Kapitel 17

„Ren…?“
„Ich habe keine Ahnung…“
„Ah, ok…“
Auf unserem Rückweg kommt mir der Wald um uns herum sogar noch ein wenig dunkler vor, als auf dem Hinweg. Bilde ich es mir ein, oder starren uns die Vögel in den Baumkronen wirklich an?
Ich hab Angst…

„Tiara?“, fragt Ren da auf ein Mal.
„Was denn…?“ Mist, meine Stimme zittert immer noch.
„Versprichst du mir etwas?“
Ich lege den Kopf zur Seite und schaue ihm ins Gesicht. Er sieht ziemlich ernst aus… So habe ich ihn noch nie erlebt.
„Geh nicht mehr ohne mich raus, ok? Oder nimm wenigstens einen der anderen Jungs mit. Ich werde die nächsten Tage die Augen offen halten und mich mal… umhören.“
“Umhören? Wo denn?“ Jetzt bin ich doch ziemlich neugierig.
„Als ausgewachsener Dämon hat man mehr Möglichkeiten an Informationen ranzukommen, als manch anderes Lebewesen, glaube mir. Nun… Aber welche, werde ich dir noch nicht sagen.“ Er zwinkert mir zu.
„Eh? Warum nicht?“
„Weil das eine Sache von Dämon zu Dämon ist und das bist du nun mal noch nicht.“
“Aber…“
„Nichts aber. Glaube mir, ich kann darüber urteilen, wie weit du schon bist. Da brauche ich es nicht erst zu sehen.“
Ren bleibt stehen und zieht mich mit einer Bewegung dicht an sich heran. Fast habe ich mich erschrocken, aber… eben nur fast. Eine Weile stehen wir einfach da und knuddeln uns.
„Ren?“
Er schaut lächelnd zu mir herunter.
“Sagst du mir bescheid, wenn ich ein vollständiger Dämon sein sollte? Kann ja sein, dass ich das gar nicht merke.“
Da gluckst er vor Lachen und schmunzelt mich an. „Glaube mir, das merkst du schon. Das hat bisher noch jeder gemerkt.“
Hmm… Na hoffentlich. Inzwischen habe ich mich schon so sehr an die Kette gewöhnt, dass ich selbst schon gar nicht mehr weiß, wie weit sich das an meinem Arm schon ausgebreitet hat.

„Wenn du bei deinen Nachforschungen auf irgendwelche Hinweise stößt, sei aber bitte auch vorsichtig, ja? Ich mag dich ehrlich gesagt nicht so gern von der nächst besten Wand kratzen müssen… Und im Puzzeln bin ich eine Niete.“ Eigentlich wollte ich ja damit ernst wirken, aber ein Grinsen kann ich mir trotzdem nicht verkneifen – und das, obwohl das Thema kein sehr angenehmes ist.
„Hehe… Ich werde es mir merken. Aber zur Entwarnung: Ich bin normalerweise nicht ganz so unbeweglich, wie gerade eben. Die hatte leider den Überraschungsmoment auf ihrer Seite. In den letzten Jahrzehnten, also bevor ich hier her kam, habe ich eigentlich nichts anderes gemacht, als trainiert – von daher werde ich es ihr das nächste Mal nicht ganz so einfach machen.“
Und das erzählt er mir jetzt einfach mal so?
„Jahrzehnte?“
Ich muss wohl ziemlich blöde dreingeblickt haben, jetzt lacht er wieder.
„Eh, ja. Hab ich dir gar nicht erzählt, oder? Entschuldigung. Ehm… Sagen wir das doch einfach mal so: Ich bin eindeutig um einiges älter, als ich aussehe. Um… ein ganzes Stück älter.“
“Ren, ich will jetzt eine Jahreszahl wissen.“
Jetzt wird sein Gesicht noch verlegener. Na? Bin ich mit einem Uhrgestein der Weltgeschichte zusammen? Oder bist du doch nur aus dem letzten Jahrtausend?
“Lässt du gelten, wenn ich sage, dass ich aufgehört habe, die Jahrhunderte zu zählen?“
Ok, jetzt mal Stopp.
JAHRHUNDERTE?
„Och, Tiara, jetzt schau nicht so. In deiner Familie gibt es das Phänomen doch auch, dass ihr äußerlich nicht mehr altert, denkst du wirklich, ihr habt das gebunkert? Und mal ehrlich: Wenn ich wirklich nur zwanzig Jahre zählen würde, währe es doch ziemlich unwahrscheinlich, dass ich schon ein fertiger Dämon wäre, oder?“
„Nun… Ehm… Ok, da könntest du Recht haben… Aber lass mich raten: Du kommst dann auch nicht aus einem kleinen Kaff irgendwo im Nirgendwo, sondern aus einer anderen Dimension oder von einem anderen Planeten?“
„Dimension.“
“Und Sasha und Andreas wissen das?“
“Nun… Die kommen ja auch von da.“
Ok, ich glaub, ich brauche eine Kopfschmerztablette.

„Warum hast du mir das nicht gesagt, bevor wir zusammen gekommen sind?“ Ich muss die Frage einfach stellen.
„Ehrlich gesagt habe ich das vollkommen vergessen.“
Eine Pause entsteht, während Ren und ich am Fuße der langen Treppe ankommen.
Auf ein Mal fällt mir auf, dass ich alleine gehe und blicke mich nach hinten um. Ren steht da wie ein geschlagener Hund und beißt sich auf die Unterlippe.
„Es tut mir leid.“, murmelt er gerade noch so laut, dass ich es hören kann.
„Es tut mir wirklich leid. Ich… Ich bin es einfach noch nicht ganz gewohnt, in dieser Welt zu sein und manche Dinge, die für mich ganz selbstverständlich sind, vergesse ich leider von Zeit zu Zeit zu erwähnen.“
Der Mond leuchtet hell zwischen den Wolken hindurch, während Ren und ich schweigend gegenüberstehen.
„Naja… Und… Wenn du Zeit brauchst, um das ganz zu verdauen, was ich dir jetzt gesagt habe, dann kann ich das verstehen. Ich kann auch einsehen, dass du…“
Aber weiter kommt er nicht, denn da hat er schon meine Lippen auf seinem Mund.
Seine Arme schließen sich um meinen Körper und der Moment dauert eine kleine Ewigkeit an, bis wir uns wieder voneinander lösen.
Ren sieht immer noch etwas geknickt aus, aber er schmunzelt mich wieder schief an.
„Ren, hör auf, dich zu entschuldigen. Und führ mir ja diesen Satz nicht weiter! Kommt etwas plötzlich, daher habe ich nichts gesagt. Nun lass uns aber besser reingehen, sonst wecke wir die anderen noch.“
Ren schmunzelt zu mir hinunter.
„Die anderen? Du kannst dir wohl wirklich nicht vorstellen, wie lange sich Jungs gegenseitig wach halten können, oder?“
Wir grinsen uns noch mal an und gehen dann auf das Haus zu.
„Du? Tiara?“
„Hm?“
„Ich liebe dich.“, flüstert er mir ins Ohr und ich spüre, wie wieder mal das Blut in meinen Kopf schießt.
„Ich liebe dich auch…“, flüstere ich zurück.

„Hey! Da seid ihr beiden ja!“, ruft uns Irie entgegen, der gerade an der Hauswand steht. Hat der etwa auf uns gewartet?
“Wo wart ihr denn? Tiara, dein Handy hat geklingelt wie blöde. Kann es sein, dass du den nervigsten Klingelton hast, den ich je gehört habe?“
„Eh… Weiß ich nicht? Bist du denn rangegangen?“ Hoffentlich nicht, der hätte das immerhin aus meiner Tasche rauswühlen müssen und da sind eindeutig Dinge drin, die nicht für Jungenaugen bestimmt sind.
„Klar bin ich!“, grinst er auch prompt zurück. „Netter Tascheninhalt!“
Als Ren drohend und mit eiskalter Mine auf ihn zugeht, weicht er zurück und macht eine abwehrende Handbewegung.
“Hey, hey! Ich hab nichts angefasst und niemand sonst hat reingeschaut! Wirklich! Ehrlich! Bitte, das musst du mir glauben, Tiara!“
Ren hat ihn inzwischen an die Wand zurückgedrängt, von der er auf uns zugekommen war. Hm… Lass ich ihn jetzt auch ein Bisschen leiden, oder doch nicht…?
“Bitte, Tiara!“, winselt er, als Ren schon direkt vor ihm steht. „Bitte, bitte! Hab erbarmen!“
Och, menno. Ich kann ihn einfach nicht so leiden sehen.
„Ok, Irie. Ren, kannst wieder zurückkommen.“
Ren dreht sich von Irie weg und grinst fies zu mir herüber.
„Danke, Tiara!“, freut sich Irie und wirft sich vor mir in den Staub.
„Na, da freu dich mal nicht zu früh. Dafür wirst du nun bis zum Rest unseres Aufenthaltes meine Aufgaben übernehmen!“
Hehehe… Tja, tut mir ja leid, aber Strafe muss sein.
“Tiaraaa….!“
„Nichts da, ich werde mich nicht umentscheiden. Wirst du deine Strafe akzeptieren, oder darf ich Ren wieder auf dich ansetzen?“
In Rens Augen funkelt es bereits wieder vor Vorfreude. Der foltert wohl gerne, wie?
“Nein! Ist… Ist ok, ich werde es machen! Aber schreib mir bitte auf, wann du was hast, ich weiß das ja nicht…“
Hm… Ich habe das dumme Gefühl, ich hätte fordern sollen, dass er nicht wieder bei Kitzelaktionen gegen mich eingreift oder Ren anders hilft…. Aber ok, das ist nun zu spät.

„Wer war eigentlich dran, Irie?“, fällt mir da gerade wieder ein.
„Achja, eh… Eine gewisse Raven. Sie meint, sie müsste ganz dringend mit dir reden und du bist blöd, weil du dein Handy nicht dabei hast, also…“
„Ja, das klingt nach Raven. Hast du mein Handy gerade dabei?“
„Klar doch. Hier“.
Klar? Ahja… Ich glaube, ich muss mir ein Vorhängeschloss für meine Tasche kaufen. Wer weiß, was er sonst noch so als „klar“ bezeichnet.

„Ah, ok, danke. Ich glaube, ich rufe sie besser auch gleich zurück, sonst macht die morgen Mus aus mir.“
„Ich geh solange mal mit Irie rein, wir müssen noch… gewisse Dinge besprechen.“, schmunzelt Ren mich an.
„Lass mich raten. Solche Dinge wie die, die in meiner Tasche sind, ja?“
Ich schiele von meiner Handytastatur hoch und zu den beiden rüber, doch die gehen nur pfeifend davon. Na warte, Ren…

„TIARA! Ich hab versucht, dich zu erreichen! Und das mindestens zehn Mal! Wo warst du!?“, schallt es auch prompt durch das Telefon, kaum dass ich Ravens Nummer zu Ende gewählt habe.
„Hallo Raven! Ich wünsche dir auch einen herrlichen Abend! Ja, mir geht es gut, mach dir keine Sorgen, aber erzähl mir doch von dir!“ Hehe… Das konnte sie noch nie sonderlich leiden, wenn man nicht sofort nach ihrer Pfeife tanzt.
„Ahhh… Tiara…“ Huch, heult die? „Du kannst dir nicht vorstellen, was passiert ist! Es ist so… So… Wähäää…“
„Jetzt beruhige dich erst ein Mal, Raven. Tief Luft holen und mal kräftig durchatmen soll Wunder wirken.“
„Hab ich schon versucht, das bringt nichts…“
„Ok, dann zähl Schäfchen oder sonst was?“
“Du bringst da gerade was durcheinander. Das ist fürs Einschlafen.“
“Oh.“ Aber immerhin: Sie ist schon ruhiger geworden.
„Na ok, ich glaub, ich kann es dir sagen… Heute waren Mama und ich einkaufen. Nun… Wir waren nicht die ganze Zeit zusammen. Als sie in ein Schuhgeschäft gestürmt ist, habe ich die Flucht ergriffen und bin in den Süßigkeitenladen gegangen. Warum genau weiß ich nicht mehr, aber ich habe für einen Moment die Zeit angehalten… Kurz darauf kam Mama dann in den Laden gestürmt, zog mich mit raus und zerrte mich in eine Seitengasse…“
Wieder fängt sie an, zu schluchzen.
„Lass mich raten: Sie hat dir wieder ein Mal eine Standpauke gehalten?“
“Nicht nur das… Sie sagte, dass sie schon die letzten Monate gemerkt hat, dass ich häufiger die Zeit angehalten habe – und das nicht nur für Lebensnotwendige Sachen, wie es ja eigentlich Gesetz ist. Und… Und…“
“Luft holen nicht vergessen, ja?“ Oh, je. So aufgelöst war Raven noch nie… Aber so böse war ihre Mutter auch noch nicht gewesen.
„Und nun will sie Cronos bescheid sagen!“
“WAS!?“
Cronos bescheid sagen ist das gleiche wie Jahrzehntelange Verbannung… Ich habe mal in eines der Gesetzbücher der Zeitwächter hineinschauen dürfen.
„Ja… Wenn sie das macht – also wirklich macht, dann werde ich bestimmt in die große Bibliothek verbannt… Ich will nicht Jahrzehntelang staubige Schriftrollen abschreiben müssen! Tiaraaaa…“
Und wieder versagt ihre Stimme und löst sich in Schluchzen auf.
Oh, verdammt. Warum kann ich jetzt nicht bei ihr sein?
„Hey, Raven, wir finden da bestimmt eine Möglichkeit, dich da raus zu holen… Also aus dem Schlamassel, mein ich.“
„Mhm… Hoffentlich…“
„Jetzt beruhige dich erst ein Mal wieder. Vielleicht hat sie es ja noch gar nicht gemacht? Vielleicht reicht es ja, dass du dich bei ihr entschuldigst?“
“So Pflichtversessen, wie Mama ist?“
“Ok… Ehm…“
“Tiara… Wenn du wieder da bist, müssen wir unbedingt über einer Tafel Schokolade das ganze bereden, ja?“
“Ja, natürlich. Ich verspreche es dir.“
„Ok…“
Nach einer Pause fürs Naseputzen, redet sie weiter, allerdings mit einer eindeutig besser gelaunten Stimme.
„Immerhin… Immerhin bin ich mit Sasha in einem Ferienclub. Habe ich dir ja erzählt, dass ich in den Programmierclub unserer beider Schulen gegangen bin, oder?“
“Ja, hast du. Und du bist wirklich mit Sasha zusammen da drin?“
“Ja! Ist doch klasse, oder? Ansonsten sind das nur Jungs und interessanterweise ist kein einziges Wesen aus dem Fanclub der Demons da…“
“Dann freu dich! Du hast ihn dann immerhin für dich alleine!“
“Klar freue ich mich! Und das tollste dran: Wir sitzen sogar direkt nebeneinander!“
„Super! Dann kann das ja vielleicht wirklich etwas zwischen euch beiden werden!“
„Jaaa! Oh, ich hoffe es so sehr! Aber… Naja… Wenn Mama bei Cronos bescheid gesagt hat, kann ich Sasha wohl erstmal für die nächsten Jahrzehnte abschreiben…“
„Komm schon Raven, denk nicht mehr so viel darüber nach. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie wirklich bescheid gesagt hat.“
“Meinst du?“
“Bin mir fast sicher.“
“Aber nur fast.“
“Eh… Ja. Wenn ich ganz sicher sage, machst du mich zu Mus, wenn es doch nicht stimmt.“ Das ist schon oft genug vorgekommen und jedes Mal durfte ich flüchten und auf dem Balkon übernachten. Nein danke, das muss nicht sein.
“Hm. Ja, da hast du wohl Recht.“
Na logo hab ich das.
„Du, Tiara? Ich muss nun auch Schluss machen. Ich wollte noch die Sachen wiederholen, die wir heute durchgenommen haben, weil…“
“Weil du dann morgen vor Sasha strahlen kannst, richtig?“ Tja, dieses Mal habe ich dich durchschaut, Raven.
„Äh… Ja. Ok. Tschüss und schöne Nacht noch!“
„Ja, dir auch! Und grüß Fiona und Salima von mir!“
“Mach ich!“
Im nächsten Moment macht es auch schon Klack und Raven hat aufgelegt.
Na hoffentlich behalte ich Recht und ihre Ma hat wirklich nichts gesagt. Es heißt, Cronos sei ziemlich streng mit den Strafen für solche Vergehen…

„Tiara! Komm schon, die anderen wollen das Licht ausmachen!“, ruft Seron von der Veranda des Hauses mir zu.
„Ja, ich komme!“
Ich mag wohl wetten, dass ich heute sofort einschlafe… Mir fallen ja schon die Augen zu.

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