Kapitel 20

„Alle da?“, fragt Toshi, als wir uns früh am Morgen um den Bus scharen.
„Nö, Irie fehlt noch!“, ruft Kiro von weiter hinten. Täusch ich mich, oder wird der jetzt schon grün im Gesicht? Wir sind doch noch nicht ein Mal im Bus drin!
„Irie…“, murmelt Toshi. „Warum überrascht mich das jetzt nicht?“

„Hast du alles, Tiara?“, fragt Ren mich von der Seite, während ich versuche, meinen Koffer in den Bus zu wuchten. Toller Freund: Der bietet mir ja noch nicht einmal an, mein Gepäck zu verstauen.
„Japp, aber du könntest mir ruhig mal zur Hand gehen!“, bringe ich hervor und stelle meinen Koffer wieder vor mir ab. Es kommt mir so vor, als wäre mein Koffer mindestens drei Mal so dick, wie auf der Hinfahrt, wie kommt das bloß?
„Och… Dabei dachte ich, du würdest schon stärker geworden sein, seit gestern…“, flüstert er mir ins Ohr.
Schade: Wenn ich ihn jetzt kneife, hilft er mir wohl erst Recht nicht mehr… Dabei würde er es verdienen!

Kurz darauf ist mein Koffer auch in dem Gepäckraum verstaut und mein Freund und ich gehen wieder zu den anderen hinüber.
„Hey! Ich habe gehört, Irie soll heute Nacht gar nicht erst nach Hause gekommen sein!“, verkündet Seron in einer kleineren Gruppe.
„Was? Na hoffentlich ist ihm nicht passiert!“, kommentiert Teru.
„Ach was. Irie ist unkaputtbar, glaub mir. Außerdem: Ich habe ihn vorhin auf dem Handy angerufen, er hat versprochen, sofort herzukommen.“, beruhigt Seron ihn.
„Wo war der überhaupt?“, schaltet sich nun auch Kiro ein.
„Na so wie ich den kenne, war er die ganze Nacht in einer Bar… Oder wo auch immer man unten im Dorf etwas trinken kann.“, ergänzt Toshi, der sich nun auch zu der kleinen Gruppe dazugestellt hat.

„Toshi?“, kommt die Frage von Ren.
„Hm? Was denn, Ren?“
„Hattest du nicht gesagt, wer zu spät kommt, ist selbst schuld?“, grinst mein Freund fies zu unserem Teamchef hinüber.
Dieser grinst zurück: „Ja, aber leider kann ich einen unserer besten Spieler nicht einfach so hier mitten im Nirgendwo zurücklassen.“
Manchmal ist Ren wirklich gemein…

„HEY! Leute!“, schnaufend kommt Irie vor uns zum Stehen.
„Tut mir wirklich total Leid! Ich – äh – Ich war so sehr in mein Training vertieft, dass…“, setzt er erneut an.
„Irie, deine Sachen sind schon im Bus, du darfst dich nun bei Tiara bedanken.“, funkelt Toshi ihn mit gespielter Boshaftigkeit an.
Sein Koffer war erschreckender Weise sogar um einiges leichter, als mein eigener. Wie macht der das?
„Tiara? Echt? Wie hast du das hinbekommen, das Teil wiegt doch eine Tonne, oder?“ Mit diesen Worten lässt Irie sich auf sein Hinterteil plumpsen und atmet einige Male tief durch. Er ist nicht wirklich den ganzen Weg vom Dorf hier hinauf gerannt, oder?
“Ich kann euch sagen, der Weg von unten hier hoch ist ganz schön steil… Hat mich eine knappe Stunde gekostet, hier anzukommen!“, bringt Irie hervor.
Ach du je. Armer Irie.
Aber…
Ok, eigentlich hat er es nicht anders verdient.

„Leute, ich habe uns soeben bei der Familie des Hauses verabschiedet, die Räume sind – oh Wunder – wirklich in tadellosem Zustand und wir können daher sofort losfahren. Also: Alle man rein mit euch in den Bus!“, kommandiert Toshi.

Inzwischen sind wir schon wieder eine volle Stunde unterwegs. Die Strecke ist zwar wirklich schön, aber langsam habe ich auch nichts mehr dagegen, endlich mal wieder in bewohnte Gebiete zu kommen.
Die Jungs haben die Anlage hinten angeschmissen und nun beschallen sie den ganzen Bus mit Metal. Na toll, ich wollte eigentlich schlafen… Der gestrige Tag hat mehr Energie gekostet, als ich gedacht habe.
Nachdenklich schaue ich meine Hand an.
Wie kam es gestern dazu, dass sie einfach so zu so einer Klaue wurde? Ich meine… Ich hab nichts gesagt und auch sonst keine bestimmten Bewegungen gemacht, wie man das sonst immer in diversen Anime sieht.
Cassiopaya. Hmmm… Sie kann schweben und Energieblitze und Energiebälle schleudern. Wenn sie mich „eine Neue“ nannte, vielleicht meinte sie ja, dass ich zu einem neuen Dämon werde? Das wäre zumindest einleuchtend.
Aber warum hat sie dann Cassandra attackiert?
Ich kann mir kaum vorstellen, dass sie es aus dem gleichen Grund getan hat, wie bei mir.
Aber was ist denn überhaupt ihr Grund?
Naja… Wenn ich erst einmal wieder in Tokyo bin, werde ich sie wohl sowieso nicht mehr wieder sehen.
Hoffe ich zumindest…
Aber wie sollte sie mich denn dort finden? Das ist eine Metropole, das geht gar nicht.

„Na? Ganz in Gedanken?“, stupst Ren mich von der Seite an.
„Hm?“ Für einen kurzen Moment bin ich durcheinander.
„Na… Du schaust so nachdenklich aus dem Fenster, tippst mit deinem Zeigefinger dauernd an die Scheibe und alle paar Minuten seufzt du.“
„Oh…“
„An was hast du gedacht?“, fragt er nach einer kurzen Pause.
„Gestern. Cassiopaya.“, sind meine Antworten.
„Dachte ich mir. Denkst du darüber nach, wie wahrscheinlich es ist, dass sie dich aufspürt?“
Ich nicke bloß. Langsam macht mir die Sache Bauchweh.
„Hey…“ Er legt seinen Arm um meine Schultern und zieht mich – so gut es geht – an sich heran.
„Mach dir keine Sorgen. Tokyo ist eine Metropole! Wie soll sie dich denn da finden?“
„Genau das habe ich mich auch gefragt… Aber… Was, wenn doch?“ Ich schaue ihm in die Augen.
„Hm.“
„Ren?“, frage ich.
„Was denn?“
„Zeigst du mir in den nächsten Tagen, wie ich das gestern gemacht habe…?“ Meine Frage kommt zögerlicher, als ich dachte. Irgendwie… Ein wenig Angst habe ich wirklich – vor Cassiopaya und auch vor mir selbst.
Ren ist eine Weile still und schaut ernst aus dem Fenster.
„Ok. Ich denke… Je früher du es lernst, desto besser. Aber ganz ungefährlich ist es nicht.“, meint er dann.
„Danke.“

Eine ganze Weile sitzen wir einfach knuddelnd nebeneinander, dann plötzlich klingelt mein Handy.
„Tiara! Hi!“, schallt es aus dem kleinen, technischen Ding.
„Hallo Salima! Was gibt’s so dringendes, dass es nicht bis heute Abend warten kann?“, antworte ich. Salima bringt mich wieder auf bessere Gedanken, das ist gut.
„Nun… Eigentlich bloß die Tatsache, dass ich dich über gestern Abend ausfragen wollte, aber so wie es sich anhört sitzt du schon wieder im Bus. Dann ist es wohl reichlich unpassend, dass ich frage.“
„Japp, du sagst es. Und den gestrigen Abend muss ich selbst auch erst noch verdauen.“
„Oh. Hm… Nun, ok, dann halte ich mich kurz und bringe dich ein Wenig auf den neusten Stand der Dinge: Gestern konnte ich in deiner Umgebung wieder die beiden Energiequellen spüren, von denen ich dir erzählt habe. Wohlgemerkt: Beide. Dass Cassiopaya – oder wie sie noch gleich hieß – die eine ist, ist ja nun bekannt. Aber kannst du mir sagen, wer die zweite ist?“, sprudelt es aus meiner Schwester heraus.
„Ähm… Ich weiß nicht, ob das Mädchen, das ich meine, das ist, was du suchst, aber wenn ja, dann heißt sie Cassandra.“
„Cassandra… Hm… Ok, danke. Dann mal zu etwas Anderem: Bist du, was Raven angeht, auf dem neusten Stand?“
“Ja, bin ich. Sie ruft dauernd an und schwärmt mir von Sasha vor.“
Neben mir sehe ich, wie Ren sich grinsend zurücklehnt.
„Ach, dir auch? Selbst ich werde hier nicht verschont…“
„Aber sag mal, Salima: Hast du auch mal etwas von Fiona gehört? Die hat sich kein einziges Mal bei mir gemeldet!“ Was für eine Freundin.
„Fiona? Hm… Ne, also ich habe sie selbst auch nicht gesehen… Raven jedoch erzählt, dass sie in irgend so einen Ferienclub der Schule gegangen ist und – aber nagle mich nicht drauf fest – Andreas soll wohl auch da sein.“
“Ah. Ok, dann wundert es mir gar nicht mehr.“
„Trotzdem könnte sie mal ein Lebenszeichen von sich geben, oder? Ich mein…“
“Ach, ist schon gut, Salima. Ich kenne Fiona, die denkt vermutlich an gar nichts Anderes mehr.“
„Na wenn du meinst…? Du, ich muss nun wieder Schluss machen! Ich habe einen Kuchen im Ofen und der droht gerade, zu verbrennen! Verdammt!“
Ich komme gar nicht mehr, ihr Tschüss zu sagen. Noch bevor ich den Mund aufbekomme, tutet mir das Telefon schon entgegen.
Aber…
Salima macht Kuchen? Oh, je. Wäre ich mal einen Tag länger im Lager geblieben… Das letzte Mal hatte ich eine halbe Woche Bauchweh, weil der Kuchen so schlimm war…
„Und? Was sagt sie?“, fragt mein neugieriger Freund von der Seite.
„Och… Diverses. Raven nervt sie auch schon die ganze Zeit mit Sasha hier und Sasha da… Fiona ist da genau das Gegenteil: Die sagt gar nichts. Ist vermutlich beim Anblick von Andreas zu Stein geworden oder hat verlernt, zu reden.“
“Ach. So wie du damals, als wir uns das erste Mal getroffen habe, wie?“, grinst er mich fies von rechts an.
„Nein, das war etwas – äh…. – etwas ganz Anderes.“
„Ja, ja…“ Wieder knuddelt er mich und setzt mir einen Kuss auf die Wange.
„Du warst mir damals schon auf Anhieb sympathisch.“, flüstert er mir ins Ohr.
Ich knuffel ihm in die Seite, aber dem macht das gar nichts aus. Naja… Ich werde mich schon noch irgendwann mal rächen.

Wieder klingelt mein Handy. Ich glaub langsam, Salima und Raven sprechen sich ab, wer wann anruft.
„Hi, Raven!“, begrüße ich meine Freundin.
„TIARA!! Oh, wenn ich könnte, würde ich dir um den Hals fallen!“, kommt die überschwängliche erste Nachricht von Raven zurück. Aua, ich glaub, ich bin taub – muss die so schreien?
„Raven? Was denn los?“
„Oh, Tiara! Du wirst es nicht glauben! Halt dich mal irgendwo fest!“, jubelt sie durch den Hörer.
Festhalten? Ok…
„Also. Ich war heute wieder im Club, und…“
“Raven, das bist du dauernd.“
„Ja, ja, aber lass mich ausreden!“
“Ok.“
„Also. Sasha war da.“
Welch eine Überraschung.
“Und?“, frage ich, als ihre Pause zu lange dauert.
„Nun… Wir haben so ein wenig geredet… Über magische Zeichen, Zeit, und einige andere Dinge.“
“Aha.“
“Aha. Mensch, sei doch mal etwas mehr begeisterungswürdig!“
„Werde ich sein, sobald du mir eine Neuigkeit erzählst.“, antworte ich ihr staubtrocken.
Von der anderen Seite höre ich ein Seufzen. „Ist ja gut. Also. In der Pause sind Sasha und ich zusammen auf den Hof gegangen – machen wir ja immer. Aber! Sasha hat mich gefragt, warum ich nicht auch eine Zeithüterin werden will. Na dem habe ich was erzählt. Zeithüter sein ist doch doof, dann kann man doch gar nicht mehr all diese tollen Sachen machen, die ich sonst mache!“
„Ach, du meinst diese lustigen Sachen, für die dich deine Mutter bei Cronos verpetzt hat?“, schmunzle ich in mein Handy.
„Och, Tiara! Du bist doof! Ich erzähl gleich nicht mehr weiter!“, droht sie mir an.
„Hab dich nicht so. Mach schon weiter, ich halte mich die ganze Zeit an Ren fest und warte auf einen Grund dafür.“ Ren braucht wohl keinen, der scheint das zu genießen.
„Na, ok. Also: Ich habe Sasha natürlich erzählt, was ich davon halte und meinte auch, dass ich niemals einem wie Cronos dienen könnte. Um genau zu sagen, habe ich ihm ein „Ich kann doch keinem alten, blöden Tattergreis dienen, der junge Mädchen wie mich in eine staubige Bücherei zum Schriften abschreiben einsperren will, dienen!“ entgegengeschmissen.“
„Na hoffentlich ist der nicht auch so wie deine Ma und verpetzt dich dafür…“
„Habe ich da auch gehofft. Zumindest war er dann für den Rest der Pause schachmatt gesetzt, der rollte sich schon auf dem Boden vor Lachen. Man, kam ich mir bescheuert vor. Die komplette nächste Stunde hat er mich nur noch schief von der Seite angeschaut und ist dabei jedes Mal beinahe erneut in prustendes Gelächter ausgebrochen. Und dann, vorhin in unserer Mittagspause, ist es dann passiert!“
Ich hasse diese Pausen. Nur weil ich sie damit ärgere, braucht sie mich doch nicht auch damit ärgern?
„Nun sag schon, was ist passiert, Raven?“, frage ich. Gleich platz ich vor Neugierde.
„Er hat mich gefragt!“
„Er hat dich gefragt?“
“Er hat mich gefragt!!“
„Was hat er dich gefragt?“ Doch wohl nicht das, was ich denke, was er gefragt hat?
„TIARA! Er hat mich gefragt, ob ich seine Freundin sein will!“
Schweigen auf beiden Seiten. Das scheint selbst Ren noch durch den Hörer gehört zu haben, denn er schaut mich grinsend an.
„Freundin. Du. Sashas. Aber… Hä?“, breche ich das Schweigen.
„Ja, wirklich! Sasha und ich sind zusammen! Und noch eine Sache. Aber dafür musst du dich jetzt wirklich ganz doll festhalten – ich hatte es nicht getan und bin prompt umgekippt.“
Ich drücke Ren noch ein wenig fester und er schaut fragend zu mir herunter.
„Also?“, frage ich.
„Ich weiß jetzt, warum Sasha die Zeichen so gut kann.“
Schon wieder eine Pause.
„Und?!“, brülle ich beinahe durchs Telefon.

„Sasha ist Cronos.“
„WAS?!“

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