„Fiore…“, vernahm er eine Stimme. „Fiore, wach
bitte auf…“ Sie war weiblich. Fiore hörte sie wie durch
eine Wand aus Watte. Gehörte diese Stimme Sanda…? Langsam öffnete
Fiore die Augen und musste blinzeln, als das helle Licht der Sonne ihn blendete.
„Was… Was ist passiert…?“ Er setzte sich auf und
strich sich mit einer Hand über die Stirn. Sein gesamter Kopf schmerzte
und seine Schultern waren von der Nacht auf dem harten Boden verspannt.
„Oh, Fiore, endlich kommst du wieder zu Bewusstsein!“ Sanda
hockte neben ihm und das Glänzen ihrer Augen verriet, dass sie geweint
hatte. Ihre Hände zu Fäusten geballt, stemmte sie sich auf dem
kühlen Erdboden ab. Sie biss sich auf die Lippe um nicht wieder anzufangen,
zu weinen. „Sanda…?“ Fiore schüttelte den Kopf, um
den Rest der Benommenheit zu aus dem Kopf zu bekommen. "Ich dachte
schon, es sein um dich geschehen, was fällt dir ein, einfach wie tot
auf der Erde liegen zu bleiben?", warf sie ihm vor und wischte sich
die Tränen aus dem Gesicht. "Hier. Das lag einige Meter von dir
entfernt. Erklär mir das, ja?", sie hielt Fiore Schimasil hin
und schaute ihn vorwurfsoll an. Fiore wollte sich ebenfalls aufsetzen, als
er es versuchte, stach jedoch ein fürchterlicher Schmerz durch seinen
Rücken. Er biss sich auf die Lippen, setzte sich jedoch trotzdem hin.
Sanda schaute ihn besorgt an. "Falls du vorhast, mir zu erzählen,
du seist vom Fels gefallen... Also das werd ich dir nicht glauben, egal
wie glaubhaft du es versuchst, mir beizubringen." Sie schien sich etwas
beruhigt von ihrem ersten Schock zu haben. "Ok, dann streich ich die
Geschichte mit dem Felsen." Fiore versuchte sie anzulächeln, aber
der Schmerz in seinem Rücken ließ es mehr wie eine Fratze scheinen.
Ohne ein weiteres Wort legte Sanda ihre Hände auf seinen Rücken,
murmelte einige Worte, die Fiore nicht verstand und kurz darauf erschienen
kleine, blaue Lichtpunkte um sie herum. Gebannt verfolgte Fiore das Schauspiel,
doch nach wenigen Augenblicken war es bereits wieder beendet. Er blinzelte
sie etwas verdutzt an, dann erst bemerkte er, dass sein Rücken anscheinend
wieder normal war. Zumindest spürte er keine Schmerzen mehr. "Ja,
das war Magie. Das, was du meinst, es nicht lohnt weiterzugeben." So
ernst ihre Worte klangen, sie wurden durch ihr Schmunzeln Lügen gestraft.
Aber nun erzähl mal.
Fiore stand auf und half danach auch Sanda auf die Füße. Schimasil
im Hosenbund gingen sie zurück zur Gruppe. "Also?", bohrte
sie ein weiteres Mal nach. "Sanda... Du bist doch die Tochter Iras...
Ich denke, du kennst dich besser aus, als ich, was heute Nacht passiert
ist.", fing Fiore an. Als Sanda ihn irritiert anschaute, sprach er
weiter: "Gibt es in irgendwelchen uralten Legenden eine Bestie, die
mit Schuppen bedeckt, einem Paar Flügeln auf dem Rücken und mit
mächtigen magischen Kräften ausgestattet ist?" "Nunja...",
setzte Sanda an, verstummte dann aber für einen Moment. Sie wirkte
unschlüssig, ob sie ihm wirklich erzählen sollte, was sie wusste.
"Ja, es gibt so ein Wesen. Nenn es nicht Bestie - das stimmt einfach
nicht. Es ist eher so eine Art höheres Wesen, ein überaus magiebegabtes
dazu. Aber die letzte Legende oder besser: Das letzte Mal, dass jemand sie
sah, liegt schon sehr, sehr lang zurück, selbst ich habe nur wenig
über sie gehört. Warum fragst du?" "Du kannst deiner
Liste an Eigenschaften folgendes hinzufügen: Sie spielt gern mit ihrer
Beute, ist fürchterlich eingebildet und liebt es anscheinend, in Rätseln
und mit sich selbst zu sprechen." Sanda blieb ruckartig stehen, zog
Fiore an sich heran und schaute ihm mit ihren durchdringenden, himmelblauen
Augen direkt an. "Bitte was hast du gesagt?", zischte sie. "Ich
habe gesagt, dass du deiner Liste -", fing er wieder an. "Ja,
ich bin des Hörens und Verstehens mächtig. Ich meine: Hast du
es wirklich gesehen?" "Genau. Sah überaus imposant aus, allerdings
war es stockfinster und ich konnte nicht allzuviel erkennen." "Was
hat es gemacht? Oder gesagt?" "Es hat mich 'Kleiner' genannt,
hat in Rätseln gesprochen, mich Meterweit durch die Luft geschleudert
und die Luft abgedrückt, bis ich beinahe keine mehr bekommen habe.
Reicht das?" Fiore wollte eine Schwäche nicht in Gegenwart von
Sanda offenlegen. Wer weiß, was sie von ihm danach hielt? Aber anscheinend
war sie zu sehr mit der Tatsache beschäftigt, dass dieses Wesen aufgetaucht
ist und beachtete seine Niederlage -und schlimmer: seinen knappen Tod- nicht
weiter. Schweigend gingen sie weiter und die Gruppe war nun nur noch wenige
Meter von ihnen entfernt. "Er heißt übrigens Darikor.",
erwähnte Fiore wie beiläufig. "Psst!", machte Sanda.
Als Fiore sie fragend ansah, meinte sie: "Lass das bitte unser Geheimnis
werden, ja?" "Den Namen?" "Alles, was beim Treffen passiert
ist. Ich denke, es würde die Anderen... zu sehrn beunruhigen."
In dem Moment kamen sie auch schon bei Gruppe an, so konnte Fiore keine
weiteren Fragen stellen. Bei sich dachter er nur: "Aha. Und mich soll
das jetzt irgendwie beruhigen, ja?"
Nun waren sie bereits wieder seit ein paar Stunden unterwegs. Fiore hackte
Schimasil durch immer dichter scheinendes Gestrüpp, Ira und die anderen
Frauen direkt hinter sich. Sein Arm schmerzte bereits, aber er versuchte,
das zu verdrängen. "Darikor. Was wollte er oder es eigentlich?
Und was bildete sich dieses Wesen überhaupt ein?!" Seine Gedanken
kreisten noch immer um die Begebenheit der letzten Nacht. Die Sonne stand
nun inzwischen im Zenit und in dem Geschlossenen Gestrüpp um die
kleine Gruppe herum sammelte sich langsam die Wärme. Schweiß
rann Fiore von der Stirn und am liebsten hätte er nun wieder eine
Pause eingelegt, doch es schien, als ob nur er eine vertragen könnte.
Außerdem... Wie sollte das denn vor Sanda wirken, wenn er als einizger
der Gruppe dauernd Pause machen müsste... Apropo Sanda: Wo war sie
denn nun schon wieder? Als er sich kontrollierend umdrehte um zu sehen,
ob alle noch da waren, sah er sie nicht. Ira legte ihm beruhigend die
Hand auf die Schulter, als ob sie wusste, was er vermisste. "Keine
Sorge, Fiore. Sanda ist ein Kind der Wälder, sie wird sich weder
verlaufen, noch wird irgend ein Tier sie anfallen. Außerdem vergisst
du schon wieder, dass sie unsere zweitmächtigste Magierin ist."
Das Beruhigte ihn kein Bisschen. Er hatte Sanda gern bei sich und wenn
ihr etwas zustieße... "Nun mach aber weiter.", sprach
Ira und versuchte ihn wieder in Richtung Gestrüpp zu drängen.
"Nein! Ich bin in gewisser Weise auch für diese Gruppe zuständig.
Ich kann nicht verantworten, dass ihr etwas passieren könnte!"
"Aber wenn ihr doch nun nichts zustößt, Fiore -",
setzte Ira neu an, wurde jedoch von Sandas Stimme unterbrochen. "Du
brauchst dir wirklich keine Sorgen machen, ich bin ganz in eurer Nähe.
Aber wenn du denn unbedingt willst... Ich werde mich zu euch gesellen."
Woher war sie denn nun so plötzlich gekommen? Aber egal, sie war
ja nun wieder da. Inzwischen gab es eine recht lange Liste an Ungereimtheiten
bezüglich Sanda. In der nächsten Nacht, so nahm er sich vor,
wollte er einige davon bereinigen. Fiore drehte sich erleichtert um und
hackte weiter auf das Gestrüpp vor ihm ein.
Da waren sie. Die ersten Ausläufer des Urlog-Gebierge. Direkt vor
ihnen, genauergesagt: Direkt unter ihnen. Die ersten sachten Hügel
wellten sich über die Landschaft, der Aufstieg zum Pass wirkte wie
in greifbarer Nähe. Der dichte Wald war verschwunden und saftige
Wiesen zogen sich bis zu den felsigen Wänden der Berge. Vereinzelt
standen noch knorrige alte und saftige grüne Bäume in der Gegend,
sonst war Schatten eher rar gesäht.
Die Frauen nahmen sich ihre Beutel und sonstigen Tragetaschen vom Rücken
und setzten sich in den Schatten des Waldrandes. Wasserbeutel wurden herumgreicht,
Brote und Fisch geteilt. Ira ging zu Fiore und Sanda hinüber, die
sich beide die Gegend ansahen. "Fiore, ich denke, wir werden bis
zum nächsten Morgen hier bleiben. Hier scheint es irgendwo Wasser
zu geben, sonst würde es hier wohl kaum so grün aussehen. Könntet
ihr euch bitte auf die Suche danach machen?" Mit diesen Worten hob
sie die beiden Wasserbeutel hoch, die sie an ihrem Gehstock befestigt
hatte. "Es kann aber länger dauern, bis wir welche finden..:",
gab Fiore zu bedenken. "Nimm Sanda mit. Dann wird es schnellgehen."
Wissend schmunzelte die Alte die Beiden an. "Na, los, worauf wartet
ihr noch?"
Eine halbe Stunde später konnten sie bereits den Waldrand nicht
mehr sehen. Das lag nicht an der Entfernung - die Hügel machten ein
flottes vorankommen fast unmöglich -, sondern an den Hügeln
selbst. Auf ihnen hatte man eine wunderschöne Aussicht, in ihren
seichten Tälern sah man nichts weiter als grün, grün, grün
und nochmals: grün. Sanda hatte ganz selbstverständlich eine
Richtung eingeschlagen und Fiore folgte ihr, ohne zu fragen. Er hoffte,
dass ihre magischen Fähigkeiten sie schon irgendwie zu einem See,
einem Fluss oder zumindest zu einem Bach brächten.
Fiore nutzte die Gelegenheit, das Gespräch vom Morgen wieder aufzunehmen:
"Warum sollte es die Anderen beunruhigen, Sanda?" Sie drehte
sich zu ihm um und schaute ihn fragend an. Kurz darauf schien sie schon
zu wissen, was er meinte und antwortete: "Es sind alte Frauen. Das
Wesen... Nun... Es ist zwar älter als wir alle zusammen, doch trotzdem
hat es durchaus die Kraft, uns alle ohne größere Mühen
zu töten." Wie sie das sagte... Als ob sie keine Emotionen dabei
hatte... "Wenn sie nicht wissen, was anscheinend hinter uns, genauer
noch: hinter dir her ist, wird es leicht werden, mit ihnen über den
Pass zu kommen. Oder hast du es schon Mal geschafft, eine Horde in Panik
geratene Hühner dazu zu bringen, zu machen, was du willst?"
Sie lächelte ihn an. Manchmal kam es Fiore so vor, als würde
sie ihn mehr als Mittel zum Zweck sehen, als ein Freund oder um bescheiden
zu bleiben: Fühlendes menschliches Wesen. Zählte er den so wenig?
Ein wenig beleidigt ging er die nächste Viertelstunde neben ihr her.
Auf einmal wehte ihm über den nächsten Hang ein frischer Wind
entgegen. Auch meinte er, rauschen hören zu können und so setzte
er zu einem Sprint den Hügel hinauf an. Auf der Hügelkuppe angekommen,
traute er seinen Augen kaum:
ein kleiner See, anscheinend ohne einen Fluss, der ihn mit Wasser versorgte,
lag dort vor ihm. Eine Quelle? Wenn ja, so war es die größte,
die er jeh gesehen hatte. Ganz in der Nähe grasten einige Quliulas.
In seinem Dorf hatte man damals einige dieser Tiere als Lasten- und Transporttiere
gehalten. Auch waren größere Ansammlungen von verschiedenen
Vogelarten zu sehen und im kristallklaren Wasser schwammen riesige Fische.
Der Gedanke, einfach hier zu bleiben und ein Dorf zu gründen, schoss
ihm durch den Kopf. Nun war auch Sanda bei ihm und strich sich ungläubig
über die Augen. "Fiore?", fragte sie. "Was ist?",
entgegnete er. "Sagmal... Wenn ich Seile beschaffen könnte...
Könntest du ein oder zwei von den Quliulas einfangen?" Eine
kurze Pause entstand. Fiore wollte gerade etwas sagen, da unterbrach sie
ihn: "Ich werd dir natürlich helfen. Ich hab noch ein wenig
mehr an magischen Künsten auf Lager, als meine Mutter weiß..."
Fiore musste grinsen. Die Idee, mit Sanda eines der wohl seltensten Tiere
- naja, so selten vermutlich auch nicht, wenn es hier eine ganze Kolonie
davon gab - zu zähmen, erheiterte ihn. "Was ist nun, machst
du's?", fragte sie etwas drängeld. Fiore tat einen Moment so,
als würde er nachdenken, dann antwortete er: "Ja, ok."
Kaum hatte er seine Zustimmung gegeben, funkelte es schon wieder um Sanda
und im nächsten Moment lagen drei stabil aussehende Seile in ihren
Händen. "Na dann los!", lachte sie ihn an.
Was hatte Fiores Vater damals noch zur zähmung von Quliulas gesagt..?
Anschleichen, leise sein, Seil auswerfen und von hinten die Hinterbeine
festbinden? Ok, leichter gesagt als getan. Die ersten beiden Versuche
von Fiore und Sanda gingen auch gehörig schief, sodass sie jedes
Mal die ganze Horde erschreckten und sich so immer weiter vom See weg
bewegten. Diese Tiere waren wirklich schreckhafter, als er angenommen
hatte...
Doch irgendwann gelang es ihnen, ein Tier zum stolpern zu bringen. Beinahe
hatte es sich schon wieder aufgerafft und wäre weggerannt, denn Fiore
und Sanda kringelten sich vor Lachen beinahe auf dem Boden. Es ist einfach
zu komisch, so ein Tier stolpern zu sehen. Fiore jedoch warf schnell das
Seil mit einer Schlinge aus und hielt das Tier so am Boden. "Sanda?",
fragte er über seine Schlter hinweg, "Weißt du, wie wir
dieses Tier dazu bringen, mit uns mitzukommen? Mein Gedächtnis hat
da leider eine Lücke!" Von hinten hörte er Sanda lachen.
"Ok, überlass das mir und versuch, noch ein zweites Quliula
zu fangen!" Sie kam herangestürmt, fasste das Tier an seinen
vorderen hörnern und blickte ihm durchdringend in die Augen. Fiore
beneidete das Tier in diesem Moment irgendwie. Er wünschte Sanda
noch viel Erfolg, als jedoch keine Antwort kam, machte er sich auf, noch
ein zweites Tier zu finden.
Inzwischen hatten sie das Rudel wieder in Richtung See treiben können
und so kam Fiore die Idee, eines der Tiere in das Wasser zu treiben. Das
würde es vermutlich einfacher machen. So zog er sich sein weites
Hemd aus und lief schreiend auf die Tiere zu. Zugegebenermaßen hätte
bloßes Rennen ohne Schreien die gleiche Wirkung gehabt, nur es fühlte
sich gut an, einfach alles aus sich herauszuschreien, was einem die Seele
erschwerte.
Das Glück war ihm hold, einige Tiere rannten in Panik wirklich ins
Wasser und obwohl viele auch schnell wieder an Land kamen, so blieben
doch einige Quliulas hilflos im glitschigen Sand stecken und konnten nicht
mehr wegrennen.
Er watete durch das seichte Wasser hindurch auf ein noch recht jung und
kräftig erscheinendes Tier zu, warf das Seil aus und konnte es mit
einiger Mühe zu Boden ringen. Gerade, als er sich fragte, wie er
es nun allein anstellen sollte, dieses Tier fügig zu bekommen, hörte
er Sandas Stimme vom Ufer hinter sich: "Hey! Ich hab's geschafft!",
rief sie ihm hinüber. Im nächsten Moment hörte er, wie
sie durch das Wasser auf ihn zuwatete. "Ok, ich übernehme das
jetzt. geh du zum anderen rüber und zieh dich wieder an, in Ordnung?"
Er sah sie an und sie grinste bis über beide Ohren. Damals hatte
seine Mutter ihm immer gesagt, er solle bloß immer sein Hemd anlassen,
es ziehmt sich nicht, in Gegenwart einer weiblichen Person oben unbekleidet
zu sein. Er lief etwas rot an, tat aber dann wie geheißen.
Das erste Quliula stand ruhig grasend an der Uferböschung und schaute
ihn neugierig an. Fiore streckte die Hand aus und tätschelte es am
Kopf. Das schien dem Tier zu gefallen. Er suchte sein Oberteil und zog
es sich über.
Als er wieder an das Ufer kam, watete Sanda gerade mit ihrem neuen Gruppenmitglied
durch das Wasser auf ihn zu. Das Seil recht lose um den Hals des Tieres
gelegt, trottete es ruhig hinter ihr her. Sanda lächelte Fiore an,
stieg aus dem Wasser und schüttelte sich, dass die Wassertropfen
flogen. "Was meinst du. Sollen wir nicht noch ein paar mehr mitnehmen?",
fragte sie, während sie dem Tier liebevoll den Hals tätschelte.
"Besser nicht. Du musst bedenken, dass diese Tiere auch Verpflegung
brauchen. Ich weiß nicht, wie viel Nahrung wir da oben finden werden."
Ein wenig traurig schaute Sanda zu den anderen Quliulas hinüber,
schien aber durchaus zu verstehen. "Nagut... Dann lass uns mal für
mehr Verpflegung für uns Menschen suchen." Sie nahm 'ihr' Quliula
an der Leine und schaute zu Fiore hinüber. "Fisch oder Geflügel,
was meinst du?", fragte sie. "Wie wäre es denn mit beidem?",
meinte er.
Sandas Magie stellte sich als überaus nützlich heraus. Mit einigen
Leuchtpunkten konnte sie ihne weiteres Netze zum fangen der Vögel
und Fische machen. So war denn die Arbeit auch gut aufgeteilt. Fiore besorgte
den Fisch und die Vögel, sie die Netze. Nachdem sie drei recht große
Netze zusammenhatten - zwei mit Geflügel, eins mit Fisch - verwandelte
Sanda die Netze einfach in Beutel und diese wurden dann auf die Quliulas
getragen. Auch einige neue Wasserflaschen wurden herbeigeholt. Als auch
das zweite Quliula komplett beladen war, gönnten sich die beiden
noch eine Pause und setzten sich ins Gras.
"Sanda? Ich habe eine Frage, bin mir aber nicht sicher, ob du sie
mir beantworten willst... Möchtest du sie trotzdem hören?",
fing Fiore etwas unbeholfen an. Sandas Neugierde war geweckt und so schaute
sie ihn erwartungsvoll an. "Warum habe ich dich noch nie bei uns
im Dorf gesehen? Ich meine... Ich kenne ja nicht das ganze Dorf auswendig,
aber jemand wie du wäre mir durchaus schon aufgefallen, wenn du das
verstehst, was ich dir sagen will." Sanda legte ihren Kopf an Fiores
Schulter. Er gewöhnte sich langsam daran, fand es jedoch immer wieder
schön und irgendwie... beruhigend.
"Warum ich nicht im Dorf bin... Nunja, ich mag diese Enge nicht.
Jeder kennt jeden - naja, oder fast. Ich bin lieber in der freien Natur.
Wenn ich mal im Dorf war, dann nur um bei meiner Mutter nach dem rechten
zu sehen. Im Dorf selbst konnte ich meine Fähigkeiten nicht ausprobieren,
alle waren so streng und versuchten, die Magie zu verstecken. Ich will
das nicht. Ich möchte, dass es irgendwann einmal wieder so wird,
wie in den alten Legenden: Dass die Magie wieder überall anzutreffen
ist. Ich weiß nicht, warum ausgerechnet in unserem Dorf die letzten
Nachfahren der Sternenpriesterinnen leben, aber es ist mir auch gleichgültig.
Hauptsache, wir schaffen es, die Magie wieder weiterzugeben." Nach
einer etwas längeren Pause des Schwegens fügte sie hinzu: "Naja,
ich weiß, dass es fürchterlich nach Wunschtraum klingt... Aber
ich hoffe jeden Abend und jeden Morgen zu Lura, dem Mond des Westens,
dass sich mein Wunsch erfüllt. Ich wieß nicht, ob du es irgendwann
einmal gehört hast: Lura hört alle unsere Wünsche und seit
Jahrhunderten sammelt sie unsere Hoffnungen. Irgendwann wird sie meine
erfüllen, da bin ich mir sicher." Fiore lächelte. Er konnte
zwar noch immer nicht ganz glauben, dass Ira wirklich ihre Mutter war,
auch war es ihm schleierhaft, wie man die ganzen Jahre über im Wald
- noch dazu unerkannt - leben kann, aber es schien ihm nun leichter, es
zu akzeptieren. "Sollen wir wieder los?", fragte er. Zwar wollte
er gerne noch das Gefühl von Sanda an seiner Seite haben, aber er
wollte genausogern noch bei Tageslicht im Lager ankommen und ein vernünftiges
Abendessen haben. "Klar!", stimmte sie zu. Sie nahmen ihre Tiere
bei der Leine und traten den Weg zurück zum Waldrand an.
Der Himmel fing im Westen bereits wieder dunkler zu werden. Als die beiden
gerade den Hügel hinabgestiegen waren, begwete sich das Wasser leicht
und Lura, Mond des Westens spiegelte sich darin, obwohl das Gestirn noch
nicht am Himmel zu sehen war. Kurz darauf leuchtete das Wasser wie pures
Silber, dann war die Quelle und alle Tiere des Ufers verschwunden.
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