Kapitel 1

Fiore saß auf einem der starken Äste des großen Baumes und schaute verträumt in den dunkel werdenden Himmel. Weit im Osten sah man noch die letzten Strahlen der Sonne, die den Himmel in allen erdenklichen Rottönen malten. In der entgegengesetzten Richtung allerdings ging Lura, der Mond des Westens schon auf. Die Vögel tirilierten ihre allabendlichen Lieder und alles war friedlich.

Wenn man von den noch immer qualmenden Ruinen eines kleinen Dorfes und den dazugehörigen verbrannten Äckern und Feldern absah.
Fiore drehte seinen Kopf und besah sich ein weiteres Mal mit leerem Blick das Dorf, das einmal seine Heimat gewesen war. Nichts mehr war davon übrig geblieben. Ein schwacher Wind kam auf und blies Fiore den Gestank von verkohltem Holz und toten Tieren ins Gesicht. Tränen bildeten sich in seinen Augen, doch er wischte sie schnell wieder weg. Er hasste es, Schwäche zu zeigen, egal wie schlimm die Situation auch war. Sein Vater hatte ihm einst gesagt, Jungen sollten niemals weinen. Er wollte nicht ausgerechnet jetzt die Weisung seines Vaters brechen.
Hinter dem Dorf waren die restlichen Überlebenden - es waren vielleicht noch eine handvoll Menschen- damit beschäftigt, Gräber auszuheben und die Getöteten zu begraben. Auch Fiores Eltern waren unter den Toten.

Als Fiore den Friedhof und das Treiben auf selbigem auf sich wirken ließ, konnte er die Tränen nicht mehr zurück halten. Langsam rollten sie seine Wangen herunter und tropften auf die Erde unter dem Ast. „Mama… Papa…“ Er biss sich vor Verzweiflung auf die Unterlippe.
„Warum? Warum nur gerade unser Dorf…? Warum nur mussten die Kiren bis hier her vorrücken? Haben sie denn noch nicht genug angerichtet? Und warum…“ Er wischte sich mit der Hand über die Augen.

„Warum kam die kaiserliche Garde nicht… Schon vor einem Monat haben wir einen Eilboten zur Kaiserin geschickt, aber warum nur hat sie ihre Krieger nicht entsandt?“ Fiore sprang mit einem Satz vom Baum und rannte auf die Klippe weiter vor dem Baum zu.
„WARUM?!“, schrie er in die Stille des frühen Abends hinein.
Auf dem Friedhof drehten sich einige ältere Frauen zu ihm um. „Armer Junge…“, murmelten sie. „So jung und hat schon alles verloren…“

Ira, die Dorfälteste, sprach nicht, sah nur in seine Richtung. Sie umfasste ihren knorrigen, alten Gehstock und setzte sich langsam humpelnd in Bewegung. Die anderen Frauen hatten ihre Arbeit wieder aufgenommen und beachteten sie nicht weiter.

Fiore war auf seine Knie gesunken und schluchzte. „Warum ist diese Welt nur so unfair…?“ Tränen rannen ihm das Gesicht runter und verschwanden in dem staubigen Erdboden. „Hör auf zu weinen, Junge.“ Die Stimme gehörte zu Ira. Gestützt auf ihren Gehstock stand sie hinter ihm und legte eine Hand auf seine Schulter. Fiore schaute über seine Schulter in die Augen der Ältesten und wischte zögernd seine Tränen ab. „Hör mir zu, Fiore. Tränen können die Toten auch nicht wieder lebendig machen. Aber glaube mir, das Leben muss weiter gehen.“ Eine kurze Pause entstand. „Wir haben beschlossen, uns auf den Weg in das nächste Dorf zu machen, sobald wir hier fertig sind. Dort können wir hoffentlich ein neues Leben anfangen...“ Fiore drehte seinen Kopf wieder in Richtung der nun vollständig untergegangenen Sonne. Zögernd antwortete er: „Nein. Das können wir nicht. Wie nur könnt ihr auf diese Idee kommen? Das nächste Dorf ist mehrere Tagesreisen von hier entfernt und liegt hinter dem Gebirgszug! Unser Dorf besteht nur noch aus einer handvoll Überlebenden! Darunter auch noch Verletzte. Wir werden diesen Marsch nie und nimmer schaffen…“ In Fiores Kehle bildete sich ein Kloß und in seine Augen traten wieder Tränen, aber er riss sich zusammen. Er wollte nicht weinen, erst recht nicht vor der Ältesten. „Und selbst, wenn wir es schaffen würden! Nenn mir einen Grund, warum ein Dorf uns aufnehmen sollte!“ Fiore stand auf und sah zur Ältesten hinunter. Sein Blick verfinsterte sich. „Wir können nicht arbeiten. Zumindest ihr nicht. Unser Dorf besteht noch aus drei Frauen und zwei Männern. Ihr Frauen seid bereits zu alt, eine Tätigkeit auszuüben. Ihr wärt auf die Unterstützung des Dorfes angewiesen. Und wir Männer… Rohan ist verwundet, ihr selbst ward es, die uns mitteilte, er würde nicht mehr lange leben.“ Fiore ballte seine Hand zur Faust und sah zur Erde. „Im Moment dürfte er bereits mit dem Tode ringen. Was mich betrifft… Ich bin zwar schon achtzehn, aber außer der Jagd habe ich nichts Handwerkliches erlernt.“ Er sah wieder fest in die Augen der Ältesten. „Und nun verratet mir bitte, was ein Dorf mit uns anfangen sollte!“

Erst schwieg sie. Ira schloss ihre Augen, als das Glitzern in ihren Pupillen sie verraten konnte. Kurz standen die Beiden sich so gegenüber, da verpasste Ira Fiore eine schallende Ohrfeige. „Wie kannst du nur so reden! Wir Frauen mögen nun in ein Alter gelangt sein, wo wir nicht mehr arbeiten können, du hast recht.“ Ihre Augen waren wieder auf Fiore gerichtet, aus den Augenwinkeln jedoch traten Tränen heraus und rannen glitzernd langsam ihre faltigen Wangen herunter. „Aber wir können etwas, was ihr Männer noch nie verstanden habt.“ Ihre Züge entspannten sich wieder leicht. „Aber woher sollte ein Kind wie du es denn schon wissen… Deine Mutter hat es dir sicherlich niemals erzählt…“ Fiore sah sie fragend an. Er verstand nicht, wovon sie sprach. „Fiore, sag mir… Weißt du, was Magie ist?“ Er zog die Stirn kraus. „Magie? Ihr meint das alte Wissen, was schon vor Generationen verloren ging?“ „Es ist nicht verloren, Junge. Wir besitzen noch immer die Gabe, sie einzusetzen. Zugegebenermaßen ist sie sehr schwach im Vergleich zu den alten Formeln. Aber sie genügt, um das eigene Leben zu schützen.“ „Ihr wollt mir also weiß machen, dass ihr Zaubern könnt und es all die Generationen lang verschwiegen habt.“ Sarkasmus mischte sich in Fiores Stimme. „Es war das Beste, was wir machen konnten.“ Fiore ging kopfschüttelnd ein paar Schritte weiter auf die Klippe zu. „Das soll ich dir glauben, Ira? Das ist nicht dein Ernst!“ Er sah sie wieder an. „Worin bitteschön soll der Sinn darin gelegen haben, dass ihr es verschweigt? Und warum erzählst du gerade mir das? Ich werde das Gefühl nicht los, dass du etwas von mir willst…“ Ira lächelte. Es war das erste Mal, dass Fiore sie lächeln sah, bisher kannte er nur die verschlossene alte Frau, die so wenig sprach, wie nur möglich. Ein merkwürdiges Gefühl kam in ihm hoch.

Ira ging zu ihm und stellte sich an den Rand der Klippe. Die Sonne war vollständig untergegangen, Sterne glitzerten am Firmament. Lura, der Mond des Westens, hüllte die Gegend in sein milchiges Licht und ließ die Welt unwirklich erscheinen. Aus den Mooren weit unten am Fuß der Klippe kamen Nebelschwaden und auch die Wälder waren bereits in leichten Nebel gehüllt. Die schneebedeckten Bergspitzen glitzerten in Luras Licht mit den Sternen um die Wette. Die Frauen des Dorfes hatten sich bereits in eine behelfsmäßige Hütte zurückgezogen und es wurde langsam kalt. Ira stützte sich auf ihren Stock und atmete die klare Luft des Abends ein. Es dauerte eine Weile, bis sie wieder etwas sagte. „Fiore, unser Dorf, oder besser die Frauen des Dorfes, ist das letzte, dass noch die alten Formeln kennt. In gewisser Weise hast du also Recht, dass das Wissen verloren ist. Wir werden allerdings trotzdem versuchen, in das nächste Dorf zu gelangen, um unser Wissen weiterzugeben. Vielleicht werden wir es ja wirklich nicht überleben, vielleicht werden wir alle auf dem Weg umkommen. Dort hin zu gelangen, ist jedoch unsere letzte Möglichkeit zu überleben. Wir könnten hier bleiben. Ja und dann? Wir können leichte Wunden heilen, können ein Stück in die Zukunft sehen. Mehr nicht. Durch diese Magie haben wir es geschafft, wenigstens noch diese wenigen Personen zu retten. Durch diese Magie konnten wir der Kaiserin früh genug bescheid sagen…“ Ihr Blick verfinsterte sich und sie senkte den Kopf. „Die Kaiserin…“, murmelte sie verbittert mehr zu sich selbst als an Fiore gewandt. Dann sah sie wieder hoch und sprach weiter: „Nur die mächtigsten unter uns sind in der Lage, Wesen zu beschwören oder mit den Tieren zu sprechen. Von diesen Wenigen bin ich die letzte Überlebende. Meine Kraft reicht jedoch nicht mehr, diese Magie auch anzuwenden.“ Sie blickte in Fiores Augen. „Die Magie ist noch nicht verschwunden. Aber sie wird es bald sein, wenn kein Wunder mehr geschieht. Auf ein Wunder jedoch können wir nicht mehr hoffen. Dazu ist es bereits zu spät… Wir müssen schon nachhelfen.“ Fiore setzte sich hin und ließ seine Beine von der Klippe baumeln. Er seufzte und ließ sich rückwärts auf den Boden kippen. „So ist das also… Die Magie ist praktisch nicht mehr existent. Nur wenige können sie anwenden, diese wenigen seid ihr. Aber ihr seid bereits zu schwach, sie anzuwenden, wenn ich das alles nun mal richtig zusammengefasst habe.“ „So ist es.“ Fiore schnaubte einmal verächtlich, stellte sich wieder hin und ging zum großen Baum. „Ihr seid doch bescheuert. Ihr kämpft für etwas längst Verlorenes. Ihr seid zu schwach, wollt die Magie allerdings noch in das nächste Dorf bringen, da sie dort vielleicht noch weiter existieren könnte. Aber selbst wenn ihr das Dorf erricht, ist eure Kraft zu erschöpft. Ihr werdet doch gar nicht mehr dazu kommen, sie jemanden zu lehren!“ Er drehte sich um und ging langsam auf die verkohlten Ruinen seines einstigen Heimatdorfes zu. „Fiore?“ „Was denn noch…“, murmelte er leise. „Morgen Früh werden wir aufbrechen. Pack deine Sachen zusammen, insofern du noch welche besitzt. Wir werden es versuchen, ob du es nun verstehst oder nicht.“

Fiore antwortete nicht mehr. Tränen begannen wieder, sein Gesicht hinunter zu rollen.

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