Kapitel 4

„Fionaaaaaaaa!“ Meine Rettung, sie ist schon da. Noch drei Sprünge weiter und ich kann ihr endlich um den Hals fallen.
„Hm?“ Sie dreht sich um und ihre dunkelvioletten Haare fallen ihr über die Schulter. Tja, schade, aber die Reaktion kam zu spät.
„Uaaaa!“ Und schon liegt sie quietschend auf dem Sofa. „Hey, Tiara, was ist denn in dich gefahren?“
„Er hat’s gesehen!“ Nein, ich darf nicht heulen. Nein.
„Wer hat was gesehen? Und geh mal bitte eben von mir runter, du drückst mir die Luft ab…“
Ups. „Ren! Mein Häschen!“ Mist. Jetzt heul ich doch.
„Häschen? Was für ein Häschen?“
„Na, mein Häschen! Das, was du kennst!“
“Du meinst…“
“Fionaaaaaaaaaaaa“
„Ok, ganz ruhig. Nun erklär mir mal, wie er das geschafft hat. Über besagtem Häschen liegt doch eine vierzig Zentimeter lange Schicht Stoff?“
Ok, wo ist das Taschentuch? Ah, da. Mist, ich bin immer noch durcheinander. Wie konnte er nur?! „Ja, eigentlich, schon, aber…“ Tränen wegwischen. Tiara, du bist schon ein großes Mädchen, große Mädchen flennen nicht.
“Aber?“
„Aber nicht, wenn ich vom Fahrrad falle und ganz fürchterlich blöd auf dem Boden aufkomme!“ So, jetzt ist es raus.
„…“
„Hm?“ Sie versucht da doch jetzt nicht wirklich, sich das Lachen zu verkneifen? Was ist das denn für eine Freundin?
“Wuahahahahahahahahahaha! Entschuldige bitte, Tiara, aber das ist wirklich zu köstlich, wenn man sich das mal vorstellt! Du fällst vom Fahrrad und prompt kommt Ren vorbei?“
“Oh, Fiona! Du bist blöd! Außerdem… Ich bin wegen Ren runtergekippt. Der ist da langgefahren und ich…“
“Wahahahahahahahahahaahahahahaha!“ Ok, die scheint erstmal nicht mehr zu gebrauchen zu sein. Schöne Freundin. Danke, Fiona.
„Hm? Was ist denn hier los?“
Raven! Ah, meine Rettung ist eingetreten!
“Raveeeeeeen! Fiona ist blöd!“
„Was hat sie angestellt?“ Naja, also interessiert sieht sie nicht gerade aus, aber ok, sie soll es halt trotzdem erfahren.
“Fiona lacht mich aus, weil…“
“Weil, als sie auf dem Fahrrad saß und Ren vorbei gefahren ist, sie runtergefallen ist und… Wahahahahahahaha!“ Und wieder ist sie außer Gefecht gesetzt.
„Hä? Nochmal. Bitte was genau ist passiert?“
“Also. Ich steig nach dem Sport auf mein Rad, will losfahren. Ren kommt vorbei und zwar in einem echt tollen Porsche Cabriolet. Ich dreh mich natürlich um und…“
“Ach. Natürlich ist das schon?“ Och menno, schau nicht so zweifelend.
„Lass mich ausreden. Also. Ich dreh mich um und…“
„Und fällt dabei vom Fahrrad!“, platzt Fiona wieder dazwischen.
„Genau. Naja und da bin ich halt so unglücklich gefallen, dass…“
“Dass Ren direkt mal einen Blick auf ihr Glückshäschen auf ihrem Unterhöschen werfen konnte! Wahahahahahaha!“ Schön, sie hat sich wieder selbst außer Gefecht gesetzt, aber wer soll hier eigentlich erzählen? Fiona oder ich?
„Sag mir, dass das nicht wahr ist.“, fragt Raven in dem Moment. Sie kann wirklich böse aussehen, wenn sie mich so anfunkelt und nebenbei mit ihren langem Haaren spielt…
„Ehm… Doch…?“
„Tiara?“ Oh, oh. Was hat sie jetzt?
“Ja…?“ Besser schon mal in Deckung gehen.
„Du bist echt der tollpatschigste kleine Trottel, den ich kenne.“
Grins nicht so überlegen! „Och, ihr seid beide blöd! Ich red kein Wort mehr mit euch!“
„Ach echt?“, fragt Fiona. Anscheinend hat sie sich inzwischen wieder einkriegen können. Wie schön für sie.
“Ja!“
“Das war aber schon wieder eins.“ Jetzt grinst Raven auch schon wieder so gemein.
„Och, ihr…“
„Ist ja gut. So schlimm war das doch gar nicht, oder? Er war doch immerhin nett zu dir – denk ich zumindest?“ Mit diesem Worten setzt Fiona sich wieder auf und knuddelt mich. Verräterin. Erst auslachen, dann einschleimen, wie? Nein, ich bleib hart, ich knuddel nicht zurück.
„Hmm…“, grummel ich. Die sollen ruhig ein schlechtes Gewissen bekommen.
„War er also. Och komm schon, Tiara. Jetzt sei nicht die beleidigte Leberwurst, hm?“ Raven hockt sich jetzt auch noch neben mich. Was soll das werden? Demokratische Abstimmung: Wenn zwei knuddeln wollen, muss die dritte mitmachen?
„Bin nicht beleidigt.“ Naja. Ich bin’s doch.
„Doch, bist du.“ Jetzt knuddelt Raven wirklich von der anderen Seite. Menno, die sind fies…
„Na gut, ich ergebe mich… Er war wirklich total nett…“ Jetzt wird zurückgeknuddelt! Ha! Das habt ihr jetzt davon!

Nach einer kurzen Weile ergreift wieder Fiona das Word: „Sagmal, Tiara…“
“Hm?“
“Kann es sein, dass du so ein ganz klitzekleines Bisschen in Ren verschossen bist?“
“Wie?“
“Na komm, das hast du verstanden.“, kommt es jetzt von Raven.
„Eh…“
“Na?“ Wieder Fiona. Mennooooo…
„Nein.“ Hoffentlich klang das überzeugend.
Halt mal. Warum sollte es nicht überzeugend wirken? Ich bin nicht in ihn verliebt!
“Das kam jetzt etwas zu schnell, Tiara.“, zwinkert Fiona mir zu. Haben die sich heute gegen mich verschworen? Aber… Hm… Naja, also irgendwie… Nein. Ich mag ihn. Das ist alles.
Hoff ich zumindest.
„Tiara ist verlieeeehieeebt!“, posaunt auch prompt Fiona raus. Dankeschön. Warum nur muss sie immer so direkt sein? Wie wäre es mal mit ein wenig mehr Feinfühligkeit?
„Fiona, lass sie lieber etwas in Ruhe, was das angeht, ok?“, kommt es soeben von Raven. Huh? Seid wann ist sie auf meiner Seite?
“Oh. Ehm… Ok. Ich halt mich zurück. Hast ja Recht.“, lenkt Fiona auch prompt ein. Hä? Hab ich etwas Wichtiges verpasst?

„Ich geh mich eben noch frisch machen, dann können wir heute mit den Proben beginnen, oder?“ Mit diesen Worten stößt sich Fiona vom Sofa ab und geht auf die Tür zu.
„Klar, meinetwegen schon! Hast du deinen Text?“, ruft Raven ihr noch hinter her, dann verschwindet Fiona.“
Als sie draußen ist, steht auch Raven auf und geht auf unseren Schreibtisch zu, um sich ihr Textbuch zu holen. Ich sollte sie vielleicht mal fragen, was das gerade war…
„He, Raven?“
“Hm? Was gibt’s?“
„Sagmal… Was sollte das da gerade eben? Was meintest du mit ‚halt dich zurück’?“
Raven lächelt mir zu – sie sieht fürchterlich hübsch aus, wenn sie lächelt – und meint: „Wirst du schon noch verstehen. Ist jetzt nicht so wichtig. Aber sag mal: Hast du deinen Text schon gelernt? Vergiss nicht, du hast eine Hauptrolle!“
Oh, mist. Das wollte ich doch gestern gemacht haben… So ein Müll aber auch.

„Ok, da du nichts sagst, denk ich mal, dass du es vergessen hast. Naja, sind ja noch einige Wochen bis zur Aufführung. Hier, fang!“ Und schon fliegt mein Textbuch durch die Luft.
„Danke.“ 'Die Schatten der Nacht’, geschrieben von Umi Ryotaka. Sie ist in unserer Stufe und sie ist wirklich beachtenswert, wenn sie schreibt. Ich könnte das niemals…

„Ok, los geht’s!“ Fiona ist soeben eingetreten und schmeißt somit auch gleich ihren ersten Satz in die Runde.
„Und wo ist dein Textbuch?“ Sie hat doch wohl nicht schon gelernt, oder? Hey, sie ist der Bösewicht! Die ist niemals so wichtig, wie ich!
“Tja, es gibt auch Leute, die lernen, Tiara!“ Mit diesen Worten grinst sie mir entgegen.
„Na du hast leicht reden, du schreibst ja nicht so viele Arbeiten, wie wir…“ Das ist ungelogen. Fiona geht auf einen anderen Zweig unserer Schule, wo sie zwar häufiger Referate halten müssen, dadurch aber weniger Arbeiten schreiben. Und im Reden ist Fiona klasse. Die kann jeden an die Wand labern…
„Also los jetzt. Wo waren wir das letzte Mal?“, fragt Fiona.
„Ehm… Akt 3, Szene 2. Tiara steht gerade vor einem fürchterlich großen Drachen, ich stürze in die vermeintliche Sicherheit und du stehst in der Ecke und befehligst dem Drachen, uns beide zu rösten.“, erklärt Raven, während sie in ihren Unterlagen die Szene sucht. Der Bösewicht. Absolute Beispielrolle für Fiona und wie ihr auf den Leib geschrieben. Es heißt sogar, dass das wirklich der Fall ist und Umi wirklich Fiona vor Geschichte schrieb…
Aber das sollte Fiona besser nie erfahren, dann wären wir alle Hackfleisch…

Trotzdem… Mich würde wirklich interessieren, warum die so abrupt aufgehört haben, mich zu sticheln

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