Kapitel 24

Aua…
Mein Schädel brummt, als hätte da jemand drauf eingeprügelt.
Mit einer Hand fahre ich an meine Stirn, kann dort aber nichts Besonderes feststellen.
Mein Herz scheint sich ja inzwischen wieder beruhigt zu haben, zumindest hab ich kein Rauschen mehr im Ohr… Und ganz wichtig: Mein Rücken tut nur noch sehr gering weh.

Langsam öffne ich meine Augen, muss allerdings häufiger zwinkern, damit ich mich an die Helligkeit gewöhne.
Wo bin ich eigentlich?

„Wachst du also doch noch wieder auf, ja?“, fragt mich eine sehr bekannte Männerstimme.
Vorsichtig sehe ich nach, woher die kommt und so fällt mein Blick auf Ren, der an meinem Bett sitzt.
Eh? Mein Bett?
Und… Was macht Ren denn hier?
Ich muss wohl ziemlich dämlich dreinschauen, denn nun schmunzelt er.
Aber irgendetwas ist anders, als sonst. Er wirkt so… besorgt?

„Ehm… Ja, ich bin – so mehr oder weniger – wieder wach. Sag mal… Was ist eigentlich passiert?“, frage ich und setze mich auf die Matratze. Eigentlich hatte ich ja damit gerechnet, dass es wehtun würde, aber nein – die Schmerzen sind fast wieder weg.
„Tiara, ich hab mir solche Sorgen gemacht!“, sagt Ren und fällt mir um den Hals. Huch?
„Warum das denn?“
„Erinnerst du dich nicht mehr an das, was passiert ist, bevor du das Bewusstsein verloren hast?“
Bewusstsein verloren? Oh… Na das erklärt jetzt zumindest, wie ich hier hingekommen bin.
„Du meinst die Attacke von Cassiopaya?“
„Nur indirekt. Ich meine die Sachen, die du gefühlt – oder wohl eher nicht gefühlt hast, als du gegen sie angetreten bist, Kleine.“
In meinem Kopf arbeitet es. Hm…
„Naja… Also an alles kann ich mich da nicht mehr erinnern, um ehrlich zu sein.“
„Dann beschreib mir wenigstens in Etwa, was da passiert ist, ja?“
Oh je. Na gut, dann halt noch Mal.

„Cassiopaya attackierte uns mit einem ihrer Energieblitze. Wir sind ausgestiegen, danach habe ich mich so mehr oder weniger auf sie gestürzt. Ehrlich gesagt… Ich weiß gar nicht so recht, was mich in dem Moment eigentlich dazu brachte. Ich dachte mir, dass ich eigentlich Angst haben müsste – oder zumindest etwas Ähnliches -, aber da war rein gar nichts. Während der paar hundert Meter, die mich von ihr trennten, hat sich dann wohl auch meine zweite Hand in eine Klaue verwandelt. So richtig etwas davon mitbekommen habe ich kaum. Tat auch gar nicht so weh, wie das letzte Mal.“ Mein Blick streift meine Arme. Die sind aber wieder komplett normal.
Ich sehe Ren an, aber sein Gesichtsausdruck sagt mir, dass ich weitererzählen soll.
„Nun… Sagen wir es mal so: Ich war bestimmt schneller, als ich sein hätte können. Die Meter zwischen uns schrumpften in einer Geschwindigkeit, die wirklich nicht normal ist. Gleichzeitig war da eine Stille um mich herum, die mich etwas nervös gemacht hat. Naja, das danach war eigentlich genau so, wie auch beim letzten Kampf gegen sie, nur dass sie komischerweise keine Wunden davontrug, wenn ich sie getroffen hatte. Danach ist Cassandra aufgetaucht und griff ebenfalls in den Kampf ein. Das lenkte mich dummerweise für einige Momente ab und diese Momente nutze Cassiopaya, um hinter mich zu gelangen. Was dann passiert ist, weiß ich nicht mehr so recht… Es tat auf einmal höllisch weh in meinem Rücken und ich bin auf die Straße gefallen. Cassandra attackierte Cassiopaya und sobald ich wieder auf den Beinen war, griff ich unsere Gegnerin noch einmal an, aber dann kann ich mich an nichts weiter mehr erinnern…“
Hmm… Oder doch?
„Doch, da war noch etwas, als ich meinen Kopf über die Schulter reckte. Ich hatte Flügel…“ Mein Blick wandert auch jetzt wieder über meine Schulter, doch da ist genauso wenig etwas zu sehen, wie an meinen Händen und Armen.

Ren schweigt immer noch, sein Gesichtsausdruck verrät jedoch, dass es in seinem Kopf gewaltig am Arbeiten ist.
„Warum bist du eigentlich hier, Ren?“, frage ich, um die Stille zu brechen.
„Gerade wegen all dem, was da passiert ist, Tiara. Salima hat mich angerufen, als Fiona und sie dich in das Auto gebracht hatten. Deiner Schwester war das nicht ganz geheuer, was da mit dir passiert ist und wollte wohl, dass da jemand bei ist, der sich damit auskennt. Hattest du ihr erzählt, dass ich ein Dämon bin?“, fragt er.
„Nein, hab ich nicht. Sie wusste es schon von Anfang an, als ich ihr erzählt hatte, dass ich verliebt bin…“, gebe ich zu. Hoffentlich ist Ren jetzt nicht böse auf mich…
„Wie auch immer. Es war die richtige Entscheidung deiner Schwester. Nun, um dir mal zu erklären, was da mit dir passiert ist… Es gibt einen Zustand bei uns Dämonen, der sich Raserei nennt. Glaube mir, der Name ist berechtigt. Ein Dämon verliert, wenn er in Raserei gerät, praktisch die Beherrschung. Gefühle und äußere Reize werden kaum noch wahrgenommen, oft schlägt man alles in seiner Umgebung zu Brei – und dabei ist es vollkommen egal, ob Freund oder Feind da in der Umgebung ist.“
Er macht eine Pause und ich schaue ihn fragend an. Irgendwas stimmt doch da nicht…?
„In genau diesen Zustand bist du gefallen, als du auf Cassiopaya zugestürzt bist. Der übersteigerte Mut ist ein sehr gutes Zeichen dafür. Hättest du in den Spiegel gesehen, wäre dir aufgefallen, dass sich deine Augen dabei wohl auch verändert haben. Bei den meisten Dämonen werden sie glutrot, aber auch gleißend weiß, goldfarben, schwarz und ähnliche Töne sind schon gesehen worden. Gerät ein Dämon in Raserei, ist er nur noch sehr, sehr selten zu stoppen und frag mich nicht, was dich dazu gebracht hat. Normalerweise tritt die Raserei erst auf, nachdem ein Dämon vollständig entwickelt ist und nicht bei so jungen wie dir… Aber was mich wundert ist, dass deine Entwicklung dadurch so stark beschleunigt wurde… Ich dachte, du würdest vielleicht erst in einem Jahrhundert oder so zum vollständigen Dämon geworden sein, aber wie mir scheint, bist du kurz davor, bald schon einer zu werden.“
Ren beugt sich zu mir vor und wir geben uns einen langen, zärtlichen Kuss.
„Und wie gerät man in Raserei…?“, frage ich danach.
„Naja, das ist unterschiedlich. Meist, wenn man ganz plötzlich sehr große Angst hat, bei der man weiß, dass man nicht um einen Kampf herumkommt. Es kann aber auch von sehr großer Nervosität ausgelöst werden – wobei das erst ein oder zwei Mal vorgekommen ist.“
„Ahja…“ Dann hat es also auch durchaus mehr negative Seiten, ein Dämon zu sein, als ich zuerst dachte…
„Hey, Kopf hoch. Ich bezweifle, dass das so bald wieder passiert. Und für den Fall, dass doch…“ Ren kramt in seiner Tasche herum, die neben meinem Bett auf dem Boden steht, und zieht eine kleine Schachtel hervor.
„Das hier haben Sasha, Andreas und ich zusammen gemacht.“ Er zieht den Deckel von der Schachtel ab, nimmt den kleinen Beutel heraus und packt einen mattsilbernen, dünnen Armreif aus.
„Das hier nennt sich Mitrias. Es ist ein reinmagisches Metall, welches es bloß an den Dimensionsgrenzen zwischen den einzelnen Welten gibt. Hört sich kompliziert an, aber das ist nicht ganz so wichtig. Wichtig ist, dass dieses Metall so geschmiedet ist, dass man Sprüche hineinweben kann, die niemals ihre Kraft verlieren. Nun… Sasha, Raven und ich haben die bestmögliche Schutzmagie und die kräftigsten Abwehrzauber hineingelegt, die wir kennen – und glaub mir, wir kennen da eine ganze Menge. Wenn du es trägst, wird es so gut wie unmöglich sein, dass du jemals wieder in Raserei verfällst. Streck mal deinen Arm aus, bitte.“

Ich tue, wie mir geheißen. Das silberne Ding ist wirklich super hübsch und wenn es wirklich so mächtig ist, wie Ren sagt, dann soll es mir bloß Recht sein.
„Ahja… Sobald das an seinem Platz ist, wirst das nicht wieder abbekommen, soviel nur zur Vorwarnung.“, schmunzelt er mir zu.
Ich nicke bloß und schmunzle zurück.
Kaum ist der silberne Reifen an meinem Arm angekommen, scheint er zusammenzuschrumpfen und liegt auf ein Mal ganz dicht an meiner Haut an. Ich hatte eigentlich damit gerechnet, dass das Metall kalt ist, aber dem ist nicht so. Fühlt sich irgendwie gut an…
Da fällt mir auf…
„Ren, hast du nicht auch so ein Teil?“, frage ich.
„Ja, ich… Naja, egal.“
„Hm? Ren, ich merk schon die ganze Zeit, dass da etwas im Busch ist.“
„Naja…“ Er hockt sich dichter an mich ran und ich nehme ihn in den Arm.
„Es ist schon sehr viele Jahrhunderte her, dass ich das Ding bekommen habe. Ich… Ich bin damals einer von diesen Dämonen gewesen, die in Raserei gerieten. Das erste Mal ging es noch, da kam ich von selbst wieder zur Besinnung, doch danach… Ich weiß nicht mehr, was mich damals so wütend gemacht hat, zumindest war ich danach im wahrsten Sinne des Wortes nicht mehr ich selbst. Das ging soweit, dass ich… wirklich auch meine eigenen Freunde umgebracht habe.“
Oh… Das… Das ist heftig. Ich kuschle mich noch ein ganzes Stück näher an ihn heran.
„Es dauerte einige Jahrzehnte, während denen ich mehr Chaos gebracht habe, als sonst in meinem Leben. Viele zogen gegen mich in den Kampf, da ich ja eine echte Bedrohung für Leib und Leben darstellte. Nur… Überlebt hat das niemand. Obwohl mein Geist immer noch der alte war, wütete mein Körper weiter und nichts hielt mich auf. Eines Tages kamen jedoch zwei, die anders waren, als der Rest. Bevor ich außer Kontrolle geriet, gehörten sie zu meinen besten Freunden, die glücklicherweise nicht anwesend waren, als ich richtig loslegte. Der eine war Cronos – also Sasha, der andere war Andreas. Ich weiß nicht wie, aber sie haben es zusammen geschafft, mich lahm zu legen. Ich denke, dass Andreas ein paar seiner stärksten Gifte rausgekramt hat. Während ich dann ziemlich benebelt am Boden lag, haben sie mir gleich mehrere von den Reifen verpasst.“ Mit diesen Worten schiebt er seinen linken Ärmel hoch und deutet auf den Oberarmreif, den er dort immer trägt. Jetzt, so beim näheren Hinsehen, fällt mir erst auf, dass das wirklich mehrere sind…
„In jedem Reif ist mindestens ein Spruch drin. Damals wussten sie noch nicht so viel wie heute, daher sind es mehrere geworden. Nun, nachdem ich die umhatte – und wieder bei Besinnung war -, war ich auf ein Mal nicht mehr in meiner Dämonengestalt, sondern in der Gestalt, wie du mich jetzt siehst. Seitdem fällt es mir auch leichter, zwischen dämonischer Form und menschlicher Form hin und her zu wechseln. Inzwischen mache ich mir auch keine Sorgen mehr, dass das jemals wieder passieren könnte, denn die Sprüche in den Armreifen sind wirklich sehr mächtig.“
Ich schaue auf meinen einzelnen, silbrig glänzenden Armreif hinunter. Hoffentlich hält der wirklich alles zurück… Ich will niemals daran schuld sein, wenn ich Ravens oder Fionas Blut jemals an meinen Klauen habe…

„Ah, du bist also aufgewacht!“ Freudig kommt Salima in mein Zimmer.
„Mensch, wir haben uns vielleicht Sorgen gemacht!“, ergänzt Fiona.
„Hehe… Naja, es geht mir wieder gut. Aber Salima? Du solltest unbedingt mal an deiner Heilmagie arbeiten, die brennt wie sau!“
„Tiara, das kommt daher, dass man als Dämon eine ganz natürliche Abwehrreaktion bei Heilmagie hat. Keine Sorge, das wird sich niemals ändern…“, grinst mir Ren entgegen. Der niedergeschlagene Unterton in seiner Stimme ist bereits wieder vollständig verschwunden.
„Och, nöö…“ Das ist doch blöde. Was soll ich denn mal machen, wenn ich wirklich welche brauche? Zähne zusammenbeißen?

„Darf ich reinkommen?“, höre ich eine Stimme von der Zimmertür.
Ich drehe mich hin und sehe „Cassandra? Eh… Klar, kannst reinkommen!“
Was macht sie denn hier? Also nicht, dass ich etwas dagegen habe, aber… Hä?

„Wir haben sie mitgenommen. Sie sagte, sie wolle uns etwas erklären, was Cassiopaya angeht.“, mischt sich Salima ein.
„Ahja… Na denn, schieß mal los!“, fordere ich Cassandra auf.
Fiona rennt in unsere Kissenecke, holt einen großen Sitzsack und schiebt ihn zu Cassandra hin.
„Hier! Der ist supi gemütlich und hundert Mal besser, als stehen!“, strahlt Fiona sie an.
Cassandra blickt leicht verlegen in die Runde, setzt sich dann aber doch. Salima und Fiona hocken sich auf den Boden.
„Nun, wo fange ich an…“, grübelt sie. „Genau. Ich denke, ihr wisst noch immer noch nicht so recht, was Cassiopaya eigentlich will. Nun, das durfte ich leider schon herausfinden: Sie ist eine Art Dämonenjägerin. Sie… Sammelt die Seelen von Dämonen, die einige Tage darauf auch sterben. Fragt nicht, wieso sie das tut, ich habe keine Ahnung. Ich konnte vor einiger Zeit es mit eigenen Augen sehen, wie sie einem noch recht jungen Dämon seine Seele entriss. Da er wohl noch nicht sehr stark war, ist er schon wenige Stunden später daran zugrunde gegangen.“
„Man kann ohne seine Seele weiterleben?“, frage ich dazwischen.
„Ja und nein.“, fährt sie fort. „Dämonen, die als Dämonen geboren werden, besitzen lediglich eine einzelne Seele. Diese sterben sofort, wenn sie die verlieren. Du aber bist als Mensch geboren und daher hast du theoretisch zwei Seelen, die miteinander verschmolzen sind. Cassiopaya kann diese Seelen voneinander trennen und nimmt sich die dämonische. Was dann passiert, kannst du dir am besten so vorstellen, dass du ein Baum bist, dem man die Wurzeln abhackt. Ohne das eine kann das andere nicht mehr bestehen, denn je länger du ein Dämon bist, desto fester sind die beiden Seelen verknüpft.“

Niemand traut sich, etwas zu sagen, alle starren nur Cassandra an.
„Woher weißt du das alles über die Seelen von uns Dämonen?“, fragt Ren in die entstandene Stille.
„Mein… ehmm… Es hat mir jemand gesagt.“, gibt sie zögerlich preis.
Ihr was?
Freund?
Bekannter?
Hm… Das macht mich jetzt eindeutig neugierig.

„Cassandra, da fällt mir noch ein, was ich dich fragen wollte… Kann es sein, dass du noch nicht lange auf dieser Erde bist?“, fragt Salima, um das Thema zu wechseln. Recht hat sie, es ist kein sehr angenehmes und ich will mir nicht wirklich vorstellen, wie man mir eine Seele klauen kann.
„Nein, bin ich noch nicht. Ich bin durch eine andere Dimension hier her gelangt.“, erzählt Cassandra.
„Und warum, wenn man fragen darf?“, mischt sich Fiona wieder ein.
„Um zu trainieren. Reicht das?“
Hm… Irgendetwas verheimlicht sie uns noch. Aber das bekomme ich schon mit der Zeit raus…
„Bleibst du jetzt hier?“, frage ich.
„Ja, ich denke schon. Mit den ganzen Bergen konnte ich mich nicht so recht anfreunden, ich brauche Menschen um mich herum.“, sagt sie.
„Hehe… Dann bist du hier in Tokyo eindeutig richtig!“, grinst Fiona sie an.
„Und noch dazu in genau diesem Freundeskreis, Cassandra!“, schmunzle ich sie an. Fiona hat sie – wie mir scheint – ja eh schon ins Herz geschlossen, ich hab nichts dagegen, jemanden wie sie in der Clique zu haben und Raven hat momentan mehr mit Sasha zu tun, als mit Fiona und mir. Passt doch!
„Ehm… Geht das wirklich in Ordnung? Ich mein… Ich will niemandem zur Last fallen, oder so…“, wendet Cassandra ein.
„Ach, so ein Blödsinn. Außerdem… Kurze, rote Haare sind bei uns noch nicht vertreten, da passt du doch ganz hervorragend zu uns!“, schmunzelt Fiona sie an.
Cassandra wird leicht rot, stimmt dann aber zu.

Gut so… Dann kann uns in der Gruppe ja eigentlich gar nichts mehr passieren! Raven hält die Zeit an, Fiona baut Barrieren um uns herum und kann unsere Gegner vergiften, während Cassandra und ich besagte Gegner zu Kleinholz verarbeiten. Perfekt!
Und mal ganz davon abgesehen…
Sie scheint echt nett zu sein.

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