Kapitel 2

 

Das Haus, in welchem Fiore nun schon seit Stunden auf der verbrannte Erde lag, hatte kein Dach mehr. So konnte er direkt in den sternenklaren Himmel hineinblicken. Ab und an funkelte eine Sternschnuppe auf und langsam zog Lura ihren Weg über das Firmament. Überall war es still; die Frauen des Dorfes hatten sich schon vor einigen Stunden schlafen gelegt. Nur Fiore konnte nicht schlafen. Zu viel war geschehen und er musste über Iras Worte nachdenken.

„Magie…“, verächtlich verzog er einen Mundwinkel „So ein Blödsinn. Was sollte einem Magie nutzen, wenn man sie nicht einsetzen kann?“ Fiore rollte sich auf die Seite und machte es sich, insofern auf verkohlter Erde überhaupt möglich, gemütlich. „Wenn diese Magie praktisch nicht mehr einzusetzen ist, wenn sie schon so schwach ist… Warum sollte man sich die Mühe machen, sie weiterzugeben…“ Er seufzte leise und fiel in einen tiefen Schlaf.

Am nächsten Morgen wurde er schon sehr früh von dem Gezwitscher der Vögel geweckt. Die Sonne ging gerade auf; ihre ersten, schwachen Strahlen fuhren über die Wiesen und brachen sich hundertfach im taunassen Gras. Die Wolken waren in ein zartes Rosa gehüllt, was allerdings schon so schwach war, dass man es kaum wahrnahm.

Er setzte sich auf und räkelte sich einmal kräftig. Als er sich umsah, war alles wie gestern Abend. Ok, hatte er etwas anderes erwartet? Als er aufstand, zog sich ein stechender Schmerz seine Wirbelsäule hoch. „Ahh…“ Er fasste sich mit der Hand an den Rücken. „Jetzt weiß ich auch, was das Schöne an einem Bett ist…“ Als das Ziehen nachgelassen hatte, drehte er sich zur Tür und wollte mal nachsehen, wie weit die Frauen nun schon mit ihren Vorbereitungen gekommen waren.

„Fiore, du benimmst dich, wie ein alter Großvater.“ Ira stand schmunzelnd im ausgebrannten Türrahmen. In der einen Hand hielt sie etwas glitzerndes, die andere Hand war fest um ihren Holzstab gelegt. Langsam ging sie auf Fiore zu. „Wenn selbst wir Frauen schon ohne Probleme auf der Erde schlafen können, müsste es so ein junger Mann wie du doch erst recht schaffen, oder?“ Sie stand nun lächelnd vor ihm. „Ira, du bist schon auf? Ich dachte, ihr lägt alle noch in seligem Schlafe?“ „Da hast du dich getäuscht, mein Junge. Wir sind seid einer knappen Stunde aufbruchbereit, der Einzige, der noch fehlt, bist du.“ Fiore merkte es nicht, aber eine leichte Röte schoss ihm ins Gesicht. „Wir sind nun mit allem fertig. Aus dem Lagerhaus haben wir alles noch Verwertbare mitgenommen, denn hier wird es nun ja eh nicht mehr gebraucht…“ Nun hielt sie Fiore den glitzernden Gegenstand entgegen. „Hier. Nimm es. Es gehörte einst einem deiner Vorfahren. Es wurde schon lange nicht mehr gebraucht… Wir hatten gehofft, es käme nie mehr dazu, es weiterzugeben…“ In ihren Händen lag ein reichlich verzierter Dolch. Runen schmückten seine Scheide und sein Knauf hatte die Form eines Drachens. Fiore kam aus dem Staunen gar nicht mehr heraus. Zögernd strich er erst über die edle Waffe, dann nahm er sie selbst in die Hände. „So wie du aussiehst, kannst du dir anscheinend schon denken, dass es sich hierbei nicht um irgendeinen Dolch handelt… Er ist der älteste Schatz unseres Dorfes. Vielleicht auch des Landes, denn er ist älter, als unsere Legenden zurückreichen.“ Fiore wurde blass. Legenden? Wenn das wirklich der Dolch aus den Legenden war, dann… „Es ist Schimasil, du denkst schon richtig. Erschaffen von den Priesterinnen der Sterneninsel vor mehr als dreitausend Jahren. In Drachenfeuer gehärtet, mit den mächtigsten magischen Formeln belegt. Mal davon abgesehen, dass wir nicht mit ihm umgehen können, brauchen wir ihn nicht mehr. Er soll dir gehören, denn du bist der letzte männliche Nachfahre unseres Dorfes. Du wirst ihn sicherlich noch gut gebrauchen können, Fiore.“ Fiore schaute noch immer auf den Dolch, dann sah er Ira ins Gesicht. Auf einmal musste er lachen. „Ok, jetzt reicht es mir. Ich will sofort aus diesem Traum aufwachen! Erst brennt das Dorf ab und verliere meine gesamte Familie, dann erklärt mir die Älteste, dass es Magie noch gibt und dass nur unser Dorf noch die Gabe besitzt, sie einzusetzen. Und nun halte ich auch noch Schimasil in den Händen. Das MUSS ein Traum sein!“ Ein verzweifelter Gesichtsausdruck machte sich auf seinen Zügen breit. „Und warum bitteschön kam dieser Dolch nicht gegen die Kiren zum Einsatz!? Wenn unser Dorf schon über eine solche mächtige Waffe verfügt! Warum?!“ „Fiore, nun denk doch mal nach. Die Kiren waren hunderte. Wir wurden ja noch nicht einmal mit der vollen Stärke angegriffen. Wie bitteschön willst du mit einem einzigen Dolch gegen einen Haufen Barbaren ankämpfen? Derjenige, der diesen Dolch geführt hätte wäre doch sofort umgebracht worden! Schimasils Magie mag stark sein, aber beinhaltet keine Schutzzauber. Und wenn der Träger des Dolches erst einmal Tod gewesen wäre, hätten die Kiren nun den Dolch. Das wäre eine Katastrophe.“ Fiore sagte nichts mehr und sah betreten zur Seite. Er wusste, dass Ira Recht hatte, wollte es jedoch dennoch nicht wahr haben. „Aber nun komm, Fiore. Es wird Zeit, aufzubrechen.“ Ira drehte sich um und verließ die abgebrannten Ruinen von Fiores Schlafplatz. Er steckte Schimasil in seinen Hosenbund und folgte der alten Frau hinaus auf den ehemaligen Dorfplatz, wo sich die Überlebenden bereits eingefunden hatten um loszuziehen.

Ira sprach mit einer der jüngeren, dann winkte sie Fiore zu sich. „Fiore, dies ist Sanda, meine Tochter. Aus unserer Gruppe ist sie direkt nach mir die mächtigste Magierin und wahrscheinlich als einzige in der Lage, ihr Wissen noch weiterzugeben.“ Sie wandte sich wieder Sanda zu und redete mit ihr: „Sanda, das hier ist Fiore. Er hat seine Familie wie so viele andere bei dem Überfall verloren und ist nun der einzige, der Schimasil noch führen kann. Du kannst ihm vertrauen.“ Fiore fühlte sich irgendwie nicht wohl. Wie Ira das gesagt hatte… Er mochte es nicht.
Sanda schaute Fiore mit einem Lächeln an. Er hatte sie noch nie gesehen, obwohl er alle aus dem Dorf kannte. Zumindest dachte er bisher, dass er alle kannte. Irgendwie war dieses Mädchen merkwürdig… Sie sah aus wie sechzehn, jedoch sprach eine Weißheit aus ihren himmelblauen Augen, als hätte sie bereits viele Leben gelebt. Sie streckte ihre Hand zu Fiores Gesicht empor und strich ihm einmal über die Wange. Noch ein Lächeln, dann drehte sie sich um und ging wieder zu ihrer Mutter, die bereits mit den anderen Frauen sprach. Fiore stand da wie angewurzelt. So ein Mädchen… Sie war wunderschön und es war die Tochter der Ältesten… Dazu noch ihre Augen… Sie hatten ihn gefesselt. Warum hatte er sie bisher noch nie bemerkt?

Einen Moment. Es hieß doch, dass die Älteste keine Tochter haben konnte…? Ira war auch schon eindeutig zu alt, um eine sechzehnjährige Tochter zu haben… Da stimmte irgendwas nicht, da war Fiore sich sicher.

Nun kam Bewegung in die kleine Gruppe. Ira wies in Richtung Norden, in Richtung der Berge. Die Kiren waren aus dem Süden gekommen, vielleicht waren sie noch nicht über den Gebirgspass gelangt. Das nächste Dorf lag etwa einen Ein- oder Zweiwochenmarsch von hier entfernt und man musste über die Berge. Fiore mochte die Vorstellung nicht. Mit einer Gruppe älterer Frauen über die Berge ziehen… So wie sie ausgerüstet waren, konnte das nicht gut gehen.

Die Frauen nickten und setzten sich in Bewegung. Fiore blieb noch ein Mal stehen und besah sich ein letztes Mal sein zerstörtes Heimatdorf. „Das werdet ihr mir büßen…“, flüsterte er leise in den Wind. Seine Hand wanderte zu Schimasil. „Und wie ihr das büßen werdet!“

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