Es war später Abend, als sie das nächste Mal halt machten. Sie
hatten die weiten Wiesen hinter sich gelassen, nun begannen die dichten
Wälder. Der Weg war steinig und nicht selten kam es vor, dass sie
sich einen Weg durch das Gestrüpp bahnen mussten. Genauer gesagt
war es Fiore, der den Weg bahnen musste. Als Einziger der Gruppe hatte
er eine Waffe dabei. „Irgendwie schon merkwürdig… Ich
stutze hier mit dem legendären Dolch irgendwelches Gestrüpp
zurecht…“ Fiore konnte nicht anders als schmunzeln. Dicht
hinter ihm folgte Ira, danach in einem kleinen Abstand der Rest der Gruppe.
Fiore wusste nicht warum, aber er hätte eindeutig lieber Sanda hinter
sich gehabt. In Gedanken sah er noch immer ihr Lächeln, ihre wundervollen
Augen vor sich. Verträumt wie er war, merkte er gar nicht, dass das
Gestrüpp um sie weniger wurde und langsam einer Lichtung wich.
Sie war nicht groß. Eine Fläche mit hohem Gras, einige Felsen,
ein kleiner Bach am hinteren Teil der Lichtung.
„Gut gemacht, Fiore.“ Ira ging an ihm vorbei und nahm die
Lichtung unter die Lupe. „Dieser Platz hier ist wie geschaffen für
ein Nachtlager.“ Fiore hockte sich auf einen der größeren
Felsen. „Meinst du? Wir sind hier mitten im Wald. Wer weiß
schon, welche Tiere hier hausen? In den heimatlichen Wäldern hatten
wir es mit Bären zu tun, aber was kann hier auf uns lauern…?“
Ira drehte sich zu ihm hin. „Nun denk doch nicht so pessimistisch.
Du hast Schimasil, Sanda hat einige magische Formeln parat. Was soll uns
denn schon so großartig geschehen?“
Die Frauen verteilten sich auf der Lichtung. Einige gingen zum Bach um
die Wasserbehälter wieder aufzufüllen, andere bereiteten ein
kleines Lagerfeuer aus getrockneten Ästen vor. Ira holte Brot und
getrockneten Fisch aus einer der Taschen. Fiore allerdings zog sich auf
einen Felsen zurück, von wo er meinte, die Gegend gut im Blick zu
haben. Er hielt Schimasil noch immer in den Händen und der Dolch
reflektierte das blutrote Licht der untergehenden Sonne. An einigen Stellen
war der Dolch noch grün vom Gestrüpp, welches er zerteilt hatte.
Langsam strich Fiore vorsichtig über seinen Schatz. Er konnte nicht
leugnen, dass von dem Dolch eine gewisse Faszination ausging, die ihn
in seinen Bann zog. Fiore nahm eines der alten Leinentücher, welche
er noch in den Ruinen gefunden hatte und fing an, vorsichtig den Dolch
zu säubern.
„Magie… Ob nun magisch oder nicht, dieser Dolch ist wirklich
etwas Besonderes…“ Er steckte ihn wieder in die Scheide. Fiore
schaute in den Himmel und bemerkte erst nun, dass sie schon den Fuß
des Gebirges erreicht hatten. Weit über ihm erhoben sich die majestätischen
Gipfel des Urlog-Gebirges, der Grenze des Südlandes zum Nordland.
„Dort also müssen wir rüber…“ Besorgt verzog
Fiore den Mund. „Ich glaub noch immer nicht, dass wir es schaffen
werden.“
Die Sonne war nun schon ganz untergegangen und die Sterne funkelten am
Himmel. Unten auf der Lichtung hatten es sich die Frauen bequem gemacht
und aßen zu Abend, Fiore jedoch hatte keinen Hunger. Er dachte über
den Weg nach, der noch vor ihnen lag. Als er seinen Blick über die
kleine Gruppe schweifen ließ, bemerkte er verwundert, dass Sanda
nicht unter ihnen war. Er suchte mit seinen Blicken die gesamte Lichtung
ab, konnte sie jedoch nirgends entdecken. Langsam machte er sich Sorgen.
Auf einmal verdeckten zwei Hände seine Augen und Fiore kippte vor
Schreck hintenüber. Als er nun die Sicht wieder frei hatte, schaute
er direkt in Sandas strahlendes Lächeln. Ihre Augen waren geschlossen
und der Wind spielte mit ihren langen, braunen Haaren. Mit einer Handbewegung
fuhr sie sich durchs Haar und befestigte die Strähnen hinter ihren
kleinen Ohren. Fiore war wie verzaubert, er konnte keinen Ton mehr herausbringen.
„Guten… Abend!“, brachte er dann jedoch doch noch stockend
heraus. Sanda öffnete wieder ihre Augen, lächelte ihn jedoch
noch immer an. Fiore wusste nicht, was er nun tun sollte. Anscheinend
merkte Sanda das, kniete sich zu ihm hinunter und strich ihm sanft über
die Wange. „Du bist also Fiore…?“, fragte sie vorsichtig.
Ihre Stimme machte Fiore erst einmal ein weiteres Mal sprachlos, also
nickte er nur. Warum nur hatte er dieses Mädchen noch nie zuvor bemerkt?
Er setzte sich wieder auf und ließ die Beine von dem Felsen baumeln.
Sanda sah ihn erst an, dann setzte sie sich neben ihn und legte ihren
Kopf auf seine Schulter. Sie tat es, als wäre es etwas Alltägliches.
Vermutlich wusste sie nicht, dass sie Fiore komplett überforderte.
Noch nie war er in einer solchen Situation gewesen… Allein mit einem
Mädchen…
„Danke, dass du uns begleitest.“, fing sie wieder an zu sprechen.
Ihre Augen hatte sie geschlossen und irgendwie wirkte sie dadurch wie
eines der Bilder von Engeln, welche Fiore damals so oft von seinen Eltern
gezeigt bekommen hatte. „Warum sollte ich nicht?“ Fiore hatte
seine Stimme wieder gefunden. „Nun ja… Es ist keine Selbstverständlichkeit.
Es gehört schon eine menge Mut dazu, sich mit so einem kleinen Grüppchen
alter Frauen auf den Weg über die Berge zu machen.“ Fiore musste
schmunzeln. „Nenn es nicht Mut. Ich denke eher, dass ich lebensmüde
oder verrückt bin. Ich meine… Habe ich denn eine andere Wahl?
Ich kann euch nicht einfach ohne schlechtes Gewissen ziehen lassen. Ihr
braucht mich!“ Nun sah Sanda ihn an. Ihr lächeln war verschwunden,
nun wirkte sie ernst. „Warum denkst du das? Warum denkst du, wir
bräuchten dich? Meinst du, wir kämen nicht ohne dich weiter?“
Als Fiore nicht antwortete, sprach sie weiter. „Es stimmt schon.
Du hast Schimasil und kannst als einziger von uns kämpfen. Unterschätze
jedoch niemals unsere Magie! Auch, wenn ich die Einzige sein sollte, die
sie noch einsetzen kann…“ Traurig blickte sie den Fels hinunter
und ohne nachzudenken legte Fiore seine Hand um ihre Taille. „Hey…
So habe ich das doch nicht gemeint…“ „Und wie dann?“
„Nunja… Wie wollt ihr ohne mich jagen? Oder im Gebirge: Wer
soll euch vor den Berggreifen beschützen?“ Sanda wurde blass.
„Berggreife…?“, fragte sie zögernd. „Da gibt
es Berggreife…?“ „Ja natürlich. Denk doch mal kurz
nach. Wir durchqueren das Gebirge! Es kann sein, dass wir Glück haben
und diesen Jägern nicht unter die Krallen kommen. Aber ich bezweifle,
dass wir so viel Glück haben.“ In diesem Moment merkte Fiore,
dass er, was Mädchen und deren Gefühle anging, überhaupt
kein Feingefühl besaß. Sanda ließ sich angstvoll zitternd
in seine Arme sinken, Fiore kippte auf seinen Rücken und hielt Sanda
noch immer im Arm. So lagen sie dann auf einem Felsen, weitab von den
Frauen, unter dem sternenklaren Nachthimmel. Sanda beruhigte sich in seinen
Armen langsam wieder. „Ich sollte das nächste Mal besser darauf
achten, was ich in ihrer Gegenwart sage…“, dachte er mit Besorgnis.
Aber er konnte nicht leugnen, dass er die momentane Situation nicht schlecht
fand.
Sie lagen so eine ganze Weile beieinander. Das Lagerfeuer weiter entfernt
von ihnen war schon fast heruntergebrannt und die Frauen legten sich bereits
schlafen. Dann jedoch fing Fiores Magen recht vernehmlich an zu grummeln,
und Sanda schüttelte sich vor lachen, während es Fiore selbst
einfach nur peinlich war. Er lief rot an und vermied es, dem Mädchen
in seinen Armen ins Gesicht zu sehen. „Du hast Hunger, stimmt es?“
„Ähm…“ „Na dann lass uns was essen gehen!
Die da unten haben bestimmt noch etwas übrig gelassen!“ Noch
immer glucksend vor lachen stellte sie sich hin und sah Fiore auffordernd
an. So stand auch er auf und wollte sich gerade an den Abstieg machen,
als Sanda sagte: „Wie? Du willst da runterklettern?“ „Ja
natürlich. Wie bitte sonst sollen wir hier wieder runterkommen?“
Im selben Moment dachte er darüber nach, wie Sanda eigentlich selbst
zu ihm nach oben gelangen hatte können, wurde in seinen Gedanken
jedoch wieder unterbrochen. „Na springen natürlich!“
Fiore sah sie an, als ob das ein schlechter Scherz gewesen war. Als Sanda
merkte, dass er keine Anstalten machte zu springen, stellte sie sich selbst
an den Rand des Felsens. „Na dann mal bis gleich! Du wirst sicherlich
noch eine Weile mit Klettern beschäftigt sein.“ Sie stieß
sich vom Fels ab und verschwand in der Dunkelheit, die sich auf der Lichtung
ausgebreitet hatte, als sie noch beide hier oben zusammen gewesen waren.
Fiore klappte der Mund auf und hechtete zum Felsvorsprung. Panisch sah
er nach unten, konnte in der Dunkelheit jedoch nichts erkennen. Ohne nachzudenken,
sprang er dem Mädchen hinterher und landete nur einen Herzschlag
später auf einem großen Blätterhaufen. Er wusste nicht,
wie dieser dort hingekommen war, er war einfach nur glücklich, dass
er da war. „Na also. Geht doch!“ lachte Sanda ihn an. „Aber
nun lass uns zum Lager gehen. Ich habe nun schon selbst Hunger!“
Fiore sah sie besorgt an, versicherte sich, dass sie nichts gebrochen
hatte, stand auf und folgte ihr zum nur noch glimmenden Feuer.
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