Kapitel 3

Ok, die Englischarbeit liegt inzwischen hinter mir. War eigentlich gar nicht schwer, aber warum muss eigentlich immer so verdammt wenig Zeit für so viele Aufgaben reichen? Raven saß leider an einer ganz anderen Seite des Raumes, sonst hätte ich sie ja gefragt, ob sie mal kurz… Aber nein. Mein Glück scheint mich zu hassen.

„Hey! Tiara! Wie ist es gelaufen?!“, ruft mir jemand aus dem Gang entgegen.
“Hi Himeko!“ Warum gerade sie… Zur Erklärung: Sie ist die Stufenbeste in Englisch, schreibt alle Arbeiten glatt eins und liebt es, andere damit aufzuziehen. Jetzt heißt es, stark sein…
„Joa, die Arbeit war ganz in Ordnung.“ Ist ja auch die Wahrheit.
„In Ordnung? Die war nicht bloß in Ordnung, die war umwerfend!“
„Naja. Ich hab schon bessere gesehen.“
“Das kann nicht. Und ist dir mal aufgefallen, dass der Lehrer dieses Mal äußerst großzügig mit der Zeit war? Ich glaub, so viel Zeit für so wenig Aufgaben hatten wir noch nie, oder?“
Habe ich bereits erwähnt, dass sie immer, aber auch wirklich immer, mindestens eine halbe Stunde vor dem Klingeln fertig ist, nie Zeit zum nochmaligen Durchlesen braucht und dass sie somit das absolute Gegenteil von mir ist? Ich glaube, nicht.
„Nunja, die Aufgabenanzahl war ja ganz ok, aber der Text…“
“Romeo und Julia“ Ein schmachtender Seufzer entfährt ihren Lungen „Ist es nicht traumhaft? Diese Liebesgeschichte, diese…“
“Himeko, ich muss jetzt zum Basketball. Tschüss!“ Rettung.
„Aber…!“
“Wir reden irgendwann anders mal weiter!“ Tja. Jetzt muss sie wohl jemand anderen suchen, den sie quälen kann.

Gerade, als ich über das Fußballfeld gehe, läutet es wieder. Schon zwei? Mist! Ok, Füße in die Hand und los geht’s. Sora lässt mich wieder Extrarunden laufen, wenn ich wieder zu spät bin...

Ah, ok, es kommt schon in Sichtweite. Aber… Mist! Die anderen sind schon da und umgezogen! Mist, mist, mist!
„Tiara!“ Oh, oh. Sora hat mich bemerkt.
„Eh…“ Erstmal Luft holen. „Entschuldige, ich wurde…“
„Aufgehalten, richtig? Das wirst du dauernd! Fünf Extrarunden, aber die großen!“
“Soraaaaa…“
“Warum stehst du hier noch? Los, umziehen und auf geht’s!“
Och, menno. Da kann ich doch nichts für, dass Himeko mich erstmal volllabern muss…

Als ich meinen Spint öffne, fällt mir ein Brief entgegen. Hm?

„Hi Tiara!
Du kannst dir ja gar nicht vorstellen, was passiert! Die drei kommen auf unsere Schule! Oder… Eh… Naja, zumindest fast. Die werden in der Uni gleich nebenan studieren! Viele vor Freude kreischende Grüße, Raven.
P.S.: Die Englischarbeit heute war klasse, oder? Ich war schon nach 10 Minuten fertig! Wetten, ich war schneller als eine gewisse H.?“

Sie konnte es also wieder nicht lassen. 10 Minuten. Langsam wird das schon fast zu offensichtlich, dass sie trickst.
Aber halt mal. Die drei? Meint sie die jetzt wirklich, die ich meine? Also wenn das stimmt, wird hier bald die Hölle los sein, so wie die Mädchen gestern drauf waren…

„Tiara!“, kommt es gerade von draußen. Sora… Ist ja schon gut, ich beeil mich.

Wenn Ren dann auch kommt, vielleicht kann ich ihn ja noch mal sehen…?
Aber vermutlich wird er dann schon von den anderen Mädchen total erdrückt.
Wenn er sich denn überhaupt noch an mich erinnert, heißt das.
Ach quatsch. Natürlich erinnert er sich.
Oder vielleicht doch nicht…?
Ach mist.
Aber vielleicht ist es ja auch besser, wenn er mich gar nicht bemerkt? Ich möchte ja nicht, dass er bemerkt, dass ich…

„Tiara!! Nun mach schon!“ Sora. Ok, ich sollte mit träumen aufhören. Wo sind denn bloß meine verflixten Schuhe geblieben? Ach da.

Ein letzter Blick noch in den Spiegel: Ok, die Haare sitzen. Ich sollte dringend mal wieder zum Friseur. Braune, lange Haare sind zwar schön, aber ein Bisschen mehr sollte man doch eigentlich mit denen machen können, oder? Noch schnell die letzten Strähnchen unter das Stirnband gezupft, dann kann’s losgehen.

Als ich herauskomme, steht natürlich – denn wie könnte es auch anders sein? – Sora mit einem Gesicht vor mir, das einem Gewitter gleicht. Das gibt jetzt eine Standpauke…
„Tiara! Das hat jetzt geschlagene 10 Minuten gedauert!“
“Ja, aber ich…“
“Du und deine Abers! Los, sieben Runden um den Platz!“
“Hey, gerade waren es noch fünf!“
„Ja und jetzt sind es sieben, also setz dich in Bewegung!“
Blöde Sora. Manchmal glaub ich, sie hasst mich. Ich wäre gar nicht verwundert, wenn sie heute Himeko auf mich angesetzt hat.

Eine viertel Stunde später bin ich endlich fertig mit Laufen. Manche sagen, das sei viel Zeit für so wenig Weg, aber die wissen ja auch nicht, was Sora unter einer „langen“ oder „großen Runde“ versteht. Sieben geschlagene Male um den Gesamten Schulblock. Das heißt soviel wie um drei Hochhäuser samt Pausenhallen, Sporthallen, Schulhöfen und um die Uni samt ihren Einrichtungen rum. Also ich finde, ich bin dafür noch ziemlich schnell.

„Tiara?“, fragt Eri.
„Hm? Was ist?
“Du darfst heute die erste Hälfte auf der Bank verbringen. Sora will an der Abwehr feilen und davon verstehst du eh nichts.“
Na Dankeschön. Das hätte sie durchaus auch freundlicher sagen können. Aber ehrlicherweise muss ich gestehen, dass ich an Abwehr nicht viel Interessantes finden kann. Bisher war immer noch ich es, die die Spiele gerettet hat. Von den anderen trifft ja kaum eine mal den Korb - und wenn doch, dann durch Zufall.

Manche Mitschüler meinen, ich sei zu klein fürs Basketballspielen. Mit meinen 1,76m bin ich zwar wirklich nicht die größte, aber ich kann hoch springen und treffe sogar noch von ziemlich weit weg den Korb. Das war’s auch, was mich in die Mädchenmannschaft unserer Schule bringen konnte. Damals hatten wir noch ein anderes Mädchen als Captain und sie war immer viel besser drauf, als Sora. Ok, sie konnte auch streng werden, aber wenn wir wirklich mal mehr Runden laufen mussten, dann waren es nur kleine und danach war es wieder gut. Leider hat sie im letzten Jahr ihren Abschluss gemacht und ist nun bei der Arbeitenden Bevölkerung…

“Tiara! Hörst du eigentlich auch irgendwann mal zu?“ Was denn? Übernimmt Eri jetzt die Rolle von Sora?
War ich überhaupt schon davor angesprochen worden? Ich glaub, ich sollte aufhören, dauernd zu träumen…
„Tiara, wir lassen heute ausnahmsweise die zweite Hälfte wegfallen. Unsere Deckung funktioniert wohl noch nicht so wie gewollt. Du kannst dich also nach Hause begeben, wir üben noch weiter.“
Na klasse. Erst wird ich um den Block gescheucht, nun bin ich überflüssig? Dankeschön. Aber ok, dann bleibt uns mehr Zeit zum Proben!

Gerade, als ich mich auf mein Fahrrad schwinge, fährt ein Porsche an mir vorbei. Ein Porsche Cabriolet. Ein Porsche Cabriolet, in dem Ren sitzt.
Ich verpasse geradewegs mein Pedal und kipp auf der anderen Seite von meinem Fahrrad runter. Aua…
Der Porsche hält auf dem Parkplatz direkt neben mir und Ren kommt herausgestürzt.

„Hey, alles in Ordnung mit dir?“
Und wieder schmunzelt er. Mist. Er hat gemerkt, warum ich runter gefallen bin. So ein Mist aber auch.
„Ja, ich glaub schon.“
Er hält mein Fahrrad, während ich mich vom Boden erhebe. Bloß nicht zu schwungvoll. Halt mal. AH! Mir war ja mein Rock beim Fallen runtergerutscht! Verdammter Krümelkeks!
„Keine Sorge, ich hab gar nicht hingeguckt.“
Ach, das soll ich dir glauben, wie?
Ich klopf mir den Dreck von den Beinen. Aua… Das gibt böse Schrammen, so wie das aussieht.
„Hier, dein Fahrrad. Übrigens: Hast du mal in die CD reingehört?“
Grins nicht so… „Ja, hab ich. Ihr seid ja gar nicht so schlecht, wie ich dachte.“ So. Das musste jetzt sein.
„Nicht so schlecht? Was hattest du denn erwartet?“
“Och… Öhm…“
„Aber ok, ich nehme das mal so hin und werte es als konstruktive Kritik. Ich gelobe, dass unsere nächste Platte besser wird.“
Eine Pause entsteht, als ich mich wieder aufs Fahrrad setze. Warum schaut der mich so komisch von der Seite an?
„Wir war gestern eigentlich eure Probe?“
“Probe?“
“Ja, Probe. Das, wo du noch hin musstest. Text lernen und anderen Kram, den du mir nicht sagen wolltest.“
Hach, er ist so süß, wenn er zwinkert und grinst…
„Ehm. Naja… Daraus wurde nichts. Meine Freundin hatten mehr Freude daran, mich zu massakrieren.“
“Massakrieren? Ich versteh nicht ganz…“
“Es ist ganz einfach. Kannst du dich an eine gewisse Horde schuppsender, drängelnder und keifender Mädchen erinnern, die gestern euer Haus belagerte?“
“Ja. Leider.“
„Da waren auch meine beiden Freundinnen bei und sie fanden das wohl gar nicht toll, dass ausgerechnet ich dir beim Tragen helfen sollte. Noch dazu, weil ich doch zu dem Zeitpunkt noch gar nicht von euch wusste…“
„Tja, das ist das Glück der Unwissenden.“
Noch ein paar Momente einfach stehen und einander anlächeln… Das entschädigt dann meinen Unfall.

“Uaaa! Da ist er!“, schreit irgend eine weibliche Stimme von hinten. Na klasse. Soviel zum Thema ‚noch ein paar Momente’.
„Sind die eigentlich immer so drauf?“ Ich kann es mir beinahe nicht vorstellen… Wie überleben die drei das?
“Ja, leider… Tja, das war’s dann wohl mit der gemütlichen Unterhaltung, wie?“
“Scheint so…“ Auch, wenn ich es mehr als fast schon peinlich in Erinnerung halten werde. Ich werde niemals wieder in ein Cabriolet schauen. Niemals.
Glaub ich.
„Also dann, mach’s gut! Ich bin sicher, wir werden uns noch einige Male über den Weg laufen!“ Er verbeugt sich kurz vor mir und lächelt mich noch mal an.
„Ja, hoff ich. Aber dann bitte nicht wegen dem gleichen Umstand, wenn’s geht…“
Wieder grinst er. Langsam bezweifle ich, dass er auch mal wirklich ernst schauen kann.
Würde ihm aber eh nicht stehen.

Kurz, bevor er sich ins Auto setzt, grinst er noch einmal fürchterlich fies zu mir her.
„Übrigens. Das kleine rosa Häschen auf deiner Unterhose sieht echt süß aus!“ Mit diesen Worten setzt er sich ins Auto und fährt vom Parkplatz runter.
Erst als er hinter der nächsten Kurve verschwunden ist, erwache ich aus meiner Starre wieder. Bitte WAS hat er gesagt? Oh, dieser…


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