Kapitel 23

Verdammter Mist!
Kaum verstummt Cassiopayas Stimme, stehen Fiona, Salima und ich auch bereits draußen am Wagen und suchen die Dächer und die Umgebung nach ihr ab.
„Tiara? Ist das…?“, murmelt Fiona zu mir rüber und ich nicke. Verdammt, warum hat sie mich so schnell gefunden? Ich dachte, sie würde noch immer irgendwo in den Bergen sein! Mist, jetzt reiß ich auch noch Salima und Fiona da mit rein… Ich muss hier weg!

„Vergiss es, ich lass dich jetzt nicht noch mal wegrennen! Das hast du schon das letzte Mal gebracht!“, höre ich ihre Stimme. Kurz darauf erhellt ein weiterer blauer Lichtblitz die Umgebung und schlägt nur wenige Meter von uns entfernt auf der Straße auf.
„Fiona! Salima! Verschwindet von hier!“, rufe ich ihnen über meine Schulter zu. „Cassiopaya! Ich kann mich nicht daran erinnern, das letzte Mal weggerannt zu sein! Du verwechselst mich wohl gerade mit dir selbst!“
Halt mal – woher nehme ich denn bitteschön gerade den Mut, ihr das entgegenzuschleudern?

„Halt den Mund!“, donnert es durch die Straße, kurz darauf leuchtet es wieder blau. Es ist jetzt zumindest sicher, dass sie uns gegenüber steht – wenn wir sie auch trotzdem nicht sehen. Verdammt, zum wegrennen ist es jetzt zu spät!

Der blaue Energieblitz schnellt auf uns zu und ich bereite mich schon auf den Einschlag vor, da ist auf ein Mal eine lilafarbene Barriere direkt vor mir und die Energie prallt an ihm ab.
„Aber was?“, entfährt es mir.
„Entschuldigung, aber ich lasse mich nicht durch die Gegend kommandieren, Tiara. Und… Eh… Das da ist noch so eine Sache, die ich euch noch nicht erzählt hab – allerdings weiß ich von ihrer Existenz auch erst seit der letzten Volleyballstunde.“
„Und was ist das?“, frage ich über meine Schulter.
„Eine magische Barriere, wie mir scheint.“, antwortet Salima an Stelle von Fiona.
„Ach übrigens: Ich lass mich auch schon lange nicht mehr kommandieren.“, fügt sie hinzu.
Puh… Danke, Mädels.

„Ah! Hey, was soll das? Was mischt ihr euch ein!?“, dröhnt Cassiopayas Stimme wieder durch die Straße. Inzwischen sehe ich sie sogar – sie steht einige hundert Meter von uns entfernt direkt in der Mitte der Straße.
In dem Moment fängt mein Arm an, zu kribbeln. Es ist bei weitem nicht so unangenehm, wie das letzte Mal, aber der Effekt ist der Gleiche: Mit Mal habe ich wieder eine Klaue an Stelle meiner Hand. Ok, dann kann es ja losgehen!
„Fiona, kannst du solche Barrieren auch für bewegte Objekte erschaffen?“, frage ich an Fiona gewandt, während ich die Straße weiter im Blick habe. Cassiopaya scheint sich für einen neuen Angriff zu rüsten – sie umgibt eine Aura von hellblauem Licht.
„Äh… Ich hab keine Ahnung! Das hier ist erst das zweite Mal, dass ich das einsetze!“, wendet Fiona ein.
„Dann versuch es einfach.“ Mit diesen Worten sprinte ich in Richtung Cassiopaya los. Fiona protestiert zwar hinter mir, aber verstummt recht schnell wieder.

Stille.
Auf einmal höre ich nichts mehr.
Ich spüre, wie das Blut in meinen Adern pulsiert und auf einmal fängt auch mein zweiter Arm an zu kribbeln. Die Häuser fliegen inzwischen nur noch so an mir vorbei und binnen weniger Sekunden stehe ich direkt vor Cassiopaya – die ein wirklich überraschtes Gesicht macht.
Ihre Energiewelle fliegt auf mich zu, doch diese prallt wieder an einer lila Barriere ab.
Sehr gut, Fiona.

„Vergiss es! So leicht, wie das letzte Mal, wirst du mich nicht los!“, zischt Cassiopaya mich an, als sie bereits in der Reichweite meiner Krallen ist. Da fällt mir auf: ich hab ja jetzt zwei!
„Wollen wir doch mal sehen!“, fauche ich zurück.

Tatsächlich schafft sie es wirklich, meinen Schlägen einige Male auszuweichen – allerdings kann sie dabei keine Gegenattacken starten, wie mir scheint. Na umso besser!
Meine Klauen hinterlassen merkwürdigerweise keine Schrammen – nicht einmal Kratzer sind zu sehen. Verdammt, ich kann doch nicht die ganze Zeit weitermachen!
Oder doch?
Ich müsste doch eigentlich schon merken, wie ich nachlasse… Aber stattdessen spüre ich bloß die Hitze, die uns umgibt.
Mist, Cassiopaya sammelt wieder Energie! Daher kam kein Gegenangriff!

Noch gerade im Richtigen Moment kann ich ausweichen, dann entlädt sich ihre aufgestaute Energie erneut – dieses Mal allerdings ringförmig von ihr ausgehend. Zum Glück bin ich gesprungen…

„Na, schon kaputt, Tiara?“, grinst mir meine Gegnerin entgegen.
Kaum hat sie es gesagt, baut sich schon wieder diese Energieaura um sie herum auf – verdammt, was soll ich denn jetzt machen?
„Vergiss es, ich bin noch nicht fertig! Und überhaupt: Warum forderst du mich dauernd heraus!? Was willst du überhaupt?!“
„Hehe… Ich wusste, dass du das fragen wirst, junger Dämon!“
Wieder entlädt sie ihre Energie, allerdings rast dieses Mal ein fürchterlich großer Energiestrahl auf Fiona und Salima zu.
„Nein!“, entfährt es mir, als er mit voller Wucht dort aufschlägt, wo meine Schwester und meine Freundin gerade noch gestanden haben.
„Tja, so ein Pech aber auch.“, haucht mir Cassiopaya von hinten ins Ohr – halt! Wie ist die da so schnell hingekommen?!

„Und tschüss…“, raunt sie mir zu, dann fühle ich einen fürchterlichen Schmerz in meinem Rücken.
„Ahh!“ Verdammt, was ist das?! Und warum kann ich mich nicht mehr bewegen?!

„Spiegelsplitter!“, höre ich da jemanden rufen.
Wer… Diese Stimme kenn ich doch?
Verdammt, ich versteh kaum noch etwas, mein Blut pocht wie wild in meinem Hinterkopf… Und diese Schmerzen…

„Hey!“, faucht Cassiopaya da und lässt von mir ab.
Puh…
Wie ein Stein falle ich aus der Luft auf den Boden – war mir gar nicht aufgefallen, dass ich schon wieder am schweben war.
„Tiara!“, ruft Salima mir zu und im nächsten Augenblick wird mein Sturz durch eine Wolke aus Nebel gedämpft.
„Wie… Ihr habt das geschafft?“, murmle ich meiner Schwester zu.
„Klar, Fiona ist mehr als begabt, wie mir scheint. Fiona! Mach um uns noch mal so eine Barriere! Wir können nicht riskieren, dass Cassiopaya jetzt einen Angriff gegen uns landet!“
„Geht klar!“ Fionas Stimme klingt entschlossen und so funkelt um uns herum auch schon wenige Herzschläge später eine lila Barriere.

„Verschwinde, Cassiopaya!“, ruft da erneut diese bekannt Stimme. Als ich mich aufrichte um zu sehen, wer das sagt – was übrigens eine verdammt bescheuerte Idee war, der plötzliche Schmerz in meinem Rücken ließ mich gleich wieder zurückfallen -, traue ich meinen Augen kaum.
„Cassandra?“, raune ich.
„Tiara, Zähne zusammenbeißen. Ich weiß ja, dass du auf meine Heilmagie nicht gerade gut zu sprechen bist, aber wenn ich jetzt nichts mache, habe ich bald eine Schwester weniger.“, warnt mich Salima unvermittelt vor.
Heilmagie?
„Ahhh!“ Wieder diese Schmerzen. Sie ziehen meine ganze Wirbelsäule hoch und mein Kopf fühlt sich an, als ob er gleich explodiert. Ich dachte, Heilmagie wäre etwas Positives?!

„Hehe… Cassandra! Wie nett, dass du uns Gesellschaft leistest! Dann kann ich ja gleich zwei mitnehmen und brauche mich nicht mit bloß einem zu begnügen…“, höre ich Cassiopayas selbstsichere Stimme.
„Du wirst hier gar nichts mitnehmen!“, ruft Cassandra ihr entgegen. „Spiegelsplitter!“ Im nächsten Moment ist die Luft von kleinen, glitzernden Dingern erfüllt, die alle auf Cassiopaya zurasen.
„Das kannst du auch schön bleiben lassen, du Möchtegerndämon!“, wettert Cassiopaya. Einen Augenblick später werden die glitzernden Dinger einfach von einer Energiewelle von ihr hinweggepustet.

Ich muss etwas machen…
Obwohl die Schmerzen in meinem Rücken nur sehr unwesentlich besser geworden sind, richte ich mich wieder auf.
„Tiara! Bleib hier! Ich bin noch nicht fertig!“, protestiert meine Schwester.
Mir egal.

Gerade in diesem Moment scheint Cassiopaya von mir abgelenkt zu sein, ich muss es einfach versuchen.

Das nächste, an das ich mich erinnere ist, dass ich wieder auf dem Boden aufkomme. Cassiopayas überraschter Schrei hallt durch die Straße und dieses Mal ist sie es, die wie Beton zu Boden fällt. Wie durch Watte höre ich, wie Cassandra wieder ihre Spiegelsplitter ruft, dann ist es für einen winzigen Moment wieder vollkommen Still. Um mich herum scheint die Luft vor Hitze zu schwimmen, doch ich fühle einfach nichts.
Gar nichts.
Was habe ich gerade eigentlich gemacht?
„Na wartet, das wird ein Nachspiel haben!“, flüstert Cassiopaya, dann löst sie sich in einer blauen Energiewolke auf, kurz bevor die Spiegelsplitter auf sie einprasseln würden.

Immer noch ist es so still.
Das rauschen in meinem Kopf ist um das vielfache angeschwollen und mein Rücken brennt, als ob er Feuer gefangen hätte.
Aber… Ich weiß nicht, müsste ich nicht Schmerzen haben?
Oder wenigstens sagen können, ob es weh tut?
Aber ich fühle immer noch nichts…

Eine endlos scheinende Weile stehe ich einfach da und starre in die Leere vor mir, dann sehe ich auf meine Krallen.
Blut.
Ich habe Cassiopaya also wieder verwundet…
Kann mich gar nicht mehr dran erinnern.

„Tiara!“, dringt eine Stimme in mein Bewusstsein vor.
Salima?
Ich kann es nicht so genau sagen…
Ich drehe meinen Kopf nach hinten und will über meine Schulter schauen.
Etwas versperrt mir den Weg?
Es braucht lange, bis die Information wirklich in meinem Kopf ankommt. Wie entgeistert schaue ich auf das Ding, was da direkt hinter mir ist.
Rot…

Flügel…?
Ich… Ich habe Flügel?

In dem Moment bricht die Realität wieder auf mich ein, als hätte jemand eine Tür eingeschlagen und mir wird schwarz vor Augen.
Ich spüre noch, wie Salima und Fiona mich auffangen, dann ist alles schwarz.

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