Kapitel 22

Nun, es war wirklich kein leichtes Unterfangen geworden, Fiona hier hin zu bekommen. „Hier“ bezeichnet genau den Platz, auf dem ich vor einigen Wochen das erste Mal saß – das erste Mal, dass ich Ren getroffen hatte.
Um genau zu sein, ich habe es nicht mal allein geschafft, Fiona bis zu diesem Punkt zu bringen. Bis vor die Haustür hatte Salima mir geholfen, ab da an konnte Fiona einfach nicht mehr wegrennen. Wie sähe das denn aus?

Apropos Aussehen:
Die Bude hier ist noch immer die reinste Katastrophe. Die Kartons sind zwar schon vom Boden weg, aber das heißt noch lange nicht, dass es hier ordentlicher aussieht. In den Regalen herrscht noch immer Anarchie, das Poster von ihnen hängt auf dem gleichen Platz wie vorher, der Tisch in der Ecke – beim ersten Mal stand der noch nicht da, oder? – ist auch voll gepackt… Ach du je. Meine Mutter würde zu viel bekommen, wenn sie das sähe.
Zu Glück sieht sie es nicht.

„Andreas kommt gleich, der war noch im Bad.“ Mit diesen Worten kommt Ren mitsamt eines beladenen Tabletts aus der Küche. Hm… Lecker Schokoladenkekse.
Fiona meidet währenddessen jeglichen Sichtkontakt. Ich frage mich, ob ich jetzt in Tiefschlaf fallen würde, wenn ich sie anfasste… Aber ok, angeblich bin ich ja immun.

„Pst! Hey! Du darfst ruhig mal etwas anderes bestaunen, als den Teppich!“, murmel ich ihr zu, aber sie knufft mich nur in die Seite und starrt wortlos zur Wand.
Wenn die weiter so verkrampft dasitzt, hat die morgen bestimmt Muskelkater.

„Fiona, du musst jetzt wirklich nicht die ganze Zeit dahocken, als hättest du einen Stock verschluckt. Andreas geht es bestens, glaub mir.“, wendet nun auch Ren ein – wobei er mal wieder sein umwerfend süßes Lächeln aufgesetzt hat.
„Verräterin.“, raunt mir meine Freundin zu.
„Hehehe…“ Tja, wer mich als Freundin hat, braucht keine Feinde mehr. Aber ehrlich gesagt: Ich hab Ren nichts erzählt. Das hat vermutlich Andreas getan.

„Ah, hier seid ihr also?“, fragt auch genau jener, an den ich gedacht hatte, in genau diesem Moment.
Andreas steht im großen Torbogen, der nach draußen in den kleinen Innenhof des Hauses führt – der mir irgendwie bisher nicht aufgefallen ist. Von außen sieht das Haus doch so normal aus?
Aus seinen Haaren tropft noch immer Wasser, während er versucht, sie sich mit einem Handtuch trocken zu rubbeln.

Hm… Ein kurzer Blick zur Seite lässt mich vermuten, dass es keine ganz so gute Idee von Andreas war, sich nur mit einem Handtuch bekleidet vor Fiona zu zeigen…
Obwohl die Gesichtszüge meiner Freundin komplett erstarrt sind und ihr Blick wie hypnotisiert auf Andreas liegt, färbt sich ihr Kopf langsam immer roter. Hm… Was ist wohl kräftiger, so von der Farbe her… Eine Tomate oder Fiona?

„Hi, Fiona!“, begrüßt Andreas nun auch meine zur Salzsäule erstarrte Freundin. Ren und ich grinsen uns gegenseitig an, während wir Zucker in unseren Tee schaufeln.
„H-Hi, Andreas…“, bringt meine tomatige Freundin dann auch endlich raus. Mensch, normalerweise redet sie jeden an die Wand und nun ist sie sprachlos?
Aber ok, Andreas sieht wirklich verdammt gut aus.
Ren ist trotzdem besser.

„Ich geh mich eben umziehen, danach komm ich wieder. Haltet mir den Tee warm!“, schmunzelt Andreas in Fionas Richtung und verschwindet aus dem Türrahmen.
Das scheint auch Fionas Bann gebrochen zu haben, zumindest schüttelt sie sich ein paar Mal und greift dann beherzt zu der Schüssel mit Keksen.

„Du, Ren? Wo ist denn Sasha?“ Ich hab da zwar eine gewisse Ahnung, aber Gewissheit ist besser als Vermutung.
„Na rate mal, Kleine. Sasha und Raven bekommt man kaum noch auseinander, die sind wie aneinandergeklebt. Ich glaube, heute wollten sie ins Kino und danach will er ihr wohl etwas über ein paar Gesetze der Zeit beibiegen…“
„Na das wird sie ja freuen.“, murmel ich.
„Tja, irgendwie muss er sie ja bestrafen. Eigentlich würde auf das, was sie angestellt hat, eine fast ewige Verdammung stehen, aber es kann halt wirklich durchaus Vorteile haben, den Chef der Zeit als Freund zu haben…“
Ja, da hat er Recht. Ich stelle meine Tasse ab und knuff Fiona in die Seite.

„Na, wie findest du ihn so… unbekleidet?“, grinse ich sie an.
„Tiara!“ Vorwurfsvoll funkelt sie mich an, wird aber zur gleichen Zeit wieder Rot. Hehe…

„So, da bin ich wieder.“ Andreas erscheint aufs Neue im Türrahmen, dieses Mal jedoch ist er komplett angezogen.
Ja ok, fast komplett.
Blaue Jeans, fliederfarbenes Hemd und barfuß. Das Hemd hat er nicht zugeknöpft und daher kann man ihm direkt auf sein sehr beachtliches Sixpack starren.
Mich beschleicht das dumme Gefühl, der macht das extra.

Ren weist ihm den Platz direkt gegenüber von Fiona zu. Was für eine Überraschung…
„Fiona? Hallo? Bist du noch anders als physisch anwesend?“, grinst Andreas in die Richtung meiner Freundin, die mal wieder einer Steinstatue alle Ehre machen könnte.
„Ne, ich glaub nicht. Einen Moment.“, schmunzle ich ihm entgegen und kitzle Fiona in die Seite.
„Uaaaa!“, schreit sie und fällt auch prompt vom Sofa runter. Oh, man.
Andreas muss natürlich auch gleich ein Lachen unterdrücken und selbst Ren gluckst schon vor sich hin. So dämlich wie Fiona habe ja nicht mal ich mich angestellt, als ich das erste Mal hier war…
„Tiara, du bist blöd!“, grummelt mir meine Freundin entgegen, während sie sich wieder auf das Sofa begibt.
„Ich weiß und ich steh dazu. Aber eigentlich wolltest du doch nicht mit mir sprechen, sonder mit einem gewissen anderem anwesenden Jemand, oder?“, grinse ich sie an.
„Kann ich mich nicht dran erinnern.“, grummelt sie.
„Ach, nicht? Na gut, ich kann dann ja wieder gehen.“, schmunzelt Andreas in meine Richtung und steht auf.
„Nein! Nein!! So war das nicht gemeint! Entschuldigung!“, sprudelt es aus Fiona da heraus. Aha, sie hat ihr Vokabular also wirklich noch. Hatte mir schon Sorgen gemacht.

Andreas hockt sich genau wie Ren im Schneidersitz zurück auf den Sessel, auf dem er saß und schmunzelt zu Fiona rüber.
Diese Atmet einige Male tief durch und sagt schließlich: „Es… Es tut mir Leid…“
Nachdem Andreas etwas verwundert zu ihr hinüberschaut, fährt sie fort, wobei sie den Blick stur auf den Boden gesenkt hält.
„Das kürzlich im Gewächshaus… Ich… Ich hätte nicht einfach wegrennen sollen. Es tut mir Leid…“
„Ach, das war der Grund, warum ich dich die letzten Tage nicht gesehen habe? Hehe… Hätt ich mir ja denken können.“, unterbricht Andreas sie. Fiona beißt sich derweil auf die Lippe. „Fiona, du brauchst dir wirklich keine Gedanken mehr deswegen machen. Um genau zu sein: Es hat sich sogar ziemlich lustig angefühlt.“
Da schaut Fiona auf und ihn fragend an. „Hä?“
„Na… Sagen wir es mal so, ich kenn das Problemchen mit Giften. Ich bin da inzwischen schon gegen Abgehärtet. Aber deines – oder deine, ich weiß ja nicht, ob du mehrere hast – scheint recht speziell zu sein. Ich meine… Ich kenn kein Gift, das einen durchkitzelt. Wenn du magst, kann ich dir zeigen, wie du das besser in den Griff bekommst?“

Schade, ich hätte meine Kamera mitnehmen sollen. Das Gesicht von Fiona ist einfach zu gut… Man kann richtig sehen, wie es in ihrem Kopf arbeitet.
Aber ok, hätte ich nicht schon seit gestern gewusst, dass Andreas ein Meister im Giftmischen ist – und wohl auch selbst mal eine Schlange irgendwo in der Familienchronik hatte – ich hätte wohl auch so ausgesehen, wie Fiona jetzt. Gut, dass Ren mich vorgewarnt hat.

„Aber… Wie… Eh… Hä?“, bringt meine Freundin dann auch nach einer längeren Pause heraus.
„Ach… Komm einfach mal eine Runde mit raus in den Innenhof. Ich werde es dir da mal erklären und ich mag wohl wetten, dass dir gerade mindestens ein dutzend Fragen auf der Seele brennen.“, schmunzelt Andreas zu Fiona hinüber.
„Eh… Ok…?“ Mit diesen Worten erhebt sich meine Platznachbarin von dem weichen Sofa und geht mit Andreas vor die Tür.
Ich glaube, mein Verkupplungsversuch wird sich spätestens heute Abend auszahlen.

Nachdem die beiden Turteltauben die Tür hinter sich geschlossen haben, brechen Ren und ich in Lachen aus.
„Oh, man. Ist Fiona immer so drauf? Ich hab sie anders in Erinnerung.“, grinst Ren zu mir hinüber.
„Ne, eigentlich nicht. Aber ich glaub, es tat ihr wirklich Leid, was sie angestellt hat und immerhin mussten Salima und ich sie heute ins Auto tragen, um sie überhaupt aus dem Haus zu bekommen. Eigentlich kann sie alles und jeden an die Wand reden, weißt du?“
„Ja, kann ich mir gut vorstellen. Wurdest du gestern Abend eigentlich noch lange belagert, damit du erzählst, was du alles so erlebt hast?“
„Nein. Salima weiß ja schon alles, genauso Raven. Fiona war zu sehr mit ihren eigenen Gedanken beschäftigt, ich denke mal, dass ich es ihr später noch zumindest als Zusammenfassung geben muss. Naja… Dann erzähl ich halt alles noch ein weiteres Mal. Langsam kann ich das ja schon auf Knopfdruck.“
Ren hockt sich neben mich und legt seinen Arm um meine Schultern.
„Irgendwann müssen wir beide aber auch noch mal ohne die Truppe weg, ok?“, flüstert er mir ins Ohr.
Ich nicke bloß und werde – wie könnte es auch anders sein? – wieder mal rot.
Rot scheint heute die vorherrschende Farbe in diesem Raum zu sein…

„Übrigens… Hat Salima irgendetwas wegen Cassiopaya herausgefunden? Du sagtest doch, dass sie vorhatte, mal Informationen zusammenzukramen.“, fragt er da.
„Naja… Es sind sehr wenig Informationen. Sie weiß, dass seit neustem zwei Energiequellen auf unserem Planeten rumgeistern, die vorher nicht da waren. Die eine ist stärker, die andere schwächer. Angeblich ist Cassiopaya diejenige, die die stärkere Quelle ist und, laut Salima, soll dieses Mädchen, das wir an der Quelle getroffen haben, auch zu den Energiequellen gehören. Ich bin leider nicht allzu gut darin, solche Dinge zu spüren, aber ich denke, wir sind uns darin einig, dass Cassiopaya durchaus nicht schwach ist.“
„Hm…“ Ren ist in Gedanken versunken.
„Was ist?“
„Weißt du… Ich habe etwas Merkwürdiges gespürt, als wir auf Cassiopaya und dieses Mädchen trafen. Wie hieß es noch gleich?“
„Cassandra?“
„Ah, ja, genau. Nun, Dämonen – zumindest ausgewachsene – können spüren, wenn sich andere Dämonen in der Nähe befinden und das war zumindest beim zweiten Mal der Fall. Vielleicht ist Cassandra ja eine?“
„Kann sein…“
„Ich denke mal, dass das auch der Grund sein könnte, warum sie von Cassiopaya attackiert wurde. Du und Cassandra seit beide wohl noch sehr junge Dämonen, vielleicht dachte sie, dass ihr leichte Beute seid?“
„Das würde zumindest erklären, warum sie dich nicht angegriffen hat.“
Ich nicke bloß. Wenn das wirklich stimmt und Cassiopaya uns angreift, weil wir noch „frische“ Dämonen sind, dann ist Cassandra bestimmt auch noch in Gefahr… Aber bescheid geben kann ich ihr nicht, ich kenn sie ja eigentlich gar nicht. So ein Mist aber auch…

Nach einer ganzen Weile kommen die beiden Turtelpärchen aus dem Innenhof zurück – Händchen haltend. Warum nur wundert mich das nicht?
„Na? Haben wir jetzt noch ein Pärchen, Fiona? Deine Prophezeiung scheint sich ja erfüllt zu haben…“, grinse ich ihr entgegen.
Umpf!
Ich hab keine Ahnung woher es kam, aber auf einmal klebt ein Kissen in meinem Gesicht. Och menno, Fiona, sei doch nicht so…

„Du, wir müssen nun auch wieder, so ungern ich euch beide nun störe. Salima wartet draußen bestimmt schon. Gerade eben habe ich es schon hupen gehört.“, schmunzle ich zu Fiona hinüber.
„Och, nööö…“, kommt auch prompt ihre Antwort.
„Doch, ist so. Andreas ist morgen bestimmt auch noch da und Ferien haben wir auch noch. Außerdem… ist morgen nicht auch wieder euer Club?“
„Japp, ist er. Ich hoffe doch, du kommst auch, Fiona?“, schmachtet Andreas in die Augen meiner verknallten Freundin. Ach du jeh. Ich glaub, ich kenn jemanden, der heute Nacht wieder nicht schlafen kann.

Nach einer fürchterlich tragischen Abschiedszene – Mensch, man könnte denken, Andreas und Fiona würden sich niemals wieder sehen – verlassen wir auch das Haus und hocken uns in Salimas kleines Auto.
„Und? Wart ihr erfolgreich?“, schmunzelt meine Schwester uns an. Ein Blick in Fionas Gesicht genügt ihr jedoch und auf eine Antwort wartet sie nicht mehr.
„Er hat also deine Entschuldigung angenommen, ja?“, grinst sie in den Rückspiegel.
„Japp.“, antworte ich, da von Fiona in diesem Zustand wohl keine Antwort zu erwarten ist.

Die Straßen sind inzwischen schon recht leer geworden und die Lampen schalten sich eine nach der anderen ein.
„Soll ich dich zu dir nach Hause bringen, Fiona? Oder willst du heute Nacht wieder bei uns übernachten?“, fragt Salima.
„Och… Ich würde echt gern noch mal bei euch übernachten, wenn das geht…“, murmelt meine Freundin.
„Klar geht das. Ich habe auch schon die Extrasachen dafür aus dem Schrank geräumt. Raven ist zwar noch nicht wieder zu Hause, aber was soll’s.“, erklärt Salima.

Auf ein Mal erhellt ein gleißend blaues Licht die menschenleere Straße, auf der wir fahren und im nächsten Moment stürzt eine Straßenlaterne vor unserem Wagen auf die Fahrbahn.
„Hab ich dich also gefunden, Tiara?“, hallt eine wohlbekannte Stimme durch die Nacht.

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