Kapitel 27

Die Probe verlief ganz ohne Probleme und die Darsteller wurden mit begeistertem Jubel gefeiert. Ja, noch ein ganz Bisschen Übung und sie sind wirklich klasse. Ren und ich haben uns währenddessen die ganze Zeit Stichpunkte aufgeschrieben – es war schon fast wie ein Wettbewerb: Wer hat am Ende die meisten Ideen? Immerhin will niemand von uns dem anderen einen Vorteil geben. Wir Gremlins haben hier einen Ruf zu verteidigen!

Nach der Probe stehen Ren, Fiona, Raven, Kana und ich zusammen, um über den ersten Akt zu reden.

„Tiara!“ Fröhlich kommt Tenchi mir und Ren entgegen. „Wie fandest du es? Kana und ich haben uns wirklich ins Zeug gelegt!“
„Hehe, ja, das hat man gesehen. Zu schade, dass du nun den Bösewicht spielst…“, schmunzle ich ihm entgegen.
„Hä? Warum das?“ Etwas irritiert schaut er zurück.
„Weil man dann den Bösen auf einmal einfach toll findet!“, antwortet Fiona an meiner Stelle. „Aber mal Spaß beiseite: Du machst das wirklich klasse! Hätte ich gar nicht von dir gedacht, dass du so gemein sein kannst… Kana kann einem ja Leid tun.“, mischt sich nun auch Raven ein.
„Ich? Einem Leid tun? Endlich versteht mich jemand!“ Mit diesen Worten stürzt Kana sich in meine Arme.
„Hey, hey… So schlimm?“, fragt Ren.
„Na rate mal. Ich werde verschleppt, eingekerkert, werde nach einer Flucht wieder gefangen, werde zu unrecht zum Tode verurteilt, kann erneut fliehen, renne prompt diesem Bösewicht da“, sie knufft Tenchi in die Seite, „in die Arme und werde wieder verschleppt. Kurz darauf komme ich beinahe um – und das ist bloß der erste Akt. Könnt ihr euch vorstellen, wie schlimm das ist?“
„Japp, kann ich. Immerhin hatte ich diese Rolle vor dir.“, grinse ich Kana ins Gesicht. Tja, war wohl wirklich besser, dass ich die Rolle abgegeben habe und nun die Musik beisteuere.

“Och, Kana…“ Tenchi nimmt seine Freundin – ich kann mich nicht dran gewöhnen, „Frau“ zu sagen – in den Arm und flüstert ihr etwas ins Ohr, was sie zum schmunzeln und danach zum Lachen bringt.
„Tenchi, du bist gemein!“, grinst sie über ihre Schulter.

Ren, Fiona, Raven und ich werfen uns viel sagende Blicke zu, dann wird das Thema gewechselt.

„Hey ihr!“ Andreas und Sasha kommen beide mit einer Falsche Wasser zu uns rüber.
„Habt ihr heute noch etwas vor?“, fragt Fiona Andreas.
„Ja, haben wir. Was wird nicht verraten!“, grinst ihr Freund zurück und Fiona knufft ihm in die Seite.
„Also werdet ihr gleich nach Hause fahren, ja?“, fragt Raven noch mal sicherheitshalber.
„Genau. Aber ich denke, wir werden uns auch jetzt schon verkrümeln, ist eine ganz schön große Menge an Dingen, die wir noch zu erledigen haben.“, schmunzelt Ren mir zu.
„Na gut…“, seufze ich. Menno, ich hab sich so drauf gefreut, mal mit allen zusammen irgendwo hin zu gehen und nun hat die Hälfte von uns keine Zeit. Klasse.

„Wir verabschieden uns dann auch mal!“ Fiona knuddelt Tenchi und Kana und zieht uns dann mit sich heraus. Glücklichweise stehen unsere Fahrräder noch da – halb hatte ich schon befürchtet, dass die geklaut sein könnten. Die Reifen sind auch noch heile… Hm.. Sieht nicht so aus, als wären unsere Verfolger auch noch hier gewesen. Haben wohl wirklich ziemliche Angst bekommen…

„Und? Wohin sollen wir?“, fragt Raven, als wir mit den Rädern auf der Hauptstraße ankommen.
„Öhm… Wie wäre es denn, wenn wir in die Stadt fahren und Eis essen? Ich denke nicht, dass wir noch viele Tage haben werden, an denen es so schön warm sein wird, wie jetzt. Immerhin ist bald der Herbst vorbei…“ Fiona strahlt uns an und lenkt schon in die Richtung des neuen Stadtzentrums.
„Na kommt schon!“, ruft sie uns zu, dann fährt sie auch schon los.
Raven und ich schauen uns schmunzelnd an und fahren ihr dann hinterher. War eine gute Idee, dass ich heute Morgen mein Portemonnaie mit eingesteckt habe… Ich durfte das letzte Mal den beiden dabei zusehen, wie sie ganz allein einen riesigen Becher Eis aufgefuttert haben – und mir haben sie nichts abgegeben...

Die Stadt ist mal wieder zum Bersten voll. Selbst die Fahrradständer sind überfüllt, also stellen wir unsere Räder einfach mal daneben. Das macht ja jeder, also wird’s schon ok sein.
„Also? Wohin sollen wir? Ich meine… Wir haben ja nicht gerade wenige Eisläden in der Einkaufsstraße.“, holt mich Raven aus meinen Gedanken.
„Cassandra?“, murmelt Raven da.
„Cassandra? Ist das eine neue Eisdiele? Kenn ich ja noch gar nicht!“, freudig funkelt Fiona Raven an.
„Nene, keine neue Eisdiele, Fiona. Ich meine… Da vorne steht Cassandra, oder?“, fragend deutet Raven in eine Nebenstraße, in der nicht ganz so viel los ist.
„Oh, ja, hast Recht!“, stimme ich ihr zu. „Cassandra! Hey!“
Etwas irritiert blickt sich unsere neue Freundin zu uns um und lächelt dann in unsere Richtung.
„Hi!“ Schmunzelnd kommt sie auf uns zu. „Na? Was macht ihr denn hier?“
„Fiona will Eis essen und hat uns mitgeschleppt“, schmunzelt Raven.
„Och, stimmt doch gar nicht!“, beschwert sich Fiona.
„Mhh…Was dagegen, wenn ich mitkomme?“, fragt Cassandra.
„Gar nicht! Hast du eine Idee, wo wir hingehen könnten? Wir nämlich leider nicht.“
Naja, ist aber auch nicht so, dass wir nun schon lange darüber diskutieren würden.
„Hm… Wie wäre es denn mit der großen am alten Markplatz?“, schlägt sie vor.
„Klar! Das ist meine lieblings!“, strahlt Fiona.
„Fiona, du hast nur Lieblingseisdielen. Es gibt bei dir nichts Anderes.“ Grinsend knufft Raven Fiona in die Seite.

Kurze Zeit später fallen wir auch schon in die besagte Eisdiele ein, suchen uns einen Platz und bestellen.
„Sag mal, Cassandra, wie ist eigentlich deine neue Wohnung?“, frage ich neugierig. Sie erzählt immer so herzlich wenig über sich, da muss ich einfach mal nachhaken.
„Och… Gemütlich. Küche, Bad, Wohnzimmer, Esszimmer, Schlafzimmer, Abstellkammer, Flur,…“
„Bitte wie?“, unterbricht Fiona sie. „Das hört sich ja mindestens drei Mal so groß an, wie meine!“
Naja, Fionas Bude ist nun auch wirklich nicht die geräumigste. Ein Bad, ein Schlafzimmer und das Wohnzimmer ist mit der Küche zusammengelegt. Hat Ähnlichkeiten mit einer Schuhschachtel, wenn man ehrlich ist. Da ist es kein Wunder, dass sie gern bei uns ist, da bekommt man nämlich ganz leicht Platzangst drin – was allerdings auch an Fionas nicht vorhandener Ordentlichkeit liegen könnte. Ich frage mich, was sie macht, sollte Andreas jemals zu ihr nach hause kommen…
„Groß? Naja, ich finde es wirklich gemütlich. Weder zu groß, noch zu klein.“, fährt Cassandra fort.
„Darf man mal fragen, wie groß deine letzte Bude war? Ich meine… Du musst ja nicht erzählen, wo sie war, was sie war und warum du da warst, aber es würde uns schon helfen zu verstehen, warum du die jetzige als gemütlich bezeichnest.“, wendet Raven ein.
Nach einer kurzen Zeit des Zögerns antwortet Cassandra dann: „Groß.“
„Eh… Ja… Wie? Wie groß?“, fragt Fiona mit einem Gesichtsausdruck, der Unverständnis ausdrückt.
„Also sagen wir es mal so. Meine letzte Heimat hatte so viele Zimmer, Gänge und versteckte Winkel, dass ich in den vergangenen Jahrzehnten vielleicht einen Bruchteil davon gesehen habe.“

Stille.
„Bitte… Was?“, entfährt es mir voller Unglaube.
„Das hört sich ganz nach Schloss an…“, flüstert Raven.
„Uaa… Du bist eine Prinzessin, was?“, murmelt Fiona.
Cassandra wird etwas rot. Hehe… Hab ich ja noch nie bei ihr gesehen. Schön, dass das nicht nur mir passiert.
„Nein, ich bin keine Prinzessin. Aber ich denke, Schloss oder Burg trifft es schon ganz gut. Mehr darf ich nun aber auch nicht sagen.“
Darf?
Interessant.
Man kann also davon ausgehen, dass da jemand hinter ihr steht, wie? Hm… Das bringt mich auf eine Idee… Aber ich sollte wohl noch damit warten – wenn ich es überstürze, kriege ich vielleicht gar nichts mehr aus ihr heraus.
Man hört sich das bescheuert an – Cassandra ist eine Freundin und kein Kandidat für ein Verhör.
„Eh… Ok. Aber Jahrzehnte? Du siehst aus, als währest du in unserem Alter, Cassandra! Sag nicht, dass du auch so eine bist, die nicht altert?“, fragt Raven in dem Moment.
„Nein, ich werde nicht mehr älter, Raven. Könnten wir nun bitte das Thema wechseln?“ Cassandra wirkt leicht gereizt – aber immerhin, es ist ein Fortschritt: So viel auf einmal haben wir noch nie von ihr erfahren.
Blöderweise ist nun aber auch meine Neugierde richtig geweckt… Mist.

„Ok, und wohin nun?“, fragt Raven, als wir unser Eis auf haben.
„Hmm… Heute ist im Park doch mal wieder ein Musiktag, oder? Wir könnten da ja hingehen und uns Inspirationen holen?“, schlägt Raven vor.
„Inspirationen? Macht ihr etwa Musik?“, fragt Cassandra da.
„Eh… Ja, machen wir. Aber wir sind nicht bekannt oder so, also…“, erkläre ich ihr.
„Cool! Was denn so? Also von der Stilrichtung?“ Aha, Cassandra scheint nun auch neugierig zu werden. Na endlich sind nicht mehr nur wir es, die Fragen stellen.
„Nun ja, also eigentlich mehr so die Instrumentalrichtung, aber in letzter Zeit versuchen wir uns auch an Texten. Eigentlich wollten wir mehr so ins rockige, aber leider wird da wohl doch nur irgendetwas Schnulziges draus.“ Fiona schaut, als ob sie in eine Zitrone gebissen hätte. Aber ok, damals hatten wir uns geschworen, niemals etwas Romantisches zu singen und nun… Naja, unser letztes Lied fiel leider in genau diese Sparte.
„Klingt super, darf ich da mal zuhören?“, fragt Cassandra mit leuchtenden Augen. Huch, so hab ich die ja noch nie erlebt!
„Öh… Klar, warum nicht? Kennst du das große Theater?“, fragt Fiona.
„Ja, kenn ich. Da ganz in der Nähe wohne ich.“ Schnell beißt sich Cassandra auf die Unterlippe. Hehe… Da ist ihr wohl etwas rausgerutscht, wie?
„Ok, dann komm doch einfach mal in ein paar Tagen vorbei? Wir rufen dich an, wenn wir wieder Probe haben, die Truppe da hat bestimmt nichts dagegen – und wenn ich das mal so sagen darf: Bisher haben wir noch jeden dabehalten, der jemals da war.“, grinse ich zu Cassandra hinüber.
Diese lächelt mich an und fragt: „Ok, gibst mir dann bitte dein Handy? Ich speichere dir dann mal meine Nummer ein.“
„Ok!“ Während wir gehen, krame ich nach meinem Handy in der Handtasche.
„Dafür, dass du noch nicht lange hier bist, hast du dich ja schon richtig gut an unsere Welt gewöhnt, wie?“ Raven knufft Cassandra in die Seite, wird kurz darauf aber von Fiona angehauen: „Raven, unterschätz die anderen Welten nicht! Vielleicht kommt sie ja aus einer hoch technisierten Welt, wer weiß?“
Das Schmunzeln in Cassandras Gesicht verrät mir, dass dem ganz bestimmt nicht so ist, aber das bemerken Raven und Fiona gar nicht.

„Der Park… Hm… Da müssen wir die Linie 6 nehmen, oder? Ich glaub, die hält auch hier ganz in der Nähe.“, grübelt Raven laut nach, während Cassandra meine Handynummer einspeichert.
„Wir könnten auch einfach noch mal unsere Fahrräder nehmen, oder?“, fragt Fiona.
„Entschuldigung, ich hab mein Fahrrad heute nicht dabei… Kleine Spaziergänge tun manchmal richtig gut, wisst ihr?“, sagt Cassandra.
„Oh. Ehm… in Ordnung. Ich hoffe dann mal, dass unsere Räder nachher noch da stehen, wo wir sie hingestellt haben.“, murmelt Fiona da, aber Raven legt schon ihren Arm um die Schultern unserer Freundin.
„Keine Sorge, Sora weiß ja nicht alles – und in Tokyo stehen so entsätzlich viele Fahrräder, dass es schon ein Wunder wäre, würde sie gerade unsere finden.“
„Stimmt auch wieder. Hey! Da hinten ist die 6! Beeilung!“ Schon spurtet Fiona los und wir restlichen 3 lachend hinterher.

„Puh!“, erschöpft lässt sich Fiona auf einen der freien Plätze im Bus fallen. „Das war knapp…“
„Ehm… Knapp? Fiona, die Türen sind selbst jetzt noch nicht einmal ansatzweise geschlossen und wir haben alle schon Karten gekauft… Dass du aber auch echt immer so einen Stress machen musst!“ Schmunzelnd knufft Raven Fiona in die Seite.

Kurze Zeit später setzt sich der Bus wieder in Bewegung. Es ist ja nicht so, dass er leer wäre, aber es sind deutlich weniger Leute per Bus unterwegs, als sonst. Liegt wohl am guten Wetter.
Da fällt mein Blick aus den Fenstern wie Angezogen auf Cassandras Tasche.
„Cassandra?“, frage ich.
„Hm?“ Fragend schaut sie mich an.
„Du ließt ‚Butterfly’?“ Etwas verdutzt zeige ich auf den Zipfel einer Zeitschrift, der aus ihrer Handtasche schaut.
„Ehm… Also… Ich… Eh… Ach du weißt schon, man muss ja auf dem Laufenden bleiben.“ Sie versucht, mit einer Hand die Zeitschrift etwas tiefer in die Tasche zu stecken, aber glücklicherweise stellt sie sich dabei so ungeschickt an, dass sie rausflattert und auf dem Boden des Busses zu liegen kommt.
„Auf dem Laufenden also…“ Ich beuge mich runter und hebe die Zeitschrift vorsichtig auf. „Und da hilft dir die Butterfly bei, ja? Du weißt aber schon, dass das ein nicht unbedingt… verlässliches Blatt der Musik-Szene ist, ja?“
Halt mal. Waren das da nicht die Demons auf dem Cover?!
Kurz, bevor Cassandra an die Zeitschrift kommen kann, zieh ich sie schon wieder zu mir her. Das muss ich genauer sehen.
Tatsache. Das ist Ren.
Und Sasha.
Was machen die bitte auf dem Cover der doofen Butterfly?
„Ach. So interessant kann also auf ein Mal eine unverlässliche Zeitschrift sein, ja?“ Ich muss sie nicht sehen um zu wissen, dass Cassandra mich gerade angrinst.
Hm.
Vielleicht wurden sie bestochen?
Unsere Jungs würden doch niemals freiwillig auf die Titelseite dieses Schundblattes kommen wollen…
„Tiara?“
Hm? Hat mich da gerade etwas gestuppst?
Egal.
Also… Hm… Vielleicht war das auch bloß ein Missverständnis?
Ja genau! Ein Missverständnis, das muss es sein!
Aber halt mal… So blöde ist Ren doch nicht, dass so etwas passieren würde…
„Tiara?“, dringt Cassandras Stimme in meine Gedanken.
„Hm?“
Ich muss wohl etwas verwirrt ausgesehen haben, denn nachdem Cassandra in mein Gesicht schaut, fängt sie schallend an zu lachen. Die anderen Leute im Bus schauen etwas verärgert zu uns rüber, aber das stört uns nicht.

„Du darfst die Zeitschrift auch mal auf machen, Tiara. Ich wird’s auch bestimmt nicht weiter verraten.“ Schmunzelnd und ein Lachen unterdrücken zwinkert mir Cassandra zu. Etwas misstrauisch schaue ich zu Fiona und Raven rüber, die ein kleines Stück von uns weg sitzen und sich über irgendetwas Interessantes unterhalten – es muss zumindest interessant sein, denn sie schauen kein einziges Mal zu uns rüber.
Nun gut… An einem Mal reinschauen sollte nichts Böses sein.
Ok, wo war noch gleich die Seite über die Demons? Ah, da.
„Ach, das ist der Grund… Hatte mir die Zeitschrift noch gar nicht so angesehen.“, raunt mir Cassandra von der Seite zu.
„Du kaufst dir Zeitschriften, ohne sie anzuschauen?“ Etwas Zweifelnd schiele ich zu ihr rüber.
„Natürlich, wie sollte ich es denn sonst machen, hm? Mir alle erst genau durchschauen? Nein danke, dafür habt ihr entschieden zu viele auf eurem Planeten. Und außerdem: Wäre es wirklich so großer Müll, wie du behauptest, würde es doch nicht gedruckt werden, oder?“
Das meint sie nicht ernst, oder?
„Cassandra, du musst ganz dringend noch einiges lernen, was Zeitschriften angeht…“

Dann wollen wir mal sehen, was steht hier denn so?
Aha. Tolle Band, super Sänger, klasse Texte, bla, bla, bla,… Na super, nichts Interessantes. Oder halt mal!
„Waaaaah! Die Demons sind heute im Stadtpark!“, entfährt es mir. Von meiner linken seite stößt mich ein älterer Herr an, aber was weiß der schon von ehrlicher Begeisterung?
Gerade, als ich aufstehen will, um Fiona und Raven den Artikel zu zeigen – nein, besser nicht, nur die Info geben, das reicht auch – sehe ich, wie eine mir nicht unbekannte Person direkt gegenüber sitzt.

„Hi Tiara.“ Die Beine übereinander geschlagen, total entspannt und böse grinsend sitzt sie mir direkt gegenüber.
„Cass-“ Weiter komme ich nicht, denn sie legt ihren Finger auf die Lippen.
„Du willst doch nicht, dass man dich für verrückt hält, oder?“ schmunzelt Cassiopaya zu mir hinüber.
Aus den Augenwinkeln blicke ich zu Cassandra, Fiona und Raven, aber sie scheinen Cassiopaya noch nicht bemerkt zu haben.
„Nein, sie können mich nicht sehen… Wo wäre denn der Überraschungsmoment, wenn sie könnten? Ich sitze schon eine ganze Weile hier und schaue dir zu… Ich muss schon sagen, du bist eindeutig ein interessanter, kleiner Dämon. So begeistert von so einem Bisschen Papier.“ Sie räkelt sich ein Mal, als ob sie es für ein Model-Magazin machen würde. Jetzt bin ich wirklich überzeugt, dass niemand anders sie noch sieht, spätestens in diesem Moment würden sich alle Männer hier zu ihr umdrehen.
„Was willst du?“, flüstere ich zu ihr hinüber.
„Nun… Eigentlich sollte ich gar nicht hier sein. Genau genommen bin ich das ja auch nicht… Wie dem auch sei. Ich wollte dir bloß für eine kleine Weile eine Entwarnung geben. Ja, ich weiß, so was tun Bösewichte eigentlich nicht – aber ich bin ja auch keiner, also mache ich es einfach mal. Vorgewarnt oder nicht, ich würde eh mit dir fertig werden. Aber nun muss ich mich noch um wichtigere Sachen kümmern. Viel Spaß in deiner freien Zeit – du wirst schon merken, wenn sie zu Ende ist.“
Ich muss zwinkern und als ich die Augen wieder aufmache, ist Cassiopaya verschwunden. Bitte was sollte das? Denkt sie etwa wirklich, sie vertritt das Gute?!

„Tiara?“ Wieder ist es Cassandra, die mich aus meinen Gedanken zieht. „Alles in Ordnung mit dir?“
Ich schüttle ein paar Mal meinen Kopf, dann schmunzle ich zu ihr hinüber. „Ja, ich war gerade bloß am überlegen, ob ich den anderen wirklich erzählen soll, wer heute in den Park kommt. Ich will ihnen ja nicht die Überraschung vermiesen!“
Ist wohl besser, wenn ich es eine Weile für mich behalte, was hier gerade passiert ist. Ich kann es später ja Ren erzählen…

„Da ist die Haltestelle! Los, los, packt eure Sachen zusammen, wir müssen raus!“, ruft Raven durch den Bus. Ich glaube, die Fahrgäste sind gar nicht mal so unglücklich, dass wir endlich draußen sein werden.

Als der Bus hält und wir aussteigen, tippt mir Fiona von hinten auf die Schulter.
„Ehm… Tiara?“
„Ja?“ Erst jetzt bemerke ich den etwas irritierten Gesichtsausdruck meiner Freundin.
„Seit wann ließt du bitte Butterfly…?“, fragt sie da.
„Äh…“


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