Kapitel 6

„Fiore…“, vernahm er eine Stimme. „Fiore, wach bitte auf…“ Sie war weiblich. Fiore hörte sie wie durch eine Wand aus Watte. Gehörte diese Stimme Sanda…? Langsam öffnete Fiore die Augen und musste blinzeln, als das helle Licht der Sonne ihn blendete. „Was… Was ist passiert…?“ Er setzte sich auf und strich sich mit einer Hand über die Stirn. Sein gesamter Kopf schmerzte und seine Schultern waren von der Nacht auf dem harten Boden verspannt. „Oh, Fiore, endlich kommst du wieder zu Bewusstsein!“ Sanda hockte neben ihm und das Glänzen ihrer Augen verriet, dass sie geweint hatte. Ihre Hände zu Fäusten geballt, stemmte sie sich auf dem kühlen Erdboden ab. Sie biss sich auf die Lippe um nicht wieder anzufangen, zu weinen. „Sanda…?“ Fiore schüttelte den Kopf, um den Rest der Benommenheit zu aus dem Kopf zu bekommen. "Ich dachte schon, es sein um dich geschehen, was fällt dir ein, einfach wie tot auf der Erde liegen zu bleiben?", warf sie ihm vor und wischte sich die Tränen aus dem Gesicht. "Hier. Das lag einige Meter von dir entfernt. Erklär mir das, ja?", sie hielt Fiore Schimasil hin und schaute ihn vorwurfsoll an. Fiore wollte sich ebenfalls aufsetzen, als er es versuchte, stach jedoch ein fürchterlicher Schmerz durch seinen Rücken. Er biss sich auf die Lippen, setzte sich jedoch trotzdem hin. Sanda schaute ihn besorgt an. "Falls du vorhast, mir zu erzählen, du seist vom Fels gefallen... Also das werd ich dir nicht glauben, egal wie glaubhaft du es versuchst, mir beizubringen." Sie schien sich etwas beruhigt von ihrem ersten Schock zu haben. "Ok, dann streich ich die Geschichte mit dem Felsen." Fiore versuchte sie anzulächeln, aber der Schmerz in seinem Rücken ließ es mehr wie eine Fratze scheinen. Ohne ein weiteres Wort legte Sanda ihre Hände auf seinen Rücken, murmelte einige Worte, die Fiore nicht verstand und kurz darauf erschienen kleine, blaue Lichtpunkte um sie herum. Gebannt verfolgte Fiore das Schauspiel, doch nach wenigen Augenblicken war es bereits wieder beendet. Er blinzelte sie etwas verdutzt an, dann erst bemerkte er, dass sein Rücken anscheinend wieder normal war. Zumindest spürte er keine Schmerzen mehr. "Ja, das war Magie. Das, was du meinst, es nicht lohnt weiterzugeben." So ernst ihre Worte klangen, sie wurden durch ihr Schmunzeln Lügen gestraft. Aber nun erzähl mal.

Fiore stand auf und half danach auch Sanda auf die Füße. Schimasil im Hosenbund gingen sie zurück zur Gruppe. "Also?", bohrte sie ein weiteres Mal nach. "Sanda... Du bist doch die Tochter Iras... Ich denke, du kennst dich besser aus, als ich, was heute Nacht passiert ist.", fing Fiore an. Als Sanda ihn irritiert anschaute, sprach er weiter: "Gibt es in irgendwelchen uralten Legenden eine Bestie, die mit Schuppen bedeckt, einem Paar Flügeln auf dem Rücken und mit mächtigen magischen Kräften ausgestattet ist?" "Nunja...", setzte Sanda an, verstummte dann aber für einen Moment. Sie wirkte unschlüssig, ob sie ihm wirklich erzählen sollte, was sie wusste. "Ja, es gibt so ein Wesen. Nenn es nicht Bestie - das stimmt einfach nicht. Es ist eher so eine Art höheres Wesen, ein überaus magiebegabtes dazu. Aber die letzte Legende oder besser: Das letzte Mal, dass jemand sie sah, liegt schon sehr, sehr lang zurück, selbst ich habe nur wenig über sie gehört. Warum fragst du?" "Du kannst deiner Liste an Eigenschaften folgendes hinzufügen: Sie spielt gern mit ihrer Beute, ist fürchterlich eingebildet und liebt es anscheinend, in Rätseln und mit sich selbst zu sprechen." Sanda blieb ruckartig stehen, zog Fiore an sich heran und schaute ihm mit ihren durchdringenden, himmelblauen Augen direkt an. "Bitte was hast du gesagt?", zischte sie. "Ich habe gesagt, dass du deiner Liste -", fing er wieder an. "Ja, ich bin des Hörens und Verstehens mächtig. Ich meine: Hast du es wirklich gesehen?" "Genau. Sah überaus imposant aus, allerdings war es stockfinster und ich konnte nicht allzuviel erkennen." "Was hat es gemacht? Oder gesagt?" "Es hat mich 'Kleiner' genannt, hat in Rätseln gesprochen, mich Meterweit durch die Luft geschleudert und die Luft abgedrückt, bis ich beinahe keine mehr bekommen habe. Reicht das?" Fiore wollte eine Schwäche nicht in Gegenwart von Sanda offenlegen. Wer weiß, was sie von ihm danach hielt? Aber anscheinend war sie zu sehr mit der Tatsache beschäftigt, dass dieses Wesen aufgetaucht ist und beachtete seine Niederlage -und schlimmer: seinen knappen Tod- nicht weiter. Schweigend gingen sie weiter und die Gruppe war nun nur noch wenige Meter von ihnen entfernt. "Er heißt übrigens Darikor.", erwähnte Fiore wie beiläufig. "Psst!", machte Sanda. Als Fiore sie fragend ansah, meinte sie: "Lass das bitte unser Geheimnis werden, ja?" "Den Namen?" "Alles, was beim Treffen passiert ist. Ich denke, es würde die Anderen... zu sehrn beunruhigen." In dem Moment kamen sie auch schon bei Gruppe an, so konnte Fiore keine weiteren Fragen stellen. Bei sich dachter er nur: "Aha. Und mich soll das jetzt irgendwie beruhigen, ja?"

Nun waren sie bereits wieder seit ein paar Stunden unterwegs. Fiore hackte Schimasil durch immer dichter scheinendes Gestrüpp, Ira und die anderen Frauen direkt hinter sich. Sein Arm schmerzte bereits, aber er versuchte, das zu verdrängen. "Darikor. Was wollte er oder es eigentlich? Und was bildete sich dieses Wesen überhaupt ein?!" Seine Gedanken kreisten noch immer um die Begebenheit der letzten Nacht. Die Sonne stand nun inzwischen im Zenit und in dem Geschlossenen Gestrüpp um die kleine Gruppe herum sammelte sich langsam die Wärme. Schweiß rann Fiore von der Stirn und am liebsten hätte er nun wieder eine Pause eingelegt, doch es schien, als ob nur er eine vertragen könnte. Außerdem... Wie sollte das denn vor Sanda wirken, wenn er als einizger der Gruppe dauernd Pause machen müsste... Apropo Sanda: Wo war sie denn nun schon wieder? Als er sich kontrollierend umdrehte um zu sehen, ob alle noch da waren, sah er sie nicht. Ira legte ihm beruhigend die Hand auf die Schulter, als ob sie wusste, was er vermisste. "Keine Sorge, Fiore. Sanda ist ein Kind der Wälder, sie wird sich weder verlaufen, noch wird irgend ein Tier sie anfallen. Außerdem vergisst du schon wieder, dass sie unsere zweitmächtigste Magierin ist." Das Beruhigte ihn kein Bisschen. Er hatte Sanda gern bei sich und wenn ihr etwas zustieße... "Nun mach aber weiter.", sprach Ira und versuchte ihn wieder in Richtung Gestrüpp zu drängen. "Nein! Ich bin in gewisser Weise auch für diese Gruppe zuständig. Ich kann nicht verantworten, dass ihr etwas passieren könnte!" "Aber wenn ihr doch nun nichts zustößt, Fiore -", setzte Ira neu an, wurde jedoch von Sandas Stimme unterbrochen. "Du brauchst dir wirklich keine Sorgen machen, ich bin ganz in eurer Nähe. Aber wenn du denn unbedingt willst... Ich werde mich zu euch gesellen." Woher war sie denn nun so plötzlich gekommen? Aber egal, sie war ja nun wieder da. Inzwischen gab es eine recht lange Liste an Ungereimtheiten bezüglich Sanda. In der nächsten Nacht, so nahm er sich vor, wollte er einige davon bereinigen. Fiore drehte sich erleichtert um und hackte weiter auf das Gestrüpp vor ihm ein.

Da waren sie. Die ersten Ausläufer des Urlog-Gebierge. Direkt vor ihnen, genauergesagt: Direkt unter ihnen. Die ersten sachten Hügel wellten sich über die Landschaft, der Aufstieg zum Pass wirkte wie in greifbarer Nähe. Der dichte Wald war verschwunden und saftige Wiesen zogen sich bis zu den felsigen Wänden der Berge. Vereinzelt standen noch knorrige alte und saftige grüne Bäume in der Gegend, sonst war Schatten eher rar gesäht.

Die Frauen nahmen sich ihre Beutel und sonstigen Tragetaschen vom Rücken und setzten sich in den Schatten des Waldrandes. Wasserbeutel wurden herumgreicht, Brote und Fisch geteilt. Ira ging zu Fiore und Sanda hinüber, die sich beide die Gegend ansahen. "Fiore, ich denke, wir werden bis zum nächsten Morgen hier bleiben. Hier scheint es irgendwo Wasser zu geben, sonst würde es hier wohl kaum so grün aussehen. Könntet ihr euch bitte auf die Suche danach machen?" Mit diesen Worten hob sie die beiden Wasserbeutel hoch, die sie an ihrem Gehstock befestigt hatte. "Es kann aber länger dauern, bis wir welche finden..:", gab Fiore zu bedenken. "Nimm Sanda mit. Dann wird es schnellgehen." Wissend schmunzelte die Alte die Beiden an. "Na, los, worauf wartet ihr noch?"

Eine halbe Stunde später konnten sie bereits den Waldrand nicht mehr sehen. Das lag nicht an der Entfernung - die Hügel machten ein flottes vorankommen fast unmöglich -, sondern an den Hügeln selbst. Auf ihnen hatte man eine wunderschöne Aussicht, in ihren seichten Tälern sah man nichts weiter als grün, grün, grün und nochmals: grün. Sanda hatte ganz selbstverständlich eine Richtung eingeschlagen und Fiore folgte ihr, ohne zu fragen. Er hoffte, dass ihre magischen Fähigkeiten sie schon irgendwie zu einem See, einem Fluss oder zumindest zu einem Bach brächten.

Fiore nutzte die Gelegenheit, das Gespräch vom Morgen wieder aufzunehmen: "Warum sollte es die Anderen beunruhigen, Sanda?" Sie drehte sich zu ihm um und schaute ihn fragend an. Kurz darauf schien sie schon zu wissen, was er meinte und antwortete: "Es sind alte Frauen. Das Wesen... Nun... Es ist zwar älter als wir alle zusammen, doch trotzdem hat es durchaus die Kraft, uns alle ohne größere Mühen zu töten." Wie sie das sagte... Als ob sie keine Emotionen dabei hatte... "Wenn sie nicht wissen, was anscheinend hinter uns, genauer noch: hinter dir her ist, wird es leicht werden, mit ihnen über den Pass zu kommen. Oder hast du es schon Mal geschafft, eine Horde in Panik geratene Hühner dazu zu bringen, zu machen, was du willst?" Sie lächelte ihn an. Manchmal kam es Fiore so vor, als würde sie ihn mehr als Mittel zum Zweck sehen, als ein Freund oder um bescheiden zu bleiben: Fühlendes menschliches Wesen. Zählte er den so wenig? Ein wenig beleidigt ging er die nächste Viertelstunde neben ihr her.

Auf einmal wehte ihm über den nächsten Hang ein frischer Wind entgegen. Auch meinte er, rauschen hören zu können und so setzte er zu einem Sprint den Hügel hinauf an. Auf der Hügelkuppe angekommen, traute er seinen Augen kaum:

ein kleiner See, anscheinend ohne einen Fluss, der ihn mit Wasser versorgte, lag dort vor ihm. Eine Quelle? Wenn ja, so war es die größte, die er jeh gesehen hatte. Ganz in der Nähe grasten einige Quliulas. In seinem Dorf hatte man damals einige dieser Tiere als Lasten- und Transporttiere gehalten. Auch waren größere Ansammlungen von verschiedenen Vogelarten zu sehen und im kristallklaren Wasser schwammen riesige Fische. Der Gedanke, einfach hier zu bleiben und ein Dorf zu gründen, schoss ihm durch den Kopf. Nun war auch Sanda bei ihm und strich sich ungläubig über die Augen. "Fiore?", fragte sie. "Was ist?", entgegnete er. "Sagmal... Wenn ich Seile beschaffen könnte... Könntest du ein oder zwei von den Quliulas einfangen?" Eine kurze Pause entstand. Fiore wollte gerade etwas sagen, da unterbrach sie ihn: "Ich werd dir natürlich helfen. Ich hab noch ein wenig mehr an magischen Künsten auf Lager, als meine Mutter weiß..." Fiore musste grinsen. Die Idee, mit Sanda eines der wohl seltensten Tiere - naja, so selten vermutlich auch nicht, wenn es hier eine ganze Kolonie davon gab - zu zähmen, erheiterte ihn. "Was ist nun, machst du's?", fragte sie etwas drängeld. Fiore tat einen Moment so, als würde er nachdenken, dann antwortete er: "Ja, ok." Kaum hatte er seine Zustimmung gegeben, funkelte es schon wieder um Sanda und im nächsten Moment lagen drei stabil aussehende Seile in ihren Händen. "Na dann los!", lachte sie ihn an.

Was hatte Fiores Vater damals noch zur zähmung von Quliulas gesagt..? Anschleichen, leise sein, Seil auswerfen und von hinten die Hinterbeine festbinden? Ok, leichter gesagt als getan. Die ersten beiden Versuche von Fiore und Sanda gingen auch gehörig schief, sodass sie jedes Mal die ganze Horde erschreckten und sich so immer weiter vom See weg bewegten. Diese Tiere waren wirklich schreckhafter, als er angenommen hatte...

Doch irgendwann gelang es ihnen, ein Tier zum stolpern zu bringen. Beinahe hatte es sich schon wieder aufgerafft und wäre weggerannt, denn Fiore und Sanda kringelten sich vor Lachen beinahe auf dem Boden. Es ist einfach zu komisch, so ein Tier stolpern zu sehen. Fiore jedoch warf schnell das Seil mit einer Schlinge aus und hielt das Tier so am Boden. "Sanda?", fragte er über seine Schlter hinweg, "Weißt du, wie wir dieses Tier dazu bringen, mit uns mitzukommen? Mein Gedächtnis hat da leider eine Lücke!" Von hinten hörte er Sanda lachen. "Ok, überlass das mir und versuch, noch ein zweites Quliula zu fangen!" Sie kam herangestürmt, fasste das Tier an seinen vorderen hörnern und blickte ihm durchdringend in die Augen. Fiore beneidete das Tier in diesem Moment irgendwie. Er wünschte Sanda noch viel Erfolg, als jedoch keine Antwort kam, machte er sich auf, noch ein zweites Tier zu finden.

Inzwischen hatten sie das Rudel wieder in Richtung See treiben können und so kam Fiore die Idee, eines der Tiere in das Wasser zu treiben. Das würde es vermutlich einfacher machen. So zog er sich sein weites Hemd aus und lief schreiend auf die Tiere zu. Zugegebenermaßen hätte bloßes Rennen ohne Schreien die gleiche Wirkung gehabt, nur es fühlte sich gut an, einfach alles aus sich herauszuschreien, was einem die Seele erschwerte.

Das Glück war ihm hold, einige Tiere rannten in Panik wirklich ins Wasser und obwohl viele auch schnell wieder an Land kamen, so blieben doch einige Quliulas hilflos im glitschigen Sand stecken und konnten nicht mehr wegrennen.

Er watete durch das seichte Wasser hindurch auf ein noch recht jung und kräftig erscheinendes Tier zu, warf das Seil aus und konnte es mit einiger Mühe zu Boden ringen. Gerade, als er sich fragte, wie er es nun allein anstellen sollte, dieses Tier fügig zu bekommen, hörte er Sandas Stimme vom Ufer hinter sich: "Hey! Ich hab's geschafft!", rief sie ihm hinüber. Im nächsten Moment hörte er, wie sie durch das Wasser auf ihn zuwatete. "Ok, ich übernehme das jetzt. geh du zum anderen rüber und zieh dich wieder an, in Ordnung?" Er sah sie an und sie grinste bis über beide Ohren. Damals hatte seine Mutter ihm immer gesagt, er solle bloß immer sein Hemd anlassen, es ziehmt sich nicht, in Gegenwart einer weiblichen Person oben unbekleidet zu sein. Er lief etwas rot an, tat aber dann wie geheißen.

Das erste Quliula stand ruhig grasend an der Uferböschung und schaute ihn neugierig an. Fiore streckte die Hand aus und tätschelte es am Kopf. Das schien dem Tier zu gefallen. Er suchte sein Oberteil und zog es sich über.

Als er wieder an das Ufer kam, watete Sanda gerade mit ihrem neuen Gruppenmitglied durch das Wasser auf ihn zu. Das Seil recht lose um den Hals des Tieres gelegt, trottete es ruhig hinter ihr her. Sanda lächelte Fiore an, stieg aus dem Wasser und schüttelte sich, dass die Wassertropfen flogen. "Was meinst du. Sollen wir nicht noch ein paar mehr mitnehmen?", fragte sie, während sie dem Tier liebevoll den Hals tätschelte. "Besser nicht. Du musst bedenken, dass diese Tiere auch Verpflegung brauchen. Ich weiß nicht, wie viel Nahrung wir da oben finden werden." Ein wenig traurig schaute Sanda zu den anderen Quliulas hinüber, schien aber durchaus zu verstehen. "Nagut... Dann lass uns mal für mehr Verpflegung für uns Menschen suchen." Sie nahm 'ihr' Quliula an der Leine und schaute zu Fiore hinüber. "Fisch oder Geflügel, was meinst du?", fragte sie. "Wie wäre es denn mit beidem?", meinte er.

Sandas Magie stellte sich als überaus nützlich heraus. Mit einigen Leuchtpunkten konnte sie ihne weiteres Netze zum fangen der Vögel und Fische machen. So war denn die Arbeit auch gut aufgeteilt. Fiore besorgte den Fisch und die Vögel, sie die Netze. Nachdem sie drei recht große Netze zusammenhatten - zwei mit Geflügel, eins mit Fisch - verwandelte Sanda die Netze einfach in Beutel und diese wurden dann auf die Quliulas getragen. Auch einige neue Wasserflaschen wurden herbeigeholt. Als auch das zweite Quliula komplett beladen war, gönnten sich die beiden noch eine Pause und setzten sich ins Gras.

"Sanda? Ich habe eine Frage, bin mir aber nicht sicher, ob du sie mir beantworten willst... Möchtest du sie trotzdem hören?", fing Fiore etwas unbeholfen an. Sandas Neugierde war geweckt und so schaute sie ihn erwartungsvoll an. "Warum habe ich dich noch nie bei uns im Dorf gesehen? Ich meine... Ich kenne ja nicht das ganze Dorf auswendig, aber jemand wie du wäre mir durchaus schon aufgefallen, wenn du das verstehst, was ich dir sagen will." Sanda legte ihren Kopf an Fiores Schulter. Er gewöhnte sich langsam daran, fand es jedoch immer wieder schön und irgendwie... beruhigend.

"Warum ich nicht im Dorf bin... Nunja, ich mag diese Enge nicht. Jeder kennt jeden - naja, oder fast. Ich bin lieber in der freien Natur. Wenn ich mal im Dorf war, dann nur um bei meiner Mutter nach dem rechten zu sehen. Im Dorf selbst konnte ich meine Fähigkeiten nicht ausprobieren, alle waren so streng und versuchten, die Magie zu verstecken. Ich will das nicht. Ich möchte, dass es irgendwann einmal wieder so wird, wie in den alten Legenden: Dass die Magie wieder überall anzutreffen ist. Ich weiß nicht, warum ausgerechnet in unserem Dorf die letzten Nachfahren der Sternenpriesterinnen leben, aber es ist mir auch gleichgültig. Hauptsache, wir schaffen es, die Magie wieder weiterzugeben." Nach einer etwas längeren Pause des Schwegens fügte sie hinzu: "Naja, ich weiß, dass es fürchterlich nach Wunschtraum klingt... Aber ich hoffe jeden Abend und jeden Morgen zu Lura, dem Mond des Westens, dass sich mein Wunsch erfüllt. Ich wieß nicht, ob du es irgendwann einmal gehört hast: Lura hört alle unsere Wünsche und seit Jahrhunderten sammelt sie unsere Hoffnungen. Irgendwann wird sie meine erfüllen, da bin ich mir sicher." Fiore lächelte. Er konnte zwar noch immer nicht ganz glauben, dass Ira wirklich ihre Mutter war, auch war es ihm schleierhaft, wie man die ganzen Jahre über im Wald - noch dazu unerkannt - leben kann, aber es schien ihm nun leichter, es zu akzeptieren. "Sollen wir wieder los?", fragte er. Zwar wollte er gerne noch das Gefühl von Sanda an seiner Seite haben, aber er wollte genausogern noch bei Tageslicht im Lager ankommen und ein vernünftiges Abendessen haben. "Klar!", stimmte sie zu. Sie nahmen ihre Tiere bei der Leine und traten den Weg zurück zum Waldrand an.

Der Himmel fing im Westen bereits wieder dunkler zu werden. Als die beiden gerade den Hügel hinabgestiegen waren, begwete sich das Wasser leicht und Lura, Mond des Westens spiegelte sich darin, obwohl das Gestirn noch nicht am Himmel zu sehen war. Kurz darauf leuchtete das Wasser wie pures Silber, dann war die Quelle und alle Tiere des Ufers verschwunden.

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