Kapitel 9

Endlich Sonntag. Vor zwei Tagen war dieses überaus bescheidene Basketball Turnier und mein Knöchel tut immer noch weh wie Sau, aber hey: wenigstens sind meine Kopfschmerzen weg.
Die Fahrt mit Ren zusammen war wirklich klasse. Er ist ein paar Mal Umwege gefahren und dachte wohl, ich merk das nicht. Aber ich hab trotzdem nichts gesagt. Irgendwie… Es fühlte sich schön an, bei ihm zu sein – ohne gleich wieder Angst haben zu müssen, dass eine Horde von Fans über ihn herfällt.
Wäre da nicht ein gewissen Problem an meinem Arm, würde ich ja wirklich darüber nachdenken, ob wir beide… naja… Aber es ist sinnlos, darüber nachzudenken. Das Problem ist da und ich werde mir sicherlich nicht den Arm abhacken, nur damit ich mit jemandem zusammen sein kann.

Heute Morgen dann kam ein Telefonanruf, der mich fast von den Socken geholt hat: Ren hatte angerufen und fragte, ob wir uns zusammen mit Toshi – dem Chef der Unibasketballmannschaft – heute im Park treffen könnten.
Ich frage mich, woher er meine Nummer hat? Die steht doch nicht im Telefonbuch? Und gesagt habe ich sie ihm auch nicht… Glaub ich zumindest.

Nun, Raven und Fiona habe ich nichts davon erzählt. Die hätten sich nur an mich rangeklebt und irgendwie will ich mit den beiden anderen allein sein. Ich hab immerhin keine Ahnung, was die da von mir wollen und daher ist es wohl sicherer, dass niemand sonst etwas davon weiß.

Jetzt hocke ich also auf dem Fahrrad und suche nach dem großen Springbrunnen. Normalerweise, wenn ich hier her fahre, komme ich von der anderen Seite und daher ist mir der Weg von hier nicht ganz sicher, aber ich werde ihn schon finden, da bin ich ganz zuversichtlich.
Ah, da vorne ist es auch schon.

Als mein Fahrrad an dem nächst besten Baum lehnt und ich auf den großen Brunnen in der Mitte des Platzes zugehe, kommen mir auch schon Ren und Toshi entgegen.
„Morgen!“, ruft mir Ren entgegen.
Ich frage mich, wie der sich traut, einfach so an einem normalen Morgen in den Park zu gehen. Hat der keine Angst davor, dass er von irgendwelchen Mädchenmassen erdrückt wird? Ich bezweifle, dass seine Tarnung – die nur aus einer schlichten Sonnenbrille besteht – ihm da irgendwie hilft, aber nun gut. Ist ja seine Sache.

„Morgen!“, rufe ich zurück und schon stehen wir beieinander.
„Ja, auch von mir ein Hallo.“, begrüßt mich nun auch Toshi. „Setzen wir uns doch da drüben mal hin, die ganze Zeit stehen muss ja nicht sein. Außerdem… Ich kann mir gut vorstellen, dass dein Knöchel immer noch Probleme macht. Es würde mich zumindest nicht wundern, denn so, wie du aufgekommen bist, frage ich mich, wie du überhaupt schon laufen kannst. Wer hat dich denn hier her gebracht?“
Sitzen ist eine ganz tolle Idee. Mein Fuß macht mich schon beinahe Verrückt.
“Ich bin mit dem Fahrrad gekommen. Meine Eltern haben keine Zeit und meine Freundinnen… nun ja…“
„Sie sollen nicht wissen, mit wem du dich gerade triffst, eh?“, grinst mich Ren an.
Verräter. „Eh… also…“ Mist, mir muss irgendetwas einfallen, was ich darauf sagen kann!
Aber da sind wir schon bei der Bank angekommen und Toshi deutet schmunzelnd an, dass ich mich doch setzen soll. Na gut, wie er will.

Als sich auch Ren hingesetzt hat, ergreift Toshi das Wort: „Kürzlich, bei dem Turnier…“
„Uaaa. Erinnere mich nicht dran, bitte.“ Pustekuchen, er macht weiter, wenn auch sein etwas ernsterer Gesichtsausdruck einem Schmunzeln weicht.
„Nun, ich denke nicht, dass man sagen muss, dass dein Team grottenschlecht gespielt hat.“
„Wenn man das denn überhaupt noch spielen nennen kann.“, funke ich wieder dazwischen.
„Ja, das mal vorausgesetzt. Aber trotzdem hast du dich wirklich gut geschlagen! Gegen eine dreifache Ein-Mann-Deckung kommt nicht jeder an.“ Höre ich da wirklich Stolz aus seiner Stimme? Hehe. Muss wohl. Ist immerhin seine Mannschaft, von der er da grad spricht.
„Nun, geschafft habe ich es ja auch nicht.“ Ich wurde ja dauernd daran gehindert.
„Aber fast, das musst du zugeben.“, stichelt Ren von der Seite.
Mist, ich glaube, ich werde wieder rot. Warum passiert mir das dauernd, wenn ich bei ihm bin? Das nervt!
„Nun… Deine Körbe waren auch nicht zu verachten, und…“ Toashi versucht wieder die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Upsi. Entschuldigung.
„Und springen kannst du auch noch höher als ich.“, vollendet Ren den Satz.
„Ehm, ja. Das wollte ich dich eh fragen: Hast du dich da irgendwie zurückgehalten?“
„Wie meinst du das?“ Er sieht verwundert aus.
„Naja… Ich kann es mir einfach nicht vorstellen, dass du – wo du doch eindeutig ein ganzes Stück größer bist als ich – nicht so hoch springen kannst, wie ich.“
„Sollen wir es ausprobieren?“, grinst er mich an.
Hm… „Ok! Aber wehe dir, du bremst dich selbst!“
Toshi steht daneben und hält sich den Kopf. Ich denke, er grübelt gerade darüber nach, warum er überhaupt mitgekommen ist. Irgendwie hören Ren und ich ja eh nicht zu.

Ein paar Meter von der Bank entfernt stellen sich Ren und ich nebeneinander. Toshi gibt das Startsignal und – hey, ich kann ja wirklich höher springen? Was ist das denn?
„Glaubst du es mir jetzt? Springen ist eindeutig nicht meine Stärke. Ich hab’s da eher mit werfen.“ Etwas verlegen schaut er schon aus und als ich mich umsehe, gucken uns die Umstehenden Leute fragend an. Ehm… Naja.
Wir gehen wieder zur Bank und setzen uns hin. Beim Aufkommen meldete sich natürlich auch sofort wieder mein Knöchel und jetzt tut er ganz widerwärtig weh.
„Nun, Tiara…“, ergreift Toshi wieder das Wort, „dein Gehoppse und deine Springkünste sind auch so ziemlich der Grund, warum wir dich heute treffen wollten – ok, mal ganz davon abgesehen, dass du wirklich gut Körbe werfen kannst und einen starken Willen hast.“
Ich muss ihn wohl ziemlich verwirrt angesehen haben, denn nun unterdrückt er ein Lachen. „Naja, und eigentlich wollte ich Ren ja auch gar nicht mitnehmen, aber er hat sich geweigert, deine Telefonnummer rauszurücken, wenn er nicht mitdarf und daher hab ich den heute im Schlepptau.“ Er zwinkert mir zu.
Hm… Irgendwie sehen alle Jungs süß aus, wenn sie schmunzeln oder zwinkern, kann das sein? Toshi zumindest steht das. Er ist sowieso eine echte Schnitte, was das Aussehen angeht: Runde zwei Meter groß, kurze, blonde Haare und einen total niedlichen Akzent sind die Sachen, an denen man ihn am schnellsten Erkennt. Auf dem Campus der Uni überragt er fast alle anderen.
Ren sitzt derweil pfeifend neben mir und bewundert die Schönheit der Wolke über uns. Jaja. Du hörst gerade gar nichts, wie?
Ich pieke ihm in die Seite und er quitscht.
Huch? Damit hab ich ja gar nicht gerechnet, aber…
Er und ich schauen uns an und im nächsten Moment müssen wir beide loslachen. Er ist wirklich klasse.
„Nun, zumindest mit einem unserer Teammitglieder scheinst du dich ja bestens zu verstehen.“
Eh? Wie? Was soll das denn heißen?
Und wieder scheint man mir die Frage am Gesicht ablesen zu können. Ich sollte niemals auf die Idee kommen, Poker spielen zu wollen – ich scheine das mieseste Pokerface zu haben, das es gibt.
„Naja, das ist der Grund, warum ich – oder eher wir, aber so wie du dich benimmst eher nur Ren- heute hier sind. Ich, wir, er – wie auch immer – wollten dir anbieten, natürlich im Namen der Mannschaft, bei uns mitzuspielen.“
Gedankenstopp.
Wer, ich? Ich bei den großen Jungs?
„Äh…“ Mehr bekomm ich da nicht raus.
Ren neben mir gluckst schon wieder herum.
„Ja, du hast das ganz richtig gehört. Ich weiß, du denkst jetzt: Hey, das ist eine komplette Jungenmannschaft und die sind nicht mal von meiner Schule und außerdem ist das Team doch voll?“
Mein Gesicht, das offne Buch, eh?
„Nun, dazu kann ich dir etwas sagen. Zum Einen: Ja, wir sind eine komplette Jungenmannschaft. Das liegt aber lediglich daran, dass wir noch kein weibliches Wesen gefunden haben, das mitspielen könnte. Irgendwie haben die es alle nicht so wirklich drauf oder passen einfach nicht ins Team. Zum Anderen: Ja, ok, wir sind nicht von deiner Schule, aber was soll’s? Es geht doch ums Spielen und nicht darum, zu welcher Schule man gehört. Und selbst, wenn du es wirklich auf die Schule schieben wolltest: Nun… Wir sind zwar die Uni und haben einen gesonderten Campus, aber wir gehören definitiv noch zum Schulkomplex. Und eine Sache noch zu unserem Team: Einer von uns hat beim letzten Turnier sein letztes Spiel gehabt. Er muss sich inzwischen ganz auf sein Studium konzentrieren, hat aber gesagt, dass er dich gerne als seinen Nachfolger – wohl eher seine Nachfolgerin – sehen würde.“
Ok, er hat’s geschafft, ich bin platt.
„Das… Eh… Nunja, ich…“
„Ihr hat’s die Sprache verschlagen!“, grinst Ren zu Toshi rüber und piekt mir mit dem Zeigefinger in die Seite.
„Ehm… Also… Wenn das wirklich in Ordnung geht, dann… Dann würde ich wirklich sehr, sehr gern mitmachen!“

„JAAA!“, kommen da Jubelrufe aus dem kleinen Hain hinter der Bank. Als ich mich umdrehe, steht da die komplette Mannschaft der Uni. Eijeh, die waren die ganze Zeit da?
„Was macht ihr denn hier?“, fragt nun auch Toshi etwas irritiert.
„Ren hat uns gesagt, was du vor hast – oder eher: Wann du es vor hast und wir müssen doch unser neues Mitglied begrüßen!“, kommt die Antwort von einem aus der Mannschaft.
Ich schüttele mich inzwischen schon vor Lachen. Die sind wirklich klasse.
„Nun, wir sind da und wir haben dir sogar schon dein Trikot mitgebracht!“, erzählt mir einer, während die Gruppe auf die Bank zukommt. Ich steh auf und schaue ihn fragend an. Achja. Ich darf ja jetzt endlich dieses hässliche pinke Ding in die Tonne hauen. Endlich!
„Hier!“, ruft mir ein anderer zu und ein weiterer entrollt das neue Trikot wie eine Fahne – nur halt, dass es nach unten und nicht zur Seite weht.
Oh, man.
Oh, manoman.
Meine alte Nummer und unten drunter mein Name. Ist ja Wahnsinn. Ich kann es immer noch nicht ganz glauben, ich bin echt in der Unimannschaft!
Vor Freude mach ich dann auch gleich ein paar Luftsprünge. Heute ist der beste Tag seit Jahren!

„Hast du was dagegen, wenn wir dich Kampfküken nennen?“, fragt mich da jemand.
„Ehm…“
Doch ein anderer fällt mir bereits ins Wort und legt seinen Arm über meine Schulter. „Ach was, die hat da nichts gegen, oder, kleine?“
Hey, ich… Ok. Verglichen mit denen bin ich wohl doch klein. So ein Mist aber auch.
„Lass die kleine in Ruhe, die gehört jetzt mir!“ Und schon wird der letzte weggeschupst und ein anderer macht sich an mich ran. Ahhh!
„Hey, alles mit der Ruhe. Ihr verängstigt sie doch noch ganz.“, geht Ren dazwischen.
Nach einer kurzen Pause schütteln sich alle nur noch vor Lachen.

„Willkommen im Team, Tiara.“, begrüßt mich Toshi nun auch ganz offiziell.
„Nein. Kampfküken!“, grinst Ren mir zu.
Als ich ihn böse anfunkel, schmunzelt er bloß zurück: „Tja, damit musst du dich nun wohl abfinden…“

Den ganzen Tag hocken wir noch zusammen im Park – genauer gesagt: Auf dem angrenzenden Basketball Feld. Eine gegen alle und trotzdem habe ich es geschafft, fünf Mal den Ball im Korb zu versenken. Ich denke, das ist gar keine so schlechte Quote.
Zurück zu Hause – es wird schon dunkel- stürzen mir Fiona und Raven entgegen.
„Und?!“, ruft mir Fiona auf der Hälfte der Treppe zu.
„Wie, und?“, ich versuche, mir nichts anmerken zu lassen.
„Wie ist es gelaufen!? Na sag schon!“, kommt es nun auch von Raven.
„Was meint ihr?“ Woher wissen die, was ich heute gemacht hab?
„Das Treffen natürlich! War Ren da? Und Toshi? Und wie ist es gelaufen?“
„Halt mal, woher wisst ihr das?“ Haben die mir nachspioniert?
„Gestern auf dem Heimweg fuhr Ren an uns vorbei und fragte nach deiner Telefonnummer. Wir wollten sie ihm aber nur geben, wenn er uns sagt, was er damit vorhat. Nun, er hat es uns erzählt und da haben wir sie ihm natürlich sofort gegeben!“
„Aaahja. Nun…“ Ich schiebe eine dramatische Pause ein und versuche, total niedergeschlagen zu wirken.
„JAA! Sie wurde wirklich aufgenommen!“, freuen sich Raven und Fiona da nun auch schon. So viel zum Thema Pokerface.
„Ja, klar habe ich zugesagt. Hier, seht mal!“ Mit diesem Satz zeige ich ihnen mein nun nicht mehr pinkes, sondern arktisch blaues Trikot.
„Super!“, entfährt es Fiona.
“Oh, klasse! Man, ich freu mich ja so für dich!“, grinst Raven mich an. Nach einem Gemeinschaftsknuddler gehen wir die Treppe wieder hinauf in unser Zimmer. Das ist das schöne am Wochenende: Fiona kann so lange bleiben, wie sie will. Es wartet zu Hause bei ihr ja niemand darauf, dass sie wiederkommt.

Heute war wirklich ein klasse Tag. Das Trikot habe ich zusammengerollt neben mir im Bett liegen. Die Unimannschaft – besser kann es doch gar nicht kommen, oder?

Nun, es kann.

Ren ist immerhin auch bei denen dabei…

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