Aua…
Mein Schädel brummt, als hätte da jemand drauf eingeprügelt.
Mit einer Hand fahre ich an meine Stirn, kann dort aber nichts Besonderes
feststellen.
Mein Herz scheint sich ja inzwischen wieder beruhigt zu haben, zumindest
hab ich kein Rauschen mehr im Ohr… Und ganz wichtig: Mein Rücken
tut nur noch sehr gering weh.
Langsam öffne ich meine Augen, muss allerdings häufiger zwinkern,
damit ich mich an die Helligkeit gewöhne.
Wo bin ich eigentlich?
„Wachst du also doch noch wieder auf, ja?“, fragt mich eine
sehr bekannte Männerstimme.
Vorsichtig sehe ich nach, woher die kommt und so fällt mein Blick
auf Ren, der an meinem Bett sitzt.
Eh? Mein Bett?
Und… Was macht Ren denn hier?
Ich muss wohl ziemlich dämlich dreinschauen, denn nun schmunzelt
er.
Aber irgendetwas ist anders, als sonst. Er wirkt so… besorgt?
„Ehm… Ja, ich bin – so mehr oder weniger – wieder
wach. Sag mal… Was ist eigentlich passiert?“, frage ich und
setze mich auf die Matratze. Eigentlich hatte ich ja damit gerechnet,
dass es wehtun würde, aber nein – die Schmerzen sind fast wieder
weg.
„Tiara, ich hab mir solche Sorgen gemacht!“, sagt Ren und
fällt mir um den Hals. Huch?
„Warum das denn?“
„Erinnerst du dich nicht mehr an das, was passiert ist, bevor du
das Bewusstsein verloren hast?“
Bewusstsein verloren? Oh… Na das erklärt jetzt zumindest, wie
ich hier hingekommen bin.
„Du meinst die Attacke von Cassiopaya?“
„Nur indirekt. Ich meine die Sachen, die du gefühlt –
oder wohl eher nicht gefühlt hast, als du gegen sie angetreten bist,
Kleine.“
In meinem Kopf arbeitet es. Hm…
„Naja… Also an alles kann ich mich da nicht mehr erinnern,
um ehrlich zu sein.“
„Dann beschreib mir wenigstens in Etwa, was da passiert ist, ja?“
Oh je. Na gut, dann halt noch Mal.
„Cassiopaya attackierte uns mit einem ihrer Energieblitze. Wir
sind ausgestiegen, danach habe ich mich so mehr oder weniger auf sie gestürzt.
Ehrlich gesagt… Ich weiß gar nicht so recht, was mich in dem
Moment eigentlich dazu brachte. Ich dachte mir, dass ich eigentlich Angst
haben müsste – oder zumindest etwas Ähnliches -, aber
da war rein gar nichts. Während der paar hundert Meter, die mich
von ihr trennten, hat sich dann wohl auch meine zweite Hand in eine Klaue
verwandelt. So richtig etwas davon mitbekommen habe ich kaum. Tat auch
gar nicht so weh, wie das letzte Mal.“ Mein Blick streift meine
Arme. Die sind aber wieder komplett normal.
Ich sehe Ren an, aber sein Gesichtsausdruck sagt mir, dass ich weitererzählen
soll.
„Nun… Sagen wir es mal so: Ich war bestimmt schneller, als
ich sein hätte können. Die Meter zwischen uns schrumpften in
einer Geschwindigkeit, die wirklich nicht normal ist. Gleichzeitig war
da eine Stille um mich herum, die mich etwas nervös gemacht hat.
Naja, das danach war eigentlich genau so, wie auch beim letzten Kampf
gegen sie, nur dass sie komischerweise keine Wunden davontrug, wenn ich
sie getroffen hatte. Danach ist Cassandra aufgetaucht und griff ebenfalls
in den Kampf ein. Das lenkte mich dummerweise für einige Momente
ab und diese Momente nutze Cassiopaya, um hinter mich zu gelangen. Was
dann passiert ist, weiß ich nicht mehr so recht… Es tat auf
einmal höllisch weh in meinem Rücken und ich bin auf die Straße
gefallen. Cassandra attackierte Cassiopaya und sobald ich wieder auf den
Beinen war, griff ich unsere Gegnerin noch einmal an, aber dann kann ich
mich an nichts weiter mehr erinnern…“
Hmm… Oder doch?
„Doch, da war noch etwas, als ich meinen Kopf über die Schulter
reckte. Ich hatte Flügel…“ Mein Blick wandert auch jetzt
wieder über meine Schulter, doch da ist genauso wenig etwas zu sehen,
wie an meinen Händen und Armen.
Ren schweigt immer noch, sein Gesichtsausdruck verrät jedoch, dass
es in seinem Kopf gewaltig am Arbeiten ist.
„Warum bist du eigentlich hier, Ren?“, frage ich, um die Stille
zu brechen.
„Gerade wegen all dem, was da passiert ist, Tiara. Salima hat mich
angerufen, als Fiona und sie dich in das Auto gebracht hatten. Deiner
Schwester war das nicht ganz geheuer, was da mit dir passiert ist und
wollte wohl, dass da jemand bei ist, der sich damit auskennt. Hattest
du ihr erzählt, dass ich ein Dämon bin?“, fragt er.
„Nein, hab ich nicht. Sie wusste es schon von Anfang an, als ich
ihr erzählt hatte, dass ich verliebt bin…“, gebe ich
zu. Hoffentlich ist Ren jetzt nicht böse auf mich…
„Wie auch immer. Es war die richtige Entscheidung deiner Schwester.
Nun, um dir mal zu erklären, was da mit dir passiert ist… Es
gibt einen Zustand bei uns Dämonen, der sich Raserei nennt. Glaube
mir, der Name ist berechtigt. Ein Dämon verliert, wenn er in Raserei
gerät, praktisch die Beherrschung. Gefühle und äußere
Reize werden kaum noch wahrgenommen, oft schlägt man alles in seiner
Umgebung zu Brei – und dabei ist es vollkommen egal, ob Freund oder
Feind da in der Umgebung ist.“
Er macht eine Pause und ich schaue ihn fragend an. Irgendwas stimmt doch
da nicht…?
„In genau diesen Zustand bist du gefallen, als du auf Cassiopaya
zugestürzt bist. Der übersteigerte Mut ist ein sehr gutes Zeichen
dafür. Hättest du in den Spiegel gesehen, wäre dir aufgefallen,
dass sich deine Augen dabei wohl auch verändert haben. Bei den meisten
Dämonen werden sie glutrot, aber auch gleißend weiß,
goldfarben, schwarz und ähnliche Töne sind schon gesehen worden.
Gerät ein Dämon in Raserei, ist er nur noch sehr, sehr selten
zu stoppen und frag mich nicht, was dich dazu gebracht hat. Normalerweise
tritt die Raserei erst auf, nachdem ein Dämon vollständig entwickelt
ist und nicht bei so jungen wie dir… Aber was mich wundert ist,
dass deine Entwicklung dadurch so stark beschleunigt wurde… Ich
dachte, du würdest vielleicht erst in einem Jahrhundert oder so zum
vollständigen Dämon geworden sein, aber wie mir scheint, bist
du kurz davor, bald schon einer zu werden.“
Ren beugt sich zu mir vor und wir geben uns einen langen, zärtlichen
Kuss.
„Und wie gerät man in Raserei…?“, frage ich danach.
„Naja, das ist unterschiedlich. Meist, wenn man ganz plötzlich
sehr große Angst hat, bei der man weiß, dass man nicht um
einen Kampf herumkommt. Es kann aber auch von sehr großer Nervosität
ausgelöst werden – wobei das erst ein oder zwei Mal vorgekommen
ist.“
„Ahja…“ Dann hat es also auch durchaus mehr negative
Seiten, ein Dämon zu sein, als ich zuerst dachte…
„Hey, Kopf hoch. Ich bezweifle, dass das so bald wieder passiert.
Und für den Fall, dass doch…“ Ren kramt in seiner Tasche
herum, die neben meinem Bett auf dem Boden steht, und zieht eine kleine
Schachtel hervor.
„Das hier haben Sasha, Andreas und ich zusammen gemacht.“
Er zieht den Deckel von der Schachtel ab, nimmt den kleinen Beutel heraus
und packt einen mattsilbernen, dünnen Armreif aus.
„Das hier nennt sich Mitrias. Es ist ein reinmagisches Metall, welches
es bloß an den Dimensionsgrenzen zwischen den einzelnen Welten gibt.
Hört sich kompliziert an, aber das ist nicht ganz so wichtig. Wichtig
ist, dass dieses Metall so geschmiedet ist, dass man Sprüche hineinweben
kann, die niemals ihre Kraft verlieren. Nun… Sasha, Raven und ich
haben die bestmögliche Schutzmagie und die kräftigsten Abwehrzauber
hineingelegt, die wir kennen – und glaub mir, wir kennen da eine
ganze Menge. Wenn du es trägst, wird es so gut wie unmöglich
sein, dass du jemals wieder in Raserei verfällst. Streck mal deinen
Arm aus, bitte.“
Ich tue, wie mir geheißen. Das silberne Ding ist wirklich super
hübsch und wenn es wirklich so mächtig ist, wie Ren sagt, dann
soll es mir bloß Recht sein.
„Ahja… Sobald das an seinem Platz ist, wirst das nicht wieder
abbekommen, soviel nur zur Vorwarnung.“, schmunzelt er mir zu.
Ich nicke bloß und schmunzle zurück.
Kaum ist der silberne Reifen an meinem Arm angekommen, scheint er zusammenzuschrumpfen
und liegt auf ein Mal ganz dicht an meiner Haut an. Ich hatte eigentlich
damit gerechnet, dass das Metall kalt ist, aber dem ist nicht so. Fühlt
sich irgendwie gut an…
Da fällt mir auf…
„Ren, hast du nicht auch so ein Teil?“, frage ich.
„Ja, ich… Naja, egal.“
„Hm? Ren, ich merk schon die ganze Zeit, dass da etwas im Busch
ist.“
„Naja…“ Er hockt sich dichter an mich ran und ich nehme
ihn in den Arm.
„Es ist schon sehr viele Jahrhunderte her, dass ich das Ding bekommen
habe. Ich… Ich bin damals einer von diesen Dämonen gewesen,
die in Raserei gerieten. Das erste Mal ging es noch, da kam ich von selbst
wieder zur Besinnung, doch danach… Ich weiß nicht mehr, was
mich damals so wütend gemacht hat, zumindest war ich danach im wahrsten
Sinne des Wortes nicht mehr ich selbst. Das ging soweit, dass ich…
wirklich auch meine eigenen Freunde umgebracht habe.“
Oh… Das… Das ist heftig. Ich kuschle mich noch ein ganzes
Stück näher an ihn heran.
„Es dauerte einige Jahrzehnte, während denen ich mehr Chaos
gebracht habe, als sonst in meinem Leben. Viele zogen gegen mich in den
Kampf, da ich ja eine echte Bedrohung für Leib und Leben darstellte.
Nur… Überlebt hat das niemand. Obwohl mein Geist immer noch
der alte war, wütete mein Körper weiter und nichts hielt mich
auf. Eines Tages kamen jedoch zwei, die anders waren, als der Rest. Bevor
ich außer Kontrolle geriet, gehörten sie zu meinen besten Freunden,
die glücklicherweise nicht anwesend waren, als ich richtig loslegte.
Der eine war Cronos – also Sasha, der andere war Andreas. Ich weiß
nicht wie, aber sie haben es zusammen geschafft, mich lahm zu legen. Ich
denke, dass Andreas ein paar seiner stärksten Gifte rausgekramt hat.
Während ich dann ziemlich benebelt am Boden lag, haben sie mir gleich
mehrere von den Reifen verpasst.“ Mit diesen Worten schiebt er seinen
linken Ärmel hoch und deutet auf den Oberarmreif, den er dort immer
trägt. Jetzt, so beim näheren Hinsehen, fällt mir erst
auf, dass das wirklich mehrere sind…
„In jedem Reif ist mindestens ein Spruch drin. Damals wussten sie
noch nicht so viel wie heute, daher sind es mehrere geworden. Nun, nachdem
ich die umhatte – und wieder bei Besinnung war -, war ich auf ein
Mal nicht mehr in meiner Dämonengestalt, sondern in der Gestalt,
wie du mich jetzt siehst. Seitdem fällt es mir auch leichter, zwischen
dämonischer Form und menschlicher Form hin und her zu wechseln. Inzwischen
mache ich mir auch keine Sorgen mehr, dass das jemals wieder passieren
könnte, denn die Sprüche in den Armreifen sind wirklich sehr
mächtig.“
Ich schaue auf meinen einzelnen, silbrig glänzenden Armreif hinunter.
Hoffentlich hält der wirklich alles zurück… Ich will niemals
daran schuld sein, wenn ich Ravens oder Fionas Blut jemals an meinen Klauen
habe…
„Ah, du bist also aufgewacht!“ Freudig kommt Salima in mein
Zimmer.
„Mensch, wir haben uns vielleicht Sorgen gemacht!“, ergänzt
Fiona.
„Hehe… Naja, es geht mir wieder gut. Aber Salima? Du solltest
unbedingt mal an deiner Heilmagie arbeiten, die brennt wie sau!“
„Tiara, das kommt daher, dass man als Dämon eine ganz natürliche
Abwehrreaktion bei Heilmagie hat. Keine Sorge, das wird sich niemals ändern…“,
grinst mir Ren entgegen. Der niedergeschlagene Unterton in seiner Stimme
ist bereits wieder vollständig verschwunden.
„Och, nöö…“ Das ist doch blöde. Was soll
ich denn mal machen, wenn ich wirklich welche brauche? Zähne zusammenbeißen?
„Darf ich reinkommen?“, höre ich eine Stimme von der
Zimmertür.
Ich drehe mich hin und sehe „Cassandra? Eh… Klar, kannst reinkommen!“
Was macht sie denn hier? Also nicht, dass ich etwas dagegen habe, aber…
Hä?
„Wir haben sie mitgenommen. Sie sagte, sie wolle uns etwas erklären,
was Cassiopaya angeht.“, mischt sich Salima ein.
„Ahja… Na denn, schieß mal los!“, fordere ich
Cassandra auf.
Fiona rennt in unsere Kissenecke, holt einen großen Sitzsack und
schiebt ihn zu Cassandra hin.
„Hier! Der ist supi gemütlich und hundert Mal besser, als stehen!“,
strahlt Fiona sie an.
Cassandra blickt leicht verlegen in die Runde, setzt sich dann aber doch.
Salima und Fiona hocken sich auf den Boden.
„Nun, wo fange ich an…“, grübelt sie. „Genau.
Ich denke, ihr wisst noch immer noch nicht so recht, was Cassiopaya eigentlich
will. Nun, das durfte ich leider schon herausfinden: Sie ist eine Art
Dämonenjägerin. Sie… Sammelt die Seelen von Dämonen,
die einige Tage darauf auch sterben. Fragt nicht, wieso sie das tut, ich
habe keine Ahnung. Ich konnte vor einiger Zeit es mit eigenen Augen sehen,
wie sie einem noch recht jungen Dämon seine Seele entriss. Da er
wohl noch nicht sehr stark war, ist er schon wenige Stunden später
daran zugrunde gegangen.“
„Man kann ohne seine Seele weiterleben?“, frage ich dazwischen.
„Ja und nein.“, fährt sie fort. „Dämonen,
die als Dämonen geboren werden, besitzen lediglich eine einzelne
Seele. Diese sterben sofort, wenn sie die verlieren. Du aber bist als
Mensch geboren und daher hast du theoretisch zwei Seelen, die miteinander
verschmolzen sind. Cassiopaya kann diese Seelen voneinander trennen und
nimmt sich die dämonische. Was dann passiert, kannst du dir am besten
so vorstellen, dass du ein Baum bist, dem man die Wurzeln abhackt. Ohne
das eine kann das andere nicht mehr bestehen, denn je länger du ein
Dämon bist, desto fester sind die beiden Seelen verknüpft.“
Niemand traut sich, etwas zu sagen, alle starren nur Cassandra an.
„Woher weißt du das alles über die Seelen von uns Dämonen?“,
fragt Ren in die entstandene Stille.
„Mein… ehmm… Es hat mir jemand gesagt.“, gibt
sie zögerlich preis.
Ihr was?
Freund?
Bekannter?
Hm… Das macht mich jetzt eindeutig neugierig.
„Cassandra, da fällt mir noch ein, was ich dich fragen wollte…
Kann es sein, dass du noch nicht lange auf dieser Erde bist?“, fragt
Salima, um das Thema zu wechseln. Recht hat sie, es ist kein sehr angenehmes
und ich will mir nicht wirklich vorstellen, wie man mir eine Seele klauen
kann.
„Nein, bin ich noch nicht. Ich bin durch eine andere Dimension hier
her gelangt.“, erzählt Cassandra.
„Und warum, wenn man fragen darf?“, mischt sich Fiona wieder
ein.
„Um zu trainieren. Reicht das?“
Hm… Irgendetwas verheimlicht sie uns noch. Aber das bekomme ich
schon mit der Zeit raus…
„Bleibst du jetzt hier?“, frage ich.
„Ja, ich denke schon. Mit den ganzen Bergen konnte ich mich nicht
so recht anfreunden, ich brauche Menschen um mich herum.“, sagt
sie.
„Hehe… Dann bist du hier in Tokyo eindeutig richtig!“,
grinst Fiona sie an.
„Und noch dazu in genau diesem Freundeskreis, Cassandra!“,
schmunzle ich sie an. Fiona hat sie – wie mir scheint – ja
eh schon ins Herz geschlossen, ich hab nichts dagegen, jemanden wie sie
in der Clique zu haben und Raven hat momentan mehr mit Sasha zu tun, als
mit Fiona und mir. Passt doch!
„Ehm… Geht das wirklich in Ordnung? Ich mein… Ich will
niemandem zur Last fallen, oder so…“, wendet Cassandra ein.
„Ach, so ein Blödsinn. Außerdem… Kurze, rote Haare
sind bei uns noch nicht vertreten, da passt du doch ganz hervorragend
zu uns!“, schmunzelt Fiona sie an.
Cassandra wird leicht rot, stimmt dann aber zu.
Gut so… Dann kann uns in der Gruppe ja eigentlich gar nichts mehr
passieren! Raven hält die Zeit an, Fiona baut Barrieren um uns herum
und kann unsere Gegner vergiften, während Cassandra und ich besagte
Gegner zu Kleinholz verarbeiten. Perfekt!
Und mal ganz davon abgesehen…
Sie scheint echt nett zu sein.
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