Kapitel 25

Raven war den ganzen Abend nicht mehr nach Hause gekommen, aber dafür hat Cassandra bei uns übernachtet. Sie hat sich erstaunlich schnell bei uns eingelebt, ich hatte irgendwie erwartet, dass ihr das schwerer fallen würde.
Nun… Leider habe ich immer noch nicht mehr über sie herausgefunden. Jede Frage zu ihrer Vergangenheit beantwortet sie kaum.
Immerhin: Wir wissen jetzt, dass sie ohne Zweifel eine von beiden Energiequellen ist, die meine Schwester gespürt hat.
Was ich mich jedoch frage ist, ob sie auch eine Dämonin ist. Sie meinte ja, dass Cassiopaya nur Jagd auf Dämonenseelen macht und da Cassandra auch selbst angegriffen wurde, liegt zumindest die Vermutung nahe, dass auch sie eine Dämonin ist. Hmm…

„Tiara! Ich fahre zum Club! Bis heute Abend!“ Fiona reißt mich jäh aus meinen Gedankengängen.
„Ja, ist gut! Viel Spaß!“, rufe ich ihr hinter her, aber da ist die Tür schon ins Schloss gefallen.
Cassandra ist auch bereits vor etwa einer Stunde aufgebrochen. Sie wollte noch eine Wohnung besichtigen und – warum auch immer – wollte dabei keine Begleitung. Naja, muss sie ja selbst wissen.

Hm… Und was mach ich dann jetzt?
Mein Blick wandert durch das Zimmer.
Naja, ehrlich gesagt müsste ich mal wieder aufräumen. Aber wirklich Lust darauf habe ich nicht.
Ren kann ich heute auch nicht besuchen, der muss ins Tonstudio, um sich da Mal die Umgebung anzusehen und anzuhören. Ganz mitbekommen habe ich es nicht, aber anscheinend haben sie wohl das Label gewechselt und haben daher auch andere Aufnahmeräume.
Nach den Ferien ist auch endlich wieder Theater angesagt. Dann geht’s wieder weiter bei uns Gremlins. Ich freu mich schon drauf, auch, wenn ich immer noch keine rechte Idee hab, in welcher Art wir die Stücke machen sollen. Lieber nur instrumental? Oder doch eher mit Gesang? Ich meine ja, dass instrumental besser passen würde, aber…

„Tiara?“ Neugierig steckt meine Schwester ihren Kopf zur Tür hinein.
„Hm?“ Na so was? Normalerweise stürzt sie doch immer gleich mit der Tür in das Zimmer rein, warum auf ein Mal so vorsichtig?
„Sag mal… Hast du vielleicht Lust, heute mit mir ein wenig bummeln zu gehen? Scheint ja ansonsten echt tote Hose bei dir zu sein.“
„Öh… Klar! Einen Moment, ich zieh mich noch schnell um!“
Ich schupse Mää von meinen Knien, gehe zum Schrank hinüber und schnapp mir das erstbeste, das mir vor die Füße fällt – das darf man wörtlich nehmen.
Wenige Minuten später stehe ich auch schon nicht mehr im Schlafanzug, sondern in T-Shirt und kurzem Rock unten und warte auf meine Schwester – die mal wieder Stunden im Bad braucht.

Etwa eine Stunde später befinden wir uns dann auch in der Innenstadt von Tokyo und bummeln durch die Läden.
Um genau zu sein: Wir haben gebummelt. Inzwischen ist es schon Nachmittag und Salima und ich hocken zu zweit in einem Cafe und warten auf unseren Kuchen.

„Ah… Endlich mal wieder sitzen. Einkaufen ist schön, aber man sollte es nicht übertreiben, denke ich…“, seufzt meine Schwester.
„Hä? Wir sind doch erst ein paar Stunden unterwegs?“, verwundert schaue ich sie an.
„Ach, egal. Hm… Was möchtest du denn haben? Ich lad dich ein, such dir irgendetwas aus.“
Juhu!
„Ok, dann nehme ich… Ein Stück Schokoladenkuchen und einen Tee, bitte.“
„Geht klar. Einen Moment, ich geh eben zum Tresen und bestelle!“, lächelt Salima mich an.

Kurze Zeit später kommt sie wieder und setzt sich hin.
„Ist eigentlich inzwischen wieder alles bei dir in Ordnung, Tiara?“, fragt sie unvermittelt.
„Eh? Achso! Du meinst wegen gestern? Ja ja, da ist alles wieder klar. Sieh mal, den hat Ren mir gegeben.“ Ich zeige ihr den silbernen Armreif und auf dem Gesicht meiner Schwester macht sich ein verwunderter Gesichtsausdruck breit.
„Mitrias? Ist das wirklich echtes Mitrias?“, fragt sie total perplex.
„Japp. Das hat zumindest Ren gesagt, und warum sollte er lügen? Er hat mir erzählt, dass er, Sasha und Andreas zusammen sehr mächtige Sprüche da hineingewebt haben, und…“
Ich beiße mir schnell auf die Unterlippe. Mist, das hätte ich doch nicht sagen sollen! So eine verdammte…
„Ist schon ok, Tiara. Ich weiß schon länger, dass die drei Jungs nicht normal sind – und ja, ich weiß auch, wen Raven da als Freund hat. Aber keine Sorge, ich werde es nicht weitererzählen, was hätte ich auch davon?“ Schmunzelnd zwinkert sie mir zu und schmeißt mir damit einen Berg vom Herzen. Danke, Schwester.
„Ok… Also, Ren und die beiden anderen haben da einen Spruch rein gewoben, der verhindern soll, dass ich wieder so ausraste, wie gestern. Naja, ich hoffe, dass es auch wirklich funktioniert. Aber sag mal, woher kennst du das Metall denn?“
„Ach, Tiara. Soviel, wie ich unterwegs bin – ob nun von Planet zu Planet oder Dimension zu Dimension – ist es doch ganz logisch, dass ich solche Sachen weiß. Ich hab ja auch selbst etwas davon, nur bei mir habe ich den Vorteil, dass ich es wieder abnehmen kann.“ Stolz streckt sie mir ihre Hand hin und tatsächlich: An ihrem linken Mittelfinger ist ein Ring, der genauso aussieht, wie mein Armreif - wobei, ok, einen kleinen Unterschied gibt es doch: Ein kleiner Kristall glitzert in der Mitte des Rings.
„Den hast du aber noch nicht lange, oder?“, frage ich meine Schwester.
„Naja, wie man es nimmt… Ich habe ihn bekommen, als ich in den Tempel des Yggdrasil ging, um dort sozusagen eine Vollzeitpriesterin zu werden. Eigentlich bin ich ja schon lange dazu ausgebildet, aber eine Hohepriesterin sollte doch schon einige Zeit im Tempel ihres Schutzherren sein, oder?“
„Hehe… Vor allem jetzt, da dich dein anderer Schutzherr verlassen hat, wie? Aber sag mal: Ist er immer noch so nervig drauf?“
„Wen meinst du? Doch wohl nicht Yggdrasil selbst, oder? Naja, mein Ex ist wirklich noch ziemlich schlimm. Vor einiger Zeit merkte ich wieder, wie er mir hinterher spionierte. Einer der Priester erzählte mir sogar, dass er von ihm bestochen wurde, damit er ihn ins Heiligtum mit einschleusen würde. Ich befürchte, der lässt gar nicht mehr locker…“
„Ach, das geschieht ihm doch ganz Recht. Erst verstößt er dich, will dich par tout nicht zurückhaben und dann plötzlich ändert er seine Meinung? So ein Idiot.“

In dem Moment kommt die Bedienung und stellt uns unsere Bestellung hin. Salima bezahlt und als die Bedienung wieder weg ist, lächelt mich meine Schwester an.
„Weißt du, dafür beneide ich dich und Ren irgendwie.“, meint sie.
„Eh? Was meinst du?“
„Naja… Dämonen haben eine gewisse… Eigenart, in der sie den Menschen und – soweit ich weiß – allen anderen Wesen voraus sind.“
Sie macht eine Pause, als ob sie nachdenken müsste, was sie als nächstes sagen könnte, oder ob sie überhaupt etwas sagen will.
Mensch, spann mich nicht auf die Folter!
„Und? Was soll das sein?“, frage ich, als ich die Spannung nicht mehr aushalte.
„Nun, Dämonen können sich nur untereinander verlieben – und wenn sie mal verliebt sind, dann kann eine Welt untergehen und nichts wird sich daran ändern. So gesehen… Wärt ihr beide in der Position gewesen wie mein Ex und ich, als er mich verstieß, so hättest du gewusst, dass er lügt.“
Wie beiläufig wischt sie sich eine Träne aus dem Augenwinkel. Ich weiß nicht genau warum, aber kann es sein, dass meine Schwester wirklich noch so ein kleines Bisschen in ihren Ex verliebt ist? Ich hoffe, dass dem nicht so ist. So einer, wie der, hat meine Schwester doch nicht verdient!
„Woher weißt du denn das alles schon wieder? Manchmal hab ich echt das Gefühl, als ob eine laufende Bibliothek vor mir sitzt!“, schmunzle ich sie an. Ich glaub, ich sollte mal das Thema wechseln…
„Hörst du eigentlich auch wirklich mal zu, Tiara? Ich hab doch vorhin schon gesagt, dass ich viel rumkomme und daher viel lerne. Außerdem… Cronos ist nicht der einzige mit einer sehr großen Bibliothek. Yggdrasil hat ebenfalls eine. Nun, es steht zwar bestimmt nicht das dirn, was in der Bibliothek des Cronos steht, aber dafür sehr viel… Mit praktischerem Nutzen. Da Yggdrasil der Baum des Lebens ist, findet man ja natürlich auch in seiner Bibliothek eine gigantische Menge an Informationen über die einzelnen Wesen des Multiversums, die man durchaus mal wissen sollte.“
„Ehm, Salima? Du musstest aber doch nicht die ganzen Bücher auswendig lernen, oder? Ich meine: Dass Ravens Mutter das machen musste, find ich ja schon schlimm, bitte sei du nicht auch noch so ein Bücherwurm…“
„Was soll das denn heißen, Tiara? Ich musste zwar nicht die Bücher allesamt abschreiben, aber ich habe mich freiwillig mit ihnen beschäftigt. Stell dir das Hohepriesterdasein ja nicht zu spannend vor: Es besteht eigentlich nur daraus, mit Yggdrasil zu reden – so er denn in der Laune dazu ist – und aufzupassen, dass alles seine gewohnten Bahnen geht. Als Herr über das Leben hasst er es, wenn ihm Opfer gebracht werden, also brauche ich mich da gar nicht drum zu kümmern.“
Da muss ich mir jetzt wirklich ein Lachen verkneifen. Ich weiß ja nicht, wie eine Hohepriesterin über ihren Schutzherren, Herren oder Gott sprechen soll, aber so ganz bestimmt nicht.
„Was gibt es da zu lachen? Yggdrasil ist nun wirklich nicht so überwältigend, glaube mir. Ok, damals war ich doch schon ziemlich – äh… - verängstigt, als ich ihn das erste Mal sah, aber das hat sich ja inzwischen gelegt. Eigentlich ist er einfach nur ein sehr, sehr netter, sprechender, fast-allwissender Baum, der ziemlich hübsch anzusehen ist und manchmal ganz schön launisch sein kann.“
„Was würde er wohl sagen, wenn er dich so hörte, oh große Hohepriesterin?“, grinse ich meine Schwester an.
„Och, der würde sagen, dass ich vergessen hab, wie toll seine Blüten duften, wenn mal wieder Frühling im Tempel ist, aber ansonsten weiß er ja, dass ich Recht habe.“, grinst Salima frech zurück.

Nachdem wir unseren Tee ausgetrunken und den Kuchen runter geschlungen haben, verlassen wir das kleine, gemütliche Kaffe wieder.
„Und? Wohin nun, Tiara?“, auffordernd blickt Salima mich an.
„Hm… Also im Drummers Point habe ich vor kurzen noch ein paar Erweiterungen für mein Schlagzeug gefunden – und außerdem brauche ich noch einen neuen Basketball zum trainieren. Aus meinem ist bald wirklich die Luft raus – der mochte es wohl nicht, dass ich kürzlich mal auf Glasscherben gedribbelt habe.“
„Och, Tiara. Manchmal glaube ich, du bist mit deinen Gedanken überall nur nicht da, wo sie sein sollten.“, schmunzelt Salima mich an.
Na ok… Trotzdem setzen wir uns bereits in Bewegung und steuern auf den Drummers Point zu.

„Tiara! Salima!“, höre ich da ein Rufen von hinten.
Überrascht drehen Salima und ich uns um, nur um fast von Raven über den Haufen gerannt zu werden.
„Raven? Was machst du denn hier?“, fragt meine Schwester ganz überrascht.
„Noch dazu so ganz ohne Sasha in greifbarer Nähe zu haben?“, setze ich grinsend hinzu.
„Och, du bist fies, Tiara. Aber ok, was ich hier mache: Rumlaufen. Ich habe euch schon die ganze Zeit gesucht! Fiona hat mich auf den neusten Stand gebracht, als wir vom Programmierclub gerade Mittagspause hatten. Tiara, ist auch wirklich alles in Ordnung?“, fragt sie ganz aufgebracht.
„Ja klar, mir geht es bestens. Nein, ich wird die Geschichte jetzt nicht noch ein Mal erzählen, wer zu spät kommt, hat selber Schuld. Aber: Hat Fiona dir auch gesagt, dass wir nun ein weiteres Mitglied in unserem Trio haben?“
„Ehm… Einen Moment… Cassandra heißt sie, oder?“
„Genau. Sie hat letzte Nacht auch schon bei uns übernachtet. Du solltest sie auch bald mal kennen lernen!“
„Na das wird ja wohl auch kaum ausbleiben, wenn sie nun schon irgendwie zu uns gehört.“
„Ja weiß ich denn, wann du das nächste Mal wieder bei uns sein wirst? Du warst immerhin nun schon fast zwei Tage nicht mehr da!“, protestiere ich.
„Ach was, zwei Tage! Ich war eine halbe Ewigkeit weg!“ In Ravens Augen funkelt es. „Sasha hat mich mit in seine Bibliothek genommen!“
„Eh – was?!“, entfährt es mir. „Du meinst die Bibliothek, in die du niemals, unter keinen Umständen, einen Schritt hineinsetzen würdest? Die Bibliothek, die…“
„Tiara, es reicht. Aber ja, genau die meinte ich. Sasha – wir haben uns drauf geeinigt, dass ich ihn nun immer so anrede, denn anders ist das so fürchterlich gewöhnungsbedürftig – hat mir mehr über die Zeit beigebracht und obwohl er weiß, dass er damit seine eigenen Gesetze bricht, hat er mir die Erlaubnis gegeben, meine Kräfte ganz nach Belieben einzusetzen. Ok, Voraussetzung dafür ist, dass ich davor meinen Kopf einschalte. Aber das wird eh kein Problem sein!“, funkelt meine Freundin entgegen.
„Und hier, sieh mal!“ Sie streckt mir einen Kettenanhänger entgegen, auf dem eine kleine Sanduhr ist.
„Eh… Raven? Ist das etwa…“, setze ich an, doch Raven unterbricht mich.
„Echt Silber! Ok, nicht ganz normales Silber, wie hier, aber doch! Sieht toll aus, oder? Das Ding ist praktisch sein Siegel – nun darf ich wirklich alles mit der Zeit anstellen und es hat den Segen von Cronos!“, strahlt sie mich an.
Hui. Wäre das schon wieder Mitrias gewesen, es hätte mich irgendwie stutzig gemacht. Aber es ist wirklich hübsch… Mir scheint, die Jungs hätten genauso gut Goldschmiede werden können, wie Sänger einer Boyband…

„Mädels, ich glaube, der Drummers Point macht bald schon zu, oder?“, fragt da Salima, die sich ganz aus dem Gerede von Raven und mir zurückgehalten hatte.
Och, menno! Naja, muss mein Schlagzeug halt noch warten. Was muss der Laden auch so blöde Öffnungszeiten haben?
„Na ok… Raven, kommst du noch mit? Wir wollten jetzt zum Sportladen, einen neuen Basketball besorgen.“
„Hm… Na, ok. Schaden kann es ja nicht.“, stimmt Raven zu.

Zu dritt machen wir uns auf den Weg durch die Straßen zum Sportladen. Inzwischen werden schon die ersten Lampen angestellt – dabei ist es doch noch fast ganz hell.
Dämonen können nur Dämonen lieben, ja? Und die Liebe eines Dämonen ist ewig… Nun, ich glaube, meine Zukunft sieht gar nicht mal so übel aus.

Vorheriges Kapitel Zurück zur Bibliothek Nächstes Kapitel