Kapitel 8

Nun, in den letzten Wochen ist herzlich wenig passiert.
Sora hat mich natürlich wieder geärgert, aber dieses Mal irgendwie komplett ohne Grund. Langsam nervt mich das wirklich. Sie meint dauernd: „Du bist noch lange nicht gut genug!“ oder „Hey, gib doch auch mal den Ball ab!“
Dabei mache ich fast gar nichts, außer Körbe werfen. Ok, manchmal komme ich zu spät, aber das auch nur, weil wieder irgendwelche Mädchen mich vollquasseln oder mich nicht durchlassen. Seit einiger Zeit schauen sie mich auch immer missmutiger an – kann mir mal jemand sagen, was ich falsch gemacht habe?
Wie dem auch sei. Heute ist unser Turnier und interessanterweise gab es einen Wechsel, oder genauer gesagt: Zwei Wechsel.
Zum einen spielen wir heute nicht gegen die Jungenmannschaft unserer Schule – wie erst gedacht, sondern gegen die Mannschaft der Uni. Kürzlich habe ich ein Gerücht aufgeschnappt, dass alle Jungs der Mannschaft sich entweder etwas verstaucht haben, oder krank geworden sind, aber ich kann es mir eigentlich nicht vorstellen. Das passiert nicht einfach so von heut auf morgen.
Sora hat sich zumindest sehr dafür engagiert, dass wir eine Ersatzmannschaft bekommen, damit das Turnier stattfinden kann. Da es jedoch eine Jungenmannschaft sein muss, die auch noch mindestens genauso alt ist wie wir, war die Auswahl herzlich klein.
Erst war noch die Truppe von der Stufe über uns angedacht, aber auch die waren auf einmal krank oder sonst wie verhindert. Ich versteh das nicht. Das kann doch nicht mit rechten Dingen zugehen, oder?
Die einzige Gruppe, gegen die wir also noch antreten konnten, waren die Jungs von der Uni.

Bei denen gab es auch vor einiger Zeit eine Änderung in der Mannschaft. Da ja Ren nun auch bei denen Spielt, musste gezwungenermaßen einer wegfallen und so spielen wir nun also nicht nur gegen die Uni, sondern auch gegen Ren.
Ich hab da so ein ganz mulmiges Gefühl im Magen…

Zumindest: heute ist es so weit und ich blicke gerade in meinen Spint. Ausnahmsweise haben mir keine Mitschüler den Weg verstellt. Nein, es waren Fans von Ren, die nicht auf unsere Schule gehen. Wenn wir heute verlieren, wird das eine Blamage…

Das lange Shirt, was ich unter dem Trikot anhab, stört gewaltig… Vor einem Jahr hatte ich das noch nicht und war irgendwie besser beim Körbewerfen. Aber nun gut. Trikot… Ah, da. Fürchterliche Farbe. Seitdem Sora da ist, müssen wir alle pink tragen. Ich komme mir vor, wie ein Clown.
Jetzt noch die Schuhe und – mist, wo ist dieser bescheuerte Ball?

„Tiara! Bist du endlich soweit?!“, ruft Eri mir zu.
Jaja, gleich. Einen Moment noch… Ah, da. Ich klemm mir den Ball unter den Arm und ab geht’s zum Einmarsch der Giganten. Aufgewärmt bin ich ja glücklicherweise schon, dank meines Endspurtes. Sonst wäre ich bestimmt wieder um einiges zu spät gekommen.

Auf dem Feld angekommen, fällt mir erst auf, wie groß die Jungs aus der anderen Mannschaft sind. Kann es sein, dass Sora nur wegen Ren gegen sie antreten wollte? Oh, man. Soviel zum Thema „gute Teamchefin“. Gegen die Jungs kommen wir doch nie an – vor allem nicht, da unsere Abwehr fürchterlich ist.

Ok, Aufstellung… Hoffentlich springe ich hoch genug, meine Mannschaft braucht jeden Vorteil, wenn wir das gewinnen wollen. Mal sehen, wer von der anderen Mannschaft… Mist, das darf nicht wahr sein. Ren? Ok, ich glaub, ich hab ein Problem.
Kaum sind wir fertig aufgestellt und Ren und ich stehen in der Mitte um den Ball abzupassen, gibt es den Anpfiff.
Sprung, und…
Hey, ich hab es geschafft? Wie das denn?
Als ich versuche, die Antwort aus seinem Gesicht zu lesen, lächelt er mich nur an – oh, er ist so süß, wenn er das macht –, dreht sich um und jagt dem Ball hinterher. Mittlerweile hat dieser auch schon wieder die Mannschaft gewechselt. Meine Teamkollegin schien mehr mit Ren als mit dem Spiel beschäftigt zu sein. Klasse start.
Leider scheint es auch nicht besser zu sein, denn nach nur drei Minuten fällt das erste Mal der Ball durch den Korb. Natürlich unseren.

So geht es immer weiter. Inzwischen steht es einundzwanzig zu drei und für diese Punkte wurde ich angesehen, als hätte ich Staatsverrat betrieben. Hey, Mädels! Wir spielen hier ein Turnier?
Ah, endlich. Erstes Viertel ist um.

„Sagt mal, was um Himmels Willen ist mit euch los? Ihr spielt, als würdet ihr verlieren wollen?!“, fauche ich die Truppe an, als wir bei der Bank im Inneren unserer Umkleide ankommen.
„Gegenfrage: Was ist mit DIR los, dass du einfach keine Körbe wirfst!?“, keift Eri mich an. Ich hör wohl nicht recht?
“Wie soll ich das denn, wenn mir niemand aus der Mannschaft mal den Ball überlässt? Und überhaupt: Was sollten diese Blicke, als ich den Ball versenkt habe?“
„Was geht dich das an?“, kommt es nun auch von Sora.
„Was mich das angeht? Wir sind eigentlich ein Team! Außerdem spielen wir dieses Turnier, um zu gewinnen! Wenn wir heute verlieren, dann…“
“Halt mal die Luft an, Tiara! Nur, weil du hier für das Körbewerfen zuständig bist, heißt das noch lange nicht, dass du dich in unsere Angelegenheiten einzumischen hast!“, keift nun auch noch ein weiteres Mädchen aus der Truppe.
„Eure Angelegenheiten? Hallo? Was bitteschön hattet ihr heute morgen in eurem Tee, dass ihr euch so aufführt?!“
„Halt dich aus unseren Clubinteressen heraus!“, wirft Sora mir an den Kopf.
Ah, darum geht es also. Der Club. Hab ich mir doch eigentlich gleich denken können.
Aber nun pfeift es draußen auch schon wieder und wir müssen wieder raus.
Denen werd ich’s zeigen.

Die nächste Runde fängt gut an. Innerhalb der ersten 6 Minuten schaffe ich es, 7 Punkte zu machen und gleichzeitig auch noch die anderen daran zu hindern, ihrerseits den Ball zu versenken. Ich fühl mich schon wie eine dritte Partei, eine ein-Frau-Mannschaft. Die Blicke der anderen können mir glatt mal gestohlen bleiben.
Hmm… Täusch ich mich, oder sehen die Jungs der anderen Mannschaft wirklich etwas verwundert aus? Naja, verübeln kann ich es ihnen nicht.
Und wieder ein Pfiff zur Pause.

„Und was sollte das nun von deiner Seite!?“, faucht mich Sora an, kaum dass ich in die Kabine komm.
„Was wohl? Ich versuche gerade, das Spiel zu retten!“
Bevor ich etwas Weiteres sagen kann, unterbricht mich ein weiteres Mädchen aus dem Team: „Du hast Ren den Ball weggenommen!“
Dazu fällt mir ja nun gar nichts mehr ein. Hat die das jetzt wirklich gesagt?
Und wieder ein Pfiff zum nächsten Viertel.

Die Jungs scheinen nun anders zu spielen. Ren steht zwar noch vorne und ist wohl auch immer noch derjenige, der vor allem für die Körbe zuständig ist, aber irgendwie… Nein, da hat sich ganz gewaltig etwas in deren Spielart geändert. Auf ein Mal habe ich nicht nur eine Person, die mich zu decken hat, nein, es sind gleich drei.
Nun, ist mir auch recht. Die sind vielleicht groß und haben mehr Kraft, dafür komm ich besser durch.

Ok, jetzt noch einmal den Ball abfangen, und -
„AUTSCH!“, was war das denn…? Das fühlte sich an, als ob mich jemand im Sprung wieder runter gezogen hätte… Aua… Der Schiedsrichter hat nichts gesehen? Na klasse, Sora debattiert mit ihm. So konnte der das ja auch nicht sehen.

Auch das nächste Mal lande ich wieder unsanft auf dem Boden. Dieses Mal habe ich es allerdings selbst gesehen, Eri war das, die mich runter gezogen hat. Und wieder hat der Schiedsrichter es nicht sehen können.

„Hey!“, kommt es in dem Moment von Ren. Er beugt sich zu mir runter.
„Alles in Ordnung?“ Er sieht etwas besorgt aus, als er mich das fragt.
Ich nicke bloß, beiß die Zähne zusammen und steh auf. Aua… Ich hab den Verdacht, dieses Mal habe ich ihn mir verstaucht…
Auf den Rängen um das Feld wird es nun auch etwas lauter, manche höre ich sogar über unsere Spielweise schimpfen. Ich kann sie gut verstehen.
Ganz vorne in einer der Reihen sitzen auch Raven und Fiona und ihnen steht im wahrsten Sinne des Wortes der Mund offen. Heute ist eindeutig mein letztes Spiel in dieser Mannschaft. Das geht echt nicht an, dass die nur wegen Ren hier so einen Zirkus veranstalten.
Ren vergewissert sich noch mal, dass auch wirklich alles in Ordnung ist – er muss wohl zu dem Schluss gekommen sein, dass dem nicht so ist, schwieg aber trotzdem – und dann ging das „Spiel“ weiter.
Wieder der Pfiff. Ok, eine Auszeit noch, eine Runde noch und dann endlich habe ich es hinter mir.

Humpelnderweise geht es zurück in die Umkleide. Aua… Das tut verdammt weh.
Bei meinem Spint angekommen, krame ich nach der Schmerzsalbe, die da normalerweise immer drin liegt. Ich denke, es ist besser, sich jeden Kommentar zum Spiel von gerade zu verkneifen.
„Na? Auf einmal so still?“, fragt Eri in überheblichem Ton.
Ruhig bleiben. Bald hast du es geschafft.
„Hey, ich rede mit dir!“, ruft sie mir nun zu.
Schön für dich, ich rede aber nicht mit dir. Blöde Kuh.
„Hat’s unserer Kleinen die Sprache verschlagen?“, ärgert Sora nun auch.
Ach, lasst mich doch alle in Ruhe. Mit dem Handrücken wisch ich mir eine Träne aus dem Augenwinkel und mach mir die Salbe auf den Knöchel. Soviel zum Thema Teamwork.
Als der Anpfiff für das letzte Viertel kommt, bin ich zwar noch nicht fertig, aber die anderen hauen schon ab. Danke auch dafür.

Und wieder Aufstellung. Irre ich mich, oder geht die Zeit langsamer vorbei? Na, egal. Hauptsache, sie geht überhaupt vorbei.
Die ersten Minuten sind schon vorbei und es ist nichts passiert. Die Planen doch etwas…?
Genau in dem Moment trifft mich etwas Hartes am Kopf und es wird dunkel.
Verdammt, was war das…?

Hell.
Nach ein paar Mal zwinkern geht es schon besser, aber… Ich bin nicht mehr auf dem Platz? Was ist denn passiert?
„Na endlich wachst du auf, Tiara.“
Ich drehe den Kopf und… Au! Ok, ich hätte es mir denken können, dass ich Kopfschmerzen habe. Nach so einem Schlag wundert mich das gar nicht.
Die Stimme gehörte zu Raven, die mit besorgtem Gesicht neben mir sitzt.
“Wo… Wo bin ich jetzt eigentlich?“
Irgendetwas ganz weit hinten in meinem Kopf schrie etwas, das nach Krankenzimmer klang, aber ich konnte es nicht einsortieren.
„Im Krankenzimmer der Schule.“, berichtet Raven.
Fiona – ah, sie ist auch da – fällt ihr nun auch ins Wort: „Du wurdest draußen auf dem Feld von einem Ball am Kopf getroffen und bist ohnmächtig zusammengesackt. Ren hat dich noch auffangen können und daher ist nichts Schlimmeres passiert.“ Nach einer kurzen Pause fragt sie: „Ist alles einigermaßen wieder in Ordnung?“
Raven und sie sehen wirklich besorgt aus. Ich nicke auf ihre Frage, aber ich hätte es wohl besser nicht getan. Diese Kopfschmerzen breiten sich immer weiter aus…
Raven erzählt weiter: „Ren war es auch, der dich hier hin gebracht hat. Das Match wurde natürlich abgesagt und deine Mannschaft hat aufgrund absolut unfairer Spielweise sich noch zu verantworten.“
„Ren sah übrigens sehr besorgt aus. Du warst kalkweiß.“, ergänzte Fiona Ravens Erzählung.
Ren war besorgt? Meinetwegen? Naja. Wäre er auch wegen jedem anderen gewesen.
„Das mit ‚deine Mannschaft’ hat sich gegessen, Raven. Ich bin nicht mehr dabei.“ Ich setzt mich auf – ok, ich musste die Zähne zusammenbeißen, damit ich nicht schreie – und setzte mich unter Protest von Raven und Fiona auf die Bettkante.
„Tiara, bleib besser noch liegen!“, ermahnt Raven mich, aber ich will nicht liegen bleiben. Ich will nach Hause.
„Fiona, Raven, ich will nach Hause. Ich muss mich jetzt wirklich mal ausschlafen und vor allem: Ich brauch eine Kopfschmerztablette.“ Leider scheint mein Grinsen nicht so fröhlich zu wirken wie es soll, aber Fiona seufzt bloß.
„Geht in Ordnung. Na komm, ich bringe dich noch zur Umkleide, damit du dich wenigstens eben umziehen kannst. Raven, du rufst bei euch zu Hause an und fragst, ob jemand mit dem Auto kommen kann.“
Raven nickt und verschwindet.

Bei der Umkleidekabine angekommen, verschwindet Fiona, um ihr Fahrrad zu holen und ich geh mich umziehen.
Als ich wieder rauskomme, steht Ren vor der gegenüberliegenden Umkleide.
„Hey… Alles in Ordnung mit dir?“, fragt er und kommt mit besorgtem Gesicht zu mir rüber.
Ich nicke, aber es ist gelogen. Mir geht es miserabel.
Er stellt sich vor mich und legt seine Hand auf meine Schulter.
„Du hast klasse gespielt, Tiara.“
„Ach, echt? Hab ich nichts von mitbekommen. Ich war mehr mit runterfallen, mich gegen meine Teamkameradinnen zur Wehr setzen und ähnlichen Scherzen beschäftigt.“
Er gluckst – was sich ziemlich süß anhört, aber hey: irgendwie ist alles an ihm süß.
„Nunja, letzteres ist vor allem eine der Sachen, die dir wirklich viel Ansehen in unserer Mannschaft gegeben hat. Obwohl das Team gar nicht hinter einem steht sein bestes zu geben… Da gehört schon so einiges zu. Das würden bestimmt die meisten von uns nicht schaffen – oder sich gar trauen.“
Und wieder werde ich rot. Aber irgendwie… bei ihm finde ich das gar nicht so schlimm. Sollte ich wirklich in ihn…?
„Soll ich dich vielleicht nach Hause bringen?“, fragt er doch tatsächlich in dem Moment.
Mich?
Ich muss ihn wirklich etwas verwirrt angesehen haben, denn seine Gesichtsmimik verrät eindeutig, dass er sich das lachen verkneifen muss.
„Ja, genau dich. Schau nicht so verwundert. Ist doch Ehrensache, dass ich das mache. Ich kann doch nicht verantworten, dich mit dem Fahrrad nach hause fahren zu lassen.“
„Ehm… Aber Raven holt schon einen von zu Hause, der mich abholen wird und…“
“Ach, dieser jemand wird es schon merken, dass du nicht mehr da bist.“
Damit hat er eindeutig Recht.
“Nun…“ Mist, mir fällt kein weiterer Einwand ein. Aber ich kann doch nicht einfach mit ihm mitfahren? Was würden denn da Raven und Fiona denken?
“Die werden bestimmt nichts Schlechtes denken.“, redet mir Ren da zwischen meine Gedanken. Kann der etwa Gedankenlesen?
“Nein, kann ich nicht. Ich kann nur deine Mimik richtig deuten.“ Jetzt lacht er wirklich. Ich glaub es nicht.
„Nun… Da du ja jetzt irgendwie mir schon keine Wahl mehr lässt… Ok, ich komm mit.“ Auf einmal sind meine Kopfschmerzen wie weggeblasen und meinem Fuß schenke ich keinerlei Beachtung mehr. Der ist mir jetzt viel zu weit weg von meinem Kopf, also was geht der mich an? Ren ist da viel dichter dran…

Als wir beide auf dem Weg zu seinem Auto sind, kommen uns Raven und Fiona entgegen.
„Eh… Tiara?“, fragen sie wie aus einem Munde.
Einfach nicht beachten. Wenn ich sie nicht seh, vielleicht sehen sie mich ja auch nicht?
„Tiara!“, ruft Raven nun hinüber.
„Ist schon in Ordnung, ich nehme sie mit! Sie kann mir ja unterwegs sagen, wo sie wohnt!“
Danke, Ren.

Aus den Augenwinkeln kann ich gerade noch erkennen, dass die Beiden die Köpfe schütteln, dann sind Ren und ich auch schon hinter der nächsten Ecke verschwunden und steigen in sein Auto ein.
„Also? Wo soll es hingehen?“, fragt er.
Ich beschreibe ihm den Weg und der Wagen rollt los.

Ja, vielleicht bin ich wirklich so ein winzigkleines Bisschen in ihn verliebt…

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