief in ihren Arm. Fiore nutzte seine Möglichkeit, das Tier
von hinten anzugreifen und stach mit dem Dolch in dessen Rücken.
Das Tier versuchte, sich nun umzudrehen, Fiore jedoch bohrte Schimasil
immer weiter. Die beiden Frauen hechteten in die Felsen. Gerade rechtzeitig,
denn das Tier versuchte nun, mit wildem Schlagen der Tatzen und Flügel,
Fiore abzuwerfen. Es dauerte jedoch nicht mehr lang, da wurden seine Bewegungen
langsamer. Blut rann sein Fell entlang auf den Pfad und mischte sich mit
der staubigen Erde. Kurze Zeit später lag es tot zu Füßen
Fiores. Den Rest des Weges verbrachten sie in eisiges Schweigen gehüllt. Fiore ging vorraus, mit den beiden Quliulas im Schlepptau, Ira ging bei Enoca und untersuchte die Wunde genauer und Sanda und Anaya, wie die bisher unverletzt hieß, trugen Noria auf der Trage den Berg hinauf. Fiore wollte seine Hilfe anbieten, doch bevor er auch nur fragen konnte, hatte Sanda ihm zu verstehen gegeben, dass sie es nicht wollte. Fiore wischte sich die Tränen aus seinen Augenwinkeln. Nur noch einige Meter, dann waren sie da. Hoffentlich passierte nicht noch etwas... Als die Sonne gerade unterging, erreichten sie die Höhhle. Sie war größer, als Fiore vermutet hatte, doch glücklichweise war sie vollkommen leer. Sanda und Anaya legten vorsichtig die Liege mit Noria auf den Boden. Die Frauen hockten sich in einem losen Kreis daneben und Wasser und Fisch wurden verteilt. Sanda kaute zwar auf ihrem Essen herum, hatte aber keinen Appetit und so hörte sie schon bald wieder damit auf. Den anderen Frauen ging es ähnlich. Fiore hockte sich an den Eingang der Höhle, zog Schimasil heraus
und begann, gedankenverloren das Blut abzuwischen. Er fühlte sich
schuldig. Er hätte besser acht geben müssen. Vermutlich hätte
er die Gefahr schon früher bemerken können. Er rutschte mit
dem Tuch ab und schnitt sich in den Finger. Es war seine Schuld. In dieser Nacht konnte niemand schlafen. Noria bekam hohes Fieber, schlief
aber irgendwann ein.
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