Nun, es war wirklich kein leichtes Unterfangen geworden, Fiona hier
hin zu bekommen. „Hier“ bezeichnet genau den Platz, auf dem
ich vor einigen Wochen das erste Mal saß – das erste Mal,
dass ich Ren getroffen hatte.
Um genau zu sein, ich habe es nicht mal allein geschafft, Fiona bis zu
diesem Punkt zu bringen. Bis vor die Haustür hatte Salima mir geholfen,
ab da an konnte Fiona einfach nicht mehr wegrennen. Wie sähe das
denn aus?
Apropos Aussehen:
Die Bude hier ist noch immer die reinste Katastrophe. Die Kartons sind
zwar schon vom Boden weg, aber das heißt noch lange nicht, dass
es hier ordentlicher aussieht. In den Regalen herrscht noch immer Anarchie,
das Poster von ihnen hängt auf dem gleichen Platz wie vorher, der
Tisch in der Ecke – beim ersten Mal stand der noch nicht da, oder?
– ist auch voll gepackt… Ach du je. Meine Mutter würde
zu viel bekommen, wenn sie das sähe.
Zu Glück sieht sie es nicht.
„Andreas kommt gleich, der war noch im Bad.“ Mit diesen Worten
kommt Ren mitsamt eines beladenen Tabletts aus der Küche. Hm…
Lecker Schokoladenkekse.
Fiona meidet währenddessen jeglichen Sichtkontakt. Ich frage mich,
ob ich jetzt in Tiefschlaf fallen würde, wenn ich sie anfasste…
Aber ok, angeblich bin ich ja immun.
„Pst! Hey! Du darfst ruhig mal etwas anderes bestaunen, als den
Teppich!“, murmel ich ihr zu, aber sie knufft mich nur in die Seite
und starrt wortlos zur Wand.
Wenn die weiter so verkrampft dasitzt, hat die morgen bestimmt Muskelkater.
„Fiona, du musst jetzt wirklich nicht die ganze Zeit dahocken,
als hättest du einen Stock verschluckt. Andreas geht es bestens,
glaub mir.“, wendet nun auch Ren ein – wobei er mal wieder
sein umwerfend süßes Lächeln aufgesetzt hat.
„Verräterin.“, raunt mir meine Freundin zu.
„Hehehe…“ Tja, wer mich als Freundin hat, braucht keine
Feinde mehr. Aber ehrlich gesagt: Ich hab Ren nichts erzählt. Das
hat vermutlich Andreas getan.
„Ah, hier seid ihr also?“, fragt auch genau jener, an den
ich gedacht hatte, in genau diesem Moment.
Andreas steht im großen Torbogen, der nach draußen in den
kleinen Innenhof des Hauses führt – der mir irgendwie bisher
nicht aufgefallen ist. Von außen sieht das Haus doch so normal aus?
Aus seinen Haaren tropft noch immer Wasser, während er versucht,
sie sich mit einem Handtuch trocken zu rubbeln.
Hm… Ein kurzer Blick zur Seite lässt mich vermuten, dass es
keine ganz so gute Idee von Andreas war, sich nur mit einem Handtuch bekleidet
vor Fiona zu zeigen…
Obwohl die Gesichtszüge meiner Freundin komplett erstarrt sind und
ihr Blick wie hypnotisiert auf Andreas liegt, färbt sich ihr Kopf
langsam immer roter. Hm… Was ist wohl kräftiger, so von der
Farbe her… Eine Tomate oder Fiona?
„Hi, Fiona!“, begrüßt Andreas nun auch meine zur
Salzsäule erstarrte Freundin. Ren und ich grinsen uns gegenseitig
an, während wir Zucker in unseren Tee schaufeln.
„H-Hi, Andreas…“, bringt meine tomatige Freundin dann
auch endlich raus. Mensch, normalerweise redet sie jeden an die Wand und
nun ist sie sprachlos?
Aber ok, Andreas sieht wirklich verdammt gut aus.
Ren ist trotzdem besser.
„Ich geh mich eben umziehen, danach komm ich wieder. Haltet mir
den Tee warm!“, schmunzelt Andreas in Fionas Richtung und verschwindet
aus dem Türrahmen.
Das scheint auch Fionas Bann gebrochen zu haben, zumindest schüttelt
sie sich ein paar Mal und greift dann beherzt zu der Schüssel mit
Keksen.
„Du, Ren? Wo ist denn Sasha?“ Ich hab da zwar eine gewisse
Ahnung, aber Gewissheit ist besser als Vermutung.
„Na rate mal, Kleine. Sasha und Raven bekommt man kaum noch auseinander,
die sind wie aneinandergeklebt. Ich glaube, heute wollten sie ins Kino
und danach will er ihr wohl etwas über ein paar Gesetze der Zeit
beibiegen…“
„Na das wird sie ja freuen.“, murmel ich.
„Tja, irgendwie muss er sie ja bestrafen. Eigentlich würde
auf das, was sie angestellt hat, eine fast ewige Verdammung stehen, aber
es kann halt wirklich durchaus Vorteile haben, den Chef der Zeit als Freund
zu haben…“
Ja, da hat er Recht. Ich stelle meine Tasse ab und knuff Fiona in die
Seite.
„Na, wie findest du ihn so… unbekleidet?“, grinse ich
sie an.
„Tiara!“ Vorwurfsvoll funkelt sie mich an, wird aber zur gleichen
Zeit wieder Rot. Hehe…
„So, da bin ich wieder.“ Andreas erscheint aufs Neue im Türrahmen,
dieses Mal jedoch ist er komplett angezogen.
Ja ok, fast komplett.
Blaue Jeans, fliederfarbenes Hemd und barfuß. Das Hemd hat er nicht
zugeknöpft und daher kann man ihm direkt auf sein sehr beachtliches
Sixpack starren.
Mich beschleicht das dumme Gefühl, der macht das extra.
Ren weist ihm den Platz direkt gegenüber von Fiona zu. Was für
eine Überraschung…
„Fiona? Hallo? Bist du noch anders als physisch anwesend?“,
grinst Andreas in die Richtung meiner Freundin, die mal wieder einer Steinstatue
alle Ehre machen könnte.
„Ne, ich glaub nicht. Einen Moment.“, schmunzle ich ihm entgegen
und kitzle Fiona in die Seite.
„Uaaaa!“, schreit sie und fällt auch prompt vom Sofa
runter. Oh, man.
Andreas muss natürlich auch gleich ein Lachen unterdrücken und
selbst Ren gluckst schon vor sich hin. So dämlich wie Fiona habe
ja nicht mal ich mich angestellt, als ich das erste Mal hier war…
„Tiara, du bist blöd!“, grummelt mir meine Freundin entgegen,
während sie sich wieder auf das Sofa begibt.
„Ich weiß und ich steh dazu. Aber eigentlich wolltest du doch
nicht mit mir sprechen, sonder mit einem gewissen anderem anwesenden Jemand,
oder?“, grinse ich sie an.
„Kann ich mich nicht dran erinnern.“, grummelt sie.
„Ach, nicht? Na gut, ich kann dann ja wieder gehen.“, schmunzelt
Andreas in meine Richtung und steht auf.
„Nein! Nein!! So war das nicht gemeint! Entschuldigung!“,
sprudelt es aus Fiona da heraus. Aha, sie hat ihr Vokabular also wirklich
noch. Hatte mir schon Sorgen gemacht.
Andreas hockt sich genau wie Ren im Schneidersitz zurück auf den
Sessel, auf dem er saß und schmunzelt zu Fiona rüber.
Diese Atmet einige Male tief durch und sagt schließlich: „Es…
Es tut mir Leid…“
Nachdem Andreas etwas verwundert zu ihr hinüberschaut, fährt
sie fort, wobei sie den Blick stur auf den Boden gesenkt hält.
„Das kürzlich im Gewächshaus… Ich… Ich hätte
nicht einfach wegrennen sollen. Es tut mir Leid…“
„Ach, das war der Grund, warum ich dich die letzten Tage nicht gesehen
habe? Hehe… Hätt ich mir ja denken können.“, unterbricht
Andreas sie. Fiona beißt sich derweil auf die Lippe. „Fiona,
du brauchst dir wirklich keine Gedanken mehr deswegen machen. Um genau
zu sein: Es hat sich sogar ziemlich lustig angefühlt.“
Da schaut Fiona auf und ihn fragend an. „Hä?“
„Na… Sagen wir es mal so, ich kenn das Problemchen mit Giften.
Ich bin da inzwischen schon gegen Abgehärtet. Aber deines –
oder deine, ich weiß ja nicht, ob du mehrere hast – scheint
recht speziell zu sein. Ich meine… Ich kenn kein Gift, das einen
durchkitzelt. Wenn du magst, kann ich dir zeigen, wie du das besser in
den Griff bekommst?“
Schade, ich hätte meine Kamera mitnehmen sollen. Das Gesicht von
Fiona ist einfach zu gut… Man kann richtig sehen, wie es in ihrem
Kopf arbeitet.
Aber ok, hätte ich nicht schon seit gestern gewusst, dass Andreas
ein Meister im Giftmischen ist – und wohl auch selbst mal eine Schlange
irgendwo in der Familienchronik hatte – ich hätte wohl auch
so ausgesehen, wie Fiona jetzt. Gut, dass Ren mich vorgewarnt hat.
„Aber… Wie… Eh… Hä?“, bringt meine
Freundin dann auch nach einer längeren Pause heraus.
„Ach… Komm einfach mal eine Runde mit raus in den Innenhof.
Ich werde es dir da mal erklären und ich mag wohl wetten, dass dir
gerade mindestens ein dutzend Fragen auf der Seele brennen.“, schmunzelt
Andreas zu Fiona hinüber.
„Eh… Ok…?“ Mit diesen Worten erhebt sich meine
Platznachbarin von dem weichen Sofa und geht mit Andreas vor die Tür.
Ich glaube, mein Verkupplungsversuch wird sich spätestens heute Abend
auszahlen.
Nachdem die beiden Turteltauben die Tür hinter sich geschlossen
haben, brechen Ren und ich in Lachen aus.
„Oh, man. Ist Fiona immer so drauf? Ich hab sie anders in Erinnerung.“,
grinst Ren zu mir hinüber.
„Ne, eigentlich nicht. Aber ich glaub, es tat ihr wirklich Leid,
was sie angestellt hat und immerhin mussten Salima und ich sie heute ins
Auto tragen, um sie überhaupt aus dem Haus zu bekommen. Eigentlich
kann sie alles und jeden an die Wand reden, weißt du?“
„Ja, kann ich mir gut vorstellen. Wurdest du gestern Abend eigentlich
noch lange belagert, damit du erzählst, was du alles so erlebt hast?“
„Nein. Salima weiß ja schon alles, genauso Raven. Fiona war
zu sehr mit ihren eigenen Gedanken beschäftigt, ich denke mal, dass
ich es ihr später noch zumindest als Zusammenfassung geben muss.
Naja… Dann erzähl ich halt alles noch ein weiteres Mal. Langsam
kann ich das ja schon auf Knopfdruck.“
Ren hockt sich neben mich und legt seinen Arm um meine Schultern.
„Irgendwann müssen wir beide aber auch noch mal ohne die Truppe
weg, ok?“, flüstert er mir ins Ohr.
Ich nicke bloß und werde – wie könnte es auch anders
sein? – wieder mal rot.
Rot scheint heute die vorherrschende Farbe in diesem Raum zu sein…
„Übrigens… Hat Salima irgendetwas wegen Cassiopaya herausgefunden?
Du sagtest doch, dass sie vorhatte, mal Informationen zusammenzukramen.“,
fragt er da.
„Naja… Es sind sehr wenig Informationen. Sie weiß, dass
seit neustem zwei Energiequellen auf unserem Planeten rumgeistern, die
vorher nicht da waren. Die eine ist stärker, die andere schwächer.
Angeblich ist Cassiopaya diejenige, die die stärkere Quelle ist und,
laut Salima, soll dieses Mädchen, das wir an der Quelle getroffen
haben, auch zu den Energiequellen gehören. Ich bin leider nicht allzu
gut darin, solche Dinge zu spüren, aber ich denke, wir sind uns darin
einig, dass Cassiopaya durchaus nicht schwach ist.“
„Hm…“ Ren ist in Gedanken versunken.
„Was ist?“
„Weißt du… Ich habe etwas Merkwürdiges gespürt,
als wir auf Cassiopaya und dieses Mädchen trafen. Wie hieß
es noch gleich?“
„Cassandra?“
„Ah, ja, genau. Nun, Dämonen – zumindest ausgewachsene
– können spüren, wenn sich andere Dämonen in der
Nähe befinden und das war zumindest beim zweiten Mal der Fall. Vielleicht
ist Cassandra ja eine?“
„Kann sein…“
„Ich denke mal, dass das auch der Grund sein könnte, warum
sie von Cassiopaya attackiert wurde. Du und Cassandra seit beide wohl
noch sehr junge Dämonen, vielleicht dachte sie, dass ihr leichte
Beute seid?“
„Das würde zumindest erklären, warum sie dich nicht angegriffen
hat.“
Ich nicke bloß. Wenn das wirklich stimmt und Cassiopaya uns angreift,
weil wir noch „frische“ Dämonen sind, dann ist Cassandra
bestimmt auch noch in Gefahr… Aber bescheid geben kann ich ihr nicht,
ich kenn sie ja eigentlich gar nicht. So ein Mist aber auch…
Nach einer ganzen Weile kommen die beiden Turtelpärchen aus dem
Innenhof zurück – Händchen haltend. Warum nur wundert
mich das nicht?
„Na? Haben wir jetzt noch ein Pärchen, Fiona? Deine Prophezeiung
scheint sich ja erfüllt zu haben…“, grinse ich ihr entgegen.
Umpf!
Ich hab keine Ahnung woher es kam, aber auf einmal klebt ein Kissen in
meinem Gesicht. Och menno, Fiona, sei doch nicht so…
„Du, wir müssen nun auch wieder, so ungern ich euch beide
nun störe. Salima wartet draußen bestimmt schon. Gerade eben
habe ich es schon hupen gehört.“, schmunzle ich zu Fiona hinüber.
„Och, nööö…“, kommt auch prompt ihre
Antwort.
„Doch, ist so. Andreas ist morgen bestimmt auch noch da und Ferien
haben wir auch noch. Außerdem… ist morgen nicht auch wieder
euer Club?“
„Japp, ist er. Ich hoffe doch, du kommst auch, Fiona?“, schmachtet
Andreas in die Augen meiner verknallten Freundin. Ach du jeh. Ich glaub,
ich kenn jemanden, der heute Nacht wieder nicht schlafen kann.
Nach einer fürchterlich tragischen Abschiedszene – Mensch,
man könnte denken, Andreas und Fiona würden sich niemals wieder
sehen – verlassen wir auch das Haus und hocken uns in Salimas kleines
Auto.
„Und? Wart ihr erfolgreich?“, schmunzelt meine Schwester uns
an. Ein Blick in Fionas Gesicht genügt ihr jedoch und auf eine Antwort
wartet sie nicht mehr.
„Er hat also deine Entschuldigung angenommen, ja?“, grinst
sie in den Rückspiegel.
„Japp.“, antworte ich, da von Fiona in diesem Zustand wohl
keine Antwort zu erwarten ist.
Die Straßen sind inzwischen schon recht leer geworden und die Lampen
schalten sich eine nach der anderen ein.
„Soll ich dich zu dir nach Hause bringen, Fiona? Oder willst du
heute Nacht wieder bei uns übernachten?“, fragt Salima.
„Och… Ich würde echt gern noch mal bei euch übernachten,
wenn das geht…“, murmelt meine Freundin.
„Klar geht das. Ich habe auch schon die Extrasachen dafür aus
dem Schrank geräumt. Raven ist zwar noch nicht wieder zu Hause, aber
was soll’s.“, erklärt Salima.
Auf ein Mal erhellt ein gleißend blaues Licht die menschenleere
Straße, auf der wir fahren und im nächsten Moment stürzt
eine Straßenlaterne vor unserem Wagen auf die Fahrbahn.
„Hab ich dich also gefunden, Tiara?“, hallt eine wohlbekannte
Stimme durch die Nacht.
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