„Tiara, endlich sehen wir uns mal wieder. Wie lange ist es jetzt
schon her, dass ich von hier weg bin? Das müssten schon inzwischen
gut und gerne drei Jahre sein, oder?“, fragt Salima auf dem Weg
in Ravens und mein Schlafzimmer.
„Drei Jahre, vier Monate und zweiundzwanzig Tage.“, antworte
ich. Seitdem sie weg ist, führe ich Strichliste. Ich mag es nicht,
dass Salima so oft weg muss… Ok, es sind meist wichtige Gründe,
aber trotzdem: Sie ist doch meine Schwester!
„Oh… Du hast es wohl ganz genau gemacht, wie?“
Ich nicke bloß. Was gibt es jetzt nicht alles zu erzählen…
Das mit meinem Arm hat sie inzwischen mitbekommen. Sie ist natürlich
auch über alle wichtigen Dinge aufgeklärt, wie zum Beispiel,
dass Fiona nun zu meiner Clique gehört.
Als Salima und ich gerade noch unten standen, sind Raven und Fiona wie
vom Blitz getroffen nach oben gerannt und haben das Zimmer einigermaßen
aufgeräumt – das zumindest hoffe ich. Da sieht es echt schlimm
aus, wenn auch nicht ganz so schlimm wie bei Ren zuhause. Ich frage mich,
ob dort immer noch das Chaos herrscht… Und was haben wohl Sasha
und Andreas dazu gesagt, dass Ren und ich nun zusammen sind? Hm…
Ich muss Ren unbedingt mal fragen.
„Achje, eure Bude sieht ja immer noch so aus, wie damals…“,
schmunzelt Salima mich an.
„Hey, was soll das heißen! Wir haben es hier echt gemütlich!“,
protestiert Raven auch gleich.
„Ist ja gut, ist ja gut. Ich meine ja nur… Die Betten sind
noch in der gleichen Ecke, die Schreibtische genauso… Ah! Aber das
da ist neu!“, sagt sie und deutet auf ein großes Poster der
Demons.
Huch? Das hing vorhin aber noch nicht da?
Als ich Raven ansehe, schaut sie nur pfeifend zur Seite.
Aber… Na ok. Eigentlich sieht es wirklich ziemlich klasse aus.
„Und das da ist Tiaras Freund.“, erzählt Fiona grinsend
an Salima weiter, während sie auf Ren deutet.
HEY!
„FIONA!“ Na warte. Jetzt kitzle ich dich durch!
Gerade, als ich mich auf sie stürzen möchte, schmunzelt mich
Salima aus belustigten Augen an. „Ah, einen Freund, ja? Lass dich
bloß nicht einwickeln. Aber nun lass uns mal besser chronologisch
vorgehen, was ist nun denn wichtiges passiert, was ich noch nicht weiß?“
Also erzählen wir. Und erzählen. Und erzählen. Und erzählen
noch viel mehr. Der ganze Rest vom Nachmittag geht dabei drauf, bis Fiona
einfällt:
“So ein Mist! Ich muss doch noch mit den Mädels vom Club telefonieren…
Wir sehen uns morgen, ok?“
„Klar, geh nur. Ich lauf ja nicht weg.“, versichert Salima.
„Jaja. Das hast du das letzte Mal auch gesagt und dann konnte ich
dir nicht mal mehr auf Wiedersehen sagen.“
„Was? Wirklich nicht? Tut mir Leid…“
„Ach, ist ja schon in Ordnung. Bleibst du noch lange?“, fragt
Fiona.
„Ja, ich denke schon. Bisher steht nichts an, ich habe also sozusagen
Urlaub.“
„Ok… Tschüss Mädels, ich bin dann mal weg!“,
ruft sie uns im Gehen nach.
„Tschüss!“, kommt es von uns dreien zurück.
Und schon sind nur noch Raven, Salima und ich da.
„Du, Tiara? Ich muss nun auch noch mal weg, wir wollen uns heute
Abend noch vom Club treffen. Da gibt es noch so einige Dinge, die besprochen
werden müssen… Aber ich denk mal, dass ihr beiden auch ohne
Fiona und mich auskommt, es gibt immerhin auch noch eine ganze Menge zwischen
euch beiden zu erzählen, hab ich nicht Recht?“
Eh… Ok…?
„Ja, geht klar, Raven. Viel Spaß und komm nicht zu spät!“,
schmunzelt meine Schwester Raven an.
„Mir brauchst du das nicht sagen. Die ewige Zuspätkommerin
sitzt da gerade neben dir.“, grinst Raven zurück.
Das ist fieees… ich kann doch nichts dafür…
Naja.
Eigentlich…
Naja, eigentlich kann ich wohl was dafür.
„Tschüss, Raven!“, ruft Salima ihr noch hinter her,
dann ist Raven auch schon draußen und man hört sie die Treppe
hinunterstürmen.
„Nun, endlich sind wir beide ungestört.“, beginnt Salima
das Gespräch von neuem und räkelt sich.
„Ich finde es schon komisch, dass die beiden auf einmal so etwas
Wichtiges vorhaben…“, wende ich ein.
„Ach, lass die doch. Ich glaub, die wollten uns beiden einfach nur
etwas Zeit verschaffen, dass wir mal wieder reden können.“
„Meinst du?“
Sie nickt.
„Sag mal, Salima… Warum bist du eigentlich gekommen? Ich meine
– ich freue mich natürlich, aber irgendwie stimmt da etwas
nicht. Ich kann mir nicht vorstellen, dass du nur kommst, weil du mich
mal wieder sehen willst.“
“Ach, das denkst du also?“
“Ja. Ok, es mag vielleicht ein Grund sein, aber bisher kamst du
immer nur dann, wenn du wichtige Neuigkeiten hattest.“
„Hmm… Na ok, du scheinst mich recht gut zu kennen… Also
gut. Du hast Recht, ich habe wirklich Neuigkeiten. Ich habe keine Ahnung,
ob sie wichtig sind oder nicht, ich weiß ja nicht einmal, was ich
genau mit den Informationen anfangen soll. Vielleicht jedoch werden sie
irgendwann mal wichtig, also erzähl ich sie lieber.“
“Schwesterherz, komm zur Sache. Was genau ist das, wovon du redest?“
„Ok. Also… Ich war gerade auf meinem Priesterposten, als
ich spürte, wie sich die Energien um unseren Heimatplaneten veränderten.
Es geschah zwei Male… Einmal war es etwas schwächer, danach
kam etwas vergleichsweise Starkes. Ich weiß nicht so recht, was
ich davon halten soll. Es hat sich angefühlt, als ob zwei Dinge –
oder Wesen, das konnte ich nicht merken – jetzt auf unserem Planeten
sind, die hier vorher noch nicht waren. Ich bin hier, um das etwas genauer
unter die Lupe zu nehmen.“
Das hört sich ja ziemlich abenteuerlich an.
„Ach… Vermutlich sind nur irgendwelche Kristalle aus dem Weltraum
auf unserem Planeten gelandet? Kommt doch schon mal vor und das fühlt
sich nun auch nicht wirklich so arg stark an…“
„Nun, das müssen dann aber verdammt große Kristalle sein.
Wenn etwas von der Größe aus dem Weltraum kommt und auf unserer
Erde einschlägt, dann würde ich nun nicht mehr mit dir hier
sitzen können, glaub mir.“
“Oh…“
“Eben. Ich werde die nächsten Tage mal Nachforschungen anstellen,
was das angeht… Aber ich habe mal eine Frage, Tiara.“ Mitten
im Satz änderte sich ihre Tonlage und nun hört sie sich wieder
so an wie sonst – nicht so fürchterlich besorgt, wie davor.
“Was denn?“
„Vor einem Jahr fing das doch an deinem Arm an, richtig?“
Ich nicke.
„Wie kommt es dann, dass man es gar nicht mehr spürt?“
“Eh? Wie meinst du das?“
“Nun… Wenn ein Mensch sich verändert, wie zum Beispiel
ich oder deine Schwester, konnte man es spüren. Es ist so was wie…
Nun… Ein Flimmern in der Aura. Bei dir spüre ich es nicht mehr.“
“Ach, eh… Das kommt wohl hiervon!“, strahlend zeige
ich ihr meine neue Kette.
„Huch? Woher hast du die denn?“, fragt Salima mit vor Staunen
aufgerissenen Augen.
„Die habe ich von meinem Freund. Er… Hat sie mir geschenkt.
Wie ich ja vorhin schon erzählt habe, weiß er, was ich bin.
Er hat mir gesagt, ich würde zu einem Dämon und dass meine Veränderung
noch lange nicht abgeschlossen sei. Ren hat mir daher diese Kette gegeben,
damit es nicht mehr sichtbar ist und ich es nicht merke – es hat
das letzte Mal nämlich verdammt wehgetan…“
„Mhm… Dachte ich es mir doch.“
„Wie bitte?“
“Ren ist auch ein Dämon, richtig?“
Das hat gesessen. Was soll ich denn jetzt darauf sagen?
„Du brauchst nicht zu antworten. Ist schon ok und keine Sorge: Ich
werde es niemandem weitersagen. Ren braucht auch nicht zu wissen, dass
ich es weiß. Es ist nur so, dass er sich so verdammt gut damit auskennt…
Es hätte mich wirklich sehr gewundert, wenn er nicht selbst einer
gewesen wäre.“ Sie zwinkert mir zu.
Ich muss schmunzeln. Meine Schwester hat schon immer schnell herausgefunden,
was ich ihr verheimlicht habe.
Salima schaut zum Plakat hinüber. „So vom Äußerlichen
ist der gar nicht mal so übel…“
„Hey! Der gehört mir!“
„Hehe… Ist ja schon ok, ich hab erstmal die Nase gestrichen
voll, was Jungs – oder eher gesagt Männer – angeht.“
Salima wurde vor einiger Zeit von ihrem Freund verstoßen und ist
seitdem ein Single. Dummerweise hat besagter Exfreund inzwischen eingesehen,
dass er eine sehr, sehr große Dummheit begangen hat und versucht
seither, meine Schwester wieder zurückzubekommen. So einer hat Salima
doch gar nicht verdient…
Da fällt mir ein…
„Ach, Salima? Ich muss noch etwas mit dir bereden…“
Das ist doch perfekt! Ihr kann ich das bestimmt klar machen, warum ich
auf diese Fahrt muss!
„Was gibt’s denn?“
„Ehm… Wir haben dir doch erzählt, dass ich nun in der
Unibasketballmannschaft bin und… eh…“
“Na rück schon raus.“
„Wir machen nächste Woche für sieben Tage eine Fahrt in
ein Trainingslager.“
“Das ist doch klasse!“
“Eh… Ja, schon, aber ich hab unseren Eltern noch nichts davon
erzählt und, wie soll ich sagen…“
“Hm?“
“Es gibt nur einen Schlafsaal. Und es sind lauter Jungs.“
„Ah. Als ob du damit ein Problem hast.“
“Ich nicht, aber wie schon gesagt: Mama und Papa wissen noch gar
nichts davon.“
„Hm… Und wenn es nur einen Schlafsaal gibt, dann wohl auch
nur einen Waschraum, wie?“
Muss die immer alles wissen? Menno…
„Ja.“, gebe ich dann doch noch zu. Bei Salima hat leugnen
keinen Sinn.
Salima gluckst und versucht krampfhaft, ein Lachen zu unterdrücken.
Na klasse. Dankeschön, Schwesterherz.
„Keine Sorge, Tiara. Das klappt schon. Ich werde mit den beiden
reden, da mach dir mal keinen Kopf drum. Ihr seid ja alle Erwachsen und
ich bezweifle, dass du gleich bei der ersten Gelegenheit mit ihm hinter
die Büsche springen wirst.“
“Danke.“ Mit einem Satz bin ich bei ihr und knuddel sie. „Aber
eine Frage noch: Warum bezweifelst du das?“
“Weil dein Charakter das gar nicht toll fände und außerdem
kenn ich dich dafür zu gut. Auch, wenn ich nicht oft hier bin, sind
wir doch Schwestern – und Schwestern wissen, wie die andere tickt.“
Eine ganze Weile später klopft es auch wieder an der Zimmertür.
„Hm? Herein!“, ruft Salima.
„Hi! Ich bin wieder da… Außerdem total kaputt. Macht
es euch etwas aus, wenn ich gleich ins Bett geh? Ich habe noch mitbekommen,
dass morgen eine Arbeit geschrieben wird…“, sprudelt es auch
prompt aus Raven heraus.
„Arbeit?“
“Mathe.“
“Nein…“
“Leider doch.“ Mit diesem Satz fällt sie auch schon ins
Bett.
„Nun, ich werde mich nun auch mal ins Bett begeben, ich habe einen
langen Weg heute hinter mich gebracht und will nun eigentlich nur noch
schlafen…“, kommt es nun auch gähnenderweise von Salima.
„Ok. Wir sehen uns ja dann morgen wieder. Drück mir die Daumen
für Mathe, ja?“, rufe ich ihr noch hinter her, als sie den
Raum verlässt.
„Geht klar. Und keine Sorge, ich habe Mathe auch nie gekonnt…
Unsere andere Schwester hat sogar jedes Mal in den Arbeitsstunden geschlafen
und trotzdem leben wir noch. Viel Spaß und gute Nacht!“, kommt
es noch vom Flur, dann hört man, wie die Zimmertür von Salima
ins Schloss fällt.
Schönen Abend noch und danke, Schwesterherz…
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