Kapitel 4


Es war später Abend, als sie das nächste Mal halt machten. Sie hatten die weiten Wiesen hinter sich gelassen, nun begannen die dichten Wälder. Der Weg war steinig und nicht selten kam es vor, dass sie sich einen Weg durch das Gestrüpp bahnen mussten. Genauer gesagt war es Fiore, der den Weg bahnen musste. Als Einziger der Gruppe hatte er eine Waffe dabei. „Irgendwie schon merkwürdig… Ich stutze hier mit dem legendären Dolch irgendwelches Gestrüpp zurecht…“ Fiore konnte nicht anders als schmunzeln. Dicht hinter ihm folgte Ira, danach in einem kleinen Abstand der Rest der Gruppe. Fiore wusste nicht warum, aber er hätte eindeutig lieber Sanda hinter sich gehabt. In Gedanken sah er noch immer ihr Lächeln, ihre wundervollen Augen vor sich. Verträumt wie er war, merkte er gar nicht, dass das Gestrüpp um sie weniger wurde und langsam einer Lichtung wich.

Sie war nicht groß. Eine Fläche mit hohem Gras, einige Felsen, ein kleiner Bach am hinteren Teil der Lichtung.

„Gut gemacht, Fiore.“ Ira ging an ihm vorbei und nahm die Lichtung unter die Lupe. „Dieser Platz hier ist wie geschaffen für ein Nachtlager.“ Fiore hockte sich auf einen der größeren Felsen. „Meinst du? Wir sind hier mitten im Wald. Wer weiß schon, welche Tiere hier hausen? In den heimatlichen Wäldern hatten wir es mit Bären zu tun, aber was kann hier auf uns lauern…?“ Ira drehte sich zu ihm hin. „Nun denk doch nicht so pessimistisch. Du hast Schimasil, Sanda hat einige magische Formeln parat. Was soll uns denn schon so großartig geschehen?“

Die Frauen verteilten sich auf der Lichtung. Einige gingen zum Bach um die Wasserbehälter wieder aufzufüllen, andere bereiteten ein kleines Lagerfeuer aus getrockneten Ästen vor. Ira holte Brot und getrockneten Fisch aus einer der Taschen. Fiore allerdings zog sich auf einen Felsen zurück, von wo er meinte, die Gegend gut im Blick zu haben. Er hielt Schimasil noch immer in den Händen und der Dolch reflektierte das blutrote Licht der untergehenden Sonne. An einigen Stellen war der Dolch noch grün vom Gestrüpp, welches er zerteilt hatte. Langsam strich Fiore vorsichtig über seinen Schatz. Er konnte nicht leugnen, dass von dem Dolch eine gewisse Faszination ausging, die ihn in seinen Bann zog. Fiore nahm eines der alten Leinentücher, welche er noch in den Ruinen gefunden hatte und fing an, vorsichtig den Dolch zu säubern.

„Magie… Ob nun magisch oder nicht, dieser Dolch ist wirklich etwas Besonderes…“ Er steckte ihn wieder in die Scheide. Fiore schaute in den Himmel und bemerkte erst nun, dass sie schon den Fuß des Gebirges erreicht hatten. Weit über ihm erhoben sich die majestätischen Gipfel des Urlog-Gebirges, der Grenze des Südlandes zum Nordland. „Dort also müssen wir rüber…“ Besorgt verzog Fiore den Mund. „Ich glaub noch immer nicht, dass wir es schaffen werden.“

Die Sonne war nun schon ganz untergegangen und die Sterne funkelten am Himmel. Unten auf der Lichtung hatten es sich die Frauen bequem gemacht und aßen zu Abend, Fiore jedoch hatte keinen Hunger. Er dachte über den Weg nach, der noch vor ihnen lag. Als er seinen Blick über die kleine Gruppe schweifen ließ, bemerkte er verwundert, dass Sanda nicht unter ihnen war. Er suchte mit seinen Blicken die gesamte Lichtung ab, konnte sie jedoch nirgends entdecken. Langsam machte er sich Sorgen.

Auf einmal verdeckten zwei Hände seine Augen und Fiore kippte vor Schreck hintenüber. Als er nun die Sicht wieder frei hatte, schaute er direkt in Sandas strahlendes Lächeln. Ihre Augen waren geschlossen und der Wind spielte mit ihren langen, braunen Haaren. Mit einer Handbewegung fuhr sie sich durchs Haar und befestigte die Strähnen hinter ihren kleinen Ohren. Fiore war wie verzaubert, er konnte keinen Ton mehr herausbringen. „Guten… Abend!“, brachte er dann jedoch doch noch stockend heraus. Sanda öffnete wieder ihre Augen, lächelte ihn jedoch noch immer an. Fiore wusste nicht, was er nun tun sollte. Anscheinend merkte Sanda das, kniete sich zu ihm hinunter und strich ihm sanft über die Wange. „Du bist also Fiore…?“, fragte sie vorsichtig. Ihre Stimme machte Fiore erst einmal ein weiteres Mal sprachlos, also nickte er nur. Warum nur hatte er dieses Mädchen noch nie zuvor bemerkt?

Er setzte sich wieder auf und ließ die Beine von dem Felsen baumeln. Sanda sah ihn erst an, dann setzte sie sich neben ihn und legte ihren Kopf auf seine Schulter. Sie tat es, als wäre es etwas Alltägliches. Vermutlich wusste sie nicht, dass sie Fiore komplett überforderte. Noch nie war er in einer solchen Situation gewesen… Allein mit einem Mädchen…

„Danke, dass du uns begleitest.“, fing sie wieder an zu sprechen. Ihre Augen hatte sie geschlossen und irgendwie wirkte sie dadurch wie eines der Bilder von Engeln, welche Fiore damals so oft von seinen Eltern gezeigt bekommen hatte. „Warum sollte ich nicht?“ Fiore hatte seine Stimme wieder gefunden. „Nun ja… Es ist keine Selbstverständlichkeit. Es gehört schon eine menge Mut dazu, sich mit so einem kleinen Grüppchen alter Frauen auf den Weg über die Berge zu machen.“ Fiore musste schmunzeln. „Nenn es nicht Mut. Ich denke eher, dass ich lebensmüde oder verrückt bin. Ich meine… Habe ich denn eine andere Wahl? Ich kann euch nicht einfach ohne schlechtes Gewissen ziehen lassen. Ihr braucht mich!“ Nun sah Sanda ihn an. Ihr lächeln war verschwunden, nun wirkte sie ernst. „Warum denkst du das? Warum denkst du, wir bräuchten dich? Meinst du, wir kämen nicht ohne dich weiter?“ Als Fiore nicht antwortete, sprach sie weiter. „Es stimmt schon. Du hast Schimasil und kannst als einziger von uns kämpfen. Unterschätze jedoch niemals unsere Magie! Auch, wenn ich die Einzige sein sollte, die sie noch einsetzen kann…“ Traurig blickte sie den Fels hinunter und ohne nachzudenken legte Fiore seine Hand um ihre Taille. „Hey… So habe ich das doch nicht gemeint…“ „Und wie dann?“ „Nunja… Wie wollt ihr ohne mich jagen? Oder im Gebirge: Wer soll euch vor den Berggreifen beschützen?“ Sanda wurde blass. „Berggreife…?“, fragte sie zögernd. „Da gibt es Berggreife…?“ „Ja natürlich. Denk doch mal kurz nach. Wir durchqueren das Gebirge! Es kann sein, dass wir Glück haben und diesen Jägern nicht unter die Krallen kommen. Aber ich bezweifle, dass wir so viel Glück haben.“ In diesem Moment merkte Fiore, dass er, was Mädchen und deren Gefühle anging, überhaupt kein Feingefühl besaß. Sanda ließ sich angstvoll zitternd in seine Arme sinken, Fiore kippte auf seinen Rücken und hielt Sanda noch immer im Arm. So lagen sie dann auf einem Felsen, weitab von den Frauen, unter dem sternenklaren Nachthimmel. Sanda beruhigte sich in seinen Armen langsam wieder. „Ich sollte das nächste Mal besser darauf achten, was ich in ihrer Gegenwart sage…“, dachte er mit Besorgnis. Aber er konnte nicht leugnen, dass er die momentane Situation nicht schlecht fand.

Sie lagen so eine ganze Weile beieinander. Das Lagerfeuer weiter entfernt von ihnen war schon fast heruntergebrannt und die Frauen legten sich bereits schlafen. Dann jedoch fing Fiores Magen recht vernehmlich an zu grummeln, und Sanda schüttelte sich vor lachen, während es Fiore selbst einfach nur peinlich war. Er lief rot an und vermied es, dem Mädchen in seinen Armen ins Gesicht zu sehen. „Du hast Hunger, stimmt es?“ „Ähm…“ „Na dann lass uns was essen gehen! Die da unten haben bestimmt noch etwas übrig gelassen!“ Noch immer glucksend vor lachen stellte sie sich hin und sah Fiore auffordernd an. So stand auch er auf und wollte sich gerade an den Abstieg machen, als Sanda sagte: „Wie? Du willst da runterklettern?“ „Ja natürlich. Wie bitte sonst sollen wir hier wieder runterkommen?“ Im selben Moment dachte er darüber nach, wie Sanda eigentlich selbst zu ihm nach oben gelangen hatte können, wurde in seinen Gedanken jedoch wieder unterbrochen. „Na springen natürlich!“ Fiore sah sie an, als ob das ein schlechter Scherz gewesen war. Als Sanda merkte, dass er keine Anstalten machte zu springen, stellte sie sich selbst an den Rand des Felsens. „Na dann mal bis gleich! Du wirst sicherlich noch eine Weile mit Klettern beschäftigt sein.“ Sie stieß sich vom Fels ab und verschwand in der Dunkelheit, die sich auf der Lichtung ausgebreitet hatte, als sie noch beide hier oben zusammen gewesen waren. Fiore klappte der Mund auf und hechtete zum Felsvorsprung. Panisch sah er nach unten, konnte in der Dunkelheit jedoch nichts erkennen. Ohne nachzudenken, sprang er dem Mädchen hinterher und landete nur einen Herzschlag später auf einem großen Blätterhaufen. Er wusste nicht, wie dieser dort hingekommen war, er war einfach nur glücklich, dass er da war. „Na also. Geht doch!“ lachte Sanda ihn an. „Aber nun lass uns zum Lager gehen. Ich habe nun schon selbst Hunger!“ Fiore sah sie besorgt an, versicherte sich, dass sie nichts gebrochen hatte, stand auf und folgte ihr zum nur noch glimmenden Feuer.

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