Die letzten Tage waren das, was man wohl am ehesten als „ereignislos“
beschreiben kann. Gestern hörten meine Bauchschmerzen endlich wieder
auf, mitgemacht habe ich aber trotzdem schon die beiden letzten Tage.
Die Wärmflasche von den Jungs hat wirklich Wunder gewirkt.
Heute ist also Sonntag und somit der letzte Tag unseres Ausfluges. Bisher
ist – abgesehen von Cassiopaya und meinen Bauchschmerzen –
kaum etwas Besonderes vorgefallen. Ok, Raven ruft dauernd an und schwärmt
mir von Sasha vor und ich denke, es wird nicht mehr allzu lange dauern,
bis die beiden zusammen sind, aber das ist ja nichts, was mit der Fahrt
zu tun hat.
Das allmorgendliche Lauftraining haben wir nun auch bereits hinter uns
und inzwischen sitzen wir am Mittagstisch. Ich muss die Hausherrin unbedingt
nach diesem Rezept fragen, so eine leckere Nudelsuppe hatte ich ja noch
nie!
„Und dir geht es wirklich immer noch gut, Tiara?“, holt mich
Teru aus meinen Gedanken.
„Ja, geht es immer noch. Glaub es mir doch einfach mal, Teru.“
Das ist bestimmt schon das zwanzigste Mal in zwei Tagen, dass er mich
das fragt. Langsam nervt es.
„Ok, ok! Ich sag ja schon gar nichts mehr…“, murmelt
er.
Ist der jetzt beleidigt?
„Ist ja gut, Teru, aber du brauchst dir wirklich keine Sorgen um
mich zu machen. Würde es mir schlecht gehen, säße ich
ganz bestimmt nicht hier und würde eine Suppe nach der nächsten
verdrücken.“
Teru schmunzelt zu mir herüber. „In Ordnung…“
„So, hört mal alle bitte zu!“, meldet sich Toshi zu
Wort.
Abgesehen von einigen wenigen Leuten reden aber trotzdem alle lustig weiter
und beachten unseren Teamchef nicht weiter. Manchmal kann Toshi einem
wirklich Leid tun.
„Hergehört!“ Ok, nun hat er wirklich die Aufmerksamkeit,
aber muss der so schreien?
„Also. Wie ihr ja wisst, ist heute unser letzter Tag. Ihr habt euch
die vorherigen Tage besser geschlagen, als ich dachte und auch heute morgen
habt ihr gezeigt, dass ihr eindeutig mehr Kondition mit nach Hause nehmt,
als ihr hier hin mitgenommen habt.“
Mit einem Trommelwirbel unserer Hände auf dem Tisch geben wir uns
selbst den verdienten Applaus.
„Nun, da ihr euch ja wirklich angestrengt habt und wir unser Trainingspensum
schneller geschafft haben, als ich dachte, habt ihr den ganzen Nachmittag
frei. Denkt aber daran: Morgen früh um sieben geht es wieder Richtung
Heimat, also seit dann bitte auch wirklich hier am Bus. Wir werden euch
nicht aus irgendwelchen Bars unten aus dem Dorf holen gehen – verpasst
ihr den Bus, seid ihr halt selbst schuld.“
Nachdem das allgemeine Gejubel verebbt ist – und die meisten sofort
rausgestürmt sind, kommt Ren auf mich zu und knuddelt mich.
„Hi, Kleine! Hast du vielleicht noch mal Lust, mit rauszukommen?
Du wolltest doch unbedingt noch irgendwann mal zu dieser tollen Quelle!“
„Hm…“ Also eigentlich sind mir nach unserem letzten
Ausflug die Bedenken stark angewachsen, ob das so gut ist, wenn wir allein
rausgehen, aber das muss Ren ja nicht unbedingt wissen. Und mit der Quelle
hat er durchaus Recht. „Ja, ok! Ich geh noch eben meinen Rucksack
packen, dann kann es losgehen!“
„In Ordnung. Ich warte schon Mal draußen.“, lächelt
Ren mich an.
Wenige Minuten später stehe ich auch schon wieder neben ihm. Die
Trainingsklamotten sind gegen meine normalen Sachen eingetauscht –
Kurzer Rock und genauso kurzes T-Shirt. Die Mittagssonne ist ziemlich
stark und es ist fürchterlich warm.
Hm… Da beschleicht mich das Gefühl, dass die Wärme der
Grund ist, warum Toshi uns hat gehen lassen… Aber egal.
„Kommst du?“, fragt Ren, der schon einige Meter weitergegangen
ist.
„Ja!“ Die Karte mit der eingezeichneten Stelle ist bereits
herausgekramt und die Richtung finden wir auch schnell.
„Meinst du, dieses Mal geht es gut? Ich meine… Ich hab ehrlich
gesagt keine Lust, diese Cassiopaya noch mal wieder zu sehen…“
„Hm. Ich weiß nicht, ob wir ihr wieder in die Arme rennen,
aber dieses Mal hat sie bestimmt keinen Überraschungsvorteil mehr,
da werde ich für aufpassen.“
Na ob das so einfach sein wird? Ich meine: Das letzte Mal hatten wir beide
keine Ahnung, wo ihre Stimme eigentlich herkam und um ehrlich zu sein:
Ich weiß es immer noch nicht.
„AH! Hilfe!“, schallt es in genau dem Moment aus der Richtung
des Wasserfalls.
Ren und ich schauen uns kurz an und setzen zum Sprint an. Das hörte
sich eindeutig nicht gut an und –
War das da eben das Geräusch von berstenden Steinen?
„Tja, du kleiner Rotschopf, hier draußen hört man dich
nicht! So ein Pech aber auch…“ Huch? Das ist doch Cassiopayas
Stimme?
Verdammter Mist!
Noch einige Meter trennen uns von der Stelle des Wassers und wieder wird
dieser Krach von gesprengten Steinen laut. Neben uns ist in den Wald eine
Schneise mit verbrannten Bäumen – wohl das Werk von Cassiopaya.
„Tiara! Bleib besser in Deckung!“, ruft mir Ren zu, doch irgendwas…
Irgendwas in mir will, dass ich weiterlaufe. Brrr… Kommt mir das
nur so vor, oder wird es kälter? Selbst meine Nackenhärchen
haben sich schon aufgestellt.
Zwei Schritte trennen uns noch vom Wasser und gerade, als wir durch das
dichte Geäst durchbrechen, schaut Cassiopaya zu mir herüber.
„Oh? Welch Überraschung? Tiara auch hier? Na das wird ja langsam
richtig spaßig!“, grinst Cassiopaya mich an. Merkwürdig
– warum registriert sie Ren nie?
„Na warte!“, kommt es da von meinem Freund und schon stürzt
er sich auf sie. Ja ist der denn wahnsinnig?!
„Hilfe!“, höre ich da von weiter oben. Aber da –
Ein Mädchen hängt an dem steinernen Vorsprung, von dem der Wasserfall
nach unten rauscht. Nun… es mag nicht sehr hoch sein, aber brechen
kann man sich allemal etwas dabei, wenn man runter fällt –
und das wäre schlecht, wenn Cassiopaya dann noch hier ist.
Mit ein, zwei Sprüngen bin ich bei ihr oben – ja, das Training
hat einiges gebracht – und versuche, sie an der Hand nach oben zu
ziehen.
„Ok, hilf mal mit!“, weise ich sie an und das Mädchen
stützt sich mit der freien Hand an der von der Wand nach oben ab.
„Na warte! Du mischst dich hier nicht ein!“, höre ich
da Cassiopayas Stimme von weiter oben. Eh… Die schwebt ja? Gerade
war die doch noch auf dem Boden? Und Ren? Wo ist er?!
„Warten? Ich? Das hättest du wohl gerne!“, kommt Rens
Stimme von weiter rechts. Aber… Der schwebt ja auch? Bitte wie machen
die das?!
„Danke…“, murmelt das Mädchen, das nun vor mir
sitzt.
„Danken kannst du mir später, komm mit!“ Mit diesen Worten
ziehe ich sie vom Boden hoch und sprinte mit ihr in das nahe gelegene
Dickicht. Gerade noch rechtzeitig: Direkt hinter uns schlägt eine
von Cassiopayas Energiekugeln auf dem Boden auf und lässt die Felsen
mit dem Wasserfall zusammen in die Tiefe stürzen.
„Wie heißt du und warum ist diese Cassiopaya hinter dir her?“,
frage ich das Mädchen, als wir bei den Bäumen angekommen sind.
Hoffentlich kann Ren sie irgendwie von hier verschwinden lassen…
„Mein Name ist… Ist Cassandra. Leider kann ich dir keine Antwort
darauf geben, warum mich diese junge Frau da angegriffen hat, sie war
auf einmal einfach da, als ich hier am Wasserfall war. Sie hat mich einfach
angegriffen… Dass sie Cassiopaya heißt, ist mir allerdings
neu, mir hat sie ihren Namen nicht verraten.“
„Aaah!“, ertönt da ein Schrei von oben. Das war doch
eindeutig Cassiopaya?
Auf ein Mal wird das Waldstück wieder von bläulichem Licht beschienen,
kurz darauf hört man wieder Steine bersten.
Ren… Pass auf dich auf.
Wieder sträuben sich meine Nackenhärchen. Aber – wird
mein Arm wirklich gerade heiß? Vorsichtig lege ich meine Hand auf
meinen Arm, auf dem vor einiger Zeit noch meine Umwandlung zu sehen war.
Tatsache, der ist ja ganz warm…?
Wieder erleuchtet ein blauer Blitz die Gegend, aber Ren kann noch gerade
eben ausweichen. Mist, das sieht nicht gut aus…
Auf ein Mal stürzt Ren sich auf sie, doch kann sie noch schnell
zur Seite ausweichen.
„Cassandra? Du bleibst hier, hast du mich verstanden?“, frage
ich das Mädchen, ohne es anzusehen.
Aus dem Augenwinkel kann ich noch ein Nicken erkennen, dann drehe ich
mich um und gehe aus dem Dickicht heraus. Ich muss irgendetwas machen…
Aber was?
„Ren, ich hab gesagt, du sollst dich nicht einmischen!“ Wieder
feuert sie einen Energieball auf meinen Freund ab.
Na warte…
Auf einmal fängt die Luft um mich herum an, zu flirren und kleine
Steinchen auf dem Boden scheinen zu zittern. Ich habe keine Ahnung, was
hier jetzt abläuft, aber solange es sich gegen Cassiopaya richtet,
soll es mir Recht sein.
Wieder wird mein Arm heiß – allerdings dieses Mal wirklich
kochend heiß. Mit Mühe unterdrücke ich einen Schmerzensschrei,
doch da hört es bereits wieder auf. Mit meiner freien Hand fasse
ich mir an den Ellenbogen, denn plötzlich zieht es dort.
Was ist denn jetzt los…?
Mein Blick trübt sich für einige Herzschläge und als ich
wieder klar sehe, halte ich nicht mehr bloß meinen Arm, sondern
eine Klaue.
Eine große, kräftige Klaue.
So eine, wie Ren sie mir zeigte.
Instinktiv geht meine Hand zu meiner Kette. Ja, sie ist noch da. Aber
wieso ist es dann sichtbar…?
„Stirb!“, ruft Cassiopaya, die sich noch immer mit Ren auseinandersetzt.
Eine große Energiekugel formt sich in ihren Händen.
Nein.
Das lasse ich nicht zu.
Mit aller Kraft stoße ich mich vom Boden ab, hole hinter Cassiopaya
mit meiner Klaue zum schlag aus und –
Das nächste, an das ich mich erinnern kann ist, wie Cassiopaya vom
Himmel fällt.
Mein Blick streift die Krallen meiner Pranke. Blut schimmert an ihnen.
Von unten kann man hören, wie Cassiopaya auf dem Boden aufschlägt.
Langsam erhebt sie sich wieder vom Grund. Von ihrem Rücken läuft
Blut in dünnen Bahnen ihre Beine hinab.
Merkwürdig… Müsste ich jetzt nicht eigentlich etwas fühlen?
Angst? Mitleid? Irgend etwas in der Richtung?
Warum ist da so eine… Leere, wenn ich sie ansehe?
„Tiara… Das wirst du nicht noch ein Mal machen… Das
schwöre ich dir…“ Obwohl Cassiopayas Worte nicht mehr
als ein Flüstern gewesen sein können, verstehe ich sie genau.
Ein weiteres Mal wird es hell und ein bläulicher Blitz erscheint,
doch dieses Mal hört man keinen Aufschlag.
Im nächsten Moment ist Cassiopaya verschwunden.
Noch eine Weile schwebe ich wie paralysiert in der Luft und starre auf
den Punkt, wo Cassiopaya gestanden hat.
Dann erst rückt es mit aller Wucht in meine Aufmerksamkeit:
Ich schwebe!
Ich schwebe ja wirklich!
Hätte ich jetzt Boden unter den Füßen, würde ich
wohl einen Luftsprung machen, aber so mitten im Nirgendwo gestaltet sich
das als äußerst schwierig.
Von hinten spüre ich, wie Ren auf mich zukommt und einen Augenblick
später schlingt er seine Arme um meine Tallie.
Naja, Arme ist hier wohl das falsche Wort, das sind genau solche Klauen,
wie ich nun auch eine zu haben scheine.
„Ich wusste ja gar nicht, dass du das schon kannst, Kleine!“,
flüstert er mir ins Ohr.
„Ehm… Ja… Also ich hab das auch nicht gewusst, um ehrlich
zu sein.“, antworte ich wahrheitsgemäß.
Er gluckst und versucht, ein Lachen zu verkneifen. Tja, ich merk alles,
wenn er so dicht an mir dran ist – was sich übrigens gar nicht
schlecht anfühlt.
„Habe ich mir schon gedacht. Aber sag mal… Wie hat es sich
angefühlt?“, fragt er.
„Was meinst du?“
“Das da.“, sagt er und weist auf meine Klaue.
„Schrecklich… Aber irgendwie – naja, ich weiß
nicht. Hat sich – so im Nachhinein betrachtet – eigentlich
nicht ein Mal so schlimm angefühlt, wenn ich mal das Brennen im Arm
auslasse. Das war wirklich schlimm.“
Er nickt bloß, drückt mich noch einmal und fragt: „Sollen
wir wieder auf den Boden zurück?“
„Och, öhm… Meinst, ich schaff das noch mal? Schweben
fühlt sich irgendwie ziemlich krass an.“
„Ich bin mir sicher, dass du das noch ein Mal schaffst.“,
versichert er mir.
Wenige Sekunden später habe ich wieder Boden unter den Füßen.
Schade eigentlich, aber da fällt mir ein…
„Cassandra!“, entfährt es mir und ich renne in die Büsche
hinein. Hoffentlich ist die auch wirklich da geblieben.
Mitten im Sprint bemerke ich jedoch, dass mein Arm immer noch die Klaue
ist und so bremse ich mich doch noch.
„Ehm… Ren?“
„Ja?“
“Wie bekomme ich die wieder weg?“
Er grinst fies zu mir herüber.
„Och…“
Aber als ich da zu meinem Arm schaue, sieht sie bereits wieder normal
aus.
Wieder schaue ich zu Ren hinüber, der ziemlich viel Kraft aufwenden
muss, um nicht in Lachen auszubrechen. Na Dankeschön. Und später
erklärst du mir, wie das geht.
Im Gebüsch angekommen, hockt Cassandra wirklich noch da, wo ich
sie sitzen gelassen habe.
„Ist sie weg?“, fragt das Mädchen.
„Ja. Ich hoffe, dass sie auch weg bleibt, das kannst du mir glauben.“
„Ok....“
Ich helfe ihr wieder auf die Beine und wir gehen zusammen auf den felsigen
Vorsprung. Ich hoffe, dass Ren seine Pranken auch schon wieder zu normalen
Armen mit normalen Händen gemacht hat. Ich habe keine Ahnung, wie
Cassandra reagieren würde, wenn sie meinen Freund so sähe.
Aber glücklicherweise erfüllt sich meine Hoffnung und Ren steht
in vollkommen menschlicher Gestalt vor uns.
„Geht’s dir gut?“, fragt er an Cassandra gerichtet.
Sie nickt. „Danke. Ich denke, ohne euch wäre ich ziemlich…
schlecht dran gewesen.“
Ren nickt.
„Nun… Ich muss wieder los, ich habe noch etwas zu erledigen…Danke
noch mal.“ Cassandra verbeugt sich und ist kurz darauf schon von
dem Vorsprung gesprungen und in den Wald gerannt.
Ren und ich schauen uns fragend an.
„Was hat sie eigentlich hier gewollt?“, fällt mir ein.
„Keine Ahnung. Und jetzt ist es wohl auch zu spät, sie zu fragen.“,
antwortet er.
Eine kurze Pause entsteht.
„Sie hatte aber durchaus sehr schöne, blaue Augen.“,
schmunzelt Ren in die Richtung, in der Cassandra verschwunden ist.
Meine Antwort besteht aus einem Tritt gegen das Schienbein.
„Aua! Hey, was sollte das?“, fragt er vollkommen unschuldig.
Ich schaue ihn aus funkelnden Augen an.
„Ach komm schon.“ Mit einem Satz ist er bei mir und schließt
mich wieder in seine Arme.
„Nichts geht über dich hinüber, meine Kleine.“,
flüstert er mir ins Ohr und kurz darauf gibt er mir einen langen
Kuss.
Jaja, jetzt willst das wieder gutmachen, wie?
Aber ok… Überredet.
Einen weiteren langen Kuss später, stehen wir noch immer knuddelnderweise
auf dem Felsvorsprung.
„Heute war doch gar kein so übler Tag, oder?“, grinst
mein Freund mich an.
Oh, wie gern würde ich ihn jetzt in ein Becken mit Eiswasser schuppsen.
Aber ok, dann lasse ich es halt dabei, ihn von hinten kräftig durchzukitzeln.
„Sei nicht so übermütig, Freundchen.“, murmel ich
ihm zu, danach springe auch ich von dem Vorsprung in die Tiefe.
“Na komm schon! Ich muss noch meine Sachen packen und ich will
nicht wieder so spät abends ankommen! Die Sonne ist immerhin schon
so gut wie untergegangen!“, rufe ich die steile Felswand hinauf.
Kurze Zeit später springt auch Ren von oben herab und wir machen
uns auf den Rückweg zum Haus.
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