Der Rest der Ferien war überaus ruhig. Ren und ich waren einige
Male aus – Kino, Eisessen, was man halt so tut -, Fiona und Raven
wahren währenddessen fast die ganze Zeit bei ihren Jungs und Salima
machte zusammen mit Cassandra Nachforschungen – die allerdings zu
nichts führten, denn Cassandra wollte nie alles sagen, was sie wusste.
Warum verheimlicht sie uns eigentlich so viel?
Kürzlich ist ihr ein Mal herausgerutscht, dass jemand sie geschickt
hat, aber seitdem sind ihre Lippen bei dem Thema wie versiegelt. Auch,
warum sie überhaupt hier ist, leuchtet mir nicht ganz ein. Sie sagt
zwar, dass die mehr über Cassiopaya herausfinden will, aber so ganz
ehrlich klingt das in meinen Ohren nicht.
Nun ja, heute habe ich bereits meinen ersten langweiligen Schultag nach
den Ferien hinter mich gebracht – wie sehr man sich doch an Ferien
gewöhnen kann – und inzwischen sind Raven, Fiona und ich zusammen
auf dem Weg zum Theater.
Endlich wieder Theater!
Ok, unsere Stücke sind immer noch nicht fertig und ich habe das dumme
Gefühl, wir werden dafür bald schon eine Standpauke bekommen,
aber was soll’s. Wir hatten eindeutig besseres zu tun, als uns mit
den Proben zu beschäftigen.
„Raven?“, fragt Fiona, als wir gerade auf die Straße,
die zum Theater führt, einbiegen.
„Ich glaub, ich weiß, was du meinst, Fiona…“ Entgeistert
klebt Ravens Blick auf dem Eingang unseres Theaters.
Nein… Bitte nicht.
Ich hatte es die ganze Zeit befürchtet, aber nicht darüber nachgedacht,
dass es wirklich so geschehen könnte:
Da die Ferien nun zu Ende sind, sind natürlich auch viele, viele
Leute aus dem Urlaub zurückgekommen.
Darunter – wie könnte es auch anders sein? – auch Mitglieder
des Demons-Fanclubs, die wohl gerade mal wieder dabei sind, einen Blick
auf Ren, Sasha und Andreas zu erhaschen. Verdammt, jetzt können wir
die ruhigen Tage wohl wirklich knicken.
„Fiona? Raven? Lasst uns besser hinten rum rein, ok?“, flüstere
ich den beiden zu.
Meine beiden Freundinnen antworten mit einem Nicken.
Leider hat uns da schon eine kleine Gruppe von Mädchen entdeckt
und stürmt auf uns zu. Oh, verdammt! Wie von der Tarantel gestochen
jagen wir durch die engen Gassen um das Theater herum, in der Hoffnung
die wieder loszuwerden – denn ich habe leider mitbekommen, dass
eine von der betreffenden Gruppe meine ehemalige Teamleiterin ist: Sora.
Wenn die erst ein Mal soweit ist, dass sie auf mich zustürmt, kann
das nichts Gutes heißen.
„Hab ich dich, Tiara!“
Ich falle beinahe vom Fahrrad, so plötzlich ist die aufgetaucht.
Mist, kennt sie sich doch wirklich schon besser hier aus als wir!
„Sora, was willst du?“ Fiona versucht, ernst zu klingen, aber
etwas Besorgnis schwingt in ihrer Stimme mit. Sie und Raven haben ja mitbekommen,
zu was meine ehemalige Basketballmannschaft so alles fähig ist. Wo
Sora ist, ist auch der Rest der Gruppe nicht fern…
„Was ich will? Ja ist euch das denn immer noch nicht klar? Ihr
sollt euch von den Demons fernhalten! Und du, Tiara, du sollst gefälligst
einen gigantischen Bogen um Ren machen! Ren gehört mir!“, giftet
Sora auch sofort los.
„Ren gehört dir? Seit wann denn das?“, keife ich zurück.
Was fällt der Tussi ein, so etwas zu sagen?!
„Seit es der Rat und Vorstand unseres Fanclubs es so beschlossen
hat, du kleine Giftkuh!“
Inzwischen hat sich auch der Rest der Gruppe, die vorhin auf uns zugestürzt
ist, um uns versammelt.
Oh, oh. Das riecht nach Ärger.
„Schon mal dran gedacht, dass das seine eigene Entscheidung war,
dass wir zusammen sind?“, werfe ich ihr entgegen.
„Ach, du gibst es sogar zu, dass ihr zusammen seid? Und mal davon
abgesehen: Du hast dich also wirklich dagegen gewehrt, ja? Es war doch
schon von Anfang klar, dass du ihn nur haben willst, um mich zu ärgern!“
„Bitte wie? Ich hab mich wohl verhört! Warum sollte ich dich
ärgern wollen? Zu dem Zeitpunkt hatte ich doch noch nicht mal einen
Grund dazu!“, verteidige ich mich.
„Ja, ja, das kann dir glauben, wer will, ich tu das nicht! Du dreckige,
kleine…“
„Hey, hey, hey! Jetzt mal halblang, Mädchen!“, mischt
sich nun auch Raven ein, die davor einfach nur fassungslos daneben stand.
„Halt dich da raus! Du musst gar nicht erst anfangen, irgendetwas
zu sagen, du hast doch selbst einen der Jungs für dich genommen!
Ihr seit doch allesamt Hexen!“ Nun wird sie noch hysterischer, als
sie schon ist, aber leider scheinen die anderen um uns herum recht begeistert
davon zu sein, was Sora da von sich gibt.
Verdammt, kann nicht irgendwer mal vorbeikommen?
„Hört mir mal zu, ihr drei! Wenn ihr nicht innerhalb der nächsten
zwei Tage mit euren Jungs Schluss macht, wird das sehr ernste Konsequenzen
haben, habt ihr mich verstanden? Übrigens, Tiara? Du wirst auch bei
deren Mannschaft aussteigen, dass wir uns richtig verstehen. Wir vom Fanclub
haben schon längst mitbekommen, wo du deine Ferien verbracht hast!
Und ihr solltet uns wirklich nicht unterschätzen, habt ihr mich verstanden?!“,
keift Sora.
„Hey! Was macht ihr hier!?“, hören wir da die Rufe von
Herrn und Frau Ishito.
„Ihr solltet meinen Rat wirklich beherzigen, Mädels.“,
zischt Sora uns noch an, dann verschwindet mit Mal die ganze Gruppe.
Hui… Die war ja heftig drauf… Und irgendwie habe ich wirklich
ein wenig Bauchweh – aber was soll sie denn schon machen können?
„Ah, ihr seid es. Gut, wir scheinen ja noch mal rechtzeitig gekommen
zu sein. Diese Mädchenmassen belagern unser Theater schon seit heute
Morgen und obwohl Ren, Sasha und Andreas schon häufiger versucht
haben, sie zum Gehen zu bewegen, verschwinden sie immer noch nicht. Wir
sind schon kurz davor, die Polizei zu rufen… Was wollten die denn
von euch?“ Frau Ishito kommt mit besorgtem Gesicht auf uns zu, während
ihr Mann Ausschau hält, ob nicht doch noch andere aus der Gruppe
da sind.
„Ach du jeh. Na hoffentlich ändert sich das bald.“, murmelt
Fiona. „Ist ja schlimm, wenn die da jetzt jeden Tag vor stehen.“
„Aber was machen wir denn, wenn sie nicht weggehen? Wenn auch die
Polizei das nicht verhindern kann, dass sie immer wieder kommen?“,
wendet Raven ein.
„Das sehen wir dann, wenn wir es machen müssen, Kinder. Also,
nun aber rein mit euch. Wir waren gerade dabei, einige Dinge zum Ablauf
zu erzählen.“
Zusammen gehen wir die wenigen Meter zum großen Theatergebäude
hinüber, stellen unsere Fahrräder ab und betreten das Gebäude
durch den Hintereingang.
„Da seid ihr ja! Endlich, ich habe mir schon solche Sorgen gemacht!“,
begrüßt uns Tenchi, während er jedem von uns um den Hals
fällt. „Wie waren eure Ferien? Und ist es wirklich wahr, dass
meine drei Lieblinge nun in festen Händen sind? Oh, was können
so ein paar Wochen nicht alles verändern!“
„Hi, Tenchi!“ Er weiß eh alles, also warum sollte ich
ihn auf den neusten Stand bringen? Aber als er uns „seine Lieblinge“
genannt hat, wurde ich wohl doch ein Stück weit rot… Mist.
Ich sollte unbedingt lernen, das unter Kontrolle zu kriegen.
„Tenchi! Was heißt denn da deine Lieblinge? Was bin ich denn
da?“ Kana kommt mit gespielter Bosheit von hinten auf Tenchi zu.
„Och… Öh… Du bist mein Ein und Alles?“, fragt
er schmunzelnd an sie gewandt.
„Hach, du weißt genau, was ich hören will, kann das sein?“
Kana schmunzelt ihn an und gibt ihm einen Kuss auf die Wange.
„Aber nun lasst euch auch mal begrüßen. Die Gerüchte
über euch und die drei schnuckeligen Neuzugänge haben hier wirklich
hohe Wellen geworfen und ich befürchte, da werden noch ein paar Erklärungen
zu geben sein.“ Mit diesen Worten knuddelt auch Kana uns drei.
Irgendwie habe ich die beiden echt vermisst.
„Tiara! Rette mich!“ Ren kommt in genau diesem Moment um
die Ecke gebogen, die den Gang, in dem wir gerade stehen, mit der Bühne
verbindet.
„Huch? Was ist denn los? Sind welche vom Fanclub rein gekommen?“,
frage ich etwas unschlüssig. Hoffentlich ist dem nicht so. Ich habe
keine Lust, auch hier solche Dinge wie gerade eben an den Kopf geworfen
zu bekommen.
Nun ist Ren bereits bei mir angelangt und gibt mir einen Kuss auf die
Lippen – ich bin immer noch nicht dran gewöhnt und werde schon
wieder rot. Tenchi übersieht das natürlich nicht und gluckst
auch gleich los.
„Was ist denn nun?“, frage ich meinen Freund und knuffe ihm
in die Seite.
„Die Truppe im Saal nimmt gerade Sasha, Andreas und mich praktisch
auseinander! Du kannst dir nicht vorstellen, wie neugierig die sind!“
„Und wo sind die beiden anderen?“, fragen Fiona und Raven
wie aus einem Mund.
„Naja… Als wir den taktischen Rückzug anstrebten, waren
Verluste nicht auszuschließen und so müssen meine Kameraden
noch irgendwo hinter den feindlichen Linien sein.“, schmunzelt Ren
zu meinen Freundinnen hinüber.
Die beiden sehen sich auch prompt gegenseitig an und stürmen dann
in Richtung Bühne davon.
Fünf Minuten später setzen Tenchi, Kana, Herr und Frau Ishito,
Ren und ich uns wieder in Bewegung – denn nun sind die Geräusche
aus dem Saal leiser geworden. Anscheinend haben Fiona und Raven gerade
Antworten auf die Fragen unserer Truppe gefunden.
„So, nun lasst uns aber gehen, ihr haltet uns wirklich den ganzen
Laden auf, Ren.“, schmunzelt Herr Ishito in die Richtung meines
Freundes.
„Tut uns ja auch wirklich Leid. Ich hoffe, dass sich das bald mal
ändern wird… Unser Haus wird inzwischen auch schon belagert
wie eine mittelalterliche Burg.“, antwortet mein Freund ziemlich
kleinlaut.
„Ach, ist schon ok, Jungchen. Hauptsche, es kommt niemand zu schaden
und glaube mir, wenn ich sage, dass unsere Sicherheitssysteme vom Feinsten
sind. Hier kommt niemand einfach so hinein, ohne dass unsere Jungs in
der Technik das merken.“, versucht Frau Ishito Ren zu beruhigen.
„So, da wären wir. Ihr könnt euch schon mal einen Platz
bei den anderen unten im Saal suchen, wir werden gleich das erste Mal
den ersten Akt in seiner Gesamtheit vorspielen. Bitte notiert euch, wenn
ihr Fehler findet, oder wenn ihr meint, dass es an einigen Stellen noch
verbessert werden könnte. Ren, Tiara, Ihr beide macht euch Gedanken,
was man an welchen Stellen spielen könnte.“ Herr Ishito ist
schon wieder ganz in seinem Element. Leute anweisen kann er wirklich gut.
Aber habe ich mich da nicht gerade verhört? Ren und ich sollen uns
Gedanken machen?
Glücklichweise schaut mein Freund da genauso verwirrt aus der Wäsche,
wie ich es wohl gerade auch mache.
„Habt ihr es euch denn nicht denken können? Damit nicht einer
allein die ganze Arbeit macht, werdet ihr – also die Gremlins und
die Demons – euch wohl arrangieren müssen, wer wann was spielt.
Natürlich bleibt der Hauptpart bei euch Gremlins, aber da wir die
drei Jungs nun wirklich nicht gleich mit einer tragenden Rolle beehren
wollen, müssten sie halt erstmal zeigen, was sie so draufhaben.“,
grinst Tenchi uns an. „Die und deine Jungs sollten sich da wirklich
mindestens ein halbes Dutzend Scheiben von unserer Lieblings-Girlyband
abschneiden. Besser als die könnt ihr gar nicht sein – und
ja, ich habe schon mehrere Stücke von euch gehört.“
Als Ren und ich von der Bühne gehen, um im Zuschauerraum Platz zu
nehmen, merke ich, wie er leise anfängt, zu glucksen.
„Hm? Was denn?“, frage ich ihn.
„Och… Tenchi ist irgendwie… Interessant. Man könnte
meinen, er wäre ein wenig in euch verliebt, kann das sein? Ich meine…
wenn er könnte, würde er euch bestimmt auf Händen tragen,
so wie er sich benimmt.“
„Da muss ich dich enttäuschen. Tenchi weiß einfach, wie
gut wir sind – und er weiß auch, dass er darum kämpfen
muss, dass wir ihn jetzt nicht ganz vergessen. Du kannst dir nicht vorstellen,
wie anhänglich er ist – im positiven Sinne.“ Hehe…
Tja, hier weiß man halt, wer besser ist – und das sind eindeutig
wir Gremlins! Die Demons mögen zwar auch gut sein, aber wir sind
einfach unerreichbar!
Ok, vielleicht sollte ich von meiner Wolke auch wieder runterkommen, aber
träumen darf man doch noch Mal, oder?
„Wie du meinst. Eine Frage hab ich noch: Was war draußen
eigentlich los? Du wirkst etwas… Bedrückt.“ Schief lächelnd
nimmt er mich in den Arm.
„Ich? Bedrückt? Nö.“ Ich wüsste zumindest nicht,
dass ich wirklich so aussehe.
„Na, ok. Magst mir denn erzählen, was draußen passiert
ist?“
„Hmm… Na ok. Aber wenn das Stück anfängt, unterbreche
ich sofort!“
“Geht klar. Also?“
„Sora war da. Sie hat mir – und meinen Freundinnen –
Dinge um den Kopf gehauen, wie z.B. dass wir euch verhext hätten
und ich sei ja nur mit dir zusammen, weil ich sie ärgern wollte.
Sie ging sogar so weit, dass sie uns angedroht hat, dass, wenn wir nicht
innerhalb von zwei Tagen mit euch Schluss machen, das Konsequenzen hätte.
Ich glaub dieser blöden Kuh aber kein Wort. Die spielt sich doch
nur auf und macht sich wichtig.“
„Sora? Die Sora, die die Vorsitzende des Clubs ist und meint, ich
würde allein ihr gehören?“
„Bingo.“
„Ich glaub, es wird Zeit, dass ich mal ein Wörtchen mit der
Rede. Was fällt der ein, dich so anzufahren?“ Ren rückt
noch ein Stückchen näher an mich heran und drückt mich.
„Uns bekommt niemand wieder auseinander. Ganz bestimmt nicht.“,
flüstert er mir ins Ohr, als der Vorhang auf geht und das Licht herab
gedimmt wird.
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