Meine Schwester hat wirklich Wort gehalten und ist schon gleich am
nächsten Tag zu meinen Eltern gegangen. Glücklicherweise hatte
sie ausgelassen, dass es nur den einen Schlafsaal gibt… Hätte
sie das erwähnt, würde ich vermutlich zu hause bleiben müssen.
Selbst die Mathearbeit an dem Tag war ganz in Ordnung. Ok, vielleicht
ist es nur eine Vier geworden, aber das macht nichts. Die nächste
wird besser.
Hoffe ich zumindest.
Wie dem auch sei - heute ist also der Tag der Abfahrt zum Trainingslager.
Ich konnte letzte Nacht schon gar nicht mehr richtig schlafen… Sieben
Tage mit den Jungs weg, ich bin ja so ein Glückskeks!
Und Ren ist natürlich auch mit dabei. Beim letzten Training durften
wir uns natürlich wieder die ganze Zeit anhören, was die anderen
für Pläne schmieden, um uns auseinander zu halten. Irie hat
mir sogar erzählt, dass es schon Wetten gibt, wie lange die es schaffen,
Ren und mich zu trennen.
Denen werden wir es zeigen!
Mein Gefühl sagt mir aber, dass es eine supertolle Fahrt wird.
„Hast du alles dabei?“, fragt Raven noch, als ich aus dem
großen Tor zu unserer Einfahrt trete.
“Ja, ich hab alles durchgesehen. Mach dir keine Sorgen, ich werde
das schon überleben!"
„Pass auf die Jungs ja gut auf!“, ruft mir Fiona nach.
„Jaja, mach ich! Tschühüüs!“
Die Autotür geht zu und Salima startet den Wagen.
„Du hast meine Handynummer, oder?“, fragt sie.
„Ja, klar. Außerdem noch die von Raven und Fiona.“
“Ok… Wenn irgendetwas ist, sag sofort bescheid.“
”Geht klar. Ich hab auch selbst noch einen kleinen Verbandskasten
dabei, falls die Jungs keinen haben.“
„Wo geht es denn genau hin?“
“Also der Ort wurde selbst vor uns geheim gehalten. Er liegt aber
etwa sechs Stunden weiter nördlich, also in den Bergen. Toshi hat
uns gestern noch erzählt, dass er recht abgelegen in einem kleinen
Talkessel liegt und so weit das Auge blickt kann man wohl nur Bäume
sehen.“
“Ui. Klingt, als ob du deine erste fremde Welt kennen lernen wirst.“
„Na Dankeschön. Keine Sorge, ich werde dir und unserer anderen
Schwester schon nicht nachstehen. Spätestens, wenn die Schule zu
Ende ist, mache ich mal ein paar Ausflüge zu euren Welten. Ich will
immerhin mal sehen, wovon ihr immer redet!“
Salima schmunzelt.
„Dann muss ich aber vorher noch den Tempel aufräumen, also
sag vorher bescheid.“
“Och… Mal sehen…“
Wenige Minuten später fährt unser Wagen auch schon auf den Hof
der Uni.
„Man, ist das schon lange her, dass ich hier war… Aber es
hat sich kaum etwas geändert!“, kommentiert Salima, während
sie den Wagen auf dem Parkplatz abstellt.
Der Bus steht einige Meter entfernt und die Mannschaft drum herum. Ren
und Toshi kann ich von hier aus erkennen, die anderen stehen etwas versteckt
hinter dem Bus.
„Ist das deine Mannschaft?“, fragt Salima.
„Ja.“
„Hui, sind da Schnitten drin…“
Ich schiele sie bloß an. Meine Schwester ist schon ein paar Jahrhunderte
alt, benimmt sich aber dennoch wie eine Jugendliche. Nun… Sie behauptet
von sich selbst ja auch immer, sie sei fünfundzwanzig Jahre alt.
Man hat sie ein Glück, dass sich unsere Familie ab einem gewissen
Alter nicht mehr sichtbar ändert…
„Hey!“, ruft Toshi mir entgegen, als Salima und ich mitsamt
Gepäck auf die Gruppe zu kommen.
„Hey, Jungs! Unser Kampfküken ist soeben angekommen!“,
brüllt Irie auch gleich über den Hof.
Danke… Das hab ich jetzt wirklich gebraucht, dass meine Schwester
meinen Spitznamen weiß…
„Kampfküken?“, raunt sie mir zu. „Das klingt ja
ultrasüß… Und so passend!“
Grins nicht so!
Ich versuche, sie in die Seite zu kitzeln, aber leider hat das keinen
Erfolg. Mist, warum muss die immun gegen Kitzeln sein?
Inzwischen sind wir auch bei der Gruppe angekommen und Salima mustert
die Jungs erst Mal. Jaja… Du willst nichts mehr mit männlichen
Wesen zu tun haben, wie?
„Hui… Ist das deine Schwester, Tiara?“, fragt Teru in
dem Moment natürlich.
„Ja, bin ich!“, stellt sich Salima auch gleich selbst vor.
„Ich heiße Salima!“
„Schöner Name, edles Fräulein!“, versucht sich Seron
auch gleich bei ihr einzuschleimen.
Pustekuchen, mein Lieber, mit so etwas punktest du bei ihr nicht.
Als ich meinen Koffer aus dem inzwischen dichten Gedränge herausschmuggle,
tritt Ren auf mich zu und gibt mir einen Begrüßungskuss auf
die Wange.
“Hi, Tiara!“
„Hi!“
„Deine Schwester veranstaltet ja einen ganz schönen Tumult…“
„Uaa… Wem sagst du das? Kürzlich sagte sie noch, sie
würde sich nichts mehr aus Jungs machen und jetzt das…“
„Ach, lass sie doch. Uns hast du noch die ganze nächste Woche
am Hals, überlass ihr doch diese zehn Minuten.“, zwinkert er
mir zu.
Im nächsten Moment stellt er auch schon meinen Koffer in den Laderaum
des Busses.
„Hui, was hast du denn da drin? Steine?“
“Nein, aber Stahlgewichte!“, grinse ich ihm entgegen. Als
er entgeistert zurückschaut, füge ich noch hinzu: „Na,
warum meinst du wohl, kann ich so hoch springen, hm? So was will geübt
und trainiert sein!“
„Ach du Schande…“, kommt es von ihm bloß zurück.
„Oh! Du bist also Ren, ja?“, begrüßt Salima nun
auch meinen Freund.
„Ja, bin ich. Freut mich, dich kennen zu lernen!“
„Oh, ganz meinerseits. Pass mir ja auf meine kleine Schwester auf
– wenn nicht, mach ich Mus aus dir, ok?“, verspricht sie ihm
staubtrocken.
Eh… Salima…?
Ren richtet sich vor ihr zur vollen Größe auf und grinst sie
von oben herab an.
„Das müsstest du erst Mal schaffen.“
„Och, glaub mir, ich weiß inzwischen, wo man Jungs hintreten
muss…“, grinst sie mindestens ebenso fies zurück.
Ah, ich sehe schon: Die vertragen sich blendend.
„Hey! Hört mal zu!“, versucht indes Toshi sich wieder
Gehör zu verschaffen.
Als alle einigermaßen ruhig sind, fährt er fort: „Da
ja nun alle da sind, kann es doch eigentlich auch los gehen. Unser Trainingsplan
– den ich gleich auch noch im Bus verteilen werde – sieht
schon für heute Abend ein paar Runden über den Hof vor, außerdem
auch ein kleines Spiel zum warm werden. Wenn ihr also nicht noch morgen
früh um fünf da stehen wollt zum Körbe werfen, solltet
ihr euch nun alle in den Bus begeben.“
Kaum drängelt sich alles an der Tür, setzt er noch einmal an:
„Und der Platz ganz vorne gehört mir!“
„Ok, kleine, dann mal viel Spaß und pass auf die anderen
auf!“, verabschiedet sich Salima von mir, während wir uns noch
einmal knuddeln.
„Mach ich. Viel Spaß mit Raven und Fiona und lass dich nicht
allzu sehr an die Wand texten, ok?“
„Geht klar. Ciao!“
„Tschüss!“
Kaum sind Ren und ich im Bus verschwunden, wird der Motor gestartet und
die Tür geht zu. Salima steht draußen auf dem Campus und winkt
noch mal jedem persönlich zu – ich mag wohl wetten, dass einige
Jungs sie zu gern mitgenommen hätten.
Die Fahrt gestaltet sich als unglaublich langweilig. Naja… Busfahrten
empfinde ich immer als langweilig. Die meisten Jungs hocken auf ihren
Plätzen und spielen mit irgendwelchen kleinen Konsolen, die sie sich
mitgenommen haben, Kiro – der Jüngste Spieler in der Mannschaft
– hat das Klo in Beschlag genommen und kommt jedes Mal mit einem
grüneren Gesicht wieder heraus, während sich die Leute vorne
auf den Sitzen wegen unseres Trainingsplanes in die Haare kriegen.
Achja, der Trainingsplan.
Den hatte ich mir noch gar nicht angesehen…
Schnell ist der Zettel aus meinem Rucksack gekramt und auseinandergefaltet.
Montag Lauftraining, Dienstag Korbwerfen, Mittwoch Abwehr, Donnerstag
wieder laufen, Freitag frei und das Wochenende für Dinge, die man
nicht geschafft hat. Nächsten Montag geht es wieder zurück.
Hm… Ok, so sahen unsere – also die von meiner alten Mannschaft
– auch immer aus. Nicht besonders spektakulär, aber immerhin
etwas, nach dem man sich richten kann. Alles schafft man sowieso nicht.
„Haaaalt!“, hallt die Stimme von Toshi durch den Bus.
Alles schaut einigermaßen wach von seinem Platz zu ihm hinüber.
Mittlerweile ist es schon Nachmittag und die Gegend hat sich gewaltig
geändert. Wir befinden uns inzwischen schon in den Bergen und etwa
in einer halben Stunde müssten wir endlich da sein…
„Hier werden wir aussteigen!“, verkündet Toshi grinsend.
Aussteigen?
Hä?
“Wieso?“, fragt auch prompt einer von den hinteren Reihen.
„Wieso? Weil wir bald da sind! Schätzt euch glücklich,
wir müssen dann keine Runde mehr um den Platz drehen sondern können
gleich von hier aus unser Training starten!“, strahlt Toshi in die
Runde.
„Och nööö…“
„Ich will nicht!“, maulen die ersten von ihren Plätzen.
„Will nicht zählt nicht, jetzt alle raus! Wir müssen ja
gar nicht rennen, einfach nur die Füße bewegen und ein wenig
warm werden reicht schon! Eure Sachen könnt ihr im Bus lassen, der
wartet auf uns vor unserem Haus!“
Nun, begeistert bin ich wirklich nicht von der Idee, aber meinetwegen
kann es losgehen. Vom ganzen Sitzen tut mir schon mein Hintern weh und
die frische Luft wird gut tun.
Mehr oder minder glücklich – naja, eher minder, der einzige,
der bei dem Gedanken an draußen strahlt, ist Kiro – verlassen
nun auch alle den Bus. Toshi gibt dem Busfahrer letzte Anweisungen, dann
fährt der Bus auch davon und lässt eine Gruppe schläfriger
Basketballspieler hinter sich.
„Ok, Leute! Hier geht es lang!“, verkündet Toshi und
treibt die ersten Jungs in die angedeutete Richtung.
„Psst!“, flüstert jemand hinter mir. Als ich mich umdrehe,
steht Ren nur wenige Meter von mir entfernt.
„Hm?“, blicke ich ihn fragend an.
„Wenn du nicht mehr Laufen kannst – ich trag dich wohl!“,
grinst er zu mir herüber.
Tragen? Wie sehe ich denn aus? Wie ein Kleinkind, das keine paar Meter
zu Fuß gehen kann? Na warte… Ich werde da fitter ankommen,
als du!
Aber als Antwort strecke ich ihm bloß meine Zunge raus und er grinst.
Die Strecke ist wirklich toll. Ok, wir laufen die ganze Zeit an der Straße
entlang, aber obwohl nun schon eine Stunde vergangen ist, kam uns nie
ein Auto entgegen und es gab auch keines, das uns überholt hat. Die
Straße verläuft etwa in der Mitte des Berges entlang und man
hat eine wirklich tolle Aussicht.
So ein Mist aber auch, dass ich meine Kamera im Bus gelassen habe…
„Hey! Da drüben ist es!“, kommen die ersten Jubelrufe
von weiter vorne.
Kurz darauf kann auch ich es sehen: Gleich hinter der nächsten Kurve
ist es zu sehen. Es ist wirklich alt… Eine Mauer umgibt das ganze
Gelände, das von innen auf jeden Fall größer wirkt, als
von außen. Unser Bus hat bequem Platz und das will schon etwas heißen.
Das Gebäude an sich ist recht niedrig und nicht an den Hang gebaut.
Mehr als eine Etage hat das bestimmt nicht.
Die Wände sind – so sieht es zumindest aus – komplett
aus Holz und es gibt eine kleine Art Veranda. Die einzelnen Stützten,
auf denen das Dach ruht, sind reichlich verziert.
Man, das ist bestimmt eines der schönsten Häuser, das ich je
gesehen habe…
„Ah, Willkommen!“, begrüßt uns in dem Moment,
als wir alle durch das Tor gekommen sind – wohlgemerkt Ren als letzter
und ich sehe wirklich fitter aus als er – auch schon die Frau des
Hauses.
„Es freut mich, dass ihr den Weg hier her gefunden habt! Wenn ihr
bitte euer Gepäck nehmt und mir folgen würdet?“, fährt
sie auch schon ohne Pause fort.
Hmm… Wie alt mag sie sein? Ihre Haare sind zwar schon ergraut, aber
ihre Figur wirkt nicht älter als dreißig.
Nachdem wir sie begrüßt haben und versicherten, wie sehr wir
uns auf die folgenden Tage freuen werden, entsteht wieder ein kleiner
Tumult am Bus. Natürlich versucht jeder, seinen Koffer als erstes
zu bekommen… Und das sollen erwachsene sein? Die wirken wie die
Schüler in der Klassenstufe unter uns…
„Hier!“ Mit diesen Worten drückt Ren mir meinen Rucksack
in die Hand. Ups, den hätte ich jetzt ganz vergessen….
Eine Zeit später sind wir auch schon fertig mit dem Einziehen. Unsere
Futons sind im Schlafsaal ausgebreitet – und die Jungs haben wirklich
zugelassen, dass Ren und ich nebeneinander unsere Matten ausbreiten können.
Werden die schon jetzt unachtsam?
Das Abendbrot – übrigens super lecker: gebratener Fisch und
Reis – hatten wir genauso wie das kleine Spiel zum Aufwärmen
schnell hinter uns gebracht. Die Jungs sind inzwischen schon alle zum
Schlafen umgezogen und ich bin die letzte, die mitsamt ihrer Schlafkramtasche
ins Bad geht.
Zugegebenermaßen war ich von dem Moment an, wo ich das Bad betreten
habe, bis zu diesem Zeitpunkt wohl etwas in meinen Gedanken verloren,
denn kaum blicke ich – nachdem ich meinen Schlafanzug angezogen
habe – in den Spiegel, da…
„NEEEEEEEEIN!“, hallt meine Stimme durch das ganze Gebäude.
Nein, das darf nicht wahr sein, bitte, bitte nicht!
„Tiara! Was ist los?!“, stürzen auch schon die ersten
Jungs ins Bad.
„Wa…. Was ist DAS?“ Irie starrt mich entsetzt an.
„Das ist ja… Du hast wirklich einen rosanen Schäfchen-Schlafanzug?
Wie geil!“, kommt es da von Toshi und schon rollt sich die gesamte
Mannschaft auf dem Boden des Hauses.
„Wie stark! Jetzt haben wir nicht nur ein Kampfküken, sondern
auch ein Kampfschäfchen, wie?“, bringt Seron zwischen zwei
Lachkrampfattacken heraus.
Raven… Fiona… Das verzeihe ich euch nie…
Einfach so Schlafanzüge austauschen…
Ihr seid blöd…
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