Kapitel 1

Es begann an einem wunderschönen, sonnigen Tag Mitte März. Raven und Fiona hatten mich dazu überreden können, einfach „irgendwohin“ mitzukommen. Eigentlich hatte ich ja keine Lust, aber als sie mir androhten, sonst unsere Probe heute ausfallen zu lassen, musste ich einfach einwilligen.

Und nun stehe ich also an einer fürchterlich langweiligen Ecke an einem mir unbekannten Haus und soll „aufpassen, dass niemand kommt“, wie Fiona sagte. Die beiden stehen gerade einige Meter hinter mir in einer sehr großen Menge anderer Mädchen und irgendwie versuchen sie wohl, einen Blick in das Haus auf der anderen Seite des Zaunes zu bekommen. Man komme ich mir blöd vor…

Das Haus selbst steht in einem recht abgelegenen Teil in dem Zentrum Tokios, wenn man das noch abgelegen nennen darf. Von außen sieht es auch nicht anders aus als andere Häuser und selbst die Leute, die hier mit fragenden Gesichtern – wohl aufgrund der drängelnden Mädchenhorde hinter mir - lang laufen, sehen kein Bisschen besonders aus.

„Auuu!“, kommt es aus der Mädchenhorde hinter mir. Ich drehe mich um und muss den Kopf schütteln. Jetzt fangen sie schon an, sich gegenseitig zu kneifen. Langsam fände ich es wirklich sehr schön, wenn mich mal jemand aufklärte, wen die suchen…

„Hi du!“, reißt mich eine Stimme aus meinen Gedankengängen. Ich drehe mich um und – hui sieht der gut aus. Praktisch direkt vor meiner Nase steht der wohl hübscheste Typ, den ich je gesehen hab. Leider muss ich jetzt wohl etwas verwirrt ausgesehen haben, denn er fängt an zu kichern.
„Hat’s dir die Sprache verschlagen?“, fragt er.
„Eh…“ Scheiße. Ich muss mir was einfallen lassen. Und nun grinst der auch noch. Hmm… Steht ihm gut, der Gesichtsausdruck…
„Ok, während du nach Worten suchst: Würdest du mir bitte mal helfen, das hier in das Haus zu tragen? Irgendwie scheinen sich grad meine Kumpels verdünnisiert zu haben und allein brauche ich Stunden dafür.“
Helfen? Ich? Dem? Klar doch! Blöderweise bringe ich wieder nicht mehr als ein Nicken hervor und stell mich neben den Kofferraum seines Autos. Sollen die Mädels doch selbst sehen, wenn jemand vorbeikommt. Ich bin beschäftigt.

“Sag mal, wie heißt du, kleine?“
Klein? „Tiara.“ Juhu, ich hab ein ganzes Wort gesagt!
„Hast du auch einen Nachnamen?“, löchert er weiter.
„Ja klar. Tsukino. Tiara Tsukino.“ Hui, es werden ja immer mehr…
Er deutet mir auf eine der endlos vielen Taschen, die in seinem Auto stehen.
„Und du?“, frage ich. Er scheint für einen Moment verwirrt.
„Du kennst mich nicht?“, fragt er.
„Sollte ich?“ Wieder grinst er.
„Nene, ist schon ok. Ren Yashi.“
Ren Yashi? Ich glaub, das hab ich schon mal gehört…

Voll gepackt mit allerhand Dingen geht’s durch die Eingangstür – eine recht unscheinbare. Ich hätte niemals gedacht, dass das eine sein könnte. – und gleich danach durch einige weitere Türen, bis wir in einem Wohnzimmer stehen.
„Ok, hier kannst du’s einfach abstellen. Ich sortier das heute Abend weiter ein. Magst du einen Tee?“
„Gerne.“ Juhu, ich wird nicht gleich wieder vor die Tür gesetzt!
Der gut aussehende Typ geht durch die nächste Tür und Geschirrgeklapper wird laut.

Ok, eine kleine Zusammenfassung. Ich tipp mal auf 1,95 oder 2m Größe, unter seinem Hemd ist der bestimmt ziemlich durchtrainiert, seine kurzen Haare wirken völlig zerstrubbelt und seine Augenfarbe ist dunkelblau. Seine Wohnung ist… Chaos. Wie kann ein einzelner Mensch nur so unordentlich sein? Über dem Sofa hängen noch T-Shirts, die Bücher in den Regalen sind umgefallen und überall stehen Boxen auf dem Boden. Das toppt ja sogar noch meine eigene Bude…

„Ach, Entschuldigung, es ist ja gar kein Platz zum Hinsetzen!“ Mit verlegenem Gesicht komm Ren wieder aus der Küche.
„Einen Moment.“, meint er und schiebt mit dem Fuß Dinge aus seinem Weg, während er mit einer Hand das Tablett balanciert und mit der anderen nach den Dingen auf dem Sofa fischt. Ich mag wohl wetten, der hat das schon öfter machen müssen. Das sieht fürs erste Mal zu geübt aus.

Nachdem einige T-Shirts durch die Luft flogen, hat er es geschafft, das Sofa samt Tisch – den hatte ich gar nicht gesehen – freizuschaufeln. Das Tablett klappert, als er es aufsetzt.
„Ok, nun müsste Platz genug sein. Setz dich doch.“. Schmunzelnd weist er mir einen Platz auf dem Sofa zu. Er selbst hockt sich im Schneidersitz auf den Sessel.
„Danke übrigens fürs Reintragen.“
„Ach, kein Problem. Aber mal eine Frage: Sieht es hier immer so aus…?“ Auf die Frage musste ich eine weile Warten, den er versuchte angestrengt, nicht in Lachen auszubrechen. „Naja, eigentlich eher nicht, aber wir sind gerade erst eingezogen und noch dazu ist es das erste Mal, dass wir drei zusammenwohnen. Männer-WG praktisch.“
Männer-WG? Achjeh. Ich will gar nicht wissen, wie die anderen Räume aussehen.
„Ihr drei?“ Mist. Ich werde wieder zu neugierig. Gleich setzt er mich vor die Tür, ich spüre das.
„Ja, wir drei. Andreas, Sasha und ich. Frag erst gar nicht, woher wir kommen. Das Kaff kennt niemand.“
Mist. Jetzt muss ich mir eine nächste Frage einfallen lassen.
„Und wo wohnst du?“, fragt er.
„Auch hier in Tokio.“
„Ja, so was dachte ich mir schon.“ Er zwinkert mir zu.
„Und wenn ich mal fragen darf… Was machst du eigentlich hier? Ich hab dich bisher noch nicht hier in der Gegend gesehen.“ Mist. Was soll ich denn jetzt sagen. Dass ich zu der kneifenden, tretenden und neugierigen Truppen auf der anderen Straßenseite gehöre?
„Meine Freundinnen wollten unbedingt, dass ich hier mit hinkomme, aber da ich keine Ahnung hab, was ich hier soll, geschweige denn, warum sie mich mitgenommen haben, hoffe ich mal dass sie nichts dagegen hatten, dass ich einfach weggegangen bin…“

In dem Moment treten zwei weitere junge Typen durch dieselbe Tür, durch die Ren und ich gekommen waren, in den Raum ein.
„Hi Ren.“ Meint der erste, dann bemerkt er mich.
Wohnen hier eigentlich nur Models? Die beiden sehen ja auch ziemlich gut aus…
„Hi Andreas. Darf ich vorstellen? Tiara Tsukino. Sie hat mir geholfen, das Auto auszuräumen, weil ja zwei gewisse Persönlichkeiten auf einmal meinten, woanders wäre es sehr viel interessanter und helfen sei blöd.“ Nun war es an mir, zu schmunzeln.
„Ja, wie dem auch sei. Wir haben noch mal eingekauft. Würdest du die Güte haben, uns eben zu helfen, Ren? Übrigens: Hi Tiara.“
„Hi!“ Meine Uhr piepste in dem Moment und erinnerte mich daran, dass ich jetzt eigentlich mit Raven und Fiona zusammen Probe hätte. Ach egal.

„Entschuldige mich mal kurz, ok?“, fragte Ren.
„Ja klar. Hey, es ist deine – eh… eure Bude.“
Ren nickte noch einmal schmunzelnd in meine Richtung und dann verschwanden die drei durch die Tür. Wo war eigentlich meine Tasche geblieben? Achja. Irgendwo da hinten. Ich bahne mir also vorsichtig meinen Weg durch das Chaos zu meiner Tasche. Beinahe wäre ich dabei über diverse Kartons gestolpert. Als ich endlich ankam, fiel mir das große Poster in der Ecke des Raumes erst auf. Ist das Ren? Und die anderen Jungs?

„Entschuldige bitte. Es sieht fürchterlich aus, ein Poster von sich selbst in der eigenen Bude zu haben, ich weiß. Aber da wir noch nicht lange hier wohnen, hatten wir noch keine Zeit, etwas Besseres zu finden.“
Ren war schon wieder rein gekommen? Ich hab ihn gar nicht gehört... Na egal.
„Ihr macht Musik?“ Naja, ehrlich gesagt konnte man das auf dem Poster sehen, aber mir fiel in dem Moment keine andere Frage ein.
„Jepp.“ Auf ein Mal baumelte eine CD direkt vor meiner Nase.
„Hm?“ Ich hörte ihn lachen.
„Für dich. Als Dankeschön fürs Reintragen. Außerdem… Es kommt nicht oft vor, dass uns jemand nicht kennt. Ich glaub, das muss ich in diesem Fall mal ändern.“
Als ich mich zu ihm umdrehe, zwinkert er mir zu und drückt mir die CD in die Hand.
„Hey, Danke!“ Der Tag ist absolut gerettet. Hatte es also doch etwas Gutes, dass ich mitgekommen war.

„Ich denke mal, du musst auch langsam wieder, oder?“
Mir fiel unsere Probe wieder ein. Raven und Fiona werden mich zu Hackfleisch verarbeiten, soviel ist klar. Normalerweise bin ich immer diejenige, die sie zurechtstutzt, wenn sie zu spät kommen…
„Eh… Ja. Wir haben noch Probe heute Abend.“ Er sah überrascht aus.
„Probe?“
„Genau.“ Eine kurze Pause entsteht. Ich glaub, er hatte mehr als Antwort erwartet…
„Und was probt ihr?“
Soll ich es ihm wirklich sagen…?
„Naja, wir haben noch ein paar Texte auswendig zu lernen, und… Naja. Letzteres ist ein Geheimnis.“
Ich zwinker ihm zu und er lächelt. Man ist der niedlich… Hoffentlich seh ich ihn noch mal wieder.

Bei dem Weg zurück zur Tür müssen wir natürlich wieder zigdutzend Kisten ausweichen. Vorhin standen hier aber noch nicht ganz so viele... Glaub ich zumindest.
Draußen auf der Straße seh ich mich noch einmal zur Tür um, aber er hatte sie schon zu gemacht. Naja, egal. Ich sehe ihn bestimmt noch mal wieder.
Ich drehe die CD in meinen Händen. „Demons“. Aha. Interessanter Name. Klingt ja ganz ähnlich wie wir, dann können sie eigentlich nicht schlecht sein.

Die Sonne ist nun schon untergegangen. Hoffentlich kommt bald der nächste Bus. Raven und Fiona werden mich sonst noch steinigen, wenn ich noch mehr Verspätung habe…

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