Kapitel 19

Die letzten Tage waren das, was man wohl am ehesten als „ereignislos“ beschreiben kann. Gestern hörten meine Bauchschmerzen endlich wieder auf, mitgemacht habe ich aber trotzdem schon die beiden letzten Tage. Die Wärmflasche von den Jungs hat wirklich Wunder gewirkt.

Heute ist also Sonntag und somit der letzte Tag unseres Ausfluges. Bisher ist – abgesehen von Cassiopaya und meinen Bauchschmerzen – kaum etwas Besonderes vorgefallen. Ok, Raven ruft dauernd an und schwärmt mir von Sasha vor und ich denke, es wird nicht mehr allzu lange dauern, bis die beiden zusammen sind, aber das ist ja nichts, was mit der Fahrt zu tun hat.

Das allmorgendliche Lauftraining haben wir nun auch bereits hinter uns und inzwischen sitzen wir am Mittagstisch. Ich muss die Hausherrin unbedingt nach diesem Rezept fragen, so eine leckere Nudelsuppe hatte ich ja noch nie!

„Und dir geht es wirklich immer noch gut, Tiara?“, holt mich Teru aus meinen Gedanken.
„Ja, geht es immer noch. Glaub es mir doch einfach mal, Teru.“ Das ist bestimmt schon das zwanzigste Mal in zwei Tagen, dass er mich das fragt. Langsam nervt es.
„Ok, ok! Ich sag ja schon gar nichts mehr…“, murmelt er.
Ist der jetzt beleidigt?
„Ist ja gut, Teru, aber du brauchst dir wirklich keine Sorgen um mich zu machen. Würde es mir schlecht gehen, säße ich ganz bestimmt nicht hier und würde eine Suppe nach der nächsten verdrücken.“
Teru schmunzelt zu mir herüber. „In Ordnung…“

„So, hört mal alle bitte zu!“, meldet sich Toshi zu Wort.
Abgesehen von einigen wenigen Leuten reden aber trotzdem alle lustig weiter und beachten unseren Teamchef nicht weiter. Manchmal kann Toshi einem wirklich Leid tun.
„Hergehört!“ Ok, nun hat er wirklich die Aufmerksamkeit, aber muss der so schreien?
„Also. Wie ihr ja wisst, ist heute unser letzter Tag. Ihr habt euch die vorherigen Tage besser geschlagen, als ich dachte und auch heute morgen habt ihr gezeigt, dass ihr eindeutig mehr Kondition mit nach Hause nehmt, als ihr hier hin mitgenommen habt.“
Mit einem Trommelwirbel unserer Hände auf dem Tisch geben wir uns selbst den verdienten Applaus.
„Nun, da ihr euch ja wirklich angestrengt habt und wir unser Trainingspensum schneller geschafft haben, als ich dachte, habt ihr den ganzen Nachmittag frei. Denkt aber daran: Morgen früh um sieben geht es wieder Richtung Heimat, also seit dann bitte auch wirklich hier am Bus. Wir werden euch nicht aus irgendwelchen Bars unten aus dem Dorf holen gehen – verpasst ihr den Bus, seid ihr halt selbst schuld.“

Nachdem das allgemeine Gejubel verebbt ist – und die meisten sofort rausgestürmt sind, kommt Ren auf mich zu und knuddelt mich.
„Hi, Kleine! Hast du vielleicht noch mal Lust, mit rauszukommen? Du wolltest doch unbedingt noch irgendwann mal zu dieser tollen Quelle!“
„Hm…“ Also eigentlich sind mir nach unserem letzten Ausflug die Bedenken stark angewachsen, ob das so gut ist, wenn wir allein rausgehen, aber das muss Ren ja nicht unbedingt wissen. Und mit der Quelle hat er durchaus Recht. „Ja, ok! Ich geh noch eben meinen Rucksack packen, dann kann es losgehen!“
„In Ordnung. Ich warte schon Mal draußen.“, lächelt Ren mich an.

Wenige Minuten später stehe ich auch schon wieder neben ihm. Die Trainingsklamotten sind gegen meine normalen Sachen eingetauscht – Kurzer Rock und genauso kurzes T-Shirt. Die Mittagssonne ist ziemlich stark und es ist fürchterlich warm.
Hm… Da beschleicht mich das Gefühl, dass die Wärme der Grund ist, warum Toshi uns hat gehen lassen… Aber egal.

„Kommst du?“, fragt Ren, der schon einige Meter weitergegangen ist.
„Ja!“ Die Karte mit der eingezeichneten Stelle ist bereits herausgekramt und die Richtung finden wir auch schnell.
„Meinst du, dieses Mal geht es gut? Ich meine… Ich hab ehrlich gesagt keine Lust, diese Cassiopaya noch mal wieder zu sehen…“
„Hm. Ich weiß nicht, ob wir ihr wieder in die Arme rennen, aber dieses Mal hat sie bestimmt keinen Überraschungsvorteil mehr, da werde ich für aufpassen.“
Na ob das so einfach sein wird? Ich meine: Das letzte Mal hatten wir beide keine Ahnung, wo ihre Stimme eigentlich herkam und um ehrlich zu sein: Ich weiß es immer noch nicht.

„AH! Hilfe!“, schallt es in genau dem Moment aus der Richtung des Wasserfalls.
Ren und ich schauen uns kurz an und setzen zum Sprint an. Das hörte sich eindeutig nicht gut an und –
War das da eben das Geräusch von berstenden Steinen?
„Tja, du kleiner Rotschopf, hier draußen hört man dich nicht! So ein Pech aber auch…“ Huch? Das ist doch Cassiopayas Stimme?
Verdammter Mist!
Noch einige Meter trennen uns von der Stelle des Wassers und wieder wird dieser Krach von gesprengten Steinen laut. Neben uns ist in den Wald eine Schneise mit verbrannten Bäumen – wohl das Werk von Cassiopaya.
„Tiara! Bleib besser in Deckung!“, ruft mir Ren zu, doch irgendwas… Irgendwas in mir will, dass ich weiterlaufe. Brrr… Kommt mir das nur so vor, oder wird es kälter? Selbst meine Nackenhärchen haben sich schon aufgestellt.

Zwei Schritte trennen uns noch vom Wasser und gerade, als wir durch das dichte Geäst durchbrechen, schaut Cassiopaya zu mir herüber.
„Oh? Welch Überraschung? Tiara auch hier? Na das wird ja langsam richtig spaßig!“, grinst Cassiopaya mich an. Merkwürdig – warum registriert sie Ren nie?
„Na warte!“, kommt es da von meinem Freund und schon stürzt er sich auf sie. Ja ist der denn wahnsinnig?!
„Hilfe!“, höre ich da von weiter oben. Aber da –
Ein Mädchen hängt an dem steinernen Vorsprung, von dem der Wasserfall nach unten rauscht. Nun… es mag nicht sehr hoch sein, aber brechen kann man sich allemal etwas dabei, wenn man runter fällt – und das wäre schlecht, wenn Cassiopaya dann noch hier ist.
Mit ein, zwei Sprüngen bin ich bei ihr oben – ja, das Training hat einiges gebracht – und versuche, sie an der Hand nach oben zu ziehen.
„Ok, hilf mal mit!“, weise ich sie an und das Mädchen stützt sich mit der freien Hand an der von der Wand nach oben ab.

„Na warte! Du mischst dich hier nicht ein!“, höre ich da Cassiopayas Stimme von weiter oben. Eh… Die schwebt ja? Gerade war die doch noch auf dem Boden? Und Ren? Wo ist er?!
„Warten? Ich? Das hättest du wohl gerne!“, kommt Rens Stimme von weiter rechts. Aber… Der schwebt ja auch? Bitte wie machen die das?!

„Danke…“, murmelt das Mädchen, das nun vor mir sitzt.
„Danken kannst du mir später, komm mit!“ Mit diesen Worten ziehe ich sie vom Boden hoch und sprinte mit ihr in das nahe gelegene Dickicht. Gerade noch rechtzeitig: Direkt hinter uns schlägt eine von Cassiopayas Energiekugeln auf dem Boden auf und lässt die Felsen mit dem Wasserfall zusammen in die Tiefe stürzen.
„Wie heißt du und warum ist diese Cassiopaya hinter dir her?“, frage ich das Mädchen, als wir bei den Bäumen angekommen sind. Hoffentlich kann Ren sie irgendwie von hier verschwinden lassen…
„Mein Name ist… Ist Cassandra. Leider kann ich dir keine Antwort darauf geben, warum mich diese junge Frau da angegriffen hat, sie war auf einmal einfach da, als ich hier am Wasserfall war. Sie hat mich einfach angegriffen… Dass sie Cassiopaya heißt, ist mir allerdings neu, mir hat sie ihren Namen nicht verraten.“

„Aaah!“, ertönt da ein Schrei von oben. Das war doch eindeutig Cassiopaya?
Auf ein Mal wird das Waldstück wieder von bläulichem Licht beschienen, kurz darauf hört man wieder Steine bersten.
Ren… Pass auf dich auf.

Wieder sträuben sich meine Nackenhärchen. Aber – wird mein Arm wirklich gerade heiß? Vorsichtig lege ich meine Hand auf meinen Arm, auf dem vor einiger Zeit noch meine Umwandlung zu sehen war. Tatsache, der ist ja ganz warm…?

Wieder erleuchtet ein blauer Blitz die Gegend, aber Ren kann noch gerade eben ausweichen. Mist, das sieht nicht gut aus…

Auf ein Mal stürzt Ren sich auf sie, doch kann sie noch schnell zur Seite ausweichen.
„Cassandra? Du bleibst hier, hast du mich verstanden?“, frage ich das Mädchen, ohne es anzusehen.
Aus dem Augenwinkel kann ich noch ein Nicken erkennen, dann drehe ich mich um und gehe aus dem Dickicht heraus. Ich muss irgendetwas machen… Aber was?

„Ren, ich hab gesagt, du sollst dich nicht einmischen!“ Wieder feuert sie einen Energieball auf meinen Freund ab.
Na warte…

Auf einmal fängt die Luft um mich herum an, zu flirren und kleine Steinchen auf dem Boden scheinen zu zittern. Ich habe keine Ahnung, was hier jetzt abläuft, aber solange es sich gegen Cassiopaya richtet, soll es mir Recht sein.
Wieder wird mein Arm heiß – allerdings dieses Mal wirklich kochend heiß. Mit Mühe unterdrücke ich einen Schmerzensschrei, doch da hört es bereits wieder auf. Mit meiner freien Hand fasse ich mir an den Ellenbogen, denn plötzlich zieht es dort.
Was ist denn jetzt los…?
Mein Blick trübt sich für einige Herzschläge und als ich wieder klar sehe, halte ich nicht mehr bloß meinen Arm, sondern eine Klaue.
Eine große, kräftige Klaue.
So eine, wie Ren sie mir zeigte.
Instinktiv geht meine Hand zu meiner Kette. Ja, sie ist noch da. Aber wieso ist es dann sichtbar…?

„Stirb!“, ruft Cassiopaya, die sich noch immer mit Ren auseinandersetzt.
Eine große Energiekugel formt sich in ihren Händen.
Nein.
Das lasse ich nicht zu.

Mit aller Kraft stoße ich mich vom Boden ab, hole hinter Cassiopaya mit meiner Klaue zum schlag aus und –

Das nächste, an das ich mich erinnern kann ist, wie Cassiopaya vom Himmel fällt.
Mein Blick streift die Krallen meiner Pranke. Blut schimmert an ihnen.

Von unten kann man hören, wie Cassiopaya auf dem Boden aufschlägt.

Langsam erhebt sie sich wieder vom Grund. Von ihrem Rücken läuft Blut in dünnen Bahnen ihre Beine hinab.
Merkwürdig… Müsste ich jetzt nicht eigentlich etwas fühlen? Angst? Mitleid? Irgend etwas in der Richtung?
Warum ist da so eine… Leere, wenn ich sie ansehe?

„Tiara… Das wirst du nicht noch ein Mal machen… Das schwöre ich dir…“ Obwohl Cassiopayas Worte nicht mehr als ein Flüstern gewesen sein können, verstehe ich sie genau.
Ein weiteres Mal wird es hell und ein bläulicher Blitz erscheint, doch dieses Mal hört man keinen Aufschlag.
Im nächsten Moment ist Cassiopaya verschwunden.

Noch eine Weile schwebe ich wie paralysiert in der Luft und starre auf den Punkt, wo Cassiopaya gestanden hat.
Dann erst rückt es mit aller Wucht in meine Aufmerksamkeit:
Ich schwebe!
Ich schwebe ja wirklich!
Hätte ich jetzt Boden unter den Füßen, würde ich wohl einen Luftsprung machen, aber so mitten im Nirgendwo gestaltet sich das als äußerst schwierig.

Von hinten spüre ich, wie Ren auf mich zukommt und einen Augenblick später schlingt er seine Arme um meine Tallie.
Naja, Arme ist hier wohl das falsche Wort, das sind genau solche Klauen, wie ich nun auch eine zu haben scheine.
„Ich wusste ja gar nicht, dass du das schon kannst, Kleine!“, flüstert er mir ins Ohr.
„Ehm… Ja… Also ich hab das auch nicht gewusst, um ehrlich zu sein.“, antworte ich wahrheitsgemäß.
Er gluckst und versucht, ein Lachen zu verkneifen. Tja, ich merk alles, wenn er so dicht an mir dran ist – was sich übrigens gar nicht schlecht anfühlt.
„Habe ich mir schon gedacht. Aber sag mal… Wie hat es sich angefühlt?“, fragt er.
„Was meinst du?“
“Das da.“, sagt er und weist auf meine Klaue.
„Schrecklich… Aber irgendwie – naja, ich weiß nicht. Hat sich – so im Nachhinein betrachtet – eigentlich nicht ein Mal so schlimm angefühlt, wenn ich mal das Brennen im Arm auslasse. Das war wirklich schlimm.“
Er nickt bloß, drückt mich noch einmal und fragt: „Sollen wir wieder auf den Boden zurück?“
„Och, öhm… Meinst, ich schaff das noch mal? Schweben fühlt sich irgendwie ziemlich krass an.“
„Ich bin mir sicher, dass du das noch ein Mal schaffst.“, versichert er mir.

Wenige Sekunden später habe ich wieder Boden unter den Füßen. Schade eigentlich, aber da fällt mir ein…
„Cassandra!“, entfährt es mir und ich renne in die Büsche hinein. Hoffentlich ist die auch wirklich da geblieben.
Mitten im Sprint bemerke ich jedoch, dass mein Arm immer noch die Klaue ist und so bremse ich mich doch noch.
„Ehm… Ren?“
„Ja?“
“Wie bekomme ich die wieder weg?“
Er grinst fies zu mir herüber.
„Och…“
Aber als ich da zu meinem Arm schaue, sieht sie bereits wieder normal aus.
Wieder schaue ich zu Ren hinüber, der ziemlich viel Kraft aufwenden muss, um nicht in Lachen auszubrechen. Na Dankeschön. Und später erklärst du mir, wie das geht.

Im Gebüsch angekommen, hockt Cassandra wirklich noch da, wo ich sie sitzen gelassen habe.
„Ist sie weg?“, fragt das Mädchen.
„Ja. Ich hoffe, dass sie auch weg bleibt, das kannst du mir glauben.“
„Ok....“
Ich helfe ihr wieder auf die Beine und wir gehen zusammen auf den felsigen Vorsprung. Ich hoffe, dass Ren seine Pranken auch schon wieder zu normalen Armen mit normalen Händen gemacht hat. Ich habe keine Ahnung, wie Cassandra reagieren würde, wenn sie meinen Freund so sähe.

Aber glücklicherweise erfüllt sich meine Hoffnung und Ren steht in vollkommen menschlicher Gestalt vor uns.
„Geht’s dir gut?“, fragt er an Cassandra gerichtet.
Sie nickt. „Danke. Ich denke, ohne euch wäre ich ziemlich… schlecht dran gewesen.“
Ren nickt.
„Nun… Ich muss wieder los, ich habe noch etwas zu erledigen…Danke noch mal.“ Cassandra verbeugt sich und ist kurz darauf schon von dem Vorsprung gesprungen und in den Wald gerannt.

Ren und ich schauen uns fragend an.
„Was hat sie eigentlich hier gewollt?“, fällt mir ein.
„Keine Ahnung. Und jetzt ist es wohl auch zu spät, sie zu fragen.“, antwortet er.
Eine kurze Pause entsteht.
„Sie hatte aber durchaus sehr schöne, blaue Augen.“, schmunzelt Ren in die Richtung, in der Cassandra verschwunden ist.
Meine Antwort besteht aus einem Tritt gegen das Schienbein.
„Aua! Hey, was sollte das?“, fragt er vollkommen unschuldig.
Ich schaue ihn aus funkelnden Augen an.
„Ach komm schon.“ Mit einem Satz ist er bei mir und schließt mich wieder in seine Arme.
„Nichts geht über dich hinüber, meine Kleine.“, flüstert er mir ins Ohr und kurz darauf gibt er mir einen langen Kuss.
Jaja, jetzt willst das wieder gutmachen, wie?
Aber ok… Überredet.
Einen weiteren langen Kuss später, stehen wir noch immer knuddelnderweise auf dem Felsvorsprung.

„Heute war doch gar kein so übler Tag, oder?“, grinst mein Freund mich an.
Oh, wie gern würde ich ihn jetzt in ein Becken mit Eiswasser schuppsen. Aber ok, dann lasse ich es halt dabei, ihn von hinten kräftig durchzukitzeln.
„Sei nicht so übermütig, Freundchen.“, murmel ich ihm zu, danach springe auch ich von dem Vorsprung in die Tiefe.

“Na komm schon! Ich muss noch meine Sachen packen und ich will nicht wieder so spät abends ankommen! Die Sonne ist immerhin schon so gut wie untergegangen!“, rufe ich die steile Felswand hinauf.
Kurze Zeit später springt auch Ren von oben herab und wir machen uns auf den Rückweg zum Haus.

Vorheriges Kapitel Zurück zur Bibliothek Nächstes Kapitel