Kapitel 13

„Ren!“
Kaum dreht er sich um, falle ich ihm in die Arme.
„Hi, kleine!“ Er begrüßt mich und knuddelt mich kurz darauf.
„Lass mich raten: Fiona und Raven haben dich nicht weggelassen?“, grinst er mich an.
„Eh…“
“Dachte ich mir schon. Hast du ihnen auch das von mir erzählt?“
„Nein. Das… geht die nichts an.“
„Dann ist gut.“
Er beugt sich zu mir herunter und wir küssen uns. Ach, daran könnte ich mich gewöhnen…
„Wir sollten uns beeilen, die anderen sind schon da.“, schmunzelt er mich an.
Mist! Ich wollte hier doch nie zu spät kommen!

Kurz darauf treten wir zusammen – händchenhaltend wohlgemerkt – in unseren Versammlungsraum ein und schon richten sich alle Blicke auf uns.
Naja, ok, nicht wirklich auf uns.
Eher… indirekt.
Eigentlich starrt bloß jeder auf unsere Hände.

„Ren?“, fragt Toshi da.
„Ja?“, antwortet der mit einem Engelsgesicht.
„Kann es sein, dass du dich hinter unser aller Rücken an unser Kampfküken heran geschmissen hast?“
„Eh…“
“Und du hattest nicht Mal die Genehmigung von uns…“, ergänzt Irie noch mit Staubtrockener Stimme.
Bin ich jetzt Mannschaftseigentum oder wie?
„Ehm…“ Ren sucht nach etwas, das er sagen könnte, findet es aber wohl nicht.
„Drei Runden um die Turnhalle mit dir, aber mach flott. Wir warten nicht. Tiara? Setz dich.“
“Aber…“ Ich schau zu Ren der glucksend neben mir steht.
„Ist schon ok, ich bin gleich wieder da.“, zwinkert er mir zu und macht sich dann auf den Weg. Ok, dann setz ich mich halt…

„Tiara, wir hatten gerade angefangen. Also. Wie du ja schon mitbekommen hast, werden wir nächste Woche für sieben Tage in ein Trainingscamp in die Berge fahren.“, beginnt Toshi.
Als ich nicke, fährt er fort.
„Nun, ich habe Antwort von dem Camp bekommen.“, er blickt in die Runde. „Es besteht aus einem recht alten Haus mit einem schönen, großen Platz davor, auf dem sich gut Trainieren lässt. Nicht allzu weit entfernt ist auch eine heiße Quelle, die wir benutzen können. Das Gebäude liegt auf einer Lichtung im Wald und ist vom nächsten Ort eine halbe Stunde mit dem Auto entfernt – perfekte Trainingsvorrausetzungen also.“
„Das hört sich jetzt an, als ob es einen Haken dabei gibt.“, meldet sich Irie von hinten.
„Ja, allerdings. Das allerdings erst, seitdem Ren und Tiara hier Händchen haltend in den Raum hineinkamen.“
“Was hat das mit uns zu tun?“, frage ich.
„Nun… Das besagte alte Haus hat lediglich einen Schlafsaal.“
Huch? Nur einen Saal? Aber ok, das mag wenig sein, aber wo ist das Problem?
„Tiara. Jetzt überleg doch mal.“ Toshi schaut mich mit glänzenden Augen an.
„Tu ich schon. Aber ich komm nicht drauf.
„Du bist weiblich. Wir sind hier alle männlich. Ich mein… Ok, Wir hätten uns sicherlich einigen können aber ich kann doch nicht zulassen, dass du und dein neuer Freund sich abends im selben Zimmer aufhaltet!“
Oh. Daran hab ich jetzt gar nicht gedacht…
Ups…
„Hey, Toshi, deswegen brauchst du dir nun wirklich nicht den Kopf zerbrechen. Da passiert schon nichts!“, meldet sich Ren zu Wort.
Oh? Na das hat er ja schnell geschafft… Deren Runden sind wohl nicht ganz so lang, wie die meiner alten Mannschaft.
„Ren, du setzt dich jetzt mal an die Seite von Irie.“
“Aber…“
“Nichts aber, Tiara kannst du nachher noch haben.“
Ren seufzt bloß, schmunzelt noch mal zu mir herüber und setzt sich dann neben Irie. Was Toshi sagt, ist halt Gesetz, da kann man nichts gegen machen…
„Toshi, es passiert wirklich nichts.“, versuche ich, die Aussage von Ren noch mal zu bekräftigen.
„Ach, Leute…“, fängt er wieder an.
„Nichts Leute. Keine Sorge, Toshi, wir sind doch alle erwachsen.“
„Na gerade das macht mir ja Sorgen.“
“Ich kann auch auf dem Gang schlafen? Oder meinetwegen draußen – es ist ja warm genug dafür.“, wende ich ein.
„Tiara, das mag nobel sein, aber…“
„Toshi….“ Wenn Fiona und Raven meinem Hundeblick nicht standhalten können, kann der das unter Garantie auch nicht.
Kurze Zeit später hisst er auch schon die weiße Flagge: „Aber ich bin nicht daran schuld, wenn ihr nachher Kinder habt, verstanden?“

Ren und ich schauen uns grinsend an. Kinder… Wie kommt der denn auf diese bescheuerte Idee…

„So, und nun alle raus, ich hab euch ja gesagt, dass wir ab jetzt mehr auf unsere Abwehr achten müssen. Mit zwei Leuten, die uns die Punkte geben, sind wir wohl erstmal gut genug ausgerüstet.“ Mit diesen Worten steht Toshi auf und geht als erster aus dem Raum.

Kaum ist er außer Hörweite, stürzt sich der Rest der Mannschaft auf Ren und mich.
„Und?“
“Wie seid ihr zusammengekommen?“
“Seit ihr es schon lange?“
“Seit wann genau kennt ihr euch?
“HALT! Nicht alle durcheinander reden!“, geht Ren dazwischen.
„Und was eure Fragen angeht… Geheimnis!“, grinse ich in die Runde.
„Hey! Das ist gemein!“, mault Irie.
„Aber wir freuen uns trotzdem, dass ihr zusammengefunden habt. Irgendwie… Passt ihr zusammen.“, kommentiert Seron und blickt dabei auffordernd in die Gruppe. Alle nicken schmunzelnd, doch gerade in dem Moment lässt sich Toshis Stimme von Draußen vernehmen:
„Jetzt kommt endlich!“

Als alle draußen sind, stehen Ren und ich noch schmunzelnd im Raum.
„Meinst du, die sind eifersüchtig?“, zwinkert mir Ren zu.
„Och… Kann schon sein?“, grinse ich zurück.
„Hast du gewusst, dass es da nur einen Schlafsaal gibt, Ren?“
“Nein, ich hab das auch nicht gewusst. Ich glaub, das wird noch lustig…“
„Wie meinst du das?“
“Nun… Wenn es da nur einen einzigen Schlafsaal geben wird, wo liegt der Grund, dass es getrennte Waschräume gibt?“
Ups…
Noch so eine Sache, die ich nicht bedacht habe.
Aber muss Ren da jetzt so gemein und fies drüber grinsen?

„Ren! Tiara! Fünf Extrarunden!“, schallt es da gerade von draußen.
„Na klasse. Fängt ja gut an…“, murmel ich.
„Och, mach dir da keine Sorgen drum. Ich kenn hier inzwischen alle Abkürzungen“, zwinkert mir Ren zu.
„Ach, du bist also auch so einer, der dauernd zu spät kommt, wie?“
„Ehm…“

Wir setzen uns also in Bewegung und joggen am Basketballfeld vorbei. Es sieht von Mal zu Mal besser aus, was sie da machen. Toshi hat eine neue Taktik für die Abwehr erdacht und seitdem nimmt er die Jungs etwas härter dran. Ich bin wirklich glücklich, dass ich nicht in der Abwehr bin… Körbewerfen ist eindeutig einfacher als Manndeckung.

„Tiara?“, fragt Ren mich von der Seite.
„Hm?“
„Seit wann gibt es euch Gremlins eigentlich schon?“
„Och… Etwa seit zwei Jahren. Ok, eines, wenn man unsere Pause wegrechnet.“
“Und ihr wart immer zu dritt?“
“Ja, warum?“
“Ich bin einfach nur neugierig.“
“Ah.“
Eine kurze Pause entsteht.
„Und ihr?“, frage ich.
„Was soll mit uns sein?“
“Seit wann macht ihr schon Musik? Laut Internet seit knapp einem Jahr, aber das kann ich mir kaum vorstellen. Dann müsstet ihr ja Naturtalente sein…“
“Ach. Was spricht denn dagegen, dass wir das sind?“
“Mein Gefühl.“
“Ok. Du darfst dein Gefühl mal loben, wir machen wirklich schon länger Musik. Um genau zu sein etwa eineinhalb Jahre. Am Anfang hießen wir aber noch ganz anders und es ist wirklich gut, dass sich an diese Zeit niemand mehr so recht erinnert.“
“Warum?“
“Weil wir schrecklich waren.“
“Kann ich mir kaum vorstellen.“
Ren und ich machen eine kleine Pause, um wieder Luft zu bekommen. Laufen und Reden passen nicht so recht zusammen…
“Hey, in dem halben Jahr haben wir mit unseren Instrumenten geübt. Ich hatte da das erste Mal eine Gitarre – beziehungsweise ein Mikro in der Hand.“

Zehn Minuten später kommen wir auf dem Basketballplatz an. Rens Abkürzungen sind wirklich gut und hätten mir wohl auch damals schon helfen können… Sora und ihre blöden Extrarunden. Was bin ich glücklich, dass ich jetzt nicht mehr bei denen bin.

„Ok! Schluss für heute! Alle weiteren, wichtigen Infos hängen dann ab übermorgen am schwarzen Brett oder werden halt für euch mitgenommen, wenn ihr keine Zeit habt draufzuschauen.“, verkündet Toshi gerade.
Klasse, wieder habe ich ein ganzes Training nur mit Laufen verbracht. Aber halt Mal. Wir haben doch nur zehn Minuten gebraucht? Eigentlich geht es doch noch mindestens eine Stunde weiter?

Als alle Anderen schon gegangen sind, laufe ich zu Toshi hinüber: „Toshi?“
„Hm? Was gibt es denn?“
“Warum hatten wir heute nur so kurz Training? Ich mein… Ich hab da ja nichts gegen, aber hab ich wieder etwas verpasst? Irgendeine Ankündigung?“
„Nene, ist schon ok. Ich muss heute noch mit der Unterkunft für uns telefonieren, das ist alles. Ahja, was ich noch sagen wollte: Freut mich, dass du und Ren sich endlich gefunden haben.“
“Endlich?“
“Ja. Hat man irgendwie gemerkt, dass da etwas zwischen euch ist, allerdings ist es mir erst beim Spiel richtig aufgefallen. Falls er dir irgendwann mal wehtun sollte, scheuer ihm doch bitte eine von mir.“, mit diesen Worten schmunzelt er mir zu.
„Ok, mach ich…“
Warum will jeder Ren wehtun, wenn er mir wehtun sollte? Trauen die mir nicht zu, dass ich mich auch selbst zur Wehr setzen kann?

Als ich aus der Umkleidekabine komme, wartet Ren schon auf mich.
„Soll ich dich nach hause bringen?“, fragt er.
„Hm… Wäre toll, wenn das ginge, nur hab ich mein Fahrrad dabei und glaub mir: Das sperrige Ding passt nicht in dein Auto.“
Er schmunzelt und legt mir seinen Arm um die Schulter.
„Schade… Könntest du nicht mal zu Fuß kommen?“
„Würde ich gern, nur ist der Weg dazu zu lang.“
“Und wenn ich dich mal abhole?“
“Hm… Ich überleg es mir, ok?“
„Geht klar.“
Mit einem langen Kuss verabschieden wir uns, dann geht er zu seinem Auto und ich zu meinem Fahrrad.

Ich frage mich, wie ich das meinen Eltern erklären soll.
Sie wissen nicht dass ich einen Freund habe… Sie wissen nicht mal, dass nächste Woche die Mannschaftsfahrt ist. Außerdem… Wie soll ich ihnen erklären, dass ich mit den Jungs zusammen ein Zimmer habe? Oh man, ich hoffe, das geht in Ordnung…
Und wenn nicht?
Verdammt… Ich will da mit.
Vielleicht sollte ich denen das gar nicht sagen? Also das mit dem Schlafsaal.
Aber da kommen die eh hinter…
Oder? Nun… Sie sind ja dauernd beschäftigt, wie sollten sie denn dahinter kommen?

Als ich mein Fahrrad in die Garage stelle, stürzen mir Raven und Fiona entgegen.
Huh? Was ist denn los?
“Tiara!“, ruft mir Raven von weitem schon entgegen.
„Tiara, du wirst es nicht glauben!“, ergänzt Fiona.
„Was werde ich nicht glauben?“
„Na, wer da ist!“, sprudelt es begeistert aus Fiona heraus.
„Na sag schon, wer denn?“, will ich nun auch wissen.
„Deine Schwester!“, funkelt Raven mich an.
Schwester? Die meinen doch nicht etwa…

„SALIMA!!“, rufe ich und stürze mich auf meine Schwester. „Endlich bist du mal wieder da!“
„Hi, Tiara!“, begrüßt sie mich und drückt mich an sich.
„Du kannst dir nicht vorstellen, wie sehr ich dich vermisst habe, Salima…“

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