Nun ist Ren schon in der gleichen Theatergruppe wie ich und wir sind
zusammen im gleichen Team. Hmm… Ich frag mich, ob es irgendwen gibt,
der das Schicksal lenkt und ob er es in letzter Zeit auf mich abgesehen
hat.
Aber ich denke, langsam kann ich es nicht mehr leugnen. Ich bin wirklich
in ihn verliebt. Verdammt, warum muss das gerade jetzt passieren?
Ich mein… Ok, später wäre genauso schlecht, wie jetzt,
aber trotzdem…
Aus dem Weg gehen kann ich ihm ja jetzt auch nicht mehr so wirklich.
Was soll ich bloß machen?
„Tiara?“ Raven hockt auf ihrem Bett und sieht fragend zu
mir hinüber.
„Was gibt’s denn?“
„Ich bin heute mit einigen Mädchen aus meinem Club Eis essen
und Fiona ist beim Training – wofür auch immer sie trainiert.
Ich steig da nicht so ganz durch. Du müsstest dir also heute den
Tag über eine Beschäftigung suchen.“
„Aha.“
„Das klingt ja unglaublich motiviert.“
“Bin grad am Denken.“
“Bist du meistens.“
“Aha.“
Hmm… Ich könnte ein paar Körbe im Park werfen gehen…
Heute ist Sonntag, da müsste zwar viel los sein, aber auf dem Platz
hoffentlich nicht.
In den letzten Tagen hat die Sonne tüchtig zugelegt. Inzwischen dürften
es draußen schon so um die fünfundzwanzig Grad sein…
„Kannst dich nicht aufraffen, wie?“, fragt Raven da.
„Hmm…“
„Worüber denkst du denn die ganze Zeit nach? Schon den ganzen
Tag liegst du da auf deinem Bett und tust gar nichts.“
„Doch. Ich denke.“
“Denken zählt nicht.“
“Außerdem: Es ist erst zwölf Uhr und vor einer Stunde
bin ich wach geworden. Was heißt da, ich würde den ganzen Tag
im Bett herumliegen?“
„Ah, ich sehe schon. Bist heute nicht ganz so gut drauf. Nun, ich
geh dann mal. Viel Spaß noch!“
Und weg ist sie.
„Du bist nicht gut drauf“, hat sie gesagt. Hmm. Warum sollte
ich auch gut drauf sein? Als ich heute Morgen im Bad unter der Dusche
stand, habe ich beinahe einen Schreikrampf bekommen. Letzte Nacht hat
sich das Zeug an meinem Arm schon wieder weiter ausgebreitet. Übersetzt
heißt das soviel, wie: Es ist draußen brüllen heiß
und ich kann kein T-Shirt anziehen. Klasse Sache.
Aber ok. Irgendetwas sollte ich heute wirklich machen.
Ein paar Körbe schmeißen könnte da gerade das richtige
sein, auch wenn ich vermutlich zerfließen werde vor Hitze.
Als ich mein Fahrrad aus der Garage hole fängt es an, zu nieseln.
Danke, das wird vielleicht etwas Abkühlung bringen.
Den Ball hinten auf meinen Gepäckträger geklemmt, geht’s
los.
Ich frage mich, wie ich später wieder den Weg nach oben kommen soll.
Naja, darüber mache ich mir später Gedanken.
Hm.
Warum kann nicht schon wieder Montag sein? Dann hätte ich zwar Schule,
aber auch wieder Training mit den Jungs. Bei denen ist es viel lockerer
als bei der Mädchenmannschaft – die mich wohl am liebsten gelyncht
hätte für das, was ich getan habe.
„Wäh! Du kannst doch nicht einfach das Team wechseln!“
und „Was fällt dir ein!? Du bist doch unsere beste Spielerin!“,
haben sie mir an den Kopf geworfen, als ich ihnen sagte, dass ich nun
woanders spiele. Können die sich auch mal entscheiden?
Ich habe gehört, dass sich nach dem Spiel sogar Ryo von Eri „getrennt“
haben soll. Nun, sie waren zwar nie wirklich zusammen, aber für ihn
muss sich das trotzdem wohl angefühlt haben, als ob man eine Beziehung
löst. Eri soll angeblich nicht Mal mit der Wimper gezuckt und sich
einen neuen Typen zum Einkäufe-schleppen gesucht haben.
Armer Ryo. Er hat das wirklich nicht verdient.
Im Park angekommen, schiebe ich mein Fahrrad. Hmm… Hier ist aber
wenig los? Wo sind die denn alle?
Normalerweise müsste der Park doch aus allen Nähten platzen…Bei
so einem Wetter will doch jeder draußen sein, oder?
Na gut, mittlerweile Regnet es, aber trotzdem: Das bringt doch eine schöne
Abkühlung?
Aber es kann mir ja eigentlich auch egal sein… Ich hab dann immerhin
meine Ruhe.
Kaum bin ich am Basketballplatz angekommen, regnet es nicht mehr, sondern
es schüttet wie aus Kübeln. Nun, das ist eigentlich selbst mir
etwas zu viel des Guten, aber ok. Hört schon irgendwann wieder auf.
Eh… War das da gerade eben ein Blitz?
Das Fahrrad ist schnell verstaut und unter dem nächst besten Baum
angekettet, der Ball liegt angenehm schwer in der Hand.
Nur ein paar Körbe. Wenn morgen Training ist, will ich mal richtig
zeigen, was in mir steckt.
Immer öfter prallt der Ball an das Holz und kurz darauf plumpst
er durch den Korb. Ja, ich denke, man darf durchaus sagen, dass ich mich
gebessert habe, seitdem ich mit den anderen trainiere.
„Aua!“, entfährt es mir da.
Aua… was war das denn…?
AUTSCH! Noch Mal… Verdammt, was ist da los?!
Mein Arm fühlt sich an, als ob er im Feuer läge.
Au, au, au!
Mit einem Blick vergewissere ich mich, dass niemand in der Nähe ist
und schiebe den Ärmel hoch. So eine…
Es hat sich wieder weiter ausgebreitet. Glücklicherweise nur in Richtung
Oberarm, aber… Aua… Warum brennt das auf ein Mal so?
Als ich mit der anderen Hand darüber fühle, spüre ich erst
die Hitze, die davon ausgeht.
Was soll ich denn jetzt machen?
Huh? Es hat wieder aufgehört?
Naja, fast. Etwas ist es noch da… Wie von Geisterhand ist es einfach
wieder kühler geworden und die Schmerzen haben fast aufgehört…
Ok, probeweise mal den Ärmel wieder rüber schieben.
Ah, es geht. Hui…
Hmm… In letzter Zeit häufen sich aber diese Sachen –
und heftiger werden sie wohl auch. Der letzte Schub kam doch erst gestern
Abend, sonst braucht er doch immer einige Wochen?
Besser, ich erzähle Raven zu Hause, was passiert ist. Aber noch
ist sie ja gar nicht da… So ein Mist. Aber ich hatte wohl Glück,
dass es nicht morgen passiert ist. Das wäre… Das wäre
wohl derbe ins Auge gegangen.
„Tiara?“, höre ich da eine Stimme von hinter mir.
Hm? Ren? Ich drehe mich um und tatsächlich steht er hinter mir.
„Hi!“ Ich versuche, ein Lächeln aufzusetzen. Besser,
er merkt nichts. Aber… „Was machst du denn hier im Regen?“,
frage ich.
Er schmunzelt mich an und kommt mit dem Ball unterm Arm auf mich zu. „Nun,
das Selbe könnte ich nun dich fragen.“
„Ich? Ich trainiere.“
„Bei Regen?“
“Bei Regen.“
“Und das ganz allein?“
“Ja. Aber nun sag mir doch mal, was du hier machst?“
Er lächelt mich an. „Ich gehe spazieren. Ist ja nicht oft möglich,
einfach mal ungestört wohin gehen zu können, wenn man berühmt
ist. Da muss man nun mal jede Möglichkeit nutzen.“
Eine Weile stehen wir uns einfach so im Regen gegenüber.
„Ist etwas mit deinem Arm nicht in Ordnung?“, fragt er auf
einmal und deutet auf meine Hand, die verkrampft meinen Arm hält.
Verdammt, musste der das fragen?
“Ehm… Nein. Alles in Ordnung.“, lüge ich ihm vor.
Nun, ich muss es wohl nicht sehr überzeugend getan haben, er schaut
mich immer noch besorgt an.
„Sicher?“
„Ja!“ Mist, das war wohl etwas zu deutlich… Ich will
ihn doch gar nicht anschreien…
„Naja, du musst es ja wissen.“ Nach einer weiteren Pause fragt
er: „Sollen wir uns nicht vielleicht mal eben hinsetzen? Etwas Regen
ist ja gut und schön, aber mittlerweile sieht das nicht mehr nach
einem Schauer, sondern nach einem regelrechten Unwetter aus…“
Ich nehm ihm nicht so recht ab, dass er sich nur deshalb hinsetzen will.
Aber ok, langsam fühle ich mich wie ein nasser Pudel und ich mag
dieses Gefühl nicht besonders.
Auf der Bank angekommen, herrscht mal wieder Schweigen. Merkwürdig.
Irgendwie… Irgendwie tut das gut, einfach nur so bei ihm zu sein.
Auch ohne Reden.
„Du warst gestern wirklich klasse im Theater.“, redet er mir
da zwischen meine Gedankengänge.
„Oh, ehm… Danke. Aber Fiona und Raven waren auch klasse.“
Nun, ich hab kaum auf sie geachtet, aber sie müssen es gewesen sein,
sonst hätten wir nicht diesen Applaus bekommen.
„Nun, ich habe nicht wirklich auf sie geachtet, weißt du?
Frau Ishito sagte zwar, dass wir an dem Tag eine Premiere der besten Band
des Theaters zu hören bekommen, aber sie hat nicht gesagt, wer da
drin mitspielt. Ich bin fast vom Stuhl gefallen, als du da die Bühne
betreten hast.“
Oh… Dazu… Kann ich jetzt irgendwie nichts sagen.
Weil von meiner Seite nichts kommt, erzählt er weiter.
„Deine Stimme ist wahnsinnig, wenn du so singst. Wie lange machst
du das schon?“
„Nun… Inzwischen vielleicht drei oder vier Jahre.“
“Und wo hast du deine Gesangsausbildung her?“
“Gesangsausbildung? Ehm… Ich hab keine. Ich finde das ganze
Tonleiternsingen absolut bescheuert und wollte immer schon lieber gleich
drauflos singen. Mein Gesangslehrer hat es daher auch nur zwei Stunden
bei mir ausgehalten und hat dann gekündigt.“
Als ich daran zurückdenke, muss ich schmunzeln. Ja, ich konnte ihn
damit wirklich auf die Palme jagen…
Auch Ren schmunzelt. „Und eure Band nennt sich Gremlins?“
„Genau.“
“Warum gerade der Name? Ich meine… Für eine Mädchentruppe
mit einer solchen Musik kann ich mir passendere Namen denken.“
„Hey, sag nichts gegen unseren Namen! Und außerdem: Du hast
uns erst ein Mal gehört und das war in zweifacher Hinsicht eine Premiere.
Zum einen waren wir zum ersten Mal seit einem Jahr wieder auf der Bühne,
zum anderen haben wir das erste Mal ein etwas… ruhigeres Lied gespielt.
Normalerweise machen wir fürchterlich viel Krach dabei und die Texte
sind etwas poppiger, daher ist der Name schon begründet. Wir selbst
haben ihn nicht Mal ausgewählt: Kana und Tenchi haben uns einfach
so genannt, weil ich hinter dem Schlagzeug wohl ziemlich wild rumgeturnt
habe…“
„Kann ich mir vorstellen.“, meint er und lacht dabei.
„Hey, was soll das nun wieder heißen?“ Na warte. Ich
knuffel ihm jetzt mal in die Seite, das hat er davon.
„Ua!“
Hihi, und schon fällt er fasst von der Bank.
„Du bist ziemlich kitzelig, wie?“, frage ich grinsend.
„Ja, und du suchst grad das Abenteuer, kann das sein?“
„Uaaa! Menno! Zurückkitzeln gilt nicht!“
Nach ein paar Minuten liegen wir halb übereinander auf der Bank
und können nicht mehr vor lachen. Ren ist wirklich klasse.
„Du bist aber auch nicht gerade das, was man unkitzelig nennt,
kann das sein?“, grinst er mir zu.
„Eh…“ Mist, was soll ich denn darauf jetzt sagen? Bloß
nichts zugeben…
Nachdem wir uns wieder etwas beruhigt haben – und vor allem wieder
aufrecht auf der Bank sitzen – ergreift Ren wieder das Wort.
„Nun…Weißt du, gestern im Theater hat mir ein gewisser
Tenchi etwas erzählt.“
“Erzählt? Tenchi erzählt viel, wenn man ihn lässt.“
„Nun, er hat mir etwas über dich – oder eher: Dich betreffend
– gesagt.“
Muss er da jetzt eine Pause machen? Na los! Mach weiter!
„Er sagte – und das mit wirklich ernster Mine – dass,
wenn er mich irgendwie zu oft in deiner Nähe sieht, oder er mitbekommt,
dass ich dir wehgetan habe, ich ein ganz großes Problem mit ihm
bekommen werde.“
Das hat Tenchi gesagt? So kenn ich ihn ja gar nicht?
„Was mich auch daran verwundert hat war die Tatsache, dass Frau
Ishito und ihr Mann ihm zugestimmt haben. Du bist da wohl so etwas wie…
Ein Gemeinschaftseigentum, oder?“
Oh, je. Ich verstehe, was Tenchi meinte.
„Nun, Gemeinschaftseigentum nicht, aber ich frage mich, was Tenchi
veranlasst hat, dir das zu sagen. So kenn ich ihn gar nicht und auch Frau
und Herr Ishito sind normalerweise nicht so…“
„Du scheinst ihnen sehr wichtig zu sein, wenn sie das schon sagen.“
Noch so eine Stelle, wozu ich nichts sagen kann. Langsam breitet sich
ein mulmiges Gefühl in meinem Magen aus. Warum erzählt mir Ren
das?
„Naja…“, fängt er wieder an. „Ehrlich gesagt
kommen diese Warnungen etwas spät.“
Wie bitte?
„Dass wir nun anscheinend auch zur gleichen Theatergruppe gehören,
ist wohl wirklich Zufall, genauso die Mannschaft. Klar bin ich glücklich,
dass du dabei bist, aber… Nun, das ist nicht alles auf meinem Mist
gewachsen, wenn du mir gerade folgen kannst.“
„Ehm nein, kann ich leider gerade nicht.“
Er atmet einmal tief durch. So hab ich ihn auch noch nie gesehen.
„Ok, wie fang ich das jetzt an.“, grübelt er laut nach,
„Also gut.“
Wieder eine Pause. Mir schwant Übles.
„Ich kann mir gerade gut vorstellen, was in dir drin vorgeht. Du
denkst dir vermutlich gerade, dass ich jetzt bloß nicht sagen soll,
was ich sagen möchte.“
Bingo.
“Nur habe ich da das Problem, dass ich sonst nicht wüsste,
wann ich es sagen soll.“
Wie wäre es mit gar nicht?
„Irgendwann im Laufe der letzten Wochen habe ich mich wohl in dich
verliebt.“
Nein.
Nein, bitte nicht.
„Deine Tollpatschigkeit, dein Lachen, deine ganze Art…“
Aufhören, bitte hör auf…
„Oh man, ich hör mich an, wie so ein Schnulzenheld aus einer
Serie. Verdammt aber auch. Aber nun gut, lässt sich nicht ändern.
Tiara, ich wollte dich fragen…“
“Hör auf!“, schreie ich ihm entgegen.
„Du hast gar keine Ahnung, was du da sagst – zu WEM du das
sagst!“
Verdammter Mist… ich hätte es mir ja gewünscht, aber…
„Tiara, ich weiß das besser, als du dir denken kannst.“,
versucht er mich zu beruhigen. Tut mir Leid, aber das geht jetzt nicht.
„Nein! Du hast gar keine Ahnung! Du kannst dir das nicht vorstellen,
niemand kann das!“
Ich will aufstehen, doch kurz, bevor ich stehe, hält mich Ren am
Arm fest.
„Tiara. Hör mir doch mal zu.“
“Nein! Lass mich los!“
„Na gut, dann sag ich es halt, während du stehst. Spätestens
danach dürftest du ja wieder sitzen.“
Wie meint er das denn schon wieder?
“Tiara, ich weiß, was da an deinem Arm passiert. Ich weiß
es ganz genau. Ich weiß, dass das der Grund ist, warum du nur langärmelige
Sachen trägst, ich weiß, was da vorhin los war, als es so tierisch
gebrannt hat.“
Was? Was hat er gesagt?
“Du weißt das…? Aber… Woher…?“
„Schau mal an dir herunter.“ Mit ernstem Gesicht deutet er
auf den Teil meines Armes, den er festhält.
Aber…
Aber das…
Eine Klaue?
„Du… Du hast…“
“Genau das gleich wie du. Oder zumindest fast. Bei mir ist der Prozess
schon lange abgeschlossen.“
Er hatte Recht. Jetzt muss ich mich wirklich wieder hinsetzen.
„Du kannst es ruhig vergleichen. Von der Art her ist es genau das
gleiche, nur dass es bei mir sehr viel weiter fortgeschritten ist.“
Wie paralysiert schaue ich noch immer auf seine Hand und merke gar nicht,
dass er mittlerweile aufgehört hat, mich festzuhalten.
Langsam schiebe ich meinen Ärmel hoch und betrachte meinen Arm.
Er sagt die Wahrheit. Es sieht wirklich sehr ähnlich aus, nur bei
ihm…
“Es ist praktisch ein Plattenpanzer mit sehr, sehr großen
Platten. Das, was du da siehst, ist nur ein Teil – wie schon gesagt:
Bei mir ist es weiter fortgeschritten. Und zu dem, was du vorhin gespürt
hast: Das wird in nächster Zeit wohl wirklich noch etwas stärker.
Keine Sorge, es nimmt auch schnell wieder ab, aber die nächsten Schübe
kommen aber in kürzeren Abständen. Es würde mich nicht
wundern, wenn der nächste schon heute Abend kommen würde.“
„Aber… Aber dann kann ich ja bald gar nicht mehr…“
Der Regen vermischt sich mit meinen Tränen.
„Hey…“ Er streicht mir sachte durchs Gesicht. „Du
brauchst dir keine Sorgen machen.“
“Ach nein? Ich werde hier vermutlich in wenigen Tagen nicht mehr
ich sein, sondern etwas vollkommen anderes, und ich soll mir keine Sorgen
machen?!“
Auf ein Mal nimmt er mich in den Arm und drückt mich an sich.
Danke… Ich hatte bisher gar nicht bemerkt, wie kräftig er wirklich
ist…
„Ren?“, bringe ich dann doch noch zwischen zwei Schluchzern
hervor.
„Ja?“
„Darf ich dir eine Frage stellen?“
“Jede.“
“Wissen Sasha und Andreas etwas davon?“
“Ja. Ich wüsste gar nicht, was ich ohne die beiden machen würde…
Wie viele wissen bei dir davon?“
“Nun… Ein Paar. Raven und Fiona natürlich. Außerdem
noch meine Eltern und diejenigen, mit denen ich täglich in der Villa
zu tun habe… Und da sind dann noch Kana, Tenchi und das Ehepaar
Ishito.“
Ren lächelt mir zu. „Dann kann ich mir auch erklären,
was Tenchi damit meinte.“
Ich nicke bloß. Ich will nicht, dass er mich loslässt. Nicht
jetzt…
„Glaubst du mir jetzt, dass ich dich verstehen kann?“
„Ja…“, sage ich und kuschle mich dichter an ihn ran.
Als ich zu seiner Hand schaue, ist diese wieder normal.
„Ren? Ich hab noch zwei Fragen…“
“Dann stell sie?“
“Warum sieht man es bei dir nicht…?“
“Ich dachte mir, dass du die Frage stellen wirst. Nun, es ist eigentlich
in erster Linie Training. Man lernt es. Am Anfang war es bei mir auch
noch sehr schwierig. Dann jedoch, so nach und nach, hat es sich geändert
und mittlerweile denke ich kaum noch daran, welche Form ich nun beibehalten
möchte.“ Nach einer kurzen Pause fügt er hinzu: „Lass
mich raten. Deine zweite Frage ist, was genau wir beide eigentlich sind,
stimmts?“
Ich nicke bloß.
„Man nennt uns Dämonen.“
“Dämonen? Du meinst, diese Teufelähnlichen Wesen?“
Zu so etwas will ich nicht werden!
“Nein. Keine Teufel. Dämonen. Uns gibt es in verschiedenen
Arten. Manche haben Hörner – was wohl die bekanntesten sind,
andere sehen den Drachen sehr ähnlich und wieder andere sind schon
fast vom Äußeren her wie ein Mensch, nur halt einer, der wirklich
gut durchtrainiert ist. Farben gibt es auch sehr unterschiedliche, das
reicht von eisblau über giftgrün bis feuerrot.“
Wieder schaue ich auf meinen Arm. Feuerrot? Nein. Es ist rötlich,
ja, aber nicht so sehr knallig…
„Ich denke, bei dir sind es eher dunklere Farben. Nichts Auffälliges
also, da brauchst du dir keine Sorgen machen.“
Sorgen mache ich mir gerade eher um etwas anderes… Ich mag gar nicht
nach Hause gehen… Kann Raven nicht die Zeit anhalten? Dann passiert
vielleicht nichts.
„Und… Und du würdest trotzdem mit mir zusammen sein wollen…?“,
bringe ich unter zwei Schluchzern hervor. Ich kann es mir beinahe nicht
denken, obwohl er ja schon vorher gewusst zu haben scheint, was mit mir
los ist…
Er jedoch drückt mich nur etwas fester an sich. „Klar möchte
ich. Das ist ein ganz besonderer Wunsch von mir, weißt du?“
Eine ganze Weile hocken wir nun schon aneinandergekuschelt auf der Bank
und sagen nichts. Ich weiß gar nicht, was ich denken soll.
„Würdest du denn auch mit mir zusammen sein wollen?“,
fragt er da mitten in die Stille hinein.
„Nichts lieber als das…“, sage ich. Das ist absolut
die Wahrheit.
Einen kleinen Moment schauen wir uns einfach nur in die Augen.
„Du siehst wunderhübsch aus, wenn du lächelst.“,
meint er und streicht mir dabei eine Strähne aus dem Gesicht.
Mist, schon wieder werde ich rot. Ich sollte da mal dringend etwas dran
tun, dass das nicht immer passiert.
Einen unendlich langen und wunderschönen Kuss später sitzen
wir noch immer knuddelnderweise auf der Parkbank. Hui, kann der küssen…
„Tiara, ich hab noch etwas für dich.“
Als ich ihn fragend anschaue, schmunzelt er.
„Aber bevor du etwas Falsches denkst: Du hättest es auch bekommen,
wenn wir beide heute nicht zusammengekommen wären.“
Na jetzt bin ich aber mal gespannt.
„Hier.“ Aus seiner Tasche zieht er ein silbern glänzendes
Band heraus und legt es mir in die Hand.
Aber das ist ja…
So was Schönes habe ich ja noch nie gesehen…
Ein kleiner, roter Kristalltropfen hängt an einem silbernen Band,
das mehr aussieht wie ein Spinnenseidenfaden, als eine Kette.
„Aber…“
“Nun, es sieht nicht nur hübsch aus, es hat sogar einen Nutzen.“
„Nutzen? Wie kann so ein kleines Ding einen Nutzen haben –
außer wahnsinnig toll auszusehen, mein ich.“
Während er ein Lachen unterdrückt, gluckst er schon wieder.
„Na ja. Das ist der Grund, warum ich vorhin gesagt habe, du bräuchtest
dir keine Sorgen über heute Abend und so weiter machen. Einen Moment,
ich lege sie dir einmal um.“
Ich halte meine Haare hoch, während er versucht, hinter meinem Nacken
den Verschluss zu finden und zu schließen. Er braucht ziemlich lange
– er hat’s wohl noch nicht oft gemacht, wie?
„So, geschafft. Nun schau mal auf deinen Arm.“
Musste er mich daran erinnern?
Na gut. Ich schiebe also meinen Ärmel hoch und…
Nichts?
Ok, optische Täuschung, du hast zu viel geheult.
Aber als ich ein weiteres Mal darüber streiche, fühle ich wieder
nichts. Keine Unebenheit, kein gar nichts. Als ich ihn verwundert ansah,
lächelte er.
„Ich musste damals trainieren, weil es so etwas noch nicht gab.
Ich will dir jetzt nicht raten, das Training ganz sein zu lassen, tu das
bloß nicht. Aber jetzt wird es nicht mehr wehtun, wenn der nächste
Schub kommt – du wirst es vermutlich nicht einmal spüren. Außerdem
ermöglicht dir das kleine Ding, auch mal wieder etwas kürzere
Sachen anzuziehen. Ich bekomm ja Schweißausbrüche, wenn ich
dich so ansehe.“ Mit diesen Worten grinst er mich an.
Ich kann nicht anders – ich muss ihn jetzt einfach über den
Haufen knuddeln.
„Danke! Danke, danke, danke, danke!“, sprudle ich ihm entgegen
und die Pause entsteht nur, weil er mir einen weiteren Kuss gibt. Wahnsinn…
„Du brauchst dir übrigens auch keine Sorgen machen, dass das
Band da mal reißt. Das kann es gar nicht – glaub mir, ich
habe das Kettchen mal auf das übelste beansprucht, was das angeht.“
„Ok, werde ich mir merken.“, verspreche ich.
„Hm…“
„Hm? Über was denkst du gerade nach?“, frage ich.
„Hast du noch Lust, ein paar Körbe zu werfen? Es hat irgendwie
schon aufgehört, zu regnen, da bietet sich das doch an, oder?“
Etwas verblüfft schaue ich auf den Platz. Ren hat Recht: Es ist schon
wieder trocken. Habe ich gar nicht mitbekommen…
Erst, als die Sonne untergegangen ist, verabschieden Ren und ich uns
wieder – und wieder gibt er mir so einen Kuss. Ich könnt mich
glatt dran gewöhnen…
„Soll ich dich nach hause bringen?“, fragt er.
Zu gern hätte ich ja gesagt, aber…
„Ich hab mein Fahrrad hier und ich hab noch einiges an überschüssigen
Energien, die ich loswerden muss.“, strahle ich ihn an.
„Na dann… Wir sehen uns morgen beim Training, richtig? Toshi
will etwas zur Trainingsfahrt in der ersten Herbstferienwoche sagen.“
“Ach, ja. Die ist ja schon nächste Woche!“ Das war mir
komplett entfallen.
„Ok, dann bis morgen! Schlaf gut!“, rufe ich ihm noch zu,
dann gehe ich zu meinem Fahrrad.
„Schönen Abend noch!“, ruft er zurück und geht in
die entgegen gesetzte Richtung davon.
Was für ein Tag. Ich glaube, derjenige, der das Schicksal lenkt
– so es ihn denn wirklich gibt – muss mich doch mehr mögen,
als ich dachte…
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