Kapitel 7

Ira erwartete sie bereits, als sie vollbepackt die Gruppe erreichten. Sie konnte ihren Augen kaum trauen und auch die anderen Frauen hatten ein Problem, das, was sie sahen, für wahr zu halten. Wo doch Sanda und Fiore eigentlich nur Wasser holen sollten, kamen sie gleich mit einem riesigen Berg an Nahrung an und selbst zwei Quliulas hatten sie gefangen?

"Wie um alles in Luras Namen, habt ihr das geschafft?" Ira deutete auf die Quliulas. Sanda lächelte sie an und erklärte: "Wir haben eine riesige Quelle gefunden. Es war mehr schon ein See, aber ohne Zuströme. An seinen Ufern weideten diese Quliulas und auch sonst war da eine Vegetation, dass es dir den Atem geraubt hätte!" Sie fing an, die Wasserbeutel rumgehen zu lassen und nahm den Tieren ihre Lasten ab. Firoe wies die Frauen an, die Fische und das Geflügel Transportfähig zu machen. "Ich denke, wir werden alle Nahrung brauchen können, die wir finden und dass etwas verdirbt, können wir uns nicht leisten.", sagte er zu Ira.

Kurze Zeit später roch es in dem behelfsmäßigen Lager nach frisch gebratenem. Die Tiere wurden zerlegt und in Blätter der Arama - einer Pflanze mit sehr großen, saftig grünen Blättern- eingewickelt, sodass sie ihren Geschmack länger halten konnten. Danach wurden sie wieder in die Beutel von Sanda gelegt und für die Nacht in eine flache Mulde gelegt.

Es war schon spät und Lura stand im Zenit, als die Gruppe sich schlafen legte. Fiore hätte selbst auch gerne eine Mütze schlaf gehabt - wo doch die letzte Nacht so anstrengend gewesen und auch heute der Weg kein Zuckerschlecken war - doch er musste auf die Frauen aufpassen. Es konnte gut sein, dass wilde Tiere den Duft des Gebratenem gerochen hatten und nun auf ein Mitternachtsmahl vorbeikommen wollten. So setzte sich Fiore in eine tiefer gelegene Astgabel und versuchte, es sich zumindest etwas gemütlich zu machen. Schimasil fest in seiner Hand, überblickte er die Hügel.

Ein leichter Wind kam auf und die langen Gräser bewegten sich leicht. Das Mondlicht schien sich auf ihren langen Halmen zu spiegeln. Die Nacht war sternenklar und er versuchte, seinen Geburtstern zu finden. Seine Mutter hatte damals oft gesagt, es gibt erst dann keine Hoffnung mehr für was auch immer man tut, wenn man seinen Geburtsstern nicht mehr sehen kann. Zu seiner Geburt, so hieß es, funkelte der Stern des Nordens wie noch nie zuvor und daher hatte man gerade den Stern zu seinem Geburtsstern auserkoren. Eine Legende besagt, dass der Stern nur bei besonderen Ereignissen funkeln würde. Fiore wusste nicht, warum ausgerechnet an seinem Geburtstag, aber er hielt es auch immer für ein Versehen des Sterns. Trotzdem... Er war stolz darauf, behaupten zu können, gerde der Stern des Nordens ihm 'gehörte'.
Es dauerte eine Weile, bis er ihn fand. Er mochte "Stern des Nordens" heißen, aber seitem Fiore denken konnte, war dieser Stern immer woanders. Einmal im Jahr, an seinem Geburtstag, stand er direkt über der Hauptstadt, so hieß es. Das restliche Jahr schien er auf einem unsichtbaren Weg über das Firmament gezogen. Der Anblick des Sterns beruhigte Fiore. So war also noch nicht alles verloren, er durfte noch Hoffnung haben. Auch Lura schien es gut mit ihnen zu meinen. Vielleicht, aber auch nur ganz vielleicht, konnten sie es wirklich schaffen.

Er musste wohl doch noch eingeschlafen sein, denn als er die Augen das nächste Mal aufschlug, kitzelten bereits die ersten Sonnenstrahlen seine Nase. Er streckte sich, vergewisserte sich, dass die Frauen noch schliefen und stieg vom Baum herab. Die ersten Vögel fingen an, zu zwitschern.

Fiore stellte sich zu den beiden Quliulas, die seelenruhig im Gras standen und ihr Frühstück verdrückten. Sie sahen ihn einmal kurz an, grasten dann aber weiter. Fiore tätschelte ihnen den Hals und hockte sich ins Gras neben sie.

Die Bergspitzen weit über ihm funkelten und glitzerten, als ob sie aus hunderten und aberhunderten Kristallen bestanden. Es blendete schon fast, sie anzusehen. Von hinten hörte er Schritte und als er sich umdrehte, stand eine der Frauen hinter ihm und setzte sich zu ihm. "Beieindruckend, nicht wahr?", fragte sie. Fiore versuchte, sich an ihren Namen zu erinnern, kam aber nicht drauf. Ohne es sich anmerken zu lassen, antwortete er: "Ja... Aber ich denke, wir werden unsere Meinung ändern, sobald wir dort oben sind." Noria. Das war ihr Name. "Du kannst also auch nicht mehr schlafen, weil du daran denkst, ja?", fragte sie mit einem traurigen Lächeln im Gesicht und hielt ihm ein Stück Brot und den Wasserbeutel hin. Dankbar nahm Fiore es - er hatte bis jetz tnicht gemerkt, wie großen Hunger er hatte - und sprach: "Nunja... Ich versuche, nicht die ganze Zeit dran zu denken. Lura scheint es gut mit uns zu meinen und letzte Nacht konnte ich meinen Geburtstsern sehen. Ich denke, es wird hart, aber wir können es schaffen. Durch die Quliulas wird euch eine Menge an Sachen zum Tragen abgenommen, das sollte euch auch entlasten. Nahrung müssten wir für die Nächste Woche genug haben und ich denke, dass es in den Bergen auch noch andere Dinge als Felsen und Berggreife gibt. Es wird sicherlich auch etwas zum Jagen geben." Er richtete seinen Blick wieder von Noria ab und besah sich ein weiteres Mal die Bergspitzen. Noria neben ihm war still. Als sie wieder etwas sagte, konnte Fiore hören, wie sie gegen ihre Traurigkeit ankämpfte. "Ich wäre ehrlichgesagt lieber im Dorf geblieben und hätte dort mein Leben zuende gelebt... Die Kiren währen bestimmt nicht wieder gekommen und ich selbst habe die Magie nie angewandt... So gesehen bin ich euch eher ein Klotz am Bein." Fiore kam sich komisch vor, als er diese um einige Jahrzehnte ältere Frau in den Arm nahm, aber er wusste nicht, wie er sonst reagieren sollte. "Noria, sieh es doch mal so. Die anderen mögen Magie besitzen und diese auch manchmal anwenden können, aber dafür bist du sicherlich die Geschickteste von uns allen, was das Präparieren von Nahrung angeht." Das war nicht gelogen. In der letzten Nacht hatte er sich die Frauen einmal genauer angesehen und ihm war aufgefallen, dass Noria häufig den anderen Half, wenn es darum ging, die Tiere auszuweiden oder ihre Federn und Schuppen zu entfernen. Noria lächelte und drückte Fiore an sich. Eine Weile noch blieben sie so sitzen, dann hörten sie von hinten Ira: "He! Wollt ihr gar nicht beim Packen helfen?" Fiore stand auf, half Noria auf die Füße und ging mit den Quliulas zur Gruppe hinüber.

Sanda war wohl gerade wach geworden: Sie saß noch sich räkelnd unter einem großen Baum. Verschlafen blinzelte sie in die nun aufgegangene Sonne und gähnte herzhaft. Fiore lächelte zu ihr rüber und bepackte das erste Quliula mit einem großen Beutel voll Fisch und den ersten Wasserschläuchen. "Gut geschlafen?", rief er zu ihr hinüber. "Naja... Etwas hart, aber es ging.", kam von ihr zurück. Als sie dann neben ihm stand, waren beide Quliulas bereits voll bepackt. Die Gruppe sammelte sich und schaute Fiore erwartungsvoll an. "Ich denke, wenn wir das nächtse Mal unsere Stätte aufbauen, werden wir schon auf Felsen schlafen müssen. Der Weg bis zum Aufstieg ist vielleicht noch einen halben Tag entfernt, wenn wir unser Tempo beibehalten, aber da wir uns nun nicht mehr durch Sträucher und Büsche schlagen müssen, denke ich, dass wir sogar schneller da sind." Er wies in eine Richtung, die auf die Berge zeigte. "Dort hinten ist unsere nächste Pause. Habt ihr alle Sachen eingepackt?" Vorsichtshalber wanderte seine Hand zu Schimasil. Es wäre nicht gut, wenn er es vergäße. Als die Frauen ihm zustimmten und nochmal über den Schlafplatz schauten, setzten Fiore, Ira, Sanda und die Quliulas sich in Gang. Kurz darauf folgten auch die Anderen.

Es war eine Ruhige Wanderung. Beinahe wirkte es schon wie ein Spaziergang, so leicht ging es. Das schlimmste waren noch die Aufstiege, wenn ein Hügel mal etwas höher als erwartet war, aber selbst die waren ein Kinderspiel verglichen zu den Strapazen die Fiore im Wald auf sich genommen hatte. Seine Füße hatten sich mittlerweile and das Laufen gewöhnt, sie schmerzten nicht mehr so stark, wie nach dem ersten Tag. Ab und an wurden kurze Pausen zum Trinken gemacht und auch die Quliulas brauchten mal eine, damit sie ihre verbrauchte Kraft zurückerlangen konnten. Sanda war die ganze Zeit über an Fiores Seite, doch hatten sie kein Thema für ein Gespräch und so war der Weg über sehr still. Manchmal bückte Ira sich, murmelte irgendwelche unverständlichen Sätze und pflügte Gräser und Blumen. "Kräuter. Es kann ja sein, dass einer von uns sich verletzt.", sagte Sanda, als ob sie Fiores Gedanken hätte lesen können. "Könnt ihr das nicht mit Magie?", fragte er etwas verwundert. "Nunja... Es kommt auf die Art der Verletzung an und auch, wie viel von der Kraft noch da ist. Ich zum Beispiel habe mich gestern ein wenig verausgabt, als ich die Quliulas davon überzeugt habe, mitzukommen. Ich denke, erst heute Abend oder morgen früh werden weitere Taten von mir verlangt werden können." Als Fiore sie daraufhin ansah, erkannte er, dass unter ihren Augen dunkle Ringe waren. Gestern waren sie ihm gar nicht aufgefallen... Er fing an, sich wieder etwas Sorgen zu machen, schob sie aber beiseite. Wenn Sanda bisher immer in der Natur gelebt hatte, dann wusste sie schon, wie weit sie gehen konnte.

Die Sonne hatte hatten ihren Zenit noch nicht erreicht, als die Gruppe bei den felsigen Ausläufern des Urlog-Gebirges ankam. Fiore war überrascht. Der Weg war sehr viel kürzer, als er ihn vermutet hatte. Ira stand neben ihn und die Gruppe setzte sich auf die umliegenden Felsen, um sich und den Tieren eine Pause zu gönnen. Brote und ein wenig Gfelügel wurde ausgepackt und das Mittagessen begann. "Bisher lief es ja sehr viel besser, als wir gedacht hatten.", bemerkte sie. "Ja. Ich denke, wir werdne es auch gut über die Berge schaffen", entgegnete Fiore. Ira sah ihn verwundert an: "Woher der Sinneswandel? Vor wenigen Tagen hast du mich noch davon überzeugen wollen, dass wir es nie und nimmer schaffen werden." Fiore lächelte. "Ja, ich weiß. Aber bisher lief es einfach so gut: Wir haben ohne Probleme das Gebirge erreicht, haben genug Nahrung für die nächste Woche und auch zwei Quliulas sind nun bei uns, was bedeutet, dass ihr nicht mehr so viel tragen müsst und eure Kräfte nicht mehr so schnell erschöpft sind." Da stimmte Ira zu. Nun setzten sich auch Sanda, Ira und Fiore zu den anderen, um mit ihnen zu essen.

Am Abend, als die anderen schliefen, kam Ira zu Fiore. Er hatte es sich mal wieder auf einem Felsen etwas abseits der Gruppe bequem gemacht und beobachtete die Umgebung. "Fiore, komm doch bitte mal runter.", bat sie ihn. Er war etwas überrascht, dass sie noch wach war, kam ihrer Bitte jedoch nach. "Fiore, ich denke, du solltest dich besser nun auch hinlegen. Die nächsten Tage werden noch anstrengend genug, du wirst deine Kraft brauchen. Hier wird uns wohl kein Übel drohen, denn die Berggreifen leben weiter oben und hier unten gibt es kaum gefährliche Tiere." "Woher willst du das wissen?", fragte Fiore. "Du weißt doch gar nicht, welche Tiere hier leben!" Ira lächelte. "Lura beschützt uns. Schon die letzten Tage zeigten, dass keine großen Gefahren auf uns lauerten, zumindest ist meines Wissens nach nichts passiert. Aber nun leg dich schon hin, morgen früh sollten wir besonders zeitig aufstehen, damit wir einen langen Marsch schaffen." "Ja, du hast ja recht, Ira. Ich... Ich werd wohl auch gleich schlafen gehen. Aber noch bin ich etwas... zu aufgekratzt." Ira schien zu verstehen, was er meinte und drängte daher nicht weiter.

Als sie sich wieder zum gehen gewandt hatte, bekam Fiore ein schlechtes Gewissen. Hätte er Ira von Darikor erzählen müssen? Etwas in ihm rief ihm ein eindeutiges "Ja!" zu, während sich ein anderer Teil in ihm auf ein "Nein!" festlegte. Er zog Schimasil heraus und ließ das Licht des Mondes auf seiner Schneide blitzen. Leise seufzte er. Das, was Sanda ihm gesagt hatte, leuchtete ihm zwar ein - mit einer Gruppe ängstlicher Frauen war es bestimmt nicht einfach, über den Berg zu kommen -, aber dennoch widerstrebte es ihm, etwas so wichtiges gerade vor Ira geheim zu halten. Er nahm sich vor, es ihr am nächsten Morgen zu erzählen, wenn die anderen außer Hörweite waren.

"Schlechte Idee.", hallte eine Stimme in seinem Kopf. Fiore dachte erst, er hätte es sich eingebildet, doch dann hörte er die Stimme wieder: "Nein, das war keine Einbildung, du hörst mich wirklich." Darikor. Fiore sprang auf und sah sich gehetzt um. Der Mond verbreitete zwar einen hellen Lichtschein, doch um ihn herum waren nur Steine und tiefschwarze Schatten. "Wo bist du?", dachte er. Mittlerweile meinte er, dass Darikor ihn bestimmt auch verstehen würde, wenn er bloß dachte und nicht redete. Immerhin konnte er ja Gedankenlesen. "Oh, ich bin dir näher, als du denkst." Fiore unklammerte Schimasil. "Was willst du?", fragte er still. Ruhe. Nervös sah sich Fiore um. Er war zu nah an der Gruppe dran. Wenn es zu einem Kampf käme, würden die Frauen gefährdet sein. "Keine Sorge, ich will nicht kämpfen", kam auch promt Darikors Antwort. "Mir war ehrlichgesagt langweilig und da bemerkte ich deine Anwesenheit in meiner Nähe." Fiore versuchte sich etwas zu entspannen. Er konnte dem Wesen nicht trauen, aber panisch in die Schatten starren hatte auch keinen Sinn. So ein großes Wesen wie ihn konnte man selbst bei diesen Lichtverhältnissen gut von der Umgebung ausmachen. Wieder Stille. "Sag mal, Kleiner...", fing Darikor wieder an. "Nenn mich nicht Kleiner!", schrie ihn Fiore in Gedanken an. "...weißt du eigentlich, warum die Kiren bei euch waren?" Darikor war von Fiores Wutausbruch ungerührt. Fiore selbst zog die Stirn in Falten. Warum die Kiren da waren? Na weil sie Beute machen wollten, warum sonst? "Falsch. Oder besser: Fast richtig." "Warum dann?", wollte Fiore wissen. Er hörte nur ein verächtliches Schnauben. Vor seinem inneren Auge konnte er förmlich sehen, wie dieses Wesen auf seine merkwürdige Art grinste. "Warum?", fragte er nochmals, mit mehr nachdruck. Aber alles, was er hörte, war Stille. "Übrigens.", kam nach einer weiteren langen Pause die Antwort Darikors. "Ich denke, ich sollte dein und Sandas kleines Geheimnis bleiben. Glaub mir, es ist besser so." Darikor ließ die Nacht über nichts mehr von sich hören.

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