Kapitel 26

Der Rest der Ferien war überaus ruhig. Ren und ich waren einige Male aus – Kino, Eisessen, was man halt so tut -, Fiona und Raven wahren währenddessen fast die ganze Zeit bei ihren Jungs und Salima machte zusammen mit Cassandra Nachforschungen – die allerdings zu nichts führten, denn Cassandra wollte nie alles sagen, was sie wusste.
Warum verheimlicht sie uns eigentlich so viel?
Kürzlich ist ihr ein Mal herausgerutscht, dass jemand sie geschickt hat, aber seitdem sind ihre Lippen bei dem Thema wie versiegelt. Auch, warum sie überhaupt hier ist, leuchtet mir nicht ganz ein. Sie sagt zwar, dass die mehr über Cassiopaya herausfinden will, aber so ganz ehrlich klingt das in meinen Ohren nicht.

Nun ja, heute habe ich bereits meinen ersten langweiligen Schultag nach den Ferien hinter mich gebracht – wie sehr man sich doch an Ferien gewöhnen kann – und inzwischen sind Raven, Fiona und ich zusammen auf dem Weg zum Theater.
Endlich wieder Theater!
Ok, unsere Stücke sind immer noch nicht fertig und ich habe das dumme Gefühl, wir werden dafür bald schon eine Standpauke bekommen, aber was soll’s. Wir hatten eindeutig besseres zu tun, als uns mit den Proben zu beschäftigen.

„Raven?“, fragt Fiona, als wir gerade auf die Straße, die zum Theater führt, einbiegen.
„Ich glaub, ich weiß, was du meinst, Fiona…“ Entgeistert klebt Ravens Blick auf dem Eingang unseres Theaters.
Nein… Bitte nicht.
Ich hatte es die ganze Zeit befürchtet, aber nicht darüber nachgedacht, dass es wirklich so geschehen könnte:
Da die Ferien nun zu Ende sind, sind natürlich auch viele, viele Leute aus dem Urlaub zurückgekommen.
Darunter – wie könnte es auch anders sein? – auch Mitglieder des Demons-Fanclubs, die wohl gerade mal wieder dabei sind, einen Blick auf Ren, Sasha und Andreas zu erhaschen. Verdammt, jetzt können wir die ruhigen Tage wohl wirklich knicken.

„Fiona? Raven? Lasst uns besser hinten rum rein, ok?“, flüstere ich den beiden zu.
Meine beiden Freundinnen antworten mit einem Nicken.

Leider hat uns da schon eine kleine Gruppe von Mädchen entdeckt und stürmt auf uns zu. Oh, verdammt! Wie von der Tarantel gestochen jagen wir durch die engen Gassen um das Theater herum, in der Hoffnung die wieder loszuwerden – denn ich habe leider mitbekommen, dass eine von der betreffenden Gruppe meine ehemalige Teamleiterin ist: Sora. Wenn die erst ein Mal soweit ist, dass sie auf mich zustürmt, kann das nichts Gutes heißen.

„Hab ich dich, Tiara!“
Ich falle beinahe vom Fahrrad, so plötzlich ist die aufgetaucht. Mist, kennt sie sich doch wirklich schon besser hier aus als wir!
„Sora, was willst du?“ Fiona versucht, ernst zu klingen, aber etwas Besorgnis schwingt in ihrer Stimme mit. Sie und Raven haben ja mitbekommen, zu was meine ehemalige Basketballmannschaft so alles fähig ist. Wo Sora ist, ist auch der Rest der Gruppe nicht fern…

„Was ich will? Ja ist euch das denn immer noch nicht klar? Ihr sollt euch von den Demons fernhalten! Und du, Tiara, du sollst gefälligst einen gigantischen Bogen um Ren machen! Ren gehört mir!“, giftet Sora auch sofort los.
„Ren gehört dir? Seit wann denn das?“, keife ich zurück. Was fällt der Tussi ein, so etwas zu sagen?!
„Seit es der Rat und Vorstand unseres Fanclubs es so beschlossen hat, du kleine Giftkuh!“

Inzwischen hat sich auch der Rest der Gruppe, die vorhin auf uns zugestürzt ist, um uns versammelt.
Oh, oh. Das riecht nach Ärger.

„Schon mal dran gedacht, dass das seine eigene Entscheidung war, dass wir zusammen sind?“, werfe ich ihr entgegen.
„Ach, du gibst es sogar zu, dass ihr zusammen seid? Und mal davon abgesehen: Du hast dich also wirklich dagegen gewehrt, ja? Es war doch schon von Anfang klar, dass du ihn nur haben willst, um mich zu ärgern!“
„Bitte wie? Ich hab mich wohl verhört! Warum sollte ich dich ärgern wollen? Zu dem Zeitpunkt hatte ich doch noch nicht mal einen Grund dazu!“, verteidige ich mich.
„Ja, ja, das kann dir glauben, wer will, ich tu das nicht! Du dreckige, kleine…“
„Hey, hey, hey! Jetzt mal halblang, Mädchen!“, mischt sich nun auch Raven ein, die davor einfach nur fassungslos daneben stand.
„Halt dich da raus! Du musst gar nicht erst anfangen, irgendetwas zu sagen, du hast doch selbst einen der Jungs für dich genommen! Ihr seit doch allesamt Hexen!“ Nun wird sie noch hysterischer, als sie schon ist, aber leider scheinen die anderen um uns herum recht begeistert davon zu sein, was Sora da von sich gibt.
Verdammt, kann nicht irgendwer mal vorbeikommen?

„Hört mir mal zu, ihr drei! Wenn ihr nicht innerhalb der nächsten zwei Tage mit euren Jungs Schluss macht, wird das sehr ernste Konsequenzen haben, habt ihr mich verstanden? Übrigens, Tiara? Du wirst auch bei deren Mannschaft aussteigen, dass wir uns richtig verstehen. Wir vom Fanclub haben schon längst mitbekommen, wo du deine Ferien verbracht hast! Und ihr solltet uns wirklich nicht unterschätzen, habt ihr mich verstanden?!“, keift Sora.

„Hey! Was macht ihr hier!?“, hören wir da die Rufe von Herrn und Frau Ishito.
„Ihr solltet meinen Rat wirklich beherzigen, Mädels.“, zischt Sora uns noch an, dann verschwindet mit Mal die ganze Gruppe.
Hui… Die war ja heftig drauf… Und irgendwie habe ich wirklich ein wenig Bauchweh – aber was soll sie denn schon machen können?

„Ah, ihr seid es. Gut, wir scheinen ja noch mal rechtzeitig gekommen zu sein. Diese Mädchenmassen belagern unser Theater schon seit heute Morgen und obwohl Ren, Sasha und Andreas schon häufiger versucht haben, sie zum Gehen zu bewegen, verschwinden sie immer noch nicht. Wir sind schon kurz davor, die Polizei zu rufen… Was wollten die denn von euch?“ Frau Ishito kommt mit besorgtem Gesicht auf uns zu, während ihr Mann Ausschau hält, ob nicht doch noch andere aus der Gruppe da sind.
„Ach du jeh. Na hoffentlich ändert sich das bald.“, murmelt Fiona. „Ist ja schlimm, wenn die da jetzt jeden Tag vor stehen.“
„Aber was machen wir denn, wenn sie nicht weggehen? Wenn auch die Polizei das nicht verhindern kann, dass sie immer wieder kommen?“, wendet Raven ein.
„Das sehen wir dann, wenn wir es machen müssen, Kinder. Also, nun aber rein mit euch. Wir waren gerade dabei, einige Dinge zum Ablauf zu erzählen.“
Zusammen gehen wir die wenigen Meter zum großen Theatergebäude hinüber, stellen unsere Fahrräder ab und betreten das Gebäude durch den Hintereingang.

„Da seid ihr ja! Endlich, ich habe mir schon solche Sorgen gemacht!“, begrüßt uns Tenchi, während er jedem von uns um den Hals fällt. „Wie waren eure Ferien? Und ist es wirklich wahr, dass meine drei Lieblinge nun in festen Händen sind? Oh, was können so ein paar Wochen nicht alles verändern!“
„Hi, Tenchi!“ Er weiß eh alles, also warum sollte ich ihn auf den neusten Stand bringen? Aber als er uns „seine Lieblinge“ genannt hat, wurde ich wohl doch ein Stück weit rot… Mist. Ich sollte unbedingt lernen, das unter Kontrolle zu kriegen.
„Tenchi! Was heißt denn da deine Lieblinge? Was bin ich denn da?“ Kana kommt mit gespielter Bosheit von hinten auf Tenchi zu.
„Och… Öh… Du bist mein Ein und Alles?“, fragt er schmunzelnd an sie gewandt.
„Hach, du weißt genau, was ich hören will, kann das sein?“ Kana schmunzelt ihn an und gibt ihm einen Kuss auf die Wange.
„Aber nun lasst euch auch mal begrüßen. Die Gerüchte über euch und die drei schnuckeligen Neuzugänge haben hier wirklich hohe Wellen geworfen und ich befürchte, da werden noch ein paar Erklärungen zu geben sein.“ Mit diesen Worten knuddelt auch Kana uns drei.
Irgendwie habe ich die beiden echt vermisst.

„Tiara! Rette mich!“ Ren kommt in genau diesem Moment um die Ecke gebogen, die den Gang, in dem wir gerade stehen, mit der Bühne verbindet.
„Huch? Was ist denn los? Sind welche vom Fanclub rein gekommen?“, frage ich etwas unschlüssig. Hoffentlich ist dem nicht so. Ich habe keine Lust, auch hier solche Dinge wie gerade eben an den Kopf geworfen zu bekommen.
Nun ist Ren bereits bei mir angelangt und gibt mir einen Kuss auf die Lippen – ich bin immer noch nicht dran gewöhnt und werde schon wieder rot. Tenchi übersieht das natürlich nicht und gluckst auch gleich los.
„Was ist denn nun?“, frage ich meinen Freund und knuffe ihm in die Seite.
„Die Truppe im Saal nimmt gerade Sasha, Andreas und mich praktisch auseinander! Du kannst dir nicht vorstellen, wie neugierig die sind!“
„Und wo sind die beiden anderen?“, fragen Fiona und Raven wie aus einem Mund.
„Naja… Als wir den taktischen Rückzug anstrebten, waren Verluste nicht auszuschließen und so müssen meine Kameraden noch irgendwo hinter den feindlichen Linien sein.“, schmunzelt Ren zu meinen Freundinnen hinüber.
Die beiden sehen sich auch prompt gegenseitig an und stürmen dann in Richtung Bühne davon.

Fünf Minuten später setzen Tenchi, Kana, Herr und Frau Ishito, Ren und ich uns wieder in Bewegung – denn nun sind die Geräusche aus dem Saal leiser geworden. Anscheinend haben Fiona und Raven gerade Antworten auf die Fragen unserer Truppe gefunden.
„So, nun lasst uns aber gehen, ihr haltet uns wirklich den ganzen Laden auf, Ren.“, schmunzelt Herr Ishito in die Richtung meines Freundes.
„Tut uns ja auch wirklich Leid. Ich hoffe, dass sich das bald mal ändern wird… Unser Haus wird inzwischen auch schon belagert wie eine mittelalterliche Burg.“, antwortet mein Freund ziemlich kleinlaut.
„Ach, ist schon ok, Jungchen. Hauptsche, es kommt niemand zu schaden und glaube mir, wenn ich sage, dass unsere Sicherheitssysteme vom Feinsten sind. Hier kommt niemand einfach so hinein, ohne dass unsere Jungs in der Technik das merken.“, versucht Frau Ishito Ren zu beruhigen.

„So, da wären wir. Ihr könnt euch schon mal einen Platz bei den anderen unten im Saal suchen, wir werden gleich das erste Mal den ersten Akt in seiner Gesamtheit vorspielen. Bitte notiert euch, wenn ihr Fehler findet, oder wenn ihr meint, dass es an einigen Stellen noch verbessert werden könnte. Ren, Tiara, Ihr beide macht euch Gedanken, was man an welchen Stellen spielen könnte.“ Herr Ishito ist schon wieder ganz in seinem Element. Leute anweisen kann er wirklich gut.
Aber habe ich mich da nicht gerade verhört? Ren und ich sollen uns Gedanken machen?
Glücklichweise schaut mein Freund da genauso verwirrt aus der Wäsche, wie ich es wohl gerade auch mache.

„Habt ihr es euch denn nicht denken können? Damit nicht einer allein die ganze Arbeit macht, werdet ihr – also die Gremlins und die Demons – euch wohl arrangieren müssen, wer wann was spielt. Natürlich bleibt der Hauptpart bei euch Gremlins, aber da wir die drei Jungs nun wirklich nicht gleich mit einer tragenden Rolle beehren wollen, müssten sie halt erstmal zeigen, was sie so draufhaben.“, grinst Tenchi uns an. „Die und deine Jungs sollten sich da wirklich mindestens ein halbes Dutzend Scheiben von unserer Lieblings-Girlyband abschneiden. Besser als die könnt ihr gar nicht sein – und ja, ich habe schon mehrere Stücke von euch gehört.“

Als Ren und ich von der Bühne gehen, um im Zuschauerraum Platz zu nehmen, merke ich, wie er leise anfängt, zu glucksen.
„Hm? Was denn?“, frage ich ihn.
„Och… Tenchi ist irgendwie… Interessant. Man könnte meinen, er wäre ein wenig in euch verliebt, kann das sein? Ich meine… wenn er könnte, würde er euch bestimmt auf Händen tragen, so wie er sich benimmt.“
„Da muss ich dich enttäuschen. Tenchi weiß einfach, wie gut wir sind – und er weiß auch, dass er darum kämpfen muss, dass wir ihn jetzt nicht ganz vergessen. Du kannst dir nicht vorstellen, wie anhänglich er ist – im positiven Sinne.“ Hehe… Tja, hier weiß man halt, wer besser ist – und das sind eindeutig wir Gremlins! Die Demons mögen zwar auch gut sein, aber wir sind einfach unerreichbar!
Ok, vielleicht sollte ich von meiner Wolke auch wieder runterkommen, aber träumen darf man doch noch Mal, oder?

„Wie du meinst. Eine Frage hab ich noch: Was war draußen eigentlich los? Du wirkst etwas… Bedrückt.“ Schief lächelnd nimmt er mich in den Arm.
„Ich? Bedrückt? Nö.“ Ich wüsste zumindest nicht, dass ich wirklich so aussehe.
„Na, ok. Magst mir denn erzählen, was draußen passiert ist?“
„Hmm… Na ok. Aber wenn das Stück anfängt, unterbreche ich sofort!“
“Geht klar. Also?“
„Sora war da. Sie hat mir – und meinen Freundinnen – Dinge um den Kopf gehauen, wie z.B. dass wir euch verhext hätten und ich sei ja nur mit dir zusammen, weil ich sie ärgern wollte. Sie ging sogar so weit, dass sie uns angedroht hat, dass, wenn wir nicht innerhalb von zwei Tagen mit euch Schluss machen, das Konsequenzen hätte. Ich glaub dieser blöden Kuh aber kein Wort. Die spielt sich doch nur auf und macht sich wichtig.“
„Sora? Die Sora, die die Vorsitzende des Clubs ist und meint, ich würde allein ihr gehören?“
„Bingo.“
„Ich glaub, es wird Zeit, dass ich mal ein Wörtchen mit der Rede. Was fällt der ein, dich so anzufahren?“ Ren rückt noch ein Stückchen näher an mich heran und drückt mich.
„Uns bekommt niemand wieder auseinander. Ganz bestimmt nicht.“, flüstert er mir ins Ohr, als der Vorhang auf geht und das Licht herab gedimmt wird.

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