Kapitel 5

Heute hat sich Ravens Prophezeiung verwirklicht. Drei gewisse Jungs sind nun wirklich bei „uns“ auf der Schule. Genauergesagt: Nebenan. Wie Studenten sahen sie zwar noch nicht aus, aber was soll’s, vielleicht sind die nicht nur musikalisch begabt und supersüß, sondern auch noch klasse in der Schule? Ich kann es mir zwar kaum vorstellen, aber es scheint so zu sein.

Gerade, als ich mein Fahrrad in einen der zahllosen Fahrradständer gestellt habe, stürmten mir schon die ersten weiblichen Fans entgegen – nicht wegen mir, das ist klar. Ich musste schon zur Seite springen… Memo an mich selbst: Niemals einer wild gewordenen Horde Fans in den Weg stellen.

„Tiara!“
Als ich mich umdrehe, stürmt Fiona auf mich zu.
„Hey, hast du’s schon mitbekommen?“, fragt sie völlig aus der Puste.
„Du meinst, dass drei gewisse Jungs nun nebenan auf der Schule sind?“
“Jaaaa! Ist das nicht supiklasse? Ich muss sie unbedingt sehen!“
„Ehm… Ok, aber dann solltest du dich wohl beeilen. Gerade eben hat mich schon fast ein Rudel Fans umgerannt.“ Mit der Hand deute ich auf das Unigebäude, welches nun am Eingang schon von dutzenden Mädchen unserer Schule belagert wird.
„Och nö! Verdammt! Bis dann, ich muss los! Vielleicht sehe ich sie noch!“
Und schon stürmt sie auch davon.
Vielleicht sollte ich ja auch…?
Nein.
Oder….
Nein!
Ich hasse es, mit mir selbst zu streiten.

„Nein, Tiara.“
Aus meinen Gedanken aufgeschreckt blicke ich zur Seite. Raven steht neben mir. Hat sie nun die Zeit angehalten, um lautlos zu mir zu kommen, oder war ich mal wieder so in Gedanken versunken?
Und woher weiß die eigentlich, was ich denke?
“Weil du schon seit vielen Jahren meine Freundin bist, deshalb.“, schmunzelt mich Raven schief von der Seite an.
„Eh…“ Mehr bekomm ich jetzt wirklich nicht raus.
„Außerdem kann man es dir am Gesicht ablesen, deshalb. Na komm, die erste Stunde fängt gleich an und du willst doch wohl nicht, dass wir beide wieder vor der Tür warten müssen, oder?“
“Achjeh. Wir haben Mathe, oder?“
“Du sagst es.“
Ich hasse Mathe. Was interessiert es mich, wie man Kurven berechnet? Ich werde es doch eh niemals brauchen.

Als wir über den Schulhof gehen, kommt uns Ryo entgegen. Er geht auch in Raven und meine Klasse, aber meinst muss er draußen warten, weil er dauernd zu spät kommt. Ich glaub, heute wird’s wieder soweit sein.
“Hey Mädels, habt ihr zufällig Eri gesehen?“, fragt er.
„Jap, hab ich. Sie steht irgendwo da hinten bei der Uni.“, antwortet Raven an meiner Stelle. Ryo ist ein echt netter Typ, aber leider ist er bis über beide Ohren in Eri verknallt. Wäre dem nicht so, könnten wir glatt befreundet sein nur leider hat er ja nie Zeit. Eri schleppt ihn dauernd mit zum Einkaufen – wo er nichts anderes tun darf, als Tüten tragen, aber das reicht ihm ja meist schon. Hauptsache, er darf in ihrer Nähe sein.
Armer Kerl.

“Arg! Warum? Warum mussten diese Trillerpfeifen nur gerade hier hin wechseln? Jetzt werde ich sie bestimmt nicht mehr zu Gesicht bekommen! Eriiiiiii!“
Und weg ist er. Stürmt nun auch zur Uni. Er kann einem wirklich leid tun.

„Tiara, kommst du?“ Raven ist schon wieder weitergegangen.
„Ehm… Ja klar!“
Gerade als ich das sage, schellt es zur ersten Stunde. Mist!

Natürlich durften Raven und ich auch prompt raus und warten. Eine volle Stunde hat uns der Lehrer rausgeschickt. Er schien nicht gerade gut drauf gewesen zu sein, denn aus „irgend einem Grund“ fehlten alle Mädchen aus unserem Kurs. So auch unter anderem Fiona.
Glücklicherweise ist aber nun große Pause. Mathe kann mir gestohlen bleiben und Lehrer mit schlechter Laune erst recht.

„Was meinst du, Tiara? Sehen wir Fiona heute noch mal wieder?“, fragt mich Raven, während wir auf der Suche nach einem geeigneten Frühstücksplatz sind.
„Keine Ahnung. Aber mal eine Gegenfrage: Warum bist du eigentlich nicht auch hingegangen? Du bist doch auch so versessen auf die Jungs?“
„Eh… Also… Ich… Ehm…“, bringt Raven nur heraus.
„Aha. Du hast also die Zeit angehalten, als sie irgendwo auf dem Weg waren und hast sie dir dadurch den unfairen Vorteil verschafft, sie schon vorher und ungestört zu Gesicht zu bekommen, richtig?“
“Sei nicht so naseweis, du…“
„Ich hab also Recht.“
„Aber hey, was heißt da denn unfair? Du kennst doch Siri, richtig?“
„Klar doch. Das ist die Tochter vom Chef der Bezirksfeuerwehr, oder?“ Die kennt hier jeder. Sie ist bekannt für ihre kreativen Einfälle. Bei uns in der Stufe gehört sie zu den besten im Kunstunterricht.
„Genau die mein ich. Die hat sich wohl in der letzten Nacht eine der superlangen Leitern aus der Garage ihres Vaters besorgt und ist mit der auf die große Eiche am Eingang der Uni geklettert. Die hatte bestimmt die beste Aussicht von da oben.“
“Und was soll daran dann so unfair sein?“ Ich seh den Punkt irgendwie noch nicht.
„Sie hat niemanden anders raufgelassen.“, antwortet Raven etwas zerknirscht.
Das passt zu Siri. Etwas egoistisch war sie schon immer. Aber da fällt mir was ein… „Raven? Ich hab da heute Morgen beim dran vorbei fahren aber gar keine Leiter gesehen?“
„Äh… Naja, das kommt daher, dass da dann auch keine mehr war…“, antwortet sie zörgerlich.
„Wie meinen?“
„Nunja, nehmen wir doch mal an, die Zeit hätte heute mal keine Lust gehabt, weiter zu ticken und genau in dem Moment wäre die Leiter einfach in eine andere Existenzebene gefallen und…“
“Übersetzt heißt das wohl soviel wie: Du hast die Leiter geklaut.“
“Nicht geklaut! Sie steht immerhin wieder in der Garage ihres Vaters…“
“Oh, Raven… Wenn das deine Ma mitbekommt.“
“Ja, ich weiß. Dann rennt sie wieder unsere Bude ein und hält wieder Vorträge. Manchmal ist es gar nicht so einfach, eine Hüterin der Zeit als Mutter zu haben, weißt du?“
“Na frag mich mal.“
Ravens Mutter ist wirklich eine Hüterin der Zeit. Vor Jahrhunderten begann sie ihre Studien in der Bibliothek namens Cronica, in der alles - aber auch wirklich alles – über die Zeit geschrieben steht. Es heißt, diese Bibliothek sei gigantisch groß und niemand wüsste, was alles dort geschrieben steht. Ok, niemand außer Cronos, dem Herren der Zeit. Der hat das immerhin alles geschrieben. Nach ein paar Jahrhunderten wurde sie dann in den Dienste Cronos aufgenommen und musste von da an aufpassen, dass die Gesetze der Zeit auch eingehalten werden. Und Raven bricht dauernd diese Gesetzte, wenn sie die Zeit anhält… Sie ist wirklich sehr talentiert darin, den Fluss der Zeit etwas einzudämmen. Damals hat ihre Mutter es sehr viel häufiger herausgefunden, dass ihre Tochter Mist baut.

„Raven! Tiara!“
Gerade, als ich mein Frühstück auspacke, kommt Fiona auf uns zugestürmt. Völlig aus der Puste sinkt sie direkt vor uns auf die Knie.
„Was ist…“, setze ich an, aber prompt werde ich natürlich von Raven unterbrochen.
„Hast du sie gesehen?!“, fragt sie mit einem Glanz in ihren Augen.
„Jaaaaa! Oh, die sind ja so süüüß!“ Einen Seufzer später fährt sie fort: „Hach, Andreas ist ja sooooo toll!“
„Andreas? Du hast doch keine Ahnung. Sasha ist der Beste!“
War ja logo, dass die sich wieder in die Federn kriegen. Ich mach mich auf jeden Fall erstmal über mein Frühstück her.
„Sasha? Aber der macht doch gar nichts! Zugegeben, süß sieht er aus, aber hast ihm mal in die Augen gesehen?“, fragt Fiona vollkommen aufgebracht.
“Jaaaaaaaa…“ Und schon schmachtet Raven dahin.
„Ach, du hast ja gar keine Ahnung.“ Grummelnd setzt sie sich an meine Seite. Hmm.. Warum muss ich eigentlich immer in der Mitte sitzen?
“Und du? Du findest Ren toll, oder?“, fragt sie mich nun auch noch.
Na komm. Das ist doch wohl nicht ernst gemeint, oder?
„Jap.“ Hmm. Lecker Nudeln. Aber… Mist! Ich hab die Soße zu Hause vergessen…
„Wie? Einfach nur ‚jap’?“, löchert sie weiter. Hab ich jetzt ein Déjà Vu, oder was ist los? Hatten wir das gestern Abend nicht schon?
„Hmm…“, fängt Fiona nun an, zu grübeln.
„Was ist?“, kommt natürlich auch sofort die Frage von Raven.
„Dann sind wir uns ja einig.“, grinst Fiona uns an.
“Hä?“, kommt es von Raven und mir zeitgleich.
„Ich bekomm Andreas, Raven nimmt Sasha und du bekommst Ren!“
„…“
Raven und ich schauen uns fragend an. Haben wir irgendwas verpasst?
“Nochmal. Was willst du uns sagen?“
“Dass wir uns nicht gegenseitig die Jungs wegnehmen müssen, ist doch klar!“
Manchmal glaub ich, Fiona lebt in ihrer eigenen Parallelwelt.
„Und wie stellst du dir das vor?“, fragt Raven, die nun anscheinend auch auf den Zug aufspringen will.
„Ihr seid noch nicht ganz wach, oder? Ich mein das so, wie ich es gesagt habe! Natürlich werden sich die Jungs in uns verlieben, das ist doch gar keine Frage!“
Fiona kam vor einigen Jahren von einer anderen Welt auf unsere. Es war mehr ein Unfall als tatsächlich so gewollt. Manchmal jedoch glaub ich, dass sie geistig immer noch in ihrer Welt ist und sich noch nicht ganz umstellen konnte: Hier, im Tokio des 21. Jahrhunderts, ist es überhaupt nicht logisch, dass sich drei der begehrtesten Jungs Japans einfach mal so in drei ziemlich unbekannte Mädchen verlieben.

„Ihr werdet schon sehen!“, grinst sie.
„Hast du sonst noch irgendwelche Neuigkeiten?“, fragt Raven nach einer kurzen Pause.
„Ja klar. Ziemlich viele sogar. Also: Die Demons haben nun einen offiziell-inoffiziellen Fanclub an unserer Schule. In deren Regeln steht irgendwo, dass sich, sobald einer der drei Jungs in Sichtweite eines Mitglieds befindet, sofort dieses Mitglied den anderen bescheid sagen muss.“
“Was soll das denn?“ Fanclubs waren mir schon immer etwas suspekt.
„Naja, dann können immer welche zum Bejubeln kommen und niemand verpasst etwas Wichtiges, ist doch ganz klar!“
Ah. Wie überaus klar.
„Wie dem auch sei, es gibt noch mehr und das ist wohl auch für dich besonders wichtig, wenn du Ren haben willst, Tiara.“
Will ich? Was ich heute nicht alles über mich herausfinde…
„Und was?“, frage ich stattdessen.
„Nunja… Sora ist die Chefin des Clubs.“
“Und?“
„Sora ist auch deine Teamchefin.“
“Und?“
„Übersetzt heißt das soviel wie: Wenn du dich an Ren ranschmeißt, hast du ein Problem mit ihr.“
“Aber das tu ich doch gar nicht?“
“Bis jetzt.“
„Fiona. Ren ist auf der Uni. Er hat mich ein Mal…“
“Zwei Mal.“, unterbricht Raven mich auch prompt.
„Nein, das eine Mal will ich vergessen. Also. Er hat mich ein Mal gesehen und – ok, ich find ihn süß, aber… Hey, wir haben doch gar keine Punkte, wo wir uns auch nur mal von weitem sehen könnten!“
„Das letzte Mal…“, grinst mich Raven natürlich wieder schief von der Seite an.
„Das letzte Mal war non-existent, basta.“
Mist, jetzt sind meine Nudeln alle. Hm… Sollte mir gleich noch ein Brötchen holen…
„Ach, übrigens Mädels, das bringt mich jetzt zu meiner letzten richtig guten Neuigkeit…“, meldet sich Fiona wieder zu Wort.
„Hm? Noch eine?“ Raven wird neugierig.
„Jepp. Die Sasha, Andreas und Ren werden auch in einigen AGs der Uni mitmachen. Andreas will in den Botanikclub, Sasha geht in den Programmierclub und Ren – und jetzt halt dich gut fest, Tiara, will…“ Eine dramaturgische Pause entsteht. Ich hasse es. Komm auf den Punk, Fiona… „Will in die Basketballmannschaft!“
Was?
„Hast du gehört? B-A-S-K-E-T-B-A-L-L!“ Fionas Augen leuchten.
Gehört? Ja.
Aber irgendwie…
“Du meinst jetzt wirklich das Spiel mit dem orangenen Ball, oder?“
Meint die bestimmt nicht.
„Ja!“ Ihre Augen funkeln immer noch. Hmm.
Yes! Vielleicht seh ich ihn dann ja doch noch mal…?
„Na endlich, ich glaub, unsere kleine hat’s verstanden.“, flüstert Fiona nun Raven zu.
„Hey, das hab ich gehört!“ Klang das jetzt beleidigt? Mist.

„Ich fasse also zusammen: Du magst Ren.“, grinst mir Fiona nun ins Gesicht.
“Aber…“ Langsam wird das anscheinend mein Standartsatzanfang.
„Nichts aber. Ist so. Find dich damit ab, dass wir dich noch mit ihm zusammenbekommen!“, schmunzelt Fiona.
„Wir?“ Raven scheint verwirrt. Ok, wenigstens ein Mal, dass sie sich nicht immer im Voraus absprechen.

Kurz nach unserer doch recht anstrengenden Diskussion klingelt es wieder zur Stunde.
„Ciao, Tiara!“, grüßen die beiden noch und stürmen in das gegenüberliegende Gebäude. Für mich heißt es nun: Japanische Geschichte und ich glaub, die beiden anderen haben jetzt Kunst. Wie beneidenswert… Mir ist die Geschichte unseres Landes eindeutig zu lang und zu trocken…

„AUTSCH!“ Ahh… Was war das denn…?
„Entschuldigung!“ Ein kleines Kind – oder eher ein Kind aus einer der unteren Schulklassen – steht vor mir. „Ich hab dich nicht gesehen. Aber… Was ist denn das!?“ Entsetzt zeigt es auf mich.
Oh-oh. Mir ist doch nicht… Ich folge seinem Blick und sehe, dass der Ärmel meiner Schuluniform an der rechten Seite lose hinunterhängt.
Verdammter Mist!
Fluchtartig steh ich auf – ich muss einfach weg. Die Mädchenumkleide, wo ist die?
Das kleine Kind steht noch immer wie angewurzelt hinter mir und nun starren auch schon die anderen…

Endlich da.
Ich lasse mich gegen meinen Spint sinken. Als ich mir durch das Geicht wische, fühle ich heiße Tränen auf meinen Wangen.
So eine …
Es hat sich weiter ausgebreitet. Ganz klar.
Gestern war es noch nicht so weit.

Als ich den Ärmel noch von dem letzten Faden zupfe, der es am Rest der Uniform hängt, fällt mir erst auf, WIE weit es sich ausgebreitet hatte.
Der ganze rechte Arm.
Es sieht aus wie verbrannt, aber…
Wann hört es bloß auf...?

Zu was werde ich bloß…?

Vorheriges Kapitel Zurück zur Bibliothek Nächstes Kapitel