Kapitel 16

Die erste Nacht liegt hinter mir. Ich glaube, ich kann mich glücklich schätzen, denn bisher sieht es nicht so aus, als würde einer von uns schnarchen. Den Jungs habe ich unter Strafe verboten, irgendetwas über meinen Schlafanzug zu sagen, ich hoffe, sie halten sich dran…

Toshi schmiss uns heute schon gegen fünf Uhr morgens raus und das mit einer widerwärtig guten Laune. Irgendwie müssen wir es schaffen, dass er das die nächsten Tage lässt… Irie hatte schon die Idee, man könnte ja Schlafpulver in seinen Tee schütten… Leider erzählte Seron, der schon genauso lang im Team ist, wie Toshi, dass man das schon mal versucht habe und es schief ging. Ergo durfte die ganze Truppe schon um vier Uhr stramm stehen und da haben wir wirklich keine Lust drauf…

So kommt es also, dass wir nun schon seit zwei Stunden durch die angrenzenden Wälder joggen. Erst war mir ja kalt, aber inzwischen könnte ich – rein theoretisch natürlich – auch noch mein T-Shirt ausziehen. Die Jungs hätten bestimmt Spaß daran…

„Sieh mal, da!“, zischelt mich Teru von der Seite an und deutet nach rechts, zwischen die Bäume.
„Wau! Das ist ja klasse!“ Zwischen den Bäumen kann man einen kleinen Wasserfall erkennen, der wohl einige Meter weiter oben beginnt. Inzwischen ist auch der Rest der Gruppe wieder zusammengekommen und gemeinsam wird der Wasserverlauf in Augenschein genommen.
„Na das nenn ich mal Idylle. Seht euch mal an, wie hoch der ist! Ich tipp auf fünf Meter, wer bietet mehr?“, bricht Teru das Schweigen. Natürlich fangen auch gleich die ersten an, darüber zu diskutieren, ob es nun fünf Meter oder nicht vielleicht doch noch dreißig Zentimeter mehr sind. Oh, man. Wir haben eindeutig zu viele Mathematik-Begeisterte in der Mannschaft…
„Das Wasser ist toll, oder?“, spricht mich Ren von der Seite an.
Meine Antwort besteht nur aus einem Nicken. Der kleine See am Ende des Wasserfalls ist einfach… Mir fehlen die Worte. So klares Wasser habe ich noch nie gesehen… Es wirkt fast, als sei es aus flüssigen Diamanten gemacht.

„Leute, die könnt ihr euch später noch ansehen! Wir sind noch nicht fertig mit unserer Tour!“, mault Toshi, der schon wieder einige Meter weitergelaufen ist. So ein Banause… Zum Glück habe ich meine kleine Landkarte mitgenommen und kann daher die Stelle markieren. Ich muss hier unbedingt noch einmal zurück.

Eine weitere Stunde später kommen wir wieder an unserer Herberge an. Inzwischen ist es schon elf Uhr – wir haben eindeutig länger gebraucht, als gedacht. Mal ganz davon abgesehen, dass die Jungs wirklich fürchterlich lange im Badezimmer brauchen… Da sag noch mal wer, wir Frauen seien eitel.

Frau Sirino, die Frau des Hauses, kommt uns schon lächelnd entgegen.
„Ah, ich habe euch schon erwartet! Kommt rein und setzt euch, mein Mann und ich haben schon ein kleines Mittagessen zur Stärkung gemacht!“
Bei dem Wort „Mittagessen“, hellen sich die Gesichter meiner Teamkammeraden auf. Kein Wunder – so groß wie die sind, brauchen die auch bestimmt wieder mal dringend etwas zwischen die Zähne. So ein paar Brötchen am Morgen bringen es wirklich nicht.

„Hast dich ja gut geschlagen!“, meint Ren und knuffelt mich in die Seite. Hey!
„Och, du warst aber auch nicht schlecht. Ich hatte schon fast damit gerechnet, dass du uns schon nach einer Stunde nicht mehr einholst…“, grinse ich zurück. Hähähä!
„Was soll das heißen, hm?“ Seine Augen blitzen und er hat wieder sein fieses Grinsen aufgesetzt… Mist, ich glaub, ich sollte jetzt besser nach einem Fluchtweg suchen…
„Eh…“
“Hm? Sag schon!“
„Äh…“ Mist, es gibt keinen! Oder…. HA!
Gekonnt weiche in Ren aus und renne in Richtung der Gruppe.
„Hilfeee! Der da will mich ärgern!“ Hoffentlich helfen die mir auch wirklich… Sonst hab ich gleich ein Problem.
„Ren? Dich ärgern? Hehehehe…“, grinst Irie mich an und –
Wääh… „Irie! Du bist gemein, festhalten gilt nicht!“
„Danke, Irie, aber hier übernehme ich wieder.“ Ren, zur vollen Größe aufgebaut, grinst von oben auf mich herab und Irie grinst mindestens genauso fies zurück.
„Ich wiiiiiilll nicht!“ Aber leider ist jeder Fluchtversuch zwecklos. Man, hat Irie eine Kraft in den Armen…
„Hm… Teilen? Ich halte fest, du kitzelst durch?“, fragt Irie da gerade Ren.
„NEEEEIN!“, doch mein flehen wird mit dem Wind davongetragen. Inzwischen stehen schon die anderen grinsend um uns herum…
„Na, ok!“, schmunzelt Ren zu mir runter, während ich wieder versuche, abzuhauen.
„Uaaaa! Ihr seid fiees!“

Fürchterlich lange Minuten später liege ich dann leider auch nach Luft schnappend auf dem sandigen Boden und die anderen können nicht mehr vor Lachen. Menno! Die sind doch alle gemein… Irie bekommt bestimmt nie wieder irgendwas von mir!
„Entschuldigst du dich?“, fragt Ren grinsend zu mir runter.
„Nein! Niemals!“ Aufgeben ist etwas für Verlierer!
„Na denn… Irie?“, fragt Ren zum sich vor lachen krümmenden Irie hinüber.
„Nein! Halt! Ich … äh… hab’s mir anders überlegt! Ich entschuldige mich! Wirklich!“ Ich will nicht noch mal durchgekitzelt werden…
„Zu spät, Kleine.“, kommt es da von Irie und Ren gleichzeitig und schon werde ich wieder zum Folteropfer.

Eine halbe Stunde - und eine halbe Packung Pflaster – später, komme ich auch zum Mittagessen. So ein Boden ist wirklich ganz schön… ungemütlich. Und so steinig.

Als ich den Raum betrete, schmunzeln Irie und Ren zu mir hinüber. Na Pustekuchen, ich werde mich ganz bestimmt nicht neben euch setzen.
Ah, wundervoll. Da ist ja noch Platz.
Kurz darauf lasse ich mich neben Kiro nieder und schnappe mir auch eine Schale mit Nudeln.

„Hast dich aber tapfer geschlagen.“, raunt er mir auf einmal zu.
„Hm?“ Fragend blicke ich zurück.
„Nun… Das letzte Mal, als Ren und Irie jemanden in der Zange hatten, hat der gleich angefangen zu winseln… Also – nicht, dass es etwas geholfen hätte, aber trotzdem.“, flüstert er mir zu.
Hehe… Also doch wenigstens ein halber Punkt für mich, wie?

Nach dem Mittagessen ging es weiter im Programm. Wieder viel, viel Laufen und gegen Abend dann wieder eine Runde Basketball in kleinen Gruppen. Kann es sein, dass die das extra gemacht haben, dass ich jetzt gegen Irie und Ren antreten muss?
Aber ok. Natürlich haben die auch gewonnen. Irie ist der beste in unserer Mannschaft, was die Abwehr angeht, an dem habe ich heute irgendwie keinen Ball mehr vorbei bekommen. So ein Mist aber auch.

Gerade, als wir auf dem Weg vom Abendbrot zu unserem Schlafsaal sind, kommt Ren wieder auf mich zu. Ah… Will sich wohl entschuldigen, wie?
“Nein, ich will mich nicht entschuldigen. Du bist schon selbst schuld, wenn du mich ärgerst.“, grinst er mich an. Na, klasse.
Als er keine Antwort von mir erhält, fährt er einfach mit dem Reden fort: „Magst du eine Runde mit rauskommen? Ich weiß ja, dass wir heute schon genug Bewegung hatten, aber ich würde gern auch noch Mal eine Weile mit dir allein sein. Ich habe heute auf der Karte etwas gefunden, das wir uns mal genauer ansehen könnten.“
„Unter einer Bedingung.“
“Hm?“
„Du kitzelst mich nicht mehr durch!“
„Hehe… Also heute bestimmt nicht mehr.“, zwinkert er mir zu.

Kurze Zeit später sind wir auch schon auf dem Weg, der auf der Karte eingezeichnet ist. Angeblich soll hier ganz in der Nähe eine alte Tempelanlage zu finden sein. Hört sich interessant an.
Der Mond scheint bereits hell durch die Äste und ein wenig Nebel sammelt sich an den Hängen. Der Weg besteht inzwischen nur noch aus Treppenstufen. Ganz schön unbequem…
„Tut es eigentlich noch weh?“, fragt Ren in die eingetretene Stille.
„Was meinst du?“
Er deutet auf meine vielen kleinen Pflaster an den Armen und Beinen.
„Ach, die! Nene, das geht schon wieder. Sind ja bloß kleinere Schrammen. Irie kann ganz schön stark festhalten…“
“Ja, ich weiß. Daher ist er der perfekte Partner für solche Unternehmungen!“, grinst er mich an.
“Unternehmungen? Du meinst wohl eher Folter!“
„Och.. Öh… Nein? Hat doch Spaß gemacht!“ Und wieder grinst er mich so fies an.
Gerade eben kann ich mich noch bremsen, ihn in die Seite zu knuffeln. Ich weiß ja, wo das enden würde und dafür habe ich heute wirklich keine Kraft mehr.

„Hey, sieh doch mal!“, meint Ren und weißt auf das Ende der Treppenstufen vor uns. Über uns erstreckt sich ein sehr großer, alter Torbogen, von dem die rote Farbe bereits anfängt, abzublättern.
Kaum sind wir am Ende der Treppen angekommen, können wir das große Plateau überblicken, das vor uns liegt.
Tatsache. Ein alter Tempel. Aber er ist durchaus noch sehr gut in Schuss, wie es aussieht. Ob es hier wohl auch eine Priesterin oder einen Priester gibt? Hmm… Das muss ich die nächsten Tage unbedingt noch herausfinden.

Auf ein Mal sehe ich im Augenwinkel ein blaues Blitzen und mache reflexartig einen Satz nach vorne. Glücklicherweise ist Ren gerade ein paar Schritte weiter nach vorne gegangen, sonst wäre er wohl getroffen worden – was auch immer das war.
„Ah, hab ich dich also gefunden, ja?“, höre ich eine Stimme über den Tempelhof hallen. Sie ist… weiblich, glaube ich.
„Wer ist da!?“, ruft Ren mit angespanntem Gesichtsausdruck in die eingetretene Stille hinein.
„Tiara, habe ich Recht? Hm… Eine ganz neue, wie mir scheint…“, fährt die Stimme unbeeindruckt fort.
„Was willst du von mir?“ Nun ist es wohl an mir, dass ich eine Frage stelle. Mein Blick wandert vom Hof über die Tore und das Tempelgebäude, aber nirgendwo ist jemand zu sehen… Verdammt, was ist das?
„Was ich will? Hehe… Kann ich mir denken, dass du das wissen willst. Aber weißt du was?“
Eine Pause entsteht, während der Ren und ich uns bloß besorgt ansehen.
„Ich wird es dir nicht sagen.“ Nun kommt die Stimme von der Mitte des Platzes.
Aber was…
Ein Mädchen schwebt dort, bestimmt nicht älter als ich. Auf ihren silbernen Haaren schimmert das Mondlicht wie Silber und in ihrem Gesicht sind merkwürdige Formen zu sehen… Ihre Kleidung selbst scheint fast durchsichtig zu sein und so kann man diese Formen selbst noch auf ihrem Körper sehen… Irgendwie wirkt sie… gefährlich schön…

„Wer… Wer bist du?“ Meine Frage war ein Flüstern, aber dennoch hallte sie in der Stille des Hofes umher.
„Nun… Ok, da ich ja nun weiß, wer du bist, sollst du es halt wissen. Mein Name ist Cassiopaya. Viel Spaß noch bei deinem Ausflug, du wirst ihn brauchen.“
Mit einem unheilvollen Lachen verschwamm ihre Figur wieder und löste sich kurz darauf im Nichts auf. Ren starrte wie gebannt auf dem Punkt, an dem sie vorher gestanden hatte.

Kaum war sie weg, erinnere ich mich auch wieder an den gleißend blauen Blitz und drehe mich um, um zu sehen, was mit der Stelle passiert ist, auf der er aufkahm.
Sie ist komplett schwarz und verkohlt.

War das Cassiopayas Kraft gewesen…?

Und was will sie überhaupt…?

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