Die erste Nacht liegt hinter mir. Ich glaube, ich kann mich glücklich
schätzen, denn bisher sieht es nicht so aus, als würde einer
von uns schnarchen. Den Jungs habe ich unter Strafe verboten, irgendetwas
über meinen Schlafanzug zu sagen, ich hoffe, sie halten sich dran…
Toshi schmiss uns heute schon gegen fünf Uhr morgens raus und das
mit einer widerwärtig guten Laune. Irgendwie müssen wir es schaffen,
dass er das die nächsten Tage lässt… Irie hatte schon
die Idee, man könnte ja Schlafpulver in seinen Tee schütten…
Leider erzählte Seron, der schon genauso lang im Team ist, wie Toshi,
dass man das schon mal versucht habe und es schief ging. Ergo durfte die
ganze Truppe schon um vier Uhr stramm stehen und da haben wir wirklich
keine Lust drauf…
So kommt es also, dass wir nun schon seit zwei Stunden durch die angrenzenden
Wälder joggen. Erst war mir ja kalt, aber inzwischen könnte
ich – rein theoretisch natürlich – auch noch mein T-Shirt
ausziehen. Die Jungs hätten bestimmt Spaß daran…
„Sieh mal, da!“, zischelt mich Teru von der Seite an und
deutet nach rechts, zwischen die Bäume.
„Wau! Das ist ja klasse!“ Zwischen den Bäumen kann man
einen kleinen Wasserfall erkennen, der wohl einige Meter weiter oben beginnt.
Inzwischen ist auch der Rest der Gruppe wieder zusammengekommen und gemeinsam
wird der Wasserverlauf in Augenschein genommen.
„Na das nenn ich mal Idylle. Seht euch mal an, wie hoch der ist!
Ich tipp auf fünf Meter, wer bietet mehr?“, bricht Teru das
Schweigen. Natürlich fangen auch gleich die ersten an, darüber
zu diskutieren, ob es nun fünf Meter oder nicht vielleicht doch noch
dreißig Zentimeter mehr sind. Oh, man. Wir haben eindeutig zu viele
Mathematik-Begeisterte in der Mannschaft…
„Das Wasser ist toll, oder?“, spricht mich Ren von der Seite
an.
Meine Antwort besteht nur aus einem Nicken. Der kleine See am Ende des
Wasserfalls ist einfach… Mir fehlen die Worte. So klares Wasser
habe ich noch nie gesehen… Es wirkt fast, als sei es aus flüssigen
Diamanten gemacht.
„Leute, die könnt ihr euch später noch ansehen! Wir sind
noch nicht fertig mit unserer Tour!“, mault Toshi, der schon wieder
einige Meter weitergelaufen ist. So ein Banause… Zum Glück
habe ich meine kleine Landkarte mitgenommen und kann daher die Stelle
markieren. Ich muss hier unbedingt noch einmal zurück.
Eine weitere Stunde später kommen wir wieder an unserer Herberge
an. Inzwischen ist es schon elf Uhr – wir haben eindeutig länger
gebraucht, als gedacht. Mal ganz davon abgesehen, dass die Jungs wirklich
fürchterlich lange im Badezimmer brauchen… Da sag noch mal
wer, wir Frauen seien eitel.
Frau Sirino, die Frau des Hauses, kommt uns schon lächelnd entgegen.
„Ah, ich habe euch schon erwartet! Kommt rein und setzt euch, mein
Mann und ich haben schon ein kleines Mittagessen zur Stärkung gemacht!“
Bei dem Wort „Mittagessen“, hellen sich die Gesichter meiner
Teamkammeraden auf. Kein Wunder – so groß wie die sind, brauchen
die auch bestimmt wieder mal dringend etwas zwischen die Zähne. So
ein paar Brötchen am Morgen bringen es wirklich nicht.
„Hast dich ja gut geschlagen!“, meint Ren und knuffelt mich
in die Seite. Hey!
„Och, du warst aber auch nicht schlecht. Ich hatte schon fast damit
gerechnet, dass du uns schon nach einer Stunde nicht mehr einholst…“,
grinse ich zurück. Hähähä!
„Was soll das heißen, hm?“ Seine Augen blitzen und er
hat wieder sein fieses Grinsen aufgesetzt… Mist, ich glaub, ich
sollte jetzt besser nach einem Fluchtweg suchen…
„Eh…“
“Hm? Sag schon!“
„Äh…“ Mist, es gibt keinen! Oder…. HA!
Gekonnt weiche in Ren aus und renne in Richtung der Gruppe.
„Hilfeee! Der da will mich ärgern!“ Hoffentlich helfen
die mir auch wirklich… Sonst hab ich gleich ein Problem.
„Ren? Dich ärgern? Hehehehe…“, grinst Irie mich
an und –
Wääh… „Irie! Du bist gemein, festhalten gilt nicht!“
„Danke, Irie, aber hier übernehme ich wieder.“ Ren, zur
vollen Größe aufgebaut, grinst von oben auf mich herab und
Irie grinst mindestens genauso fies zurück.
„Ich wiiiiiilll nicht!“ Aber leider ist jeder Fluchtversuch
zwecklos. Man, hat Irie eine Kraft in den Armen…
„Hm… Teilen? Ich halte fest, du kitzelst durch?“, fragt
Irie da gerade Ren.
„NEEEEIN!“, doch mein flehen wird mit dem Wind davongetragen.
Inzwischen stehen schon die anderen grinsend um uns herum…
„Na, ok!“, schmunzelt Ren zu mir runter, während ich
wieder versuche, abzuhauen.
„Uaaaa! Ihr seid fiees!“
Fürchterlich lange Minuten später liege ich dann leider auch
nach Luft schnappend auf dem sandigen Boden und die anderen können
nicht mehr vor Lachen. Menno! Die sind doch alle gemein… Irie bekommt
bestimmt nie wieder irgendwas von mir!
„Entschuldigst du dich?“, fragt Ren grinsend zu mir runter.
„Nein! Niemals!“ Aufgeben ist etwas für Verlierer!
„Na denn… Irie?“, fragt Ren zum sich vor lachen krümmenden
Irie hinüber.
„Nein! Halt! Ich … äh… hab’s mir anders überlegt!
Ich entschuldige mich! Wirklich!“ Ich will nicht noch mal durchgekitzelt
werden…
„Zu spät, Kleine.“, kommt es da von Irie und Ren gleichzeitig
und schon werde ich wieder zum Folteropfer.
Eine halbe Stunde - und eine halbe Packung Pflaster – später,
komme ich auch zum Mittagessen. So ein Boden ist wirklich ganz schön…
ungemütlich. Und so steinig.
Als ich den Raum betrete, schmunzeln Irie und Ren zu mir hinüber.
Na Pustekuchen, ich werde mich ganz bestimmt nicht neben euch setzen.
Ah, wundervoll. Da ist ja noch Platz.
Kurz darauf lasse ich mich neben Kiro nieder und schnappe mir auch eine
Schale mit Nudeln.
„Hast dich aber tapfer geschlagen.“, raunt er mir auf einmal
zu.
„Hm?“ Fragend blicke ich zurück.
„Nun… Das letzte Mal, als Ren und Irie jemanden in der Zange
hatten, hat der gleich angefangen zu winseln… Also – nicht,
dass es etwas geholfen hätte, aber trotzdem.“, flüstert
er mir zu.
Hehe… Also doch wenigstens ein halber Punkt für mich, wie?
Nach dem Mittagessen ging es weiter im Programm. Wieder viel, viel Laufen
und gegen Abend dann wieder eine Runde Basketball in kleinen Gruppen.
Kann es sein, dass die das extra gemacht haben, dass ich jetzt gegen Irie
und Ren antreten muss?
Aber ok. Natürlich haben die auch gewonnen. Irie ist der beste in
unserer Mannschaft, was die Abwehr angeht, an dem habe ich heute irgendwie
keinen Ball mehr vorbei bekommen. So ein Mist aber auch.
Gerade, als wir auf dem Weg vom Abendbrot zu unserem Schlafsaal sind,
kommt Ren wieder auf mich zu. Ah… Will sich wohl entschuldigen,
wie?
“Nein, ich will mich nicht entschuldigen. Du bist schon selbst schuld,
wenn du mich ärgerst.“, grinst er mich an. Na, klasse.
Als er keine Antwort von mir erhält, fährt er einfach mit dem
Reden fort: „Magst du eine Runde mit rauskommen? Ich weiß
ja, dass wir heute schon genug Bewegung hatten, aber ich würde gern
auch noch Mal eine Weile mit dir allein sein. Ich habe heute auf der Karte
etwas gefunden, das wir uns mal genauer ansehen könnten.“
„Unter einer Bedingung.“
“Hm?“
„Du kitzelst mich nicht mehr durch!“
„Hehe… Also heute bestimmt nicht mehr.“, zwinkert er
mir zu.
Kurze Zeit später sind wir auch schon auf dem Weg, der auf der Karte
eingezeichnet ist. Angeblich soll hier ganz in der Nähe eine alte
Tempelanlage zu finden sein. Hört sich interessant an.
Der Mond scheint bereits hell durch die Äste und ein wenig Nebel
sammelt sich an den Hängen. Der Weg besteht inzwischen nur noch aus
Treppenstufen. Ganz schön unbequem…
„Tut es eigentlich noch weh?“, fragt Ren in die eingetretene
Stille.
„Was meinst du?“
Er deutet auf meine vielen kleinen Pflaster an den Armen und Beinen.
„Ach, die! Nene, das geht schon wieder. Sind ja bloß kleinere
Schrammen. Irie kann ganz schön stark festhalten…“
“Ja, ich weiß. Daher ist er der perfekte Partner für
solche Unternehmungen!“, grinst er mich an.
“Unternehmungen? Du meinst wohl eher Folter!“
„Och.. Öh… Nein? Hat doch Spaß gemacht!“
Und wieder grinst er mich so fies an.
Gerade eben kann ich mich noch bremsen, ihn in die Seite zu knuffeln.
Ich weiß ja, wo das enden würde und dafür habe ich heute
wirklich keine Kraft mehr.
„Hey, sieh doch mal!“, meint Ren und weißt auf das
Ende der Treppenstufen vor uns. Über uns erstreckt sich ein sehr
großer, alter Torbogen, von dem die rote Farbe bereits anfängt,
abzublättern.
Kaum sind wir am Ende der Treppen angekommen, können wir das große
Plateau überblicken, das vor uns liegt.
Tatsache. Ein alter Tempel. Aber er ist durchaus noch sehr gut in Schuss,
wie es aussieht. Ob es hier wohl auch eine Priesterin oder einen Priester
gibt? Hmm… Das muss ich die nächsten Tage unbedingt noch herausfinden.
Auf ein Mal sehe ich im Augenwinkel ein blaues Blitzen und mache reflexartig
einen Satz nach vorne. Glücklicherweise ist Ren gerade ein paar Schritte
weiter nach vorne gegangen, sonst wäre er wohl getroffen worden –
was auch immer das war.
„Ah, hab ich dich also gefunden, ja?“, höre ich eine
Stimme über den Tempelhof hallen. Sie ist… weiblich, glaube
ich.
„Wer ist da!?“, ruft Ren mit angespanntem Gesichtsausdruck
in die eingetretene Stille hinein.
„Tiara, habe ich Recht? Hm… Eine ganz neue, wie mir scheint…“,
fährt die Stimme unbeeindruckt fort.
„Was willst du von mir?“ Nun ist es wohl an mir, dass ich
eine Frage stelle. Mein Blick wandert vom Hof über die Tore und das
Tempelgebäude, aber nirgendwo ist jemand zu sehen… Verdammt,
was ist das?
„Was ich will? Hehe… Kann ich mir denken, dass du das wissen
willst. Aber weißt du was?“
Eine Pause entsteht, während der Ren und ich uns bloß besorgt
ansehen.
„Ich wird es dir nicht sagen.“ Nun kommt die Stimme von der
Mitte des Platzes.
Aber was…
Ein Mädchen schwebt dort, bestimmt nicht älter als ich. Auf
ihren silbernen Haaren schimmert das Mondlicht wie Silber und in ihrem
Gesicht sind merkwürdige Formen zu sehen… Ihre Kleidung selbst
scheint fast durchsichtig zu sein und so kann man diese Formen selbst
noch auf ihrem Körper sehen… Irgendwie wirkt sie… gefährlich
schön…
„Wer… Wer bist du?“ Meine Frage war ein Flüstern,
aber dennoch hallte sie in der Stille des Hofes umher.
„Nun… Ok, da ich ja nun weiß, wer du bist, sollst du
es halt wissen. Mein Name ist Cassiopaya. Viel Spaß noch bei deinem
Ausflug, du wirst ihn brauchen.“
Mit einem unheilvollen Lachen verschwamm ihre Figur wieder und löste
sich kurz darauf im Nichts auf. Ren starrte wie gebannt auf dem Punkt,
an dem sie vorher gestanden hatte.
Kaum war sie weg, erinnere ich mich auch wieder an den gleißend
blauen Blitz und drehe mich um, um zu sehen, was mit der Stelle passiert
ist, auf der er aufkahm.
Sie ist komplett schwarz und verkohlt.
War das Cassiopayas Kraft gewesen…?
Und was will sie überhaupt…?
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