Kapitel 5


Er hatte nicht gewusst, dass sie so schnell war. Als er am Feuer ankam, saß Sanda bereits da und streute neues Brennmaterial in die glimmende Glut. „Also schnell nenn ich was anderes!“, lachte sie ihn an, als er bei ihr ankam. Fiore stand erst noch neben ihr und sah ihr ins Gesicht, dann ließ er sich in das Gras fallen und hielt seine Hände den noch schwach wärmenden Flammen entgegen. „Normalerweise bin ich schneller… Wahrscheinlich bin ich nur müde vom Weg hierher.“, versuchte er sich rauszureden. „Ach ja? Denkst du, ich wurde die ganze Zeit getragen, oder wie?“, sie setzte sich neben ihn und gluckste vor Lachen vor sich hin. Es hörte sich niedlich an und Fiore war der Meinung, es passe zu ihr.
Sanda holte ein Stück Brot aus einem der Säcke und hielt es Fiore entgegen. „Du hast den ganzen Tag noch nichts gegessen, stimmt’s?“ In genau diesem Moment fing Fiores Magen erneut vernehmlich an zu Grummeln. Leicht verlegen nahm er Sanda das Brot aus der Hand und fing an zu essen. Sie selbst spießte es auf einen dünnen Zweig auf und hielt es in die Nähe der Flammen.

„Morgen also werden wir uns an den Aufstieg in die Berge machen, richtig?“, fragte Sanda. „Ja… Ich wünschte, es gäbe einen anderen Weg in das nächste Dorf, aber da spielt das Glück natürlich nicht mit.“ Er seufzte. „Wär ja auch zu einfach gewesen, wenn man einfach um das Gebirge hätte herumlaufen können… Die Pässe sind zu dieser Zeit vermutlich zugeschneit.“ „Sei ehrlich, Fiore:“ Sana sah ihn an und dann wieder in die Flammen. Sie musste schlucken. „Meinst du, dass wir das schaffen? Unsere Verpflegung ist mehr als dürftig…“ Fiore schluckte den letzten Bissen Brot hinunter und hielt wieder seine Hände an das wärmende Feuer. „Ich weiß nicht. Irgendwie… Denke ich aber eher, dass wir es nicht schaffen werden.“ In Sandas Augen glitzerte es verräterisch. „Du hast Recht, unsere Verpflegung ist miserabel. Aber dazu kommt auch noch, dass die anderen nicht mehr gut zu Fuß sind. Wenn ich das richtig einschätze, können wir uns glücklich schätzen, wenn die Hälfte es schafft…“ Tränen rollten über Sandas Wangen und tropften auf den vom Feuer ausgetrockneten Boden. „Du bist wenigstens ehrlich, Fiore. Wenn ich meine Mutter frage, so bekomme ich stets als Antwort, dass wir es schaffen werden. Und zwar alle. Sie sagt, es würde kein Problem sein, denn wozu gibt es denn unsere Magie? Wozu hast du Schimasil? Ich konnte es ihr nicht glauben. Ich kann es auch nun nicht. Magie ist schön und gut, aber wenn niemand sie mehr anwenden kann, ist sie nutzlos. Außerdem kann ich nicht für fünf Personen zaubern, genauso wenig, wie du für fünf Personen kämpfen kannst…“ Die Beiden schwiegen. Nach einer Weile legte Sanda ihren Kopf an Fiores Schulter. „Warum können wir nicht einfach hier bleiben… Wenigstens noch eine Weile…“ Sie schloss die Augen. „Ich will nicht über die Berge…“, seufzte sie und fiel in einen tiefen Schlaf. Fiore sah ihr ins Gesicht. Sie sah so friedlich aus… Vorsichtig legte er sie ins Gras und fing an, Sand in das Feuer zu streuen. Er wollte nicht, dass irgendwelche wilden Tiere auf sie aufmerksam würden.

Als das Feuer zu einer Glut heruntergebrannt war, wandte er sich wieder dem schlafenden Mädchen neben sich zu. Zärtlich strich er ihr über die Wange. „Keine Angst, Sanda. Ich werde schon auf euch aufpassen.“ Er hauchte ihr einen Kuss auf die Stirn. „Und auch dich ganz besonders…“
Fiore stand auf und ging noch einmal zurück zu dem Felsen. Der Blätterhaufen, auf dem er vorhin noch so sachte gelandet war, war nicht mehr da. Er zog die Stirn in Falten, aber es interessierte ihn nicht wirklich. Von daher machte Fiore sich an den Aufstieg den Felsen hinauf.
Er schien steiler, als noch vorhin. Im dämmrigen Tageslicht war ihm der Weg den Felsen hinauf nicht so lang und schwer vorgekommen, wie nun und irgendwie beunruhigte ihn das. „Vermutlich“, schnaufte er, als er sich einen kleinen Vorsprung hinaufzog „Vermutlich bin ich einfach nur schon zu müde…“ Im Wald hinter ihm schrieen die Eulen und ab und an raschelte etwas in einem Gebüsch unter ihm. Fiore war schon häufiger nachts im Wald unterwegs gewesen, aber noch nie war er dabei so weit von seinem Dorf entfernt gewesen. Er kannte die Gegend nicht, er wusste nicht, was für Tiere hier lauerten. Als er oben auf dem Felsen angekommen war, setzte er sich an den Rand, ließ die Beine hinunterbaumeln und umfasste Schimasil mit einer Hand. „Ich kann nur hoffen, dass uns hier kein Tier als Zwischenmahlzeit ansieht…“ Er legte sich mit dem Rücken auf den kalten Stein und sah in den Himmel. Er wollte nicht schlafen, jedoch überkam ihn schon bald die Müdigkeit und seine Augen fielen zu.

Er schlief nicht lange. Ein lautes Geräusch von irgendwo hinter ihm in den Büschen am Waldrand ließ ihn aufschrecken. Schnell drehte er sich in dessen Richtung und zog Schimasil aus der Scheide. Stille. Doch dann war es wieder da. Erneute Stille. Noch ein weiteres Mal raschelte es, dieses Mal schien es schon näher zu sein. Fiore nahm sich ein Herz und sprang den Felsen hinunter. Nur dieses Mal war kein Blätterhaufen da, weswegen er falsch aufkam. Ein stechender Schmerz durchfuhr in von seinem linken Fuß aus und zog sich durch seinen Rücken in seinen Kopf. Fiore biss die Zähne zusammen und stand wieder auf. Der Fuß war eindeutig verstaucht, aber das interessierte ihn gerade nicht. Das Rascheln ertönte wieder. Es kam von links und Fiore hätte schwören können, dass er dort etwas leuchten hatte sehen…

„Ist da wer?“, rief er in die wieder eingekehrte Stille des Waldes hinein. Niemand antwortete ihm. Stattdessen war es wieder still und dieses Mal dauerte es eine ganze Weile, bis Fiore wieder etwas hörte. Er hörte es nicht nur. Nur wenige Meter von ihm erschien eine Kreatur, sehr viel größer als er, mit leuchtenden Augen. Oder war es nur das Mondlicht, welches sich in ihnen spiegelte…? Egal was es war, Fiore mochte nicht, dass es so dicht an das Lager gelangt war. Er hob Schimasil und wartete kurz ab, ob sich eine Möglichkeit erbot, dieses Wesen anzugreifen. Noch immer stand es vor ihm und sah ihn an. Fiore wusste nicht, was es war. Er sah nur einen Schatten mit leuchtenden Augen. Ob nun Fell, Federn oder Schuppen, ließ sich nicht erkennen.

Fiore fasste seinen Mut, sprang in hohem Bogen das Wesen vor ihn an, während die Hand mit Schimasil von oben einen Schlag ausführte.
Er war gerade mitten in der Luft, da prallte er gegen eine Art unsichtbare Wand und wurde einige Meter weit zurückgeschleudert. Fiore war unvorbereitet, daher stürzte er unbeholfen auf den Rücken. Der Aufprall auf dem Boden presste die Luft aus seinen Lungen und er kämpfte gegen die Schwärze an, die von ihm Besitz ergreifen wollte. „Was… Was war das…“, stöhnte er leise. Er presste für einen Moment die Augenlieder zusammen und wartete darauf, dass seine Lungen wieder den Betrieb aufnahmen. Angst kroch in ihm hoch, doch er ließ nicht zu, dass sie von ihm Besitz ergriff. Als er die Augen wieder öffnete, konnte er seine Umgebung schon wieder etwas deutlicher erkennen. Wogegen er auch immer geprallt war, was auch immer ihn zurückgeschleudert hatte, musste einige Kraft besessen haben. Der Waldrand war einige Meter entfernt.

Als Fiore wieder normal Luft bekam, stellte er sich hin. Niemals sollte man am Boden bleiben, außer man stellte sich Tod, hatte einst sein Vater ihm auf einer Jagd gesagt. Seine Hand umfasste Schimasil fest, denn er wollte nicht riskieren, die Waffe unter Umständen zu verlieren, wenn wieder eine Art Angriff erfolgte. So stand er in angespannter Haltung einige Meter vom Waldrand entfernt und suchte die Finsternis nach der Kreatur ab.

Es dauerte nur wenige Augenblicke, bis er sie wieder erkannte. Sie bewegte sich langsam auf ihn zu, ließ in diesem Moment den Waldrand hinter sich und betrat die Lichtung. Im milden Mondlicht konnte Fiore sie nun erkennen, wenn auch nur grob. Aber Details wollte er schon gar nicht mehr genau erfahren, dass was er sah, genügte ihm.

Er hatte gedacht, dieses Wesen wäre vielleicht eine Art Bär oder etwas in der Richtung gewesen. Er hatte schon so einige gesehen und er wusste, wie groß diese Kreaturen werden konnten. Dies jedoch, was sich nun in wenigem Abstand vor ihm aufrichtete, war ganz und gar kein Bär. So etwas hatte Fiore noch nie gesehen. Die Augen leuchteten in einem hellen Gelb und kräftigem Rot, das Feuer selbst schien in ihnen zu lodern. Das Licht brach sich auf seinen bronzenen Schuppen und spiegelte sich auf den Flügeln, welche diese Kreatur auf dem Rücken trug. Sie stand auf zwei Beinen, ihre Hände waren Krallen. Sie sah aus, wie eine gigantische Eidechse mit Flügeln… Ihr Brustkorb hob und senkte sich langsam, und als sie begann zu sprechen, schien sie noch nicht einmal das Maul zu öffnen. Sprach sie direkt in seinen Kopf…? Es musste so sein, denn Fiore konnte es sich nicht anders erklären.

„Soso, du bist also Fiore, richtig?“, hallte die Stimme in seinem Kopf wider. Fiore zögerte kurz, doch dann fing auch er an zu sprechen. „Ja, allerdings. Mein Name ist Fiore. Doch woher kennt ihr ihn?“ Er war sich nicht sicher, aber es sah aus, als ob sich Verachtung auf den Zügen der Kreatur zeigte. „Ja, ich dachte es mir… Fiore, der Träger Schimasils…“ Es entstand eine recht lange Pause, während der Fiore nicht wusste, was er tun sollte. Vielleicht einen neuen Angriff starten? „Nein, du kommst sowieso nicht an mich heran.“ Das Wesen grinste. Wenn auch die Verachtung nicht genau zu erkennen gewesen war, dieses Grinsen war eindeutig. „Du kannst Gedanken lesen, oder?“, fragte Fiore so gelassen wie nur möglich. Jedoch gelang ihm dies nicht ganz, so mischte sich eine Spur von Angst und Nervosität in seine Worte. Die Kreatur bewegte sich noch einige Schritte weiter auf ihn zu, Fiores Fingerknöchel hoben sich weiß von der Hand ab. Er begann etwas zu zittern, wenn er es sich auch nicht eingestehen wollte. Langsam wich er einen Schritt zurück. „Du hast Angst, richtig? … Ich kann sie riechen…“ Der Hals des Wesens bog sich ein Stück noch unten, sodass es Fiore besser im Blick hatte. Seine Augen schienen kalt, wenn es auch den Anschein hatte, sie bestünden aus Feuer. „Warum nur gebt ihr Menschen solch Artefakte nur immer in die Hand von den Schwächsten unter euch…?“ Es legte den Kopf leicht schief. „Als ob du eine Ahnung hättest, was das in deinen Händen ist…“ Die Augen der Kreatur fielen auf Schimasil. „… So alt wie die Welt selbst, oder was sagt man noch gleich von dieser Waffe…“ Dieses Wesen schnaufte einmal; es schien amüsiert zu sein. „Wer von euch Menschen dachte sich eigentlich diesen Satz aus…? Älter als die Welt… Wie hat er es herausfinden wollen…?“ Fiore verstand nicht, auf was das Wesen von ihm wollte. Waren es Fragen, an ihn gestellt, oder führte die Kreatur Selbstgespräche? „Wie auch immer. Woher sollte ein so junges Wesen wie du schon verstehen, was ich meine…“ „Was willst du?“, unterbrach Fiore die Kreatur in ihren Gedankengängen. „Und überhaupt. Wer bist du eigentlich?“ Das Wesen sah in verwundert an, jedoch nicht ohne eine Art Spott. „Wer ich bin? Du verstündest es nicht einmal, würde ich es dir sagen.“ Fiore wurde ärgerlich über diese Antwort. Was bildete sich dieses Wesen ein? „Ich bilde mir gar nichts ein. Ich sage nur, wie es ist, wie es schon immer war und wie es auch immer bleiben wird. Ich sagte meinen Namen schon vielen deiner Vorgänger, sie jedoch verstanden nicht.“ „Was verstanden sie nicht?“ „Was er bedeutet. Was das Zusammentreffen mit mir bedeutet.“ Fiore zog die Stirn in Falten. „Und wie ich sehe, verstehst du auch nun nicht. Sind denn all die alten Legenden in deinem Volk vergessen? Die Sagen, die Geschichten? Existieren sie nicht mehr?“ „Unser Volk hat viele Legenden und Ähnliches. Jedoch erzählt nichts von einem Wesen wie dir!“ Die Kreatur schien gekränkt. „Nein? Nicht eine? Das wundert mich…“ Es entstand eine lange Pause; das Wesen schien zu denken. „Du hast mir noch nicht gesagt, warum du überhaupt hier bist.“ Erst schien es, als wollte die Kreatur nicht antworten. Als sie dann jedoch wieder begann zu ihm zu sprechen, bildete sich eine Gänsehaut auf Fiores Rücken. „Um dich zu testen.“ Das Wesen begab sich auf alle Viere und ein langer Schwanz erschien aus der Dunkelheit hinter ihm. Als die Kreatur stand, war Fiore dieses lange, stachelige Ding gar nicht aufgefallen, jedoch nun richtete er sein Augenmerk vollkommen auf diesen Körperteil. Ein Test… Wenn er die Kreatur ansah, wollte er gar nicht wissen, worum es sich handeln könnte, jedoch war es nicht schwer zu erraten. Fiore spannte seine Muskeln an und bereitete sich auf einen Angriff vor.

Das Wesen wirkte vollkommen gelassen. Es stand einfach da und musterte Fiore. Die Stacheln auf dem schuppigen Echsenkopf reflektieren das Licht des Mondes, was der Kreatur eine Art gefährlicher Schönheit verlieh.

Als der Angriff folgte, kam er so schnell, dass Fiore sich nicht mehr darauf vorbereiten konnte. Er wusste nicht, was genau ihn getroffen hatte, jedoch wurde er mit ungeheurer Kraft gegen den Felsen, der ihm vorher aus Aussichtspunkt gedient hatte, geschleudert. Wieder wich die Luft aus seinen Lungen, dieses Mal jedoch durfte er sich nicht die Zeit nehmen, zu verschnaufen. Dieses Mal musste er sofort kämpfen, denn dieses Wesen hatte es auf ihn abgesehen. Er sackte aus geringer Höhe zurück auf seine Füße, fasste Schimasil und startete einen Gegenangriff.
Er kam nicht weit. Kurz vor dem Wesen war wieder diese unsichtbare Barriere. Nur dieses Mal warf sie ihn nicht wieder zurück. Es schien, als sei die Zeit für einen Moment angehalten. Er hatte noch nicht einmal mehr die Zeit zu denken, da spürte er, wie die Krallenhand des Wesens ihn mit Wucht auf den Erdboden beförderte und sich fest um seinen Brustkorb schloss. Das Wesen drückte ihm nicht komplett die Luftzufuhr weg, jedoch fiel es Fiore schwer zu atmen. So konzentrierte er sich auch nur noch auf diese eine Sache und vergaß, Schimasil festzuhalten. Langsam und ohne es zu merken, lockerte er seinen Griff um die Waffe und so glitt sie ihm aus der Hand und rutschte zu Boden. Als Fiore diesen Fehler bemerkte, war es bereits zu spät. Das Wesen über ihm grinste breit, dann schnappte es sich mit der freien Krallenhand vorsichtig die wertvolle Waffe. Langsam drückte er nun Fiore immer weiter die Luft ab, bis er kaum mehr welche bekam. „Tja, du hast eindeutig versagt, Kleiner.“ „Nenn… mich… nicht… Kleiner…!“, gab Fiore schwer atmend von sich. Er versuchte sich gegen dieses mächtige Wesen zu wehren, jedoch reichte seine Kraft dazu nicht aus. Das Wesen sah ihn interessiert an, sah, wie er sich abmühte sein Leben zu schützen. Irgendwie gefiel ihm, was er sah und er fasste einen Entschluss: „Ich denke, du hast noch eine zweite Chance verdient, Kleiner. Beim ersten Mal kam noch niemand gegen mich an, ich bin gespannt, wie es beim zweiten Mal aussieht…“ Langsam lockerte er seinen Griff wieder, bis er noch Fiore soweit am Boden fest hielt, dass er nicht entkommen konnte. „Nun denn, es sei beschlossen. Du bekommst noch eine Chance, jedoch solltest du diese nicht so fürchterlich vermasseln wie diese…“ Er legte Schimasil in die Nähe von Fiore, jedoch soweit entfernt, dass er nicht an die Waffe herankam, so stark er sich auch bemühte. „Übrigens.“ Das Wesen sah Fiore an, als ob es sich überlegte, ob es ihm wirklich noch etwas zu sagen hatte. „Man nennt mich Darikor.“ Das mächtige Wesen spannte die Flügel weit aus, stieß sich vom Erdboden ab und erhob sich langsam in den sternenklaren Himmel. Fiore sah ihm nach, bis sich die Umrisse der Kreatur mit dem schwarzen Himmel vereinten.

Dann verlor er das Bewusstsein.

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