Ok, ich gebe zu, es hat wirklich einen ganzen Tag gedauert, bis ich
den Mut zusammengekratzt hatte, um Raven und Fiona von gestern zu erzählen
zu können. Ich denke, ich werde es nun mal wagen…
„Ehm… Raven? Fiona?“
Die beiden sehen von ihren Hausaufgaben hoch und mich neugierig an.
“Was denn?“, fragt Raven.
„Ich glaub, ich sollte euch etwas erzählen.“
„Eh? Und das musst du jetzt erstmal ankündigen? Tu es doch
einfach?“ Fiona schaut skeptisch zu mir herüber.
Ok, noch mal Luft holen, die werde ich gleich noch brauchen.
„Ich hab jetzt einen Freund.“
Stille.
Ehm…
„Was hast du gesagt? Das hat sich angehört wie ‚Ich hab
einen Freund’?“, kommentiert Raven.
„Ehmja, ich habe auch gesagt, dass ich einen Freund habe.“
„Das hört sich ja immer noch so an?“, gibt Fiona nun
auch ihren Senf dazu.
„Das kommt daher, dass es auch so ist?“ Was ist mit denen
los? Ist das jetzt wirklich so ungewöhnlich…?
“Du hast also wirklich gesagt, dass du einen Freund hast, ja?“,
will sich Raven da noch mal vergewissern.
„JA! Ließ mir von den Lippen ab: J-A!“ Oh, man.
Raven und Fiona sehen sich verständnislos an.
„Seit wann?“, fragt Fiona.
„Eh… Seit gestern.“
“Gestern? Gestern ist schon 24 Stunden her und du hattest doch bestimmt
ein Handy dabei! Warum sagst du uns nicht sofort bescheid!?“ Raven
ist inzwischen bei mir angekommen und schüttelt mich durch. Uaaa….
„Nun, äh…“, setze ich gerade an, als Fiona mich
unterbricht.
„Raven, lass sie noch am Leben, wir brauchen ihre Aussage noch!“
Danke Fiona. Mir ist schon schwindelig.
„Ja, ich hatte ein Handy dabei, aber… Ich… Äh…
Ich wusste nicht so genau, wie ich es euch sagen oder erklären hätte
sollen…“
„Dann tu das jetzt und spann uns nicht noch weiter auf die Folter!“
Ravens Augen funkeln mich an.
„Ok, aber haltet euch irgendwo fest, in Ordnung?“ Besser,
ich warne sie vor.
Fiona und Raven greifen zu der Keksschüssel und fischen sich jeweils
einen Keks heraus.
„Ok, wir halten uns fest.“
“Kekse reichen dafür doch aus, oder?“
Oh, man, wie kindisch.
„Wie heißt er denn nun?“, bohrt Fiona nun.
„Ehm…“
“Tiara!“ Raven piekt mir in die Seite. Aua!
„Ren.“
So, es ist raus.
Hm… Ich glaub, ich sollte jetzt flüchten…
Aber die machen ja schon wieder nichts?
„Fiona, dein Keks ist gerade runter gefallen.“ Vielleicht
hilft es ja, wenn ich sie darauf aufmerksam mache, damit sie wieder etwas
sagt…?
„Raven?“, fragt Fiona Raven ohne den völlig verständnislosen
Blick von mir zu nehmen.
„Hm?“, antwortet Raven, die mich mindestens genauso entgeistert
anstarrt.
„Hat die da gerade Ren gesagt?“
“Weiß nicht. Hat sich so angehört, oder?“
“Ich glaub schon.“
Nun ist auch Ravens Keks runter gefallen. Ich hab ihnen ja gesagt, dass
sie sich festhalten sollen und dass ich damit keinen Keks meinte, war
doch wohl logisch, oder?
„Du meinst nicht den Ren, den wir meinen, oder?“, versucht
Fiona herauszufinden.
“Eh, doch.“, gebe ich wahrheitsgemäß zu.
„Raven?“, fragt Fiona wieder.
„Ja?“
„Du darfst sie jetzt weiterschütteln.“
“Danke.“
Uaa! Hey! Das ist gemein!
„Tiara. Du bist seit 24 Stunden mit Ren, DEM Ren, zusammen und sagst
uns das nicht? Was bitteschön fällt dir ein!?“
„Also genauso genommen sind es erst dreizehneinhalb Stunden und
…“ Raven, hör endlich auf!
„Nichts und! Dafür musst du jetzt zusehen, wie Raven und ich
eine ganze Tafel Schokolade vor deinen Augen vernichten, während
du uns das jetzt mal ganz genau erklärst, wie du das geschafft hast!“
Nur wenige Minuten sitzen wir wieder am Tisch und tatsächlich hat
Raven schon eine Tafel Schokolade geholt. Die sind ja so gemein…
„Also?“, fragt Raven, während sie sich das erste Stück
Schokolade in den Mund schiebt.
„Ok… Also. Gestern, als ihr beiden weg wart, bin ich in den
Park gefahren, um ein paar Körbe zu werfen. Heute haben wir ja wieder
Training und ich wollte schon mal vorbereitet sein.“
“Komm zur Sache, Tiara.“, unterbricht mich Fiona, während
auch sie sich ein Stück Schokolade nimmt.
„Jaja… Also. Da es so sehr geregnet hat, waren kaum Leute
im Park und ich war ungestört. Auf einmal Tat mein Arm wieder so
fürchterlich weh und zwar stärker als sonst: Es brannte richtig.
Kurz darauf erschien Ren am Platz und wir haben uns auf die nächstgelegene
Bank gesetzt, um zu reden.“
„Und?“, kommt es von Raven.
„Och, Mädels, das ist gemein! Ich kann doch nicht erzählen,
während ihr euch Schoki in den Bauch stopft!“
„Selbst schuld und nun mach weiter.“, funkelt mich Fiona grinsend
an. Die genießt das auch noch…
„Nun, Ren hat mir ein Liebesgeständnis gemacht und… naja…
dann waren wir halt zusammen.“ Ich denke, es ist besser, dass ich
weglasse, dass Ren ein Dämon ist…
„Einfach so?“
„Tiara, das glaub ich dir nicht. Das ist bei dir nicht so einfach.
Du hast doch für so etwas viel zu viele Bedenken, also erzähl
schon, wie es wirklich ablief.“, klärt mich Raven total selbstsicher
auf. Na Dankeschön. Ich, das bedenkenzerfressene, kleine Etwas, wie?
Aber ok, Widerstand ist zwecklos. Das mit Ren sag ich trotzdem nicht.
„Nun, ok. Ren hat mir erzählt, er wüsste, was mit mir
los ist. Er weiß es wohl schon lange. Er hat mir mehr darüber
erzählen können. Seiner Meinung nach werde ich zu einem Dämon…
Allerdings kein böser oder so. Es ist eine Sache, die einfach nur
das Aussehen ändert. Nun… Er sagte, dass er das für sich
behalten und dass ihm das gar nichts ausmachen würde.“ Ok,
hiervon ist fürchterlich viel geflunkert, aber die Wahrheit ist nicht
für die beiden bestimmt. Tschuldigung, Mädels.
„Ach. Und das war’s?“, fragt Raven.
Ich nicke.
Oder… Halt!
“Eine Sache hab ich von ihm bekommen, aber er meinte, er hätte
sie mir auch gegeben, wären wir jetzt nicht zusammen.“
“Und was ist das?“ Fiona konnte noch nie meine dramatischen
Pausen leiden.
„Das hier.“ Mit diesen Worten ziehe ich meine neue Kette von
unter meinem T-Shirt heraus und zeige sie ihnen.
Hehe. Den Blick müsste ich jetzt eigentlich fotografieren.
„Wow.“, entfährt es Fiona.
“Atemberaubend…“, kommentiert Raven.
„Und dass es schön aussieht, ist nicht mal der einzige Nutzen.“
Nun schiebe ich auch meine Ärmel hoch – besser, ich mache es
mit beiden, sonst denken sie noch, sie würden den falschen Arm sehen.
„Eh…“ Raven blickt ungläubig auf meine Arme.
„Äh…“ Fiona scheint vollkommen fassungslos.
Hihi…
„Aber das…“, fängt Fiona an und Raven fällt
ihr mitten in den Satz:
“Was ist das für eine Kette? Woher hat der das?“
„Ich hab keine Ahnung. Mich interessiert es auch kaum. Hauptsache
ist doch, dass es funktioniert, oder?“
Einvernehmliches Nicken von den beiden.
Eine kurze Weile sagt niemand etwas, dann strahlt Fiona mich an.
“Ich hab es euch doch gesagt! Die drei Jungs gehören uns –
und Tiara hat sogar noch den Anfang gemacht!“
Mit diesen Worten stürzt sie sich auf mich und knuddelt mich in Grund
und Boden.
„Oh, Tiara, ich freu mich so für dich!“, strahlt nun
auch Raven und knuddelt mich von der anderen Seite.
„Bekomm ich jetzt ein Stück Schokolade…?“
„Hm…“, überlegt Raven.
„Na, ok!“, grinst Fiona mich an und langt zur Schoki hinüber.
Juhu!
Eine Weile hocken wir noch knuddelnd und Schokolade-mümmelnd auf
dem Fußboden, dann fällt mein Blick auf die große Uhr
an der Wand.
„Uaa! Ich muss mich beeilen! Ich hab doch noch Training!“
Mit einem Satz bin ich auf den Beinen, greif meine Tasche – glücklicherweise
ist sie schon gepackt – und stürze aus der Tür hinaus.
„Bis später!“, rufe ich noch, dann bin ich draußen.
Endlich sehe ich Ren wieder!
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