Kapitel 3


Die kleine Gruppe war nun schon einige Stunden unterwegs. Mit leichter Sorge bemerkte Fiore, dass er als einziger Probleme hatte, mit dem Rest auf einer Höhe zu bleiben. Er bekam langsam Seitenstechen, denn sie hatten bereits die Ausläufer der Berge erreicht und fing an, etwas steiler anzusteigen, als er es gewohnt war.

Es war bereits um die Mittagsstunde, als sie ihre erste Rast einlegten. Sie suchten sich einen schattigen Baum und setzten sich in das hohe Gras. Fiore selbst nahm Anlauf und sprang auf einen der tiefergelegten Äste. Kurz rang er mit seinem Gleichgewicht, dann allerdings konnte er sich fangen. Vorsichtig hangelte er sich ein Stück weiter hoch und machte es sich in einer Astgabel gemütlich. Er lehnte sich gegen einen starken Ast und schloss für einen Moment die Augen. Die Sonne spielte mit den Blättern und das Schattige der Blätter wurde immer mal von Sonnenstrahlen durchbrochen. Wind ließ das Laubwerk beruhigend rascheln.

Fiore allerdings war nicht beruhigt. Er konnte nicht verstehen, wie die Frauen es unter ihm auf der Wiese schafften, normale Gespräche zu führen. In Gedanken war er noch immer bei dem Überfall…

Es war ein Tag wie dieser gewesen. Fiore hatte wie jeden Tag auf dem großen Baum an der Klippe beim Dorf gefaulenzt. Es war schon seit einem Monat bekannt, dass die Kiren angreifen, aber man rechnete damit, dass die kaiserliche Garde schon sehr bald einträfe. Ja schon, es war merkwürdig, dass sie so lange brauchte. Aber bisher war sie immer gekommen, wenn man sie darum bat, dass wusste man von den fahrenden Händlern aus den anderen Dörfern. Die Händler… Sie mieden Fiores Dorf, als bekannt wurde, dass die Kiren aus dem Süden kämen. Die Kiren hatten einen fürchterlichen Ruf… Plündernd und mordend zogen sie durch die Städte und Dörfer am Rande des Imperiums; wo sie gewesen waren, war alles zerstört. Frauen und Kinder verschleppten sie, die Männer brachten sie auf der Stelle um. Und nun hieß es, sie sollten in dieses kleine Dorf kommen…

Die Vögel zwitscherten und alles war Ruhig. Auf den Feldern ging die Arbeit ihren normalen Gang und die Jäger kamen aus dem Wald mit ihrer erlegten Beute.

In diesen Momenten geschah es. Aus den umliegenden Wäldern kamen sie. Die Kiren. Mit einem ohrenbetäubenden Kriegsgeschrei. Fiore war wie gelähmt, während sie mit Fackeln durch das Dorf zogen, Häuser in Brand setzten und der Lärm ihrer Schwerter die Luft erfüllte. Geschrei wurde laut, einige Kiren hatten schon die ersten Kinder und jungen Frauen gefesselt über der Schulter liegen. Ihre Pferde stampften alles nieder, was bereits auf der Erde lag. Sie trafen auf kaum Gegenwehr, denn das Dorf besaß keinerlei Waffen. Diejenigen, die auf den Äckern zugange gewesen waren, schlugen mit Mistgabeln und Sensen um sich, konnten damit allerdings auch nicht viel gegen diese schiere Übermacht der Angreifer ausrichten.

Es dauerte nicht lang. Vielleicht eine Stunde, vielleicht weniger. Fiore kam es vor, als vergingen Jahre. Unfähig sich zu bewegen saß er auf dem Ast; durch das Laubwerk konnte er nicht gesehen werden. Das war vermutlich auch der einzige Grund, warum er überlebte. Er wusste nicht, was dort drüben im Dorf genau passierte. Aber das Geschrei, der Lärm, der Rauch und der Gestank, all dies führte dazu, dass er es sich vorstellen konnte. Seine Familie war dort drüben und er konnte nichts ausrichten; er konnte nur zusehen…

Sehr bald war es vorbei. Beladen mit irgendwelchen Säcken zogen sie sich wieder in die Wälder zurück. Über die Sättel der Pferde war fast immer auch ein Mädchen oder ein Kind gelegt. Das Dorf brannte wie Espenlaub, auf den Feldern verbrannte das Korn. Nichts rührte sich mehr. Von seinem Platz aus konnte Fiore schemenhaft die Leichen einiger Dorfbewohner und Tiere wahrnehmen. Speere steckten in der Erde, Fackeln brannten aus. Langsam setzte Regen ein.

Es dauerte noch sehr lange, bis Fiore wieder einigermaßen klar denken konnte.

Er hatte alles verloren. Seine Heimat, seine Familie, seine Freunde. An nur einem einzigen Tag. Tränen liefen ihm über das Gesicht und mischten sich mit dem Regen. Warum nur war die Garde nicht gekommen… Warum nicht…

Langsam ging er auf das Dorf zu, aber war unfähig, zu den ersten Häusern zu gelangen. Es stank nach verbranntem Fleisch und der Qualm nahm im fast die Sicht. „Fiore?“, hörte er noch eine Frauenstimme, dann verlor er das Bewusstsein. Es war einfach zu viel für ihn.
Als er wieder aufwachte, lag er wieder unter dem großen, alten Baum und neben ihm saß eine Frau aus dem Dorf. Er wusste nicht genau, wer sie war. Er hatte sie ein paar Mal gesehen, mehr nicht. Auch wusste er nicht, wie sie hatte überleben können. „Gut, du bist also noch wach, Junge.“ Fiore setzte sich auch und betrachtete seine Umgebung genauer. In der Nähe des Dorfes waren noch mehr überlebende. Sie fingen an, Gräber für die Toten auszuheben. Zögernd stand er auf. Er war noch recht wackelig auf den Beinen, konnte sich jedoch am kräftigen Stamm des Baumes abstützen.

Ob seine Familie vielleicht auch…?

Die Frau, die neben ihm gesessen hatte, folgte seinem Blick und sah ihn dann trauurig an. „Du bist Fiore, richtig?“ Fiore sah sie irritiert an. Woher kannte sie ihn? „Die Älteste hatte schon gedacht, dass du überlebt hast. Und was deine Familie anbetrifft…“ Sie nahm Fiore in ihre Arme. Ihm rannen die Tränen über die Wangen. „Sie hat es nicht geschafft… Sera wurde verschleppt und deine Eltern… Sie sind in den Flammen umgekommen…“ Fiores Blick wurde leer. Also doch…? Nun war er allein…?

Er lehnte sich gegen den Baumstamm und musste gegen die Schwärze ankämpfen, die sich von seinen Augenwinkeln her ausbreitete. Etwas schnürte seine Kehle zu und er war nicht mehr in der Lage zu sprechen. Langsam rutschte er den Stamm hinunter. Es dauerte eine lange Weile, bis er wieder Worte fand. „Geh bitte… Ich will allein sein…“ Die Frau sah ihn noch einmal besorgt an, dann jedoch kam sie seinem Wunsch nach, drehte sich um und ging in Richtung der anderen Überlebenden. Fiore blickte über den Rand der Klippe hinaus in die Untergehende Sonne. „Elende Bastarde… Das werdet ihr noch bereuen…!“ Er schloss die Augen und lehnte sich an. Ein leichter Wind kam auf und spielte mit den Blättern. Langsam fiel er in einen sehr langen, tiefen Schlaf.

„Fiore?“, rief von unten eine Frau in die Baumkrone hinauf. Er musste einige Male blinzen, denn die Sonne schien ihm nun direkt ins Gesicht. Er sah hinunter auf die Wiese, wo die Frauen schon wieder bereit zum Aufbruch standen. „Kommst du nun mit, oder willst du lieber noch einige Stunden schlafen?!“ Fiore grummelte darüber. Schlafen? Er? Nein. Nicht jetzt, nicht heute. Er stellte sich auf den Ast und mit einem beherzten Sprung gelang er aus dem Baum heraus und landete auf der Weise direkt in der Mitte der kleinen Gruppe. Fast alle erschraken sich kräftig, Sanda jedoch sah ihn mit ihren wunderschönen Augen direkt an. Sie lächelte und war anscheinend die Einzige, die ein wenig von dieser Akrobatikeinlage beeindruckt war. Er lächelte sie verlegen an, stand auf und schaute in die Runde. „Nun? Wollen wir weiter?“ Ira sah ihn etwas besorgt an, dann allerdings gab sie das Zeichen, weiterzugehen.

 

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